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StartseiteSport am WochenendeMit Sport dem Terror trotzen02.04.2018

Leichtathletik-EMMit Sport dem Terror trotzen

Im August 2018 findet in Berlin die Leichtathletik-EM statt. In diesem Rahmen gibt es am Breitscheidplatz eine Veranstaltung unter dem Titel "Europäische Meile". Dort, wo im Dezember 2016 ein Terroranschlag verübt wurde, soll dann täglich eine riesige Leichtathletik-Party gefeiert werden.

Von Daniela Siebert

(Organisationskomitee "Berlin Leichtathletik-EM 2018 GmbH")
Illustration der "Europäischen Meile" (Organisationskomitee "Berlin Leichtathletik-EM 2018 GmbH")
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Derzeit steht der Breitscheidplatz im Herzen West-Berlins voll mit uniformen weißen Buden und einem Kinderkarussell. Es ist "Ostermarkt". Nur seitlich an der Treppe zur Gedächtniskirche erinnert ein Mahnmal an den Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt im Dezember 2016. Ein schmaler goldener Riss fließt symbolisch die Treppe herunter. Die Namen der zwölf Todesopfer sind in die Stufen eingraviert.

Dass hier im August für die Leichtathletik-EM eine große Bühne stehen wird mit Publikumsplätzen und Rennbahn ruft bei manchen Passanten zwiespältige Gefühle hervor. Etwa bei diesem Besucher aus Mainz: "Geschmacklos ist es vielleicht nicht ganz so, weiß nicht, ob man sich dem Terror beugen soll, aber ich weiß nicht ob ich jetzt da als Sportler starten wollte, also ich würds eher nicht machen."

Eindeutig positiv wird das Echo bei den Menschen, die in Berlin leben und arbeiten.

"Die sollen ihren Sport machen, wo sie wollen, wunderbar. Ich mach doch mein Leben weiter, bloß weil so ein Spinner da leider Gottes ein paar Menschen umgebracht hat, wegen so einem Spinner? Das würde ich genauso durchziehen, da würde ich hier noch mehr  Marathons machen aus Protest schon mal."

Frank Kowalski hört sowas gern. Der ehemalige Speerwerfer und Bundestrainer ist Geschäftsführer der "Berlin Leichtathletik-EM 2018 GmbH".

Er hat organisatorisch den Hut auf für das, was dort geplant ist. Die sogenannte "Europäische Meile" am Breitscheidplatz sei schon 2013 wichtig gewesen, als Berlin mit seiner Bewerbung als Austragungsort erfolgreich war.

Konzept schien gestorben

Doch dann kam der Dezember 2016.

"Ich muss Ihnen ehrlich sagen: das Konzept war nach diesem Anschlag für uns gestorben. Allein aus Pietäts-Gründen hat uns das natürlich unglaublich geschockt und die Behörden haben eigentlich uns im Nachgang wieder abgeholt, haben uns motiviert, diesen Platz zu bespielen, weil es einfach ein perfider Anschlag auf unsere Gesellschaft war."

Für die Stadt, wie auch für die Europa-Meisterschaft, ist die Einbeziehung des Breitscheidplatzes elementar. Rund um den Platz wird eine blaue Tartan-Laufbahn gezogen. Eine Referenz an die berühmte blaue Bahn im Olympiastadion. Auf dem Platz soll eine große Bühne entstehen mit stufig aufsteigenden Sitzplätzen für 3.000 Zuschauer. Im August werden hier auch die Start- und Ziel-Linien verlaufen für die Marathonläufer und die Geher.

"Es werden alle Siegerehrungen da durchgeführt werden und die Qualifikation im Kugelstoßen. Und dann anschließend eine kleine aber feine Eröffnungsfeier. Und wir werden neben dieser Arena natürlich auch sehr viele Mitmach-Angebote anbieten, rund um den Breitscheidplatz, das soll eine "Europäische Meile" werden, indem man Europa spürt, und unsere europäischen Gäste sich auch wohlfühlen."

(Organisationskommitee "Berlin Leichtathletik-EM 2018 GmbH")Illustration "Europäische Meile" (Organisationskommitee "Berlin Leichtathletik-EM 2018 GmbH")

Diese Pläne haben die volle Rückendeckung der rot-rot-grünen Berliner Landesregierung. Zuständig ist die Senatsverwaltung für Inneres und Sport – SPD-regiert. Im Haus ist Staatssekretär Christian Gaebler damit befasst. Der begründet die Grundsatzentscheidung so:

"Weil wir glauben, dass es auch gut ist, an der Stelle sowohl den Sport als auch die europäische Idee mit in die Stadt zu holen und stärker präsent zu haben."

Durch den Anschlag sei diese Entscheidung nicht über den Haufen geworfen worden, erklärt der Staatssekretär für Sport weiter.

Nicht nur noch ein Gedenkort

"Wir haben ja ganz klar gesagt: Der Terroranschlag darf nicht dazu führen, dass der Breitscheidplatz jetzt nur noch ein Gedenkort ist und dort keine Veranstaltungen mehr stattfinden, aber natürlich muss im Rahmen dieser Veranstaltung der Ort sozusagen ausgespart und auch gewürdigt werden. Und wir lassen uns da von dem Terroranschlag nicht von abbringen, unsere öffentlichen Räume auch für solche Veranstaltungen zu nutzen."

Die Hinterbliebenen der Todesopfer und auch die zum Teil schwerverletzten Überlebenden des Anschlags wurden in die Entscheidung nicht mit einbezogen stellt Christian Gaebler klar. Trotzdem versuche man deren Interessen zu berücksichtigen.

"Es gibt den Gedenkort, da soll auch der Raum sein, aber der Breitscheidplatz gehört den Berlinerinnen und Berlinern und nicht den Angehörigen von Anschlagsopfern, so sehr wir natürlich immer gucken, dass das auch im Gedächtnis der Berlinerinnen und Berliner haften bleibt."

Die Veranstalter wollen das Gedenken an den Anschlag mit einbeziehen sagt Frank Kowalski. Eventuell werde es einen speziellen Gottesdienst in der Gedächtniskirche geben, das werde gerade besprochen, ein "Raum der Stille" soll ganz sicher eingerichtet werden. Überlegungen zur Gestaltung der blauen Tartanbahn laufen noch.

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