Sonntag, 15.09.2019
 
Seit 20:05 Uhr Freistil
StartseiteEuropa heuteLeere Kirchen, volle Kassen28.07.2008

Leere Kirchen, volle Kassen

Wie der Vatikan vom italienischen Steuerrecht profitiert

In Italien mischt sich der Klerus seit einigen Jahren spürbar mehr als früher in das öffentliche Leben ein. Wie eng die Verflechtung von Klerus und Politik ist, das zeigt auch die Steuerpolitik. Der Vatikan erhält nämlich vom Fiskus einen milliardenschweren Geldsegen, doch den meisten Steuerzahlern ist das nicht bewusst. Um so mehr sorgt ein neues Buch zu diesem Thema für Aufsehen.

Blick auf die italienische Hauptstadt Rom, im Vordergrund der Petersplatz im Vatikan. (Stock.XCHNG / Matic Zupancic)
Blick auf die italienische Hauptstadt Rom, im Vordergrund der Petersplatz im Vatikan. (Stock.XCHNG / Matic Zupancic)

Der Vatikan hat teuer bezahlte Werbestrategen angeheuert. Jetzt wecken jeden Morgen sanfte Stimme die italienischen Radiohörer:

"Deine Unterschrift unter die acht Promille für die katholische Kirche ist in all diesen Jahren bei den Armen angekommen , bei den Alten, die allein sind, bei den Kranken und den Jugendlichen, die in Schwierigkeiten geraten sind. In den Pfarreien, in neuen Kirchenbauten , bei den Priestern in Ausübung ihrer Mission, mehr als 6000 Hilfsaktionen in Italien und in den ärmsten Ländern der Welt. 6000 Hilfsaktionen, die auch deinen Namen tragen. Mit deiner Unterschrift auf der Steuererklärung kannst du dich wirklich einzigartig fühlen."

Wer könnte da widerstehen. Immer, wenn die Italiener ihre Lohn- und Einkommensteuererklärung abliefern müssen, leistet diese Werbung einen wertvollen Beitrag dazu, sich trotz schmerzhafter Eingriffe in den Geldbeutel wenigsten als guter Mensch zu fühlen. In Italien gibt es seit 1984 keine offizielle Unterstützung des Staates für die katholische Kirche. Aber mit einer Zwangsabgabe von 8 Promille des Einkommens finanzieren viele Italiener ohne es zu wissen, die Kirche mit einer Mrd Euro jährlich. Eine Abgabe, über deren Verwendung der Steuerzahler selbst bestimmen kann. Viele vergessen ein entsprechendes Kreuz zu machen und so wandert der größte Teil dieser Abgaben in die Kassen der Kirchen erklärt Curzio Maltese, Journalist der Tageszeitung La Repubblica

"Auch wenn ich überhaupt nichts ankreuze, geht mein Geld trotzdem automatisch an die katholische Kirche dank einer formalen Schwindelei, die sich vor über zwanzig Jahren Giulio Tremonti ausgedacht hat, der heute italienischer Finanzminister ist. Ist natürlich kein Zufall, dass der Mann Karriere gemacht hat: wer ein Freund des Vatikans ist, hat es leicht. Und noch etwas: 90 Prozent der Werbespots reden von der Caritas, für die das Geld angeblich bestimmt sei.. Aber von der Milliarde Euro, die die Kirche jährlich erhält, stellt sie nur etwa 20%e davon für gute Werke zur Verfügung. "

Maltese hat jüngst ein kleines Buch über die Finanzen von Kirche und Vatikan veröffentlich und herausgefunden, dass der Klerus die Italiener - ohne dass sie es wissen und trotz einer formalen Trennung von katholischer Kirche und Staat - rund 4 Mrd Euro im Jahr kostet. Mit fast eine Mrd schlagen die mehr als 22.000 Religionslehrer zu Buche , die die Kirche benennt, und die der Staat bezahlen muß. Dazu kommen Steuerleichterungen für kirchliche Einrichtungen, die nach EU-Recht allen Wettbewerbsregeln widersprechen. 97 Prozent der Bevölkerung ist katholisch getauft, aber nur 21 Prozent der Italiener gehen noch regelmäßig in die Kirche. Kathedralen und Basiliken verwaisen zusehends. Kirche und Vatikan haben sich deshalb auf das Geschäft des neuen Jahrtausends gestürzt. Immer mehr leer stehende Klöster, Schwesterheime und Priesterseminare werden immer öfter in teilweise luxuriöse Hotels umfunktioniert. Die katholische Kirche verfügt über 200 000 Betten in etwa 3500 Herbergen und Hotels, wo jährlich 40 Millionen Übernachtungen gezählt werden. Sie betreibt Geschäfte wie jeder normale Unternehmer und Geschäftsmann, zahlt aber zum Beispiel keine Grundsteuern auf ihre überaus wertvollen Immobilien. Meint Curzio Maltese

"Das ist eindeutig unlauterer Wettbewerb. Manche Hotelbesitzer haben in ihrer Nachbarschaft Konkurrenzbetriebe, Hotels, die genauso ausgestattet sind wie ihres, oder gar noch luxuriöser. Aber weil sie der katholischen Kirche gehört, sind sie von einigen Steuern befreit."

Vieles spricht dafür, dass der Sturz der Regierung des praktizierenden Katholiken Romano Prodi mit seiner Absicht zusammenhing, die Steuervergünstigungen für die Kirche abzuschaffen. Und dass der neue Ministerpräsident Silvio Berlusconi – obgleich wahrlich kein Heiliger – das Wohlwollen des Vatikans genießt, weil er genau solches zu verhindern versprochen hat. Warum sich in Italien gegen solche Einflussnahme einer auch noch kostspieligen Kirche kein Widerstand regt?

"Darüber wird nicht geredet, weil es eine viel stärkere Zensur bei kirchlichen Angelegenheiten als beispielsweise in Sachen Berlusconi gibt. Seit 15 Jahren kann ich alles schreiben über Berlusconi, was ich will. Wirklich drastische Zensur habe ich nur bei Themen erlebt, die sich um die Kirche drehten. Nicht die Religion an sich, sondern das Machtsystem der Kirche - befasst man sich damit, steht man völlig allein auf weiter Flur."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk