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StartseiteMarkt und MedienLebende Legende?24.10.2009

Lebende Legende?

Der Investigativ-Journalist Seymor Hersh

Einen "globalen Polizeireporter" nannte ihn die New York Times, für die er seit Jahrzehnten schreibt. Bei CNN und CBS ist er Stammgast. Hans Leyendecker von der Süddeutschen Zeitung sieht in ihm einen "Sisyphos der Demokratie": Seymor Hersh

Von Michael Marek

Seymor Hersh deckte auch die Folterungen im US-Militärgefängnis von Abu Ghraib auf.  (AP)
Seymor Hersh deckte auch die Folterungen im US-Militärgefängnis von Abu Ghraib auf. (AP)

"Was mich antreibt? Wie jeder Mensch mag ich keine Lügen!"

Connecticut Avenue, Washington D.C.: Hier, im Regierungsviertel der US-amerikanischen Hauptstadt, hat der großgewachsene Reporter ein winziges Büro. Seymour Hersh gilt als Ikone des US-Journalismus': 2004 deckte er die Folterungen im US-Militärgefängnis von Abu Ghraib auf. Er enttarnte gefälschte Dokumente, die die Existenz von Saddams Massenvernichtungswaffen belegen sollten. Hersh wies die verdeckte US-Unterstützung von Atomprogrammen für Israel und Pakistan nach, die Manipulationen und Desinformationen von US-Geheimdiensten vor und während der Irak-Kriege. Geschichten, von dem Reporter ihr Leben lang träumen.

"Was im Gefängnis von Abu Ghraib vor sich ging, das wusste ich Monate bevor meine Geschichte veröffentlich wurde. Aber erst die Fotografien haben die Öffentlichkeit davon überzeugt. Die Folterungen in Abu Ghraib waren nur die Spitze des Eisberges. In Amerika gibt es einen sonderbaren Mythos, dass nämlich unsere Jungs irgendwie besser Krieg führen können als andere. Das ist doch skurril, denn jeder Krieg ist grausam und entmenschlichend. Das war auch der größte Fehler der amerikanischen Presse: Sie ist nicht ihrer Verpflichtung nachgegangen, die Wahrheit zu berichten. Die Frage ist nicht, warum Präsident Bush erfolgreich die Medien belogen hat, sondern warum sich die Presse über Jahre korrumpieren ließ."

Einen Enthüllungs- und Skandalreporter hat man ihn genannt, einen muckraker, einen Nestbeschmutzer, der wie ein Schwein im Dreck wühlt. Andere sehen in Hersh einen Nonkonformisten und kritischen Journalisten, der sich seine Unbestechlichkeit bewahrt hat. An diesem Morgen sitzt er wieder am Schreibtisch. Darauf stapelt sich ein Berg aus Notizblocks, Büchern, heraus gerissenen Zeitungsartikeln und Manuskriptseiten. Das 15 Quadratmeter große Büro gleicht einer Abstellkammer denn einem Recherchezentrum.

Über Jahrzehnte hat sich Hersh einen Stamm von Informanten aufgebaut. In den Apparaten, den Verwaltungen, den Geheimdiensten. Die meisten seiner Quellen kommen aus der mittleren Führungsebene.
Nur seine Faktenprüfer bei der New York Times, für die er seit 1992 exklusiv schreibt, kennen die Quellen und prüfen unabhängig von Hershs Recherchen. Im Blatt bleiben sie meist anonym:

"Manche meiner Informanten haben Zugang zu Geheiminformationen. Die Regierung kontrolliert diese Mitarbeiter, und sie kann diesen Zugang von einer auf die andere Minute entziehen. Wenn man zu diesem Zirkel gehört, aber mit seinem Vorgesetzten nicht einverstanden ist, dann ist eine ziemlich große Hürde darüber zu sprechen. Es gibt Leute, die die Wahrheit sagen wollen. Aber sie wollen auch ihre Jobs nicht verlieren. Sie wollen sagen, was los ist, aber sie haben Frau und Kind, eine Hypothek abzuzahlen, einen Hund oder eine Katze. Manche meiner Informanten im Regierungsapparat sind eingeweiht, wenn jemand umgebracht werden soll. Die leben in einer Welt ständiger Anspannung – genauso wie ich."

Hersh mimt nicht den Star. Nicht er sei wichtig, sondern seine Arbeit, betont er mehrmals. Ein Getriebener, rastlos, der noch mit 72 Jahren auf seinem Drehstuhl hin und her zappelt und die Füße scheinbar demonstrativ auf den Schreibtisch legt.

Enttäuscht zeigt sich Hersh über Barack Obama, der das Thema Folterungen zwar offen angesprochen hat, aber keine juristischen Schritte gegen die Verantwortlich in der damaligen Regierung unternehmen will. Und er hält es für einen Fehler Obamas, noch mehr Truppen nach Afghanistan zu schicken.

"Überall, wo amerikanische Soldaten auftauchen, sind die sogenannten Kollateralschäden so groß, dass die Leute mehr Angst vor uns haben, als vor den Taliban!"

Das Fazit von Hersh: "Obama muss mit den Taliban verhandeln!"

An der Bürowand über seinem Computer hängt eine Kinderkarikatur von Hersh mit Segelohren. Dabei scheint Ironie nicht sein hervorstechendster Charakterzug zu sein. Eher Beharrungsvermögen und ein Schuss Zynismus. Am Schluss verrät er noch, dass kürzlich ein CBS-Fernsehredakteur bei ihm angerufen hat. Der wollte ihn doch tatsächlich auf ein Treffen mit Informanten begleiten. Der sei verrückt gewesen und hätte keine Ahnung von dem, was er tue, sagt Hersh. Er habe den Telefonhörer sofort aufgelegt.

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