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StartseiteKommentare und Themen der WocheSüdosteuropa nicht sich selbst und den Nationalisten überlassen20.03.2019

Lebenslänglich für Radovan KaradzicSüdosteuropa nicht sich selbst und den Nationalisten überlassen

Der ehemalige bosnische Serbenführer Radovan Karadzic muss lebenslang in Haft bleiben. Das Urteil sei nicht nur für die Hinterbliebenen der Opfer wichtig, kommentiert Gerwald Herter - sondern liefere hoffentlich auch einen Impuls zur Demokratisierung des Balkan.

Von Gerwald Herter

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Der ehemalige bosnische Serbenführer Karadzic in Den Haag (AP Photo/Peter Dejong)
Der ehemalige bosnische Serbenführer Karadzic in Den Haag (AP Photo/Peter Dejong)
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Radovan Karadzic ist 73 Jahre alt. Dass das Haager UN-Tribunal nun in zweiter und letzter Instanz sein Strafmaß verschärft hat, mag für ihn keinen Unterschied mehr machen - ganz anders aber für die Hinterbliebenen, die Familien seiner Opfer: Dieses Urteil ist für sie, für ganz Bosnien-Herzegowina, aber auch für viele Menschen in Serbien oder Montenegro sehr bedeutend. Endlich doch noch Gerechtigkeit - mehr als zwei Jahrzehnte nach Srebrenica. Die Ermordung von mehr als 8.000 Jungen und Männern im Sommer 1995 dort war der schreckliche Höhepunkt einer Vernichtungspolitik, die von der bosnisch-serbischen Regierung in Pale aus angeordnet worden war. Dem damals so stolz wirkenden Führer der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, ging es darum, eine ethnisch reine Nation zu erschaffen, nur sein Volk sollte in Bosnien leben. Die anderen mussten deshalb sterben, das war die Konsequenz dieser abartigen Ideologie, damals umschrieben mit dem Unwort von der "ethnischen Säuberung".

Der frühere jugoslawische Präsident Milosevic starb, bevor das Urteil gegen ihn verkündet wurde, der serbische Hetzer Seselj ist wieder auf freiem Fuß und lässt sich in Belgrad feiern. Mladic, einst militärische Führer der bosnischen Serben, hat in Den Haag Berufung eingelegt, Karadzic hat das nichts genutzt, wie nun feststeht. Nach dem Ende des Kriegs hatte er jahrelang in Bosnien gelebt. Nicht völlig unbehelligt, denn es gab mehrere Versuche ihn festzunehmen, aber immer wieder auch Gerüchte, wonach er jedes Mal davor gewarnt worden war.

Hohn gegenüber den Opfern

Später, bis zu seiner Festnahme hatte er in Belgrad unter falschem Namen als Heilpraktiker gearbeitet. Während des Prozesses in Den Haag bekundeten Zeugen, dass Karadzic auch angesichts von Aussagen, die furchtbarste Verbrechen beschrieben, scheinbar unberührt, regungslos in sich verharrte. Die Verantwortung für Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, den Völkermord in Srebrenica hatte er im Verfahren zurückgewiesen und sich sogar als "Friedensstifter des Balkan" bezeichnet. Welch' ein Hohn, was für eine Frechheit gegenüber den Opfern - jenen in Srebrenica oder in den anderen, weniger bekannten Enklaven, wie Zepa oder Bihac oder auch in Sarajevo, wo die Menschen jahrelang eingeschlossen und beschossen wurden.

Lebenslang für Karadzic, dieses Urteil ist auch deshalb so wichtig, weil Reue und Anerkennung von Schuld in den früheren jugoslawischen Republiken nicht selbstverständlich geworden sind – trotz endloser Ermittlungen und Verfahren, die nun von anderen Tribunalen weitergeführt werden. Männer wie Karadzic werden in Belgrad oder Banja Luka wieder häufiger als Nationalhelden betrachtet. Der Optimismus vieler westlicher Regierungen, auch deutscher war übertrieben. Weder der Friedensprozess auf dem Balkan, noch die Demokratisierung ist zum Selbstläufer geworden. Die Justiz hat ihren Beitrag geleistet, nun wäre es an der Politik, Südosteuropa nicht sich selbst und den Nationalisten zu überlassen, denn das wäre gefährlich.

Gerwald Herter (Deutschlandradio - C. Kruppa)Gerwald Herter (Deutschlandradio - C. Kruppa)Gerwald Herter studierte Geschichte und Internationale Beziehungen in München und Straßburg. Tätigkeit im Institut für Zeitgeschichte, freie Mitarbeit bei ARTE und beim ARD-Fernsehen. Volontariat beim Bayerischen Rundfunk. BR-Korrespondent zunächst in Bonn, dann in Brüssel, anschließend Leiter des ARD-Studios Südosteuropa, später ARD-Terrorismusexperte. Seit 2011 in der Abteilung Hintergrund des Deutschlandfunks, Schwerpunkt Europa- und Internationale Politik.

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