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StartseiteKommentare und Themen der WocheEs braucht multiprofessionelle Teams an allen Schulen29.08.2021

Lehren aus der Corona-PandemieEs braucht multiprofessionelle Teams an allen Schulen

Schulen sollten viel mehr gestärkt werden, damit sie Schüler in ihrer psycho-sozialen Entwicklung unterstützen können, kommentiert Stephanie Gebert. Dafür benötige man deutlich mehr Sozialarbeiter, aber auch die Schulpsychologie sollte eine viel prägnantere Rolle im Alltag spielen.

Ein Kommentar von Stephanie Gebert

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Der Senat streicht die Sozialarbeit an der Zille-Grundschule Schule.  (dpa/picture alliance/Tagesspiegel/Doris Spiekermann Klaas)
Multi-professionelle Teams sollten an allen Schulen tätig sein, meint Stephanie Gebert (dpa/picture alliance/Tagesspiegel/Doris Spiekermann Klaas)
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Morgen enden die Sommerferien unter anderem in Rheinland-Pfalz. Doch schon vor Ferienende waren Schulen in den Überschwemmungsgebieten geöffnet, um Kindern und Jugendlichen einen Schutzraum zu bieten. Wenn sie hier ihre Sorgen und Nöte vergessen oder loswerden können, dann rührt das an. Einerseits. Andererseits zeigt es aber auch deutlich, was Schule sein kann und sollte.

Deutlich mehr Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter notwendig

Einen Ausnahmezustand erleben die Schülerinnen und Schüler nicht nur in den Flutgebieten. Überall in Deutschland herrscht zum Schulstart noch immer eine Sonder-Situation in den Klassenräumen. Die Corona-Pandemie ist nicht vorbei. Dass bedeutet zum einen, dass die junge Generation täglich weiter mit Einschränkungen leben muss: Maske tragen, Abstand halten und sich – je nach Bundesland – regelmäßig testen lassen. Zum anderen kommen auch Kinder und Jugendliche wieder in die Schule, die viel Stress und Druck erleben.

Fachleute aus Psychiatrien und Ambulanzen berichten von deutlich spürbaren Bedarf, der teilweise gar nicht abgedeckt werden könne. Kinder sorgen sich, dass die eigenen Eltern oder andere liebgewonnene Menschen in ihrem Umfeld sterben könnten. Individuell unterschiedlich stark erleben sie gerade, dass die Welt eine gefährliche sein kann. Und da gehören auch die Bilder der Flut als eine Folge des Klimawandels unbedingt dazu. Zuhause gibt es Eltern, die sich über fehlende Luftfilteranlagen in den Schulen ärgern, Angst haben, die eigenen Kinder ungeimpft mit 30 anderen in einem Raum zu wissen und denen eine drohende Quarantäne-Zeit neuen Stress verursacht.  

Arjen (r-l), York und weitere Schüler der Klasse 6a am Goethe-Gymnasium in Hamburg-Lurup, machen einen Corona-Schnelltest im Klassenzimmer am ersten Schultag nach den Ferien.  (dpa / picture alliance / Christian Charisius) (dpa / picture alliance / Christian Charisius)Pädagoge: Lernrückstände sind Gefahr für Demokratie und Wirtschaft
Bei den Öffnungsstrategien für die Schulen fehle weiter ein "Masterplan", sagte der Erziehungswissenschaftler Klaus Zierer im Dlf. Langfristig stünden dabei die Demokratie und die Wirtschaft Deutschlands auf dem Spiel.

Als eine Konsequenz aus der Pandemie hat die Bildungspolitik zur Aufholjagd geblasen. Die Schülerinnen und Schüler sollen mögliche Lernlücken, die in der Zeit des digitalen Lernens zu Hause entstanden sind, schließen. Mathe, Englisch, Deutsch. Natürlich ist das zu vermittelnde Wissen in den einzelnen Fächern wichtig. Eine weitere Lehre der Corona-Zeit muss aber sein, dass die Schulen gestärkt werden sollten, damit sie die Schüler in ihrer psycho-sozialen Entwicklung unterstützen. Gerade wenn – wie in diesen Monaten – Druck und Stress-Pegel steigen. Eine solche Mammut-Aufgabe aber allein auf den Schultern der Lehrkräfte abzuladen, wäre unverantwortlich. Sie haben genug zu tun damit, ihren vorgegebenen Lernplänen zu folgen, Unterrichtsstoff professionell zu vermitteln und dabei das soziale Gefüge ihrer Klassen im Blick zu behalten – um nur drei Anforderungen zu nennen. 

Nein, was es jetzt braucht, sind deutlich mehr Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter an den Schulen. Die Schulpsychologie sollte eine viel prägnantere Rolle im Alltag spielen. Multi-Professionelle Teams sind hier das Stichwort. Wenn die leicht überstrapazierte Redewendung vom ganzen Dorf, das es benötigt, um ein Kind großzuziehen mal ernst genommen wird: Wie viele Menschen braucht es wohl, um hunderte Schülerinnen und Schüler beim Aufwachsen zu begleiten? 

Geld und Ressourcen für multi-professionelle Teams

Die Idee ist natürlich nicht neu. Schon vor Jahren sind die Anforderungen mit Inklusion und Integration – also der vermehrten Heterogenität in den Klassen – gestiegen. Und damit ist die Erkenntnis, dass Schulbegleiterinnen, Erzieher, Lerntherapeutinnen einen wertvollen Dienst an den Schulen leisten, inzwischen auch auf den Entscheidungsebenen – also bei den Schulträgern - angekommen. Multi-professionelle Teams sind die Voraussetzung dafür, dass die Kinder und Jugendlichen ihre emotionalen, sozialen und kognitiven Fähigkeiten ausbauen und erweitern können. Und genau jetzt wäre die richtige Zeit, dieser Erkenntnis auch flächendeckend Taten folgen zu lassen. Zumal es das politische Versprechen gibt, das Recht auf Ganztagsbetreuung endlich durchzusetzen. Heißt: Schon die Jüngsten werden mehr und mehr Zeit des Tages in der Schule verbringen.

Ja, es gibt erste Bildungsministerien, die angekündigt haben: Wir stellen mehr pädagogisches Fachpersonal ein, um die Lehrkräfte zu entlasten. Aber erstens darf es bei diesem Versprechen nicht bleiben. Zweitens sind die Ankündigungen oft noch sehr zaghaft formuliert. Wer glaubt, es reiche aus, zwei Sozialarbeiterinnen könnten an einer Schule mit 600 Kindern sämtliche Bedarfe decken, ist auf dem Holzweg. Und drittens sollte es nicht von der politischen Zusammensetzung der Landesregierungen abhängen, ob die Bedürfnisse von Kinder und Jugendliche nach psycho-sozialer Begleitung ernst genommen werden. Bund und Länder haben vorgemacht, wie es gehen kann. Sie haben Millionen-Beträge locker gemacht für die Aufholjagd bei den Lernlücken. Jetzt sollten auch Geld und Ressourcen zur Verfügung stehen für multi-professionelle Teams an allen Schulen. Die Corona-Pandemie führt der Gesellschaft vor Augen, wie nötig das ist und ist für die Bildungspolitik damit eine große Chance. Und für unsere Kinder erst recht.

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