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StartseiteWirtschaft und GesellschaftForscher: Einsam, aber resilient16.06.2020

Lebenszufriedenheit in CoronazeitenForscher: Einsam, aber resilient

Während der Coronavirus-Pandemie sind die Deutschen laut einer Umfrage deutlich unzufriedener mit ihrem Familienleben als zuvor. Zudem seien Selbstständige von Negativ-Auswirkungen durch die Krise stärker betroffen als abhängig Beschäftigte. Insgesamt zeigten sich die Befragten eher robust.

Von Daniela Siebert

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Frau mit Gesichtsmaske läuft auf Gehweg (www.imago-images.de)
Mehr als 10.000 Menschen haben die Forscher des des Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und der Uni Bielefeld telefonisch befragt (www.imago-images.de)
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"Einsam, aber resilient" so fassen die Wissenschaftler ihre Befunde vorläufig zusammen. Demnach sei gerade bei Frauen und jüngeren Menschen ein Gefühl der Einsamkeit deutlich gewachsen. Gleichzeitig sei aber die allgemeine Lebenszufriedenheit unverändert. Bei Personen mit niedrigem Einkommen wurde sie im Vergleich zu früheren Erhebungen sogar verbessert. Weitere positive Effekte benennt Theresa Entringer vom DIW:

"Das emotionale Wohlbefinden ist unverändert zu den Vorjahren, und auch die Angst- und Depressionssymptomatik ist nicht – wie vermutet – bisher angestiegen."

Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)

Selbstständige leiden stärker

Nicht so rosig sieht die Zwischenbilanz für Selbständige aus, die Daniel Graeber vom DIW präsentierte. Demnach sind sie von den negativen Auswirkungen der Corona-Pandemie deutlich stärker betroffen als abhängig Beschäftigte. In der Folge macht sich jetzt einer von sechs befragten Selbständigen große Sorgen um die weitere wirtschaftliche Entwicklung. In früheren Jahren lag diese Quote nur bei eins zu zehn. Jeder zweite Selbständige nutze staatliche Hilfsmaßnahmen, viele rechneten schon mit eigenen Rücklagen oder Kreditaufnahmen. Wichtige Faktoren dabei laut Graeber:

"Jeder Sechste kriegt von Zulieferern keine Vorprodukte geliefert, und gleichzeitig gibt jeder Zweite an, von ausbleibender Nachfrage betroffen zu sein. Das wirkt sich natürlich auch unmittelbar auf Umsätze der Selbständigen aus. So klagt etwas mehr als die Hälfte der Selbständigen über Umsatzrückgänge und unter denen, die Umsatzrückgänge verzeichneten, ist der Umsatz knapp um zwei Drittel im Vergleich zum Vorkrisenmonat Februar 2020 zurückgegangen."

Selbständige verzeichnen deutlich geringere Arbeitszeiten und Einkommen, im Durchschnitt 1.500 Euro weniger als vor Corona.

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Unzufriedener mit dem Familienleben

Selbständig oder nicht: Viele arbeiten derzeit im Homeoffice. Danach befragt schätzten 40 Prozent ihre Produktivität im Homeoffice als geringer ein verglichen mit dem Standardarbeitsplatz. Das sei aber nicht als KO-Kriterium für das heimische Büro zu werten, so Johannes Seebauer:

"Denn die Coronakrise ist ja ein exogener Schock. Der viele Erwerbstätige – ob sie nun wollen oder nicht – ins Homeoffice gedrängt hat. Wohingegen eine perspektivische krisenunabhängige Ermöglichung von Homeoffice ja nur von denjenigen wahrgenommen würde, die das auch wollen."

Bei einem anderen Aspekt der Studie dürfte das Arbeiten zuhause auch eine gravierende Rolle gespielt haben. Denn die Zufriedenheit mit dem Familienleben ist deutlich schlechter geworden im Vergleich zu früher. Stefan Liebig.

"Wir sehen einen deutlichen Unterschied zwischen Männern und Frauen, in dem Sinne, dass bei Frauen die Zufriedenheit mit dem Familienleben deutlicher nach unten geht, also abnimmt."

Beengte Wohnsituation wirkten sich auf die familiäre Zufriedenheit deutlich negativ aus, Kinder dagegen erstaunlicherweise nicht.

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"Wir müssen diese Zahlen weiter beobachten"

Zwischenfazit der gesellschaftlichen Situation von Theresa Entringer: "Wir waren erst mal erleichtert, als wir gesehen haben, dass Lebenszufriedenheit, emotionales Wohlbefinden und so weiter noch nicht verändert sind, und schliessen tatsächlich mit dem Fazit in dieser Studie, dass wir aktuell noch keinen größeren Grund zur Sorge haben, aber eben glauben, dass wir diese Zahlen weiter beobachten müssen."

Und genau das haben die Forscher vor, die Studie geht noch weiter. Endergebnis für die Öffentlichkeit: voraussichtlich Ende nächsten Jahres.

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