Montag, 27. Juni 2022

Lebensstil ohne Zukunft
Ein Umdenken beim Energieverbrauch ist dringend nötig

Ob Wohnen oder Mobilität: Unser Lebensstil ist nicht zukunftsfähig, kommentiert Dagmar Röhrlich. Wir sollten unser Zusammenleben grundsätzlich überdenken und als Gesellschaft in einer offenen Diskussion den Weg finden, den wir gehen wollten. Einfach so weiterzumachen, nur mit Tesla und Wärmepumpe - das reiche nicht.

Ein Kommentar von Dagmar Röhrlich | 18.06.2022

Steinkohlekraftwerk Scholven, Gelsenkirchen,hinten, vorne das Doppelbock Fördergerüst des stillgelegten Bergwerks Ewald in Herten, am Horizont sind Windräder zu sehen.
Bei der Frage, wie gleichzeitig die Mammutaufgabe der Energiewende gestemmt und der Lebensstandard gehalten werden soll, scheint letzteres einfach nicht möglich zu sein, kommentiert Dagmar Röhrlich. (IMAGO/Jochen Tack)
Man sollte sich drei Zahlen vor Augen führen. Der Bruttostromverbrauch in Deutschland lag 2021 bei rund 562 Terawattstunden. An nicht-elektrischer Energie für Wärme und Verkehr wurde aber gut das Dreifache verbraucht – allen voran Erdgas, das mit 1003 Terawattstunden zu Buche schlug.
All das soll bald durch Strom ersetzt werden – aus Erneuerbaren, allen voran Sonne und Wind. Derzeit liegt der Ökostrom-Anteil bei rund 42 Prozent im Jahr. Bis 2030 soll er auf 80 Prozent wachsen. Zwar wird es in punkto effizienterem Energieeinsatz große Verbesserungen geben. Doch wie man es dreht und wendet: Es geht um gewaltige Mengen Strom, die rund um die Uhr und rund ums Jahr zur Verfügung stehen müssen.
Stand heute fehlt dazu eigentlich alles: Photovoltaikanlagen und Windräder gibt es zu wenige. Speicher, die die Unbeständigkeit dieser Energiequellen ausgleichen könnten, sind Mangelware, und es besteht Forschungsbedarf. Ebenso bei der tiefen Geothermie, also Erdwärme, die auch in einer Dunkelflaute noch Strom und Wärme liefern könnte: Vor allem sind da die Kosten für die Bohrungen derzeit einfach noch viel hoch.

Diskussion um Kernenergie

Zwar schwappt angesichts des mehr als drängenden Problems des Klimawandels auch in Deutschland die Diskussion über die Kernenergie hoch. Kleine Reaktoren unterschiedlichster Bauart, die rein aufgrund der Naturgesetze sicher sein sollen. Aber: Bislang ist noch kein SMR gebaut worden, Und selbst wenn sie wirklich viel sicherer sein sollten als konventionelle Anlagen – da auch viel mehr gebaut werden müssten, dürfte das ein Nullsummenspiel sein. Zumindest in dicht besiedelten Industrienationen mit hohem Energiebedarf.
So ist die Frage, wie die Mammutaufgabe gestemmt und der Lebensstandard gehalten werden sollen. Machen wir uns nichts vor: Letzteres dürfte einfach nicht möglich sein. Auch wenn Politik und Subventionen durchaus zu dem Glauben verleiten: bei der Mobilität wird einfach die Antriebsart gewechselt und das Häuschen im Grünen perfekt gedämmt mit Luftwärmepumpe beheizt. Doch so einfach ist es leider nicht. Alles hat einen ökologischen Preis. Ob Lithium-Ionen-Akku, Windrad oder Solaranlage – ihre Produktion verbraucht eine Unmenge an Rohstoffen und auch deren Abbau zerstört Natur. Sie verbraucht Energie, es entstehen Abfälle und Klimagase – wie bei jeder anderen Anlage. Und auch ihr Betrieb ist nicht per se umweltfreundlich. So entspricht das Gros der real existierenden Photovoltaikfelder nicht den naturverträglichen Solarparks, die Ökologen vorschweben.

Biodiversitätskrise mindestens so gefährlich wie Klimawandel

Die Diskussionen über Windräder sind sattsam bekannt, dürften durch die neue Gesetzgebung jetzt noch an Schärfe gewinnen. Sie sollen etwa leichter in Landschaftsschutzgebieten errichtet werden. Weil die bereits durch uns ausgelöste Biodiversitätskrise mindestens so gefährlich ist wie der Klimawandel, müsste der Naturschutz aber eigentlich viel stärker in den Fokus rücken.
Doch darin sind wir auch so richtig schlecht. Natur ist hierzulande eine Verfügungsmasse für den Menschen. Dass es so schwierig ist, Standorte für Windkraftanlagen zu finden, liegt zu einem guten Teil an der Zersiedelung der Landschaft. Und die wird mit jedem ausgewiesenen Neubau- oder Industriegebiet weiter vorangetrieben. Die Zersiedelung verschwendet auch die kostbare und nicht ersetzbare Ressource Boden, treibt den Energiebedarf immer höher. Der große Zug aufs Land ist vielleicht für das Individuum, aber nicht für die Gesellschaft eine Lösung.

Frischluftschneisen und das kühlende Grün

Und in der Stadt bleiben? Angesichts oft exorbitanter Mieten und der Hässlichkeit vieler Quartiere, lässt sich der Wunsch „Weg hier“ durchaus nachvollziehen. Unsere Städte werden immer enger, und für Wohnraum werden Grünflächen zubetoniert. In 20 Jahren dürften diese Wohnungen unerträglich werden, wenn der Klimawandel richtig Fahrt aufgenommen hat. Dann fehlen die Frischluftschneisen und das kühlende Grün: Sie werden jetzt kurzsichtig geopfert. Dabei zeigen manche Siedlungskonzepte von vor 100 Jahren, wie attraktiv in viel Grün eingebettete Mehrfamilienhaussiedlungen für ihre Bewohner sein können.
Wir brauchen zu Wohnen und Mobilität eine neue Einstellung, denn unser Lebensstil ist nicht zukunftsfähig. Wir müssen unser Zusammenleben grundsätzlich überdenken und als Gesellschaft in einer offenen Diskussion den Weg finden, den wir gehen wollen. Einfach weiter so, nur mit Tesla und Wärmepumpe - das reicht nicht.