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StartseiteInterviewSchulschließungen wären ein "Maßnahmen-Overkill"05.03.2020

Lehrerverband zu CoronavirusSchulschließungen wären ein "Maßnahmen-Overkill"

Schulen wegen der Ausbreitung des neuen Coronavirus SARS-CoV-2 zu schließen, hält der Präsident des Deutschen Lehrerverbands Heinz-Peter Meidinger für überzogen. Sinnvoller sei es, Hygienemaßnahmen in den Unterricht einzubeziehen und dabei einheitlich vorzugehen.

Heinz-Peter Meidinger im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann

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Italien schließt für zwei Wochen seine Schulen und Universitäten (dpa / picture alliance / Pierre Teyssot / MAXPPP)
Italien hat für zehn Tage die Schulen und Universitäten im Land geschlossen, so wie hier im norditalienischen Pergine Valsugana (dpa / picture alliance / Pierre Teyssot / MAXPPP)
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Wegen der Ausbreitung des neuen Coronavirus SARS-CoV-2 hat die italienische Regierung beschlossen, dass die Schulen und Universitäten in den kommenden zehn Tagen geschlossen bleiben. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und auch die Präsidentin der Kultusministerkonferenz Stefanie Hubig (SPD) lehnen einen solchen Schritt derzeit jedenfalls ab. Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands und Schulleiter des Robert-Koch-Gymnasiums in Deggendorf, sieht zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine solche Maßnahme in Deutschland ebenfalls für überzogen.

Dirk-Oliver Heckmann: Herr Meidinger, wie groß ist denn die Verunsicherung in Deutschlands Schulen, auch konkret an Ihrer Schule?

Heinz-Peter Meidinger: Die Verunsicherung ist tatsächlich spürbar, insbesondere bei Eltern, aber natürlich auch bei Lehrkräften, und das bekommt man natürlich als Schulleiter auch direkt mit. Da kommen dann Eltern in die Sprechstunden und weisen darauf hin, dass in der Klasse ihres Sohnes oder ihrer Tochter jemand sitzt, der dauernd hustet, ob man da nicht was machen könnte, dass der zuhause bleibt, und Ähnliches mehr. Es ist dann die Rede von Kontaktpersonen von Kontaktpersonen zu Kontaktpersonen zu Infizierten. Die Reihe wird immer länger. Und da merkt man natürlich schon, dass hier große Unsicherheit da ist und auch eine große Angst da ist.

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Heckmann: Wie reagieren Sie?

Meidinger: Ich glaube, das Gebot der Stunde ist tatsächlich Besonnenheit und sich an der Sache zu orientieren. Das heißt, so schwierig es natürlich ist, bei verifizierten Verdachtsfällen dann zu handeln. Und ansonsten, was Schulen tun können ist, die Hygienemaßnahmen verstärken, die Schüler zu informieren, dass sie regelmäßig die Hände waschen, Desinfektionsspender aufzustellen. Das haben wir natürlich an meiner Schule auch alles gemacht.

Mit mehr Infektionen an Schulen rechnen

Heckmann: Jetzt hat Italien ja beschlossen, alle Schulen und auch Universitäten für zehn Tage zu schließen. Ist das eine Maßnahme, auf die auch Sie sich als Lehrerverband vorbereiten?

Meidinger: Grundsätzlich muss man natürlich sagen, dass wir auch damit rechnen, dass neben den jetzigen Einzelfällen – es sind ja nur Einzelfälle, wo Schulen in Deutschland bisher geschlossen worden sind -, dass wir mehr Fälle von Infektionen auch an Schulen bekommen werden. Ich glaube aber trotzdem, dass die Maßnahme in Italien eine überzogene Maßnahme ist – erstens, weil keinerlei Anzeichen dafür sind, dass eine Schulschließung die Anzahl der Infektionen deutlich senkt. Die Infektionsketten sind ja derzeit eher außerhalb der Schulen. Und dann stellt sich natürlich die Frage, was kommt danach. Zehn Tage Schule dicht, es wird nicht besser; macht man die Schule dann generell dicht bis Schuljahresende? Was ist mit den Abschlussprüfungen, den Abituren?

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Heckmann: Die werden ja in Italien teilweise dann online durchgeführt. Würden Sie das komplett ausschließen für Deutschland?

Meidinger: Da bin ich mal gespannt, wie eine Abiturprüfung online aussehen soll. Ich glaube, damit haben wir keine Erfahrungen. Aber nichts desto trotz: Ich glaube, zum jetzigen Zeitpunkt wäre das ein Maßnahmen-Overkill, in Deutschland generell die Schulen zu schließen.

Heckmann: Zum jetzigen Zeitpunkt. Würden Sie es komplett ausschließen?

Meidinger: Niemand kann etwas für die Zukunft komplett ausschließen, aber man muss immer auf die Verhältnismäßigkeit der Mittel achten. Die Gesundheit ist natürlich ganz wichtig, aber man muss auch die anderen Kollateralschäden sehen, und das ist immer eine Abwägung, die sehr schwierig ist. Aber zum jetzigen Zeitpunkt schließe ich es aus. Wir haben eine chinesische Partnerschule; in China selber sind monatelang jetzt die Schulen dicht. Aber da müssen dann die Schüler auf die Ferien verzichten und den Stoff eigenständig monatelang nachholen. Ob man so was auch in Deutschland durchführen kann, das halte ich für fraglich.

"Wir orientieren uns an den Empfehlungen des RKI"

Heckmann: Jetzt haben Schulämter und Gesundheitsämter regional zumindest teilweise offenbar unterschiedliche Auffassungen darüber, wann und ob Schulen geschlossen werden sollen, oder wer jetzt in Quarantäne geschickt werden muss und wer nicht. Welche Regelung gilt denn bei Ihnen an der Schule?

Meidinger: Wir orientieren uns an den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts, die ja klar gesagt haben, was zu tun ist, etwa mit Reiserückkehrern aus Risikogebieten, dass die erst mal zuhause bleiben sollen, dass natürlich im Fall von verifizierten Verdachtsfällen dann auch Schulschließungen notwendig sind. Was jetzt teilweise passiert an deutschen Schulen, dass allein weil nicht genügend Desinfektionsmittel da sind Schulen geschlossen werden, halte ich für überzogen. Ich glaube, man muss hier auch, um der Verunsicherung entgegenzuwirken, zu einer wirklich einheitlichen Vorgehensweise kommen, natürlich immer in engem Kontakt zu den örtlichen Gesundheitsämtern.

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Heckmann: Einheitliche Vorgehensweise ist ein gutes Stichwort, hört sich gut an. Aber gerade das Robert-Koch-Institut rät ja dazu, dass man je nach örtlicher Gegebenheit entscheidet.

Meidinger: Ja, gut. Das ist klar. Jeder Fall ist anders. Es muss immer einen Ermessensspielraum geben. Aber es muss ein Rahmen vorgegeben werden und ich sehe derzeit diesen Rahmen eigentlich nicht.

"Die Desinfektionsspender sind alle gefüllt"

Heckmann: Wie gut, würden Sie sagen, sind denn die Informationen, die die Schulleitungen wie Sie beispielsweise von den zuständigen Behörden erhalten, auch was Hygienemaßnahmen etwa angeht?

Meidinger: Ich kann mich jetzt in Bayern - wir haben ja Bildungsföderalismus; Das heißt, jedes Bundesland informiert seine Schulen auf eigenen Wegen - über einen Mangel an Informationen nicht beklagen. Natürlich wird auch auf Webseiten verwiesen, weil ja viele Dinge, etwa die Zahl der Risikogebiete, sich ständig verändern. Aber dort haben wir schon eine gute Informationslage.

Bei den Desinfektionsmitteln – das ist ja in der Regel nicht Aufgabe der Politik, sondern das ist Aufgabe der Kommunen und Landkreise, der sogenannten Sachaufwandsträger -, da sieht es allerdings sehr unterschiedlich aus.

Heckmann: Wie sieht es bei Ihnen aus?

Meidinger: Bei mir sieht es gut aus. Die Desinfektionsspender sind alle gefüllt.

Heckmann: Ist das Corona-Virus und der Umgang damit wie zum Beispiel die Hygienemaßnahmen mittlerweile auch Bestandteil des Unterrichts, oder sollte es das sein?

Meidinger: In der Tat ist es natürlich jetzt auch notwendig, im Unterricht von den Klassenleitungen aus Schüler zu informieren, wie denn vernünftige Hygienemaßnahmen aussehen. Dazu gehört auch, dass man etwa wenn man hustet oder niest entsprechenden Abstand hält beziehungsweise sich etwas vorhält. Generell haben wir ein Gesundheitserziehungskonzept an allen deutschen Schulen in allen Bundesländern. Jetzt muss allerdings aktuell in jeder Klasse darüber informiert werden.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Coronavirus (imago / Science Photo Library)Coronavirus (imago / Science Photo Library)

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