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StartseiteKommentare und Themen der WocheLügde ist überall08.09.2019

Lehren aus dem MissbrauchsfallLügde ist überall

Der Missbrauchsfall von Lügde habe gezeigt, dass Täter auch verurteilt würden, kommentiert Vivien Leue. Lügde müsse ein Weckruf nicht nur an die Politik, sondern an uns alle sein: Schaut hin. Nehmt die Anzeichen ernst. Tut etwas.

Von Vivien Leue

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Sexueller Missbrauch in Lüdge: Das Ortsausgangsschild vom Stadtteil Elbrinxen der Stadt Lügde, in dem sich der Campingplatz Eichwald des mutmaßlichen Täters befindet. (picture alliance / Guide Kirchner)
Zwar sei die Politik gefordert, aber es liege auch in der Verantwortung der Gesellschaft, Fälle von Missbrauch zu verhindern und zu melden, meint Vivien Leue im Dlf (picture alliance / Guide Kirchner)
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"Sie haben 32 Kindheiten zerstört" – so die klaren Worte der Vorsitzenden Richterin Anke Grudda am Donnerstag bei der Urteilsverkündung im Prozess um den hundertfachen Kindesmissbrauch von Lügde. Sie verurteilte die beiden Täter zu zwölf und 13 Jahren Haft und anschließender Sicherungsverwahrung. Die Taten seien monströs, sagte Grudda.

Ja, das sind sie wahrlich. Aber sie sind – da sollten wir uns keinerlei Illusionen machen - nichts Außergewöhnliches in Deutschland. Laut BKA waren im vergangenen Jahr durchschnittlich 40 Kinder sexueller Gewalt ausgesetzt – pro Tag. Wir reden also von tausenden zerstörten Kindheiten in Deutschland. Und das sind lediglich die offiziellen Zahlen. Experten gehen davon aus, dass ein Großteil der Übergriffe nie angezeigt, geschweige denn vor Gericht gebracht wird.

Kinderschutz-Organisationen sprechen davon, dass ein bis zwei Kinder pro Schulklasse schon einmal Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind. Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, sprach einmal von der "Dimension einer Volkskrankheit".

Nein, Lügde ist bei weitem kein Einzelfall – Lügde ist überall. Ob am Berliner Canisius-Kolleg oder der Odenwaldschule in Südhessen, in Sportvereinen oder auf Jugendfreizeiten und vor allem im Familienkreis – Fälle von Kindesmissbrauch sind allgegenwärtig und das seit Jahrzehnten. Aber wir haben offenbar bisher keinen Weg gefunden, unsere Kinder wirksam davor zu schützen.

Jahrzehntelang hat der Dauer-Camper Andreas V. – vor Ort liebevoll Addi genannt – Mädchen und Jungen missbraucht und vergewaltigt. Es gab Hinweise, schon vor Jahren. Aussagen des Pflegekindes, sie könne Männer nicht mehr riechen, Anmerkungen anderer Kinder, sicherlich auch Verhaltensauffälligkeiten.

Ich habe ihm das gar nicht zugetraut, haben viele Nachbar-Camper im Nachhinein gesagt. Der Fall Lügde zeigt, was Experten schon lange wissen: Man sieht es den Tätern nicht an, dass sie Kinder missbrauchen. Sie stammen aus allen sozialen Schichten, leben hetero- oder homosexuell und unterscheiden sich äußerlich nicht von anderen Menschen.

Behörden sind oft heillos überfordert

Was also lernen wir aus dem Fall Lügde? Der Fall hat gezeigt, dass Behörden oftmals heillos überfordert sind, wenn es um sexuellen Kindesmissbrauch geht. Jugendämter haben nicht miteinander kommuniziert, Polizeibehörden sind Hinweisen nicht nachgegangen und selbst, als der Fall offen auf dem Tisch lag, wurden Ermittlungen zuerst nicht mit dem nötigen Nachdruck geführt. So  verschwand ein ganzer Koffer voller CDs mit möglicherweise kinderpornografischem Material auf einer Polizeidienststelle – er ist bis heute nicht wieder aufgetaucht.

Der Fall zeigt aber auch: Täter werden verurteilt – wenn sie denn erkannt und gefasst werden. Allerdings ist das offenbar die größte Hürde bei der Aufklärung von sexuellem Kindesmissbrauch.

Denn der Fall Lügde hat letztlich auch offenbart, dass Übergriffe Jahre, ja jahrzehntelang hinter verschlossenen Türen passieren können – ohne dass jemand einschreitet.

Wir müssen besser hingucken

Das heißt: Wir alle – die wir vielleicht Eltern sind, Nachbarn sind, auf jeden Fall Teil dieser Gesellschaft sind, wir müssen besser hingucken, wenn Kinder angegriffen werden, wenn Kinder sich verändern, zurückziehen, aggressiv werden. Und wir müssen einschreiten.

NRW-Innenminister Herbert Reul sagte, solche Taten zu verhindern werde vielleicht die wichtigste Aufgabe seiner Amtszeit. Es ist unser aller Aufgabe, solche Taten zu verhindern. Die Politik muss den Rahmen dafür schaffen, ja.  Sie muss dafür sorgen, dass die Lehrer und Lehrerinnen, Erzieher und Erzieherinnen, Mitarbeiter in Jugendeinrichtungen, Gesundheits- und Schulämtern und allen anderen Stellen, die mit Kindern in Kontakt kommen, entsprechend ausgebildet werden. Dass sie die Anzeichen erkennen, wissen, was zu tun ist, wenn ein Kind sich verändert, den Mut haben, aktiv zu werden.

Ein gesellschaftlicher Weckruf

Aber Politik und Verwaltung schaffen das nicht alleine. Der Fall Lügde sollte ein Weckruf an uns alle sein: Schaut hin. Nehmt die Anzeichen ernst. Tut etwas. Denn Lügde ist überall.

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