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StartseiteKommentare und Themen der WocheRechtsstaat hat Zähne gezeigt10.07.2019

Lebenslang für Mord an Susanna Rechtsstaat hat Zähne gezeigt

Im Prozess um den Mord an der Schülerin Susanna hat das Wiesbadener Gericht minutiös aufgezeigt, dass Ali Bashar kaltblütig und berechnend vorgegangen ist, kommentiert Ludger Fittkau. Der Fall zeige aber auch, dass sich Kommunen um geduldete Flüchtlinge bemühen müssen, wenn nötig auch mit Repression.

Von Ludger Fittkau

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Der Angeklagte im 'Mordfall Susanna' verdeckt beim Betreten des Verhandlungssaals sein Gesicht vor den Kameras der Fotografen. (dpa / Boris Roessler / dpa-Bildfunk )
Der Angeklagte Ali Bashar offenbarte vor Gericht ein schizophrenes Frauenbild (dpa / Boris Roessler / dpa-Bildfunk )
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"Ich mache mir bis heute schwere Vorwürfe. Ich kann mir das immer noch nicht verzeihen." Diese beiden Sätze im Mordprozess zum Fall Susanna kommen von Susannas Mutter, doch nicht vom geständigen Mörder - dem 22 Jahre alten Ali Bashar. Susannas Mutter hingegen macht sich Vorwürfe, möglicherweise nicht genug auf ihre 14 Jahre alte Tochter aufgepasst zu haben.

Das Wiesbadener Gericht tat heute zu Recht alles, um der Mutter der Getöteten ihre Schuldgefühle zu nehmen. Die Strafkammer zeigte minutiös auf, dass Ali Bashar kaltblütig und berechnend vorgegangen ist, um Susanna zum Geschlechtsverkehr zu zwingen. Den Mord beging er nach der Vergewaltigung, um die vorherige Gewalttat zu vertuschen und der Strafverfolgung zu entgehen. Der Täter hat jetzt eine lebenslange Haftstrafe bekommen, der Rechtsstaat hat Zähne gezeigt.

Als Jugendlicher Privilegien genossen

Ali Bashar ist nicht der junge, bemitleidenswerte Mann, der aus zerrütteten Familienverhältnissen im Nordirak kommt. Auch das machte das Gericht heute überzeugend klar. Als Ältester von acht Geschwistern genoss er schon als Jugendlicher zuhause die Privilegien eines kleinen Paschas, wurde "verhätschelt". Es ging Ali Bashar gut im Irak, er wollte dort nicht weg. Dennoch entschied sich die Familie 2015, ihn nach Deutschland mitzunehmen. Eine fatale Entscheidung.

Hier genoss Ali Bashar eine individuelle Freizügigkeit, die er im Irak nicht hatte: Alkohol, gelegentlich Drogen und Sex mit Mädchen und jungen Frauen ohne Angst, von den Familien der wechselnden Partnerinnen zur Rechenschaft gezogen zu werden. Gleichzeitig sagte er vor Gericht aus, dass Frauen "putzen und kochen" sollen, am besten das Haus nicht zu verlassen hätten und sich nicht vor fremden Männern zeigen sollten. Ein schizophrenes Frauenbild. Das egozentrische und frauenverachtende Verhalten des Ali Bashar wäre weder im Irak noch in Deutschland akzeptiert worden. Auch das machte das Gericht deutlich.

Frage nach Behördenfehlern

Dass seine Familie nach der Ablehnung des Asylbegehrens nicht gleich abgeschoben werden konnte, ist dabei nicht das eigentliche Problem. Dass es im Fall des Irak Abschiebehindernisse geben kann, liegt auf der Hand. Ein Behördenfehler ist es jedoch, dass Ali Bashar monatelang mit einer Clique deutscher sowie nicht-deutscher Jugendlicher auf öffentlichen Straßen und Plätzen in Wiesbaden herumhängen konnte, ohne dass sich Straßensozialarbeiter ausreichend um die Gruppe gekümmert haben.

Perspektivlose Jugendliche und junge Erwachsene wie Ali Bashar bewegen sich hierzulande zu oft unbeaufsichtigt zwischen schwer zu vereinbarenden Kulturen. Wenn dann - wie im Fall Ali Bashar - eine bisher nie gekannte Freizügigkeit in Gewalt umschlägt, ist es zu spät. Der Mordfall Susanna zeigt: Die Kommunen müssen sich um lediglich geduldete Flüchtlinge weiterhin bemühen, solange sie da sind - mit Zuwendung und wenn nötig auch mit Repression.

Ludger Fittkau –  (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Ludger Fittkau (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Ludger Fittkau, geboren 1959 in Essen, studierte Sozialpädagogik sowie Sozialwissenschaften an den Universitäten Duisburg/Essen und der Fernuniversität Hagen. Promotion dort im Fach Soziologie. Nach rund zehn Jahren offener Jugendarbeit sowie Medienpädagogik in Oberhausen und Essen Wechsel in den freien Journalismus. Tätig u.a. für den WDR (Hörfunk und Fernsehen), den DLF sowie für die Kölner TV-Produktionsfirma "probono" von Friedrich Küppersbusch. Ab 2007 freier Redakteur und Autor in der Landeskulturredaktion von SWR 2 in Mainz. Seit 2009 Landeskorrespondent von Deutschlandradio - zunächst in Rheinland-Pfalz und aktuell in Hessen.

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