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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Lehrbuch über das Gesundheitswesen07.05.2007

Lehrbuch über das Gesundheitswesen

Nikolaus Nützel widerlegt Vorurteile

Nach einer Umfrage des Instituts Forsa wissen 81 Prozent der Deutschen nicht, worum es bei der im vergangenen Monat in Kraft getretenen Gesundheitsreform eigentlich geht. Für ein wenig mehr Transparenz und Übersichtlichkeit sorgt ein Buch von Nikolaus Nützel. "Gesundheitspolitik ohne Rezept" heißt es. Es sei ein aufschlussreiches Lern- und Lesebuch über das Gesundheitswesen, meint Rezensentin Birgid Becker.

Der Arztkittel wartet auf seine Benutzung. (AP)
Der Arztkittel wartet auf seine Benutzung. (AP)

Es gibt Dinge, die über das deutsche Gesundheitswesen selten gesagt werden, zum Beispiel, dass es entgegen weitverbreiteten anderslautenden Annahmen vergleichsweise gut funktioniert. Es gibt Dinge, die über die Ärzte in Deutschland selten gesagt werden, zum Beispiel, dass sie an einer berufstypischen Form gestörter Wahrnehmung leiden, was dazu führt, dass sie einen der angesehensten Berufe im Land ausüben, dabei aber notorisch unglücklich sind. Und es gibt Dinge, die über die Pharmaindustrie in Deutschland zwar schon öfter gesagt wurden, die es aber dennoch wert sind, immer mal wieder festgehalten zu werden, dass nämlich auf dieser Branche die größten Hoffnungen der Kranken ruhen, was die Pharmaunternehmen mehr durch Anstrengungen in Sachen Marketing quittieren als durch Fortschritte in der Forschung. Es gibt eine Menge Dinge über das deutsche Gesundheitswesen und seine Mitspieler, die selten erwähnt werden, und es ist ein Verdienst des Buches von Nikolaus Nützel, dass er einige der verkümmerten, vernachlässigten Wahrheiten ausspricht.

Die Liste lässt sich weiterführen: Nikolaus Nützel weist entgegen landläufiger Meinung nach, dass es mitnichten so etwas wie eine Kostenexplosion im Gesundheitswesen gibt oder gab. Er klärt auf, dass die seit mehr als drei Jahrzehnten trotz aller politischen Interventionen steigenden Beiträge für die gesetzlichen Kassen nicht auf die Gefräßigkeit der Medizinindustrie oder die Unersättlichkeit des Versicherten zurückzuführen sind. Keineswegs, so Nützel, sei die Krankenversicherung die jedes Wachstum erstickende Krake, als die sie oft dargestellt werde.

"Die Ausgaben der Krankenkasse steigen zwar, und zwar mit einem durchaus ordentlichen Tempo. Aber sie steigen nicht schneller als der gesamte Wohlstand Deutschlands","

postuliert Nützel und erklärt die Last mit den steigenden Beiträgen so:

""Die Krankenkassen schöpfen ihre Einnahmen aus dem Einkommen der Arbeitnehmer - das aber ist in letzter Zeit hinter dem allgemeinen Wirtschaftswachstum deutlich zurückgeblieben. Also mussten die Kassen ihre prozentualen Beitragssätze anheben. Nur so konnten sie bei einer schwächeren Einnahmebasis ihre Ausgaben finanzieren."

Neu ist diese Erkenntnis nicht, aber selten zu hören. Überhaupt liegt Nützels Autorenleistung nicht so sehr in der Originalität seiner Gedanken, sondern darin, dass er zusammenfasst, was in aktuellen gesundheitspolitischen Debatten gerne untergeht, dass er darlegt, was in Vergessenheit geraten ist, und dass er erklärt, was außerhalb der Fachkreise kaum ein Versicherter weiß, etwa, welche Rolle der so genannte Gemeinsame Bundesausschuss für die Entscheidungsprozesse im Gesundheitswesen spielt - eine entscheidende Rolle, denn in diesem Gremium befinden Kassen und Ärzte darüber, welche Leistungen für den Krankenversicherten finanziert werden und welche nicht. Überhaupt, das Gesundheitswesen, dieser undurchsichtige medizinisch-industrielle Komplex.

"Also, es ist schon ein sehr interessenvernageltes Gebiet. Blüm hat mal gesagt, Gesundheitsreform ist Wassergymnastik im Haifischbecken. Ich glaube, das trifft wirklich die Situation","

sagt Ludger Reuber, der den damaligen Bundesarbeitsminister Norbert Blüm 16 Jahre lang als Sprecher begleitete. Auf dem gemeinsamen Weg lag Ende der 80er ein Gesundheitsreformgesetz, das in bislang ungekannter Weise Patienten, Versicherte und alles, was das Gesundheitswesen an Beteiligten aufbieten konnte - vom Arzt über den Arzneimittelhersteller, vom Masseur über den Optiker bis zum Taxifahrer - gegen die Politik in Stellung brachte. Damals wie heute, für den langjährigen Weggefährten Norbert Blüms steht fest:

""Die Gesundheitspolitik steht immer aus zwei Richtungen unter ganz besonderem Druck. Das eine sind die betroffenen Menschen, und Gesundheit ist ein sehr emotionales Thema. Es geht im wahrsten Sinne des Wortes um Leben und Tod, und es geht um Angst vor Schmerzen und ob ich die richtige Hilfe bekomme, die ich brauche. Also, damit kann man nicht spielen, da geht es nicht um Autoreifen oder um Würstchenproduktion, sondern um ganz existenzielle und elementare Dinge der Menschen. Das ist die eine Seite. Und die andere Seite ist: Das Gesundheitswesen ist natürlich ein Riesenbetrieb. Da sind enorme Summen im Spiel. Hunderttausende von Existenzen und Arbeitsplätzen. Und wenn die alle ihre Interessen geballt oder auch getrennt einbringen in die Politik, dann wird die Politik bis an den Rand ihrer Handlungsfähigkeit gedrängt. Das habe ich selber so erlebt."

Warum die Arzneiversorgung so teuer ist. Warum die Kasse den Versicherten in Hausarztmodelle oder Chronikerprogramme drängt. Warum sich Deutschland zwei komplett verschiedene Krankenversicherungssysteme leistet - ein gesetzliches und ein privates. Das sind Fragen, die Nützel Kapitel für Kapitel in seinem Buch abarbeitet. Es spricht für seine Gründlichkeit und Sachkenntnis, dass Nützels Darstellung auf ein Kapitel zu den historischen Wurzeln des deutschen Krankenkassen-Systems nicht verzichtet. Schließlich erklärt sich manches Unpraktische und Widersprüchliche aus der mehr als hundertjährigen Kassen-Geschichte. Nützel weist Schwächen auf, wenn er an den Anfang seines Buches ausgerechnet das Kapitel über betrügerische Doktoren stellt. Das ist sicherlich populär, stellt aber beileibe keines der Kernprobleme des Gesundheitswesens dar. Zögerlicher im Umgang mit der Ärzteschaft ist der Autor hingegen, wenn er sich vor der Antwort auf die selbstgestellte Frage "Geht es meinem Arzt finanziell wirklich so schlecht?" wortreich drückt. Da drängt sich der Eindruck auf, den in München lebenden Journalisten treibe die Sorge um seine Unversehrtheit beim Besuch der nächsten Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns um. Präzise hingegen fallen Nützels Analysen zur jüngsten Gesundheitsreform aus, vom Gesundheitsfonds, der 2009 in Kraft treten soll, hält er wenig. Er attestiert dem Bundesgesundheitsministerium, so wörtlich, es habe

"konsequent ausgesprochene Randaspekte mit großem Brimborium in den Mittelpunkt gestellt."

Womit Nützel vor allem die vielbeworbene, neue Versicherungspflicht meint, die etwa 200.000 Menschen zugute kommen wird und damit für den überwiegenden Teil der Krankenversicherten und deren drängende Zukunftsprobleme keinerlei Lösung bietet. Das Gesundheitswesen und die Politik - Norbert Blüms langjähriger Sprecher Ludger Reuber, zieht aus der Betrachtung von annähernd drei Dekaden gesundheitspolitischer Reformanstrengungen ein düsteres Fazit:

"Ich glaube fast, dass die Politik unter den Bedingungen der Demokratie nur noch in einem begrenzten Maße fähig und in der Lage ist, diesen Bereich wirklich zu modernisieren und fortzuentwickeln. Ich würde deshalb die Demokratie nicht abschaffen, aber es ist unter den demokratischen Bedingungen, wo ja auch jeder wieder gewählt werden will, wo er wieder Zustimmung in der Bevölkerung haben will, ausgesprochen schwer, dieses interessenvernagelte Gebiet zu modernisieren und zu reformieren."

So düster gibt sich Buchautor Nützel nicht. Er muss aber zugestehen, ganz am Ende seines Buches:

"Auch nach jahrelanger Beschäftigung mit der Struktur unserer Gesundheitsversorgung, nach vielen Gesprächen mit Ärzten, Patienten, Kassenvorständen, Industrievertretern wäre es vermessen zu glauben, man hätte als Buchautor ein Patentrezept."

Nikolaus Nützel hat keine politische Abhandlung geschrieben, sondern eine anschauliche Darstellung für alle, die das Gesundheitswesen besser verstehen wollen. Angesichts zusehends unverständlicher politischer Debatten um das Gesundheitswesen ist das einiges wert.


Nikolaus Nützel: Gesundheitspolitik ohne Rezept. Warum Deutschlands Medizinbetrieb so schwer zu kurieren ist
dtv. München, 2007
220 Seiten 12,00 Euro

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