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StartseiteMusikjournalAlle zwei Jahre wieder: Internationaler Bach-Wettbewerb23.07.2018

LeipzigAlle zwei Jahre wieder: Internationaler Bach-Wettbewerb

Beim diesjährigen Internationalen Bach-Wettbewerb in Leipzig standen drei Disziplinen auf dem Programm: Klavier, Cembalo und innerhalb einer Wertung Violine und Barockvioline. Mit dem Niveau der Geigenkandidaten waren nicht alle zufrieden.

Von Claus Fischer

Das 1746 von Elias Gottlob Haußmann gefertigte Gemälde von Johann Sebastian Bach (1685-1750) ist nach Aussage des Bachhauses Eisenach das einzige überlieferte Bildnis des Barockmusikers, für das der Meister persönlich Modell gesessen haben soll (picture alliance  /dpa / Bachhaus Eisenach)
Wäre Bach von der Leistung der Interpreten seiner Werke begeistert? (picture alliance /dpa / Bachhaus Eisenach)
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"Wir legen Wert darauf: Wir sind ein Bachwettbewerb und kein Geigen- oder Cembalo oder Klavierwettbewerb. Und deshalb muss eine gewisse Erfahrung anwesend sein", betont Robert Levin, Pianist, Cembalist und Hochschullehrer aus den USA, sowie Präsident des Leipziger Bachwettbewerbs.

"Natürlich gibt’s Leute, die stupende Technik haben, die aber eigentlich mit dieser Technik wenig zu sagen haben. Wir wollen eigentlich Leute mit Ideen haben!"

Große Zahl von Anmeldungen beim Bachwettbewerb in Leipzig

225 Teilnehmer aus aller Welt hatten sich angemeldet, so viele wie lange nicht mehr. So musste eine intensive Vorauswahl in allen drei Fächern stattfinden.

"Der jeweilige Juryvorsitzende und ein Kollege davon treffen sich mit mir und wir kriegen dann per Internet, meistens YouTube-Beiträge. Das ist lebenswichtig! Weil mit einem Audioband hat man keine Ahnung, ob das wirklich derjenige ist, der sich anmeldet!"

Die qualifizierten Geiger, Cembalisten und Pianisten mussten in drei Runden überzeugen, um einen der Bach-Preise zu erringen. Bewertet wurden sie nicht, wie bei den meisten Musikwettbewerben üblich, nach einem Punktesystem. Dabei besteht nämlich immer die Gefahr, dass die einzelnen Wertungen lediglich zusammengezählt und dann dividiert werden, wodurch Kandidaten, die innerhalb der Jury polarisieren, ins Abseits geraten können. Das gibt es in Leipzig nicht.

Hohe Anforderungen ans Repertoire

Jeder Juror schreibt in einer Runde den Bewerber auf, den er in der nächsten Runde hören will. Falls es ein Patt gibt, dann gibt es die sogenannte Bach-Wertung. Dann zählt, ob der Kandidat mit seiner Interpretation eines Werkes von Johann Sebastian Bach überzeugt hat. Die Anforderungen ans Repertoire waren hoch, meint der deutsche Pianist Till Johannes Hoffmann, der es als einer von zwei Deutschen ins Finale geschafft hat.

"Vor allem auf Bach konzentriert. Präludien und Fugen in der ersten Runde sind sehr heikel zu spielen, man kommt schwer rein und es ist schnell vorbei. Auch Scarlatti-Sonaten, kurze Stücke, die nicht ganz dankbar sind für einen Wettbewerb!"

Klavier, Cembalo, Violine und Barockvioline

Dass die Disziplinen Klavier und Cembalo getrennt bewertet wurden, moderne Violine und Barockvioline aber innerhalb einer Kategorie, mag verwundern, hängt aber mit der Verschiedenheit der jeweiligen Instrumente zusammen, sagt der Vorsitzende der Violinjury, Reinhard Goebel, Gründer und langjähriger Leiter des Ensembles "Musica Antiqua Köln".

"In der Tat ist es ja so, dass die moderne Violine sich aus der Barockvioline entwickelt hat, aber das moderne Piano nicht aus dem Cembalo, weil es sich ja um grundsätzlich andere Anschlagsarten handelt."

Dazu kommt noch, so Wettbewerbspräsident Robert Levin, dass das Instrument Klavier bis heute stark vom Virtuosentum des 19. Jahrhundert geprägt ist.

"Ein Geiger, der wirklich mit dem Instrument gut auskommt, ist in der Lage, die Kommilitonen auf Barockgeige zu beurteilen. Währenddessen die meisten Pianisten mit Cembalo keine Erfahrung haben – deshalb ist ein Dialog schwierig!"

Reinhard Goebel begrüßt, dass sich Barockgeiger und moderne Geiger gemeinsam messen müssen, zumal die Grenzen inzwischen fließend sind.

"Es gibt Spieler von modernen Geigen, die benutzen Barockbögen, es gibt Barockgeiger, die spielen auf 440 Hertz, also es ist ein Riesen-Kuddelmuddel! Aber dieser Riesen-Kuddelmuddel ist gut, weil man jetzt dadurch das Niveau bei den Barockgeigen sehr, sehr hebt, weil sie sich mit den modernen vergleichen müssen!"

Reinhard Goebels deutliches Fazit in der Violinwertung

Mit dem Niveau der Geigenkandidaten beim Bachwettbewerb war Reinhard Goebel allerdings nur bedingt zufrieden. Den von Präsident Levin gesuchten profilierte Bach-Interpreten mit eigener Idee fand er nicht.

"Man kriegt sehr schnell raus, im Grunde genommen nach zwei Minuten: Ist hier Musikinterpretation mit Wissenshintergrund oder kolportiert hier jemand die öffentliche Meinung, wie er sie aus dem Internet abgenommen hat! Also wir hören überhaupt keinen neuen Input, oder dass irgendjemand irgendetwas umdreht. Vielleicht ist aber die Zeit im Moment auch schlecht dafür, weil man eher mit Anpassung durchs Leben kommt, als mit Widerborstigkeit! Ich bin ein negativer Kotzbrocken, OK, so!" - "Darf ich das senden?" - "Ja, auf jeden Fall!"

Die Bach-Preisträger 2018

Am Ende gab es bei den Violinen aber doch einen ersten Preis. Er ging an die polnische Geigerin Maria Wloszczowska. Vor gut anderthalb Jahren, beim renommierten Wieniawski-Violinwettbewerb in Poznan hatte sie nur einen siebten Platz erreicht, nun also ein Sieg.

"Das bedeutet die Welt für mich, denn Bach ist mein Lieblingskomponist! Das war schon immer so, er ist in meinem Gehirn einprogrammiert! Ich finde, jede andere Musik ist irgendwie mit Bachs Musik verbunden. In dieser Musik steckt Humanität, Intelligenz und eine unglaubliche Universalität!"

Der beste Barockgeiger war der Deutsch-Israeli Hed Yaron Meyerson. Er erreichte innerhalb der Violinwertung immerhin einen dritten Platz. Da er bereits eine Stelle als Geiger im Philharmonischen Orchester in Rotterdam innehat, nahm er die Teilnahme am Bachwettbewerb sowieso eher locker.

"Ich bin nicht davon ausgegangen, dass ich einen Preis kriege! Das war für mich nicht das, was im Vordergrund stand."

Bei den Cembalisten erreichte ein Israeli den ersten Platz, Avinoam Shalev. Er hat u.a. an der Musikhochschule in Hannover studiert und war sich bislang noch nicht klar, ob er sich auf moderne oder historische Tasteninstrumente spezialisieren soll. Nun bekam er durch den Bachpreis die Antwort und die Anerkennung für sein farbiges, äußerst inspiriertes Spiel.

"Es ist eine große Ehre. Das klingt vielleicht schon ein bisschen durchgekaut, aber das ist es wirklich!"

Was Avinoam Shalev mit den 10.000 Euro Preisgeld anfangen wird, weiß er genau:

"Ich hab neulich ein Hammerklavier gekauft – und das ist keine ganz günstige Sache abzubezahlen!"

Den ersten Preis im Fach Klavier errang die US-Amerikanerin mit japanischen Wurzeln Rachel Naomi Kudo. Sie hat eine enorme technische Brillanz, klang bei ihren Auftritten perfekt. Ausgefallen oder packend waren ihre Interpretationen Bachscher Werke allerdings nicht, es klang fast wie computergeneriert. Hier trifft also auch das zu, was Reinhard Goebel bei den Geigern festgestellt hat: In Zeiten zunehmender Angepasstheit bleibt die Originalität bisweilen auf der Strecke. Rachel Naomi Kudo dürfte dennoch in nächster Zeit weltweit Karriere machen. Und womöglich findet sie irgendwann zu mehr Persönlichkeit in ihrem Klavierspiel.

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