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StartseiteKommentare und Themen der WocheVerbraucherschutz braucht mehr Kontrolleure und Offenheit 11.10.2019

LebensmittelsicherheitVerbraucherschutz braucht mehr Kontrolleure und Offenheit

Im Fall der verunreinigten Milch habe die betroffene Firma schnell und richtig gehandelt, kommentiert Georg Ehring. Ganz anders sei das beim Wursthersteller Wilke gewesen. Dort hätten auch die Kontrollbehörden versagt. Und das sei symptomatisch für die Lebensmittelkontrollen in Deutschland.

Von Georg Ehring

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Eine Frau steht in einem Einkaufsmarkt vor einem Kühlregal mit Milchprodukten. (dpa / Friso Gentsch)
Fast alle deutschen Supermarktketten mussten heute Milch zurückrufen. (dpa / Friso Gentsch)

Erst die Wurst, dann die Milch: Verbraucher in Deutschland haben in diesen Tagen gleich zwei Gründe, an der Sicherheit unserer Lebensmittel zu zweifeln. Bei den heute bekannt gewordenen Funden von Durchfallerregern in fettarmer Milch beeindruckt vor allem die Verbreitung der betroffenen Produkte: Die Eigenmarken fast aller großen Lebensmittelhändler sind dabei – das Werk des Deutschen Milchkontor in Everswinkel im Münsterland hat viele Abnehmer in ganz Deutschland.

Es ist schon erstaunlich, wie weit die Folgen reichen, wenn eine einzige Dichtung in einer Produktionsanlage undicht wird. Doch zum Skandal wird der Bakterien-Fund damit nicht: Nach allem, was wir wissen, hat das Unternehmen richtig reagiert: Es ließ sein Produkt kontrollieren und startete schnell einen Rückruf, nachdem die Erreger gefunden wurden. Die Eigenkontrolle hat funktioniert. So soll es sein.

Welch ein Kontrast zum inzwischen geschlossenen Wursthersteller Wilke. Drei Menschen sind bisher durch die mit Bakterien verseuchten Produkte gestorben, die Staatsanwaltschaft ermittelt. Von funktionierender Selbstkontrolle ist nichts bekannt, und auch auf die Aufsicht fällt kein gutes Licht: Sie war schon im August fündig geworden, bescheinigte der Firma aber dann im September, die Mängel im Wesentlichen abgestellt zu haben. Und dann im Oktober die Schließung – zu spät für die betroffenen Menschen.

Viel zu wenige Kontrolleure

Es ist nicht das erste Mal, dass die Lebensmittelaufsicht überfordert wirkt, und das hat immer wieder die gleiche Ursache: Sie ist überlastet und unterbesetzt – in Hessen, wo die Firma ihren Sitz hat, will die Grüne Umweltministerin Priska Hinz jetzt die Lebensmittelkontrolle verstärken. Ein richtiger Schritt, wenn er denn umgesetzt wird. Hier ist Skepsis angebracht: Mehr Aufsicht – das wurde schon öfter versprochen, doch die Unterbesetzung der Kontrollbehörden ist nicht behoben.

Ein zweites muss dazu kommen: Bessere Information der Öffentlichkeit. Verbraucherschützer fordern immer wieder eine Veröffentlichung von Kontrollergebnissen – etwa durch Aushang der Resultate im Geschäft oder verpflichtende Hinweise auf den Webseiten der Unternehmen. Zumindest müssten die Behörden schnell antworten, wenn Bürger explizit danach fragen. Oft geschieht nicht einmal das, Anfragen werden verschleppt oder gleich abgelehnt. So auch im Fall Wilke – das Verwaltungsgericht Kassel lehnte heute einen Antrag der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch ab, die Namen der betroffenen Verkaufsstellen herauszugeben.

Transparenz bedeutet Sicherheit

Dabei wäre mehr Offenheit ein wirksamer und auch kostengünstiger Weg zu besserem Schutz. Das Interesse der betroffenen Firmen an wirksamer Selbstkontrolle würde gestärkt. Doch die Lobbyverbände der Lebensmittelwirtschaft wehren sich mit Händen und Füßen dagegen. Sie befürchten, dass Unternehmen auch bei kleinen Verstößen öffentlich angeprangert und in ihrer Existenz bedroht würden. Das mag sein, doch das positive Ergebnis einer Nachkontrolle nach Verstößen dürfte solche unerwünschten Folgen in Grenzen halten. Und das Interesse der Menschen an gesunden und unbedenklichen Lebensmitteln wiegt schwerer.

Georg Ehring  (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring, Jahrgang 1959, hat in Dortmund Journalistik und Politikwissenschaften studiert, später an der Fernuniversität Hagen Volkswirtschaft. Er arbeitet beim Deutschlandfunk als Redaktionsleiter Wirtschaft und Umwelt. Berufliche Stationen zuvor waren die zentrale Wirtschaftsredaktion der Nachrichtenagentur Reuters in Bonn und zuvor in den 1980er-Jahren freiberufliche Tätigkeit überwiegend für den WDR in Dortmund.

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