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StartseiteKulturfragen"Habe Literatur geschrieben, um in ihr zu leben"15.03.2015

Leipziger Buchpreis-Laudatio "Habe Literatur geschrieben, um in ihr zu leben"

Heute senden die "Kulturfragen" die Laudatio von Uwe Tellkamp und die Dankesrede von Mircea Cartarescu zur Verleihung des Buchpreises zur Europäischen Verständigung. Der rumänische Schriftsteller Cartarescu wurde für den dritten Teil seiner "Orbitor"-Trilogie, den Roman "Die Flügel", ausgezeichnet.

Der Autor Mircea Cărtărescu (Imago Stock & People)
Der Autor Mircea Cărtărescu (Imago Stock & People)

Laudatio von Uwe Tellkamp auf Mircea Cărtărescus "Orbitor"-Trilogie"

Der Weltschöpfer von Bukarest.

Mitten in Europa, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, gab es ein Pharaonenreich, in dem das Potentatenpaar, der Schuster Nicolae, genannt Sohn der Sonne, und die Halbalphabetin Elena Ceauşescu, genannt Leuchte der Wissenschaft, das neben dem Pentagon größte Gebäude der Welt, den Palast des Volkes, errichten, dafür ganze Stadtviertel sprengen und eine begnadigte Kirche auf Räder setzen ließ; an den Straßenkreuzungen läuteten, um Zusammenstöße zu vermeiden, die Glocken des fahrenden Gotteshauses. Ein Reisender in dieses Reich, das offiziell Sozialistische Republik Rumänien hieß, wäre vielleicht mit einem mit Benzin bis unters Dach vollgestopften Trabant über die einzige Autobahn des Landes gekommen. Sie war leer, die Autos standen auf dem Feld, die Leute spielten Ball und unterhielten sich. Absurdes Theater? Nein. Prinz Zauber, der süßeste Kuß der Heimaterde, wie der Conducător Ceauşescu auch genannt wurde, war unterwegs und musste freie Fahrt haben.

Dragă Mircea,

sehr verehrte Damen, sehr geehrte Herren,

auf diese Wirklichkeit webt ein einzigartiger Erzähler seinen Traum. Das Buch, das daraus entsteht, kann man, ohne leichtfertig zu sein, zur Weltliteratur zählen. Es ist mir eine Ehre, es Ihnen hier ein wenig näher vorstellen zu dürfen. Vor Jahren sah ich in einer Buchhandlung ein Schwarz-Weiß-Foto auf einem Schutzumschlag. Es zeigte eine Bukarester Chaussee. Menschen, Autos, Straßenbahnen auf dem Foto schienen zu gleiten wie in einer Halluzination. Ich schlug das Buch auf, las die ersten Sätze:

"Bis zu der Zeit, als man auf der Straße gegenüber den Block hochzog und daher alles hinter Planken verschwand und die Luft nicht mehr zum Atmen war, schaute ich stets nächtelang durch das dreiteilige Panoramafenster meiner Wohnung an der Štefan-cel-Mare-Chaussee auf Bukarest hinaus. In den Scheiben spiegelten sich gewöhnlich die wenigen, gelblich schimmernden Schlafzimmermöbel, die Frisierkommode mit Toilettenspiegel, ein paar Pflanzen – Aloe und Asparagus – in Tontöpfen auf dem Tisch, der Kronleuchter mit seinen Glockenschirmen aus grünem Glas, von denen einer seit langem schon einen Sprung hatte."

Ich wusste: So beginnt ein großes Buch. Die Augen des Erzählers, durch die zu sehen mir gestattet war, erblickten ein Märchen, das mir in Schrecken und Schönheit, mit seinem nach Freiheit verlangenden Leib und seinen vergifteten Flügeln nur scheinbar fern war. Ich las und las. Der Name des Buchs: "Orbitor". 1800 Seiten, drei Teile: Linker Flügel (deutsch: Die Wissenden), Körper, Rechter Flügel (deutsch: Die Flügel). Das erinnert an einen Altar, an einen Schmetterling, an jenes dreiteilige Panoramafenster, vor dem zu Beginn des Romans der 15-jährige Mircea, die nackten Füße an der Heizung, in seinem Zimmer im fünften Stock eines Hochhauses an der Stefan-cel-Mare-Chaussee sitzt und auf das nächtliche Bukarest schaut. Die Welterzählung beginnt. In ihrer Tiefe liegt ein Sündenfall. Einst lebten Mirceas Vorfahren, die Badislavs, friedlich in einem bulgarischen Dorf. Bis sie den Mohn kennenlernen, das Dorf sich Orgien hingibt und die Felder verkommen lässt. Worauf die Toten aus den Gräbern auferstehen und ein Strafgericht halten, das nur wenige überleben; um den Popen geschart, geduckt unters hochgehaltene Kreuz, ziehen die Verschonten an den mordenden Skeletten vorbei, um sich über die zugefrorene Donau nach Rumänien zu retten. Da der Fluss Eisgang hat, muss der Flussgott besänftigt werden. Früher wurde ein Mädchen in ein Eisloch gesenkt, heute, da die Zeiten milder sind, genügt es, das Findelkind Vasile zu rufen und ans Loch zu führen, auf daß der Fluss Vasiles Schatten trinke. Dies geschieht, und die Sippe darf weiterziehen. Die weiße Finsternis lässt keine Ufer erkennen. Als sie sich für Augenblicke lichtet, geht die Sippe auf dem Eis wie auf einem durchsichtigen Dom. Büffelgroße Schmetterlinge, in allen Farben schillernde Paradiesriesen, sind darin festgefroren. Nicht nur die folgende Szene, in der die Badislavs das Eis aufhacken und das weiche Schmetterlingsfleisch in sich hineinstopfen, hat, so scheint es, ein Magier geschrieben.

Abseits vom Stoff ist das Geheimnis. Einer der Boten, die vom Geheimnis dieses Buchs ausgesandt werden, heißt Verständigung – ebenjenes Wort, das dem Leipziger Buchpreis, den Mircea Cărtărescu heute erhält, seinen Akzent verleiht. Verständigung geschieht nicht nur, aber hauptsächlich durch Sprache, durch ihre Fähigkeit, Wirklichkeit zu stiften, sie erfahrbar zu machen. In Cărtărescus Bukarest sind die Uhren zu groß, um nur Zeit anzuzeigen. Vielleicht sind sie gemacht, welche aufzusaugen – das Blut der Stadt. Der Stadtboden federt, geplagt von Erdbeben; das von 1977 wird viele Tote fordern, und noch heute sind gefährdete Häuser an den Außenmauern mit einem roten Punkt gekennzeichnet. Womöglich ist der Erdboden in Wahrheit ein Trommelfell, das Schallwellen nach unten weitergibt, in die Tunnel, die sich durch Bukarest ziehen und der Securitate dienen, um jedes Haus, jede Wohnung unauffällig erreichen zu können. Im ersten Band der Trilogie scheint Ionel, Freund von Mirceas Vater Costel, subalterner Geheimdienstmitarbeiter und für die Sauberkeit der Bukarester Statuen zuständig, auf einen solchen Zugang gestoßen zu sein: Beim Putzen kippt das Puschkindenkmal beiseite, und Ionel starrt auf etwas, von dem er bisher noch nichts wusste. Später wird er Führungsoffizier der Geheimdienstler im Staatszirkus. Parteisekretär der Artisten ist der Clown Ciacanica, Propagandasekretär der Zauberkünstler Farfarelli, Gewerkschaftsführer der Flohdresseur Eduard, dessen schafsgroße Flöhe ihn während seiner Nummer aussaugen, so dass Eduard ganz leicht wird und von seinen Gehilfen mit einem Schmetterlingsnetz eingefangen werden muss. Danach werden die Flöhe gezwungen, das aufgesaugte Blut wieder in den Dompteur zu flößen.

Am Abend, an dem die Hirschkäfer fliegen und Kafkas Verwandlung umgekehrt wird, darf der kleine Mircea mit seinen Eltern in den Zirkus gehen. Während der Vorstellung wird der Guru Vanaprastha, der zum Geheimbund der Wissenden gehört, den Jungen als Medium auswählen und durch den Vorhang zwischen Manege und Artistenbereich auf eine Reise zu Gott schicken. Cărtărescu wagt hier Außerordentliches. Die Religiosität des Romans ist ungebrochen und ernst, gespeist aus dem orthodoxen Glauben mit seiner byzantinischen Bildlichkeit, seinen zugleich strengen und leuchtenden Zeremonien, seiner Inbrunst und seinem Erscheinungsreichtum – und dennoch ist das Pathos der Gottesreise und ihres Gegenstücks, der Fahrt zum Höllenbezirk Giudecca, von Humor durchlichtert: Gottes Zehen, so erfahren wir, sind rußgeschwärzt.

Es gibt wohl keine Kunst, die den Namen verdient, ohne ein Verhältnis zu Gott – und ohne Humor. Im Bukarest der späten Ceauşescu-Ära ist es der Galgenhumor der ums Überleben kämpfenden Menschen. Cărtărescus Roman ist nicht nur eine Reise ins Ich, diesen vielleicht rätselhaftesten aller Sterne, nicht nur Sprachkunstwerk, Pandämonium der Sinneseindrücke, Schöpfungsmythos und Hochtechnologie-Labor, in dem Physiker, Hirnforscher, Anatomen, Spezialisten der Erinnerung neben Mystikern und Engelsbeschwörern arbeiten; er enthält auch Ausflüge in eine Wirklichkeit, die nur mit dem Lachen Swifts zu ertragen gewesen sein muss. In einer der für mich schönsten Szenen des Romans webt Mirceas Mutter einen Perserteppich, der alle vier Wände einer schäbigen Wohnung im Floreasca-Viertel bedeckt und voller komplexer Muster ist. Jene, die sich für Arbeiter halten, weil sie mit Hammer, Amboss und Steigbügel, den Gehörknöchelchen, ihr Geld verdienen, statten der Mutter einen ihrer gefürchteten Besuche ab, denn die Muster auf dem Teppich sind für die Securitate nichts anderes als die Stationierungspläne der neuesten sowjetischen Kernwaffen.

Die Mutter, Maria, ist für mich die bewegendste Figur des Buchs. Sie zeigt, was in einer Gesellschaft, in der alle Menschen gleich, einige aber gleicher sind, unter den schönen Worten, den Verheißungen und Parolen im Alltag übrig bleibt. Zunächst nicht wenig. Für Mirceas Eltern, die aus einfachen Verhältnissen stammen, bedeutet das sozialistische Experiment erst einmal Aufschwung, Bildungsmöglichkeit. Sie leben im Bukarest der Sechziger und frühen Siebziger besser, als sie es je kannten. Das ändert sich erst, als der Führer-Conducător zum "Genie der Karpaten" mit "Hirnzellen aus Platin" mutiert und seine Frau Elena, im Volk "die Hexe" genannt, mit drei Grundschulklassen und guten Noten im Fach Nähen zur Präsidentin des Nationalrates für Wissenschaft und Schulwesen, die sich die Ehrendoktorate reihenweise schenken lässt. Auf ihrem Schreibtisch gibt es keine Akten, denn der Ersten Wissenschaftlerin des Volkes macht Lesen keinen Spaß. In Rumänien, einem traditionellen Agrar- und Ölförderland, bricht der Hunger aus. Die Epoca de aur, die Goldene Epoche, ist die des sogenannten rumänischen Huhns: Es besteht aus Hahnenkämmen und Hühnerkrallen, alles andere wird exportiert. Es ist die Epoche der Indicaţii preţioase, der kostbaren Hinweise: Die Hexe fährt über Land und weist mit ihrem Zeigestock auf Häuser, die ihr nicht gefallen; sie werden abgerissen. Die Epoche, in der die Hexe abends zum Telefon greift, irgendeine Nummer wählt und dem zufälligen Gesprächspartner, der sie nicht erkennt und nicht zu ihrer Zufriedenheit antwortet, die Herren mit den blauen Augen vorbeischickt, um ihn abzuholen. Die Epoche, in der in Bukarest die Stadtviertel Uranus, Antim und Rahova abgerissen werden, um Platz für den Palast des Volkes zu schaffen, in dessen hektargroßen Sälen die Minister des Conducătors und Chefs der Securitate Fußball spielen, während das Volk hungert, in Mänteln, Kleidern, Mützen zu Bett geht, für Brot oder Mortadella, in der, sagt das Gerücht, gebrauchtes Klopapier verarbeitet ist, für Käsewürfel, die aus durchsichtigem Etwas bestehen, dafür aber in C-Dur quietschen, in einer der tausendköpfigen Schlangen wartet, deren vordere Plätze von professionellen Schlangestehern verkauft werden.

Der Conducător, der für seine Untertanen nur die Bezeichnung "Nager" übrig hat, lässt die "Zirkusse des Hungers" errichten, kolossale Kantinen aus Beton, in denen sich das Volk gefälligst zum Fraß um einen allerdings leeren Gemeinschaftskessel versammeln soll. In den Betrieben werden die Frauen zur gynäkologischen Zwangsuntersuchung auf Fließbänder gelegt. Schwangerschaften sollen möglichst frühzeitig erkannt werden, da der Conducător meint, dass jede Frau bis 45 mindestens fünf Kinder unter 18 Jahren haben muss. Abtreibungen sind verboten, und die Betriebsärzte bekommen ihr Gehalt nur dann vollständig ausbezahlt, wenn eine bestimmte Schwangerschaftsquote erfüllt ist. Stromabschaltungen sind alltäglich. Treffen sie die Chirurgen beim Operieren, bleibt ihnen im finsteren OP-Saal nur die Verzweiflung und oft ein toter Patient. Um die wenigen Dialysegeräte, die es in Bukarest gibt, tobt ein Bestechungskampf; wer über vierzig ist, hat keine Chance, wer über siebzig, zu dem kommt kein Rettungswagen mehr.

Doch Vergangenheit, was geht sie uns an? Rumänien, so könnte man denken, das ist doch fern und fremd, und Ceauşescu, dieser Vampir, längst tot. Was sollen uns heute, in Zeiten von Digitalisierung und Finanzkrisen, diese gestrigen Geschichten, dieser Sozialismus, von dem wir aber nun allmählich genug gehört haben? Doch die Gespenster der Vergangenheit kehren wieder, in verwandelter Form. Gegenwärtig erleben wir fundamentale Unsicherheit. Die Systemfrage wird wieder gestellt. Jedoch wird, scheint mir, über den Charakter und die Hintergründe, die Wirklichkeit der beiden Großideologien des zwanzigsten Jahrhunderts nicht mit der gleichen Schärfe und Tiefe diskutiert, jedenfalls nicht im intellektuellen Mainstream der westlichen Welt. Dabei rühren viele der Konflikte, in die wir uns gestellt sehen – Stichworte hier nur Ukraine und Griechenland – von alten Bekannten her: Planwirtschaft mit ihren Auswüchsen, Nationalismus (der sich mit dem Sozialismus glänzend vertrug), Missachtung demokratischer Prinzipien, Kontroll- und Normierungswahn. Die Welt von Cărtărescus Buch ist Vergangenheit, aber eine, die hinter der Gegenwart an der Zukunft arbeitet.

"Zeit aus Angst, Hunger, Kälte und Wahn"

Im Dezember 1989 beginnt in Rumänien die Revolution. Sie wird blutig verlaufen. Mirceas Eltern verfolgen sie im Fernsehen. Die Mutter weiß nicht mehr aus noch ein. Als Schüsse knallen, geht der völlig desillusionierte Vater in die Küche und verbrennt sein Parteibuch. Mircea öffnet das Fenster und sieht, dass es im ganzen Viertel qualmt. In dieser Zeit aus Angst, Hunger, Kälte und Wahn steigt der Erzähler, der wieder bei seinen Eltern lebt, weil seine Wohnung abgerissen worden ist, immer tiefer in die Erinnerungen an seine Kindheit hinab, als Stromabschaltungen noch ihr Gutes hatten. Denn kurz bevor der kleine Mircea zwei Nägel in die bösen Augen einer Steckdose rammte, fiel der Strom aus.

Visionäre und satirische Kraft erreichen im dritten Band der Trilogie ihren Höhepunkt. Cărtărescu lässt das Zentralkomitee von 30 Staatszirkus-Mitarbeitern besetzen, die von einer zehn Meter großen Artistin, nach einem Gemälde als rumänische Revolution ausstaffiert, auf den Balkon gehoben werden. Das Präsidentenpaar ist geflohen. Radio Free Europe spricht von 40.000 Toten in Temeswar. Nur ein Gerücht …? Gefangene werden nackt mit Stacheldraht gefesselt und auf Felder geworfen. In Bukarest sollen herbeigerufene Bergleute für Ordnung sorgen. Die Armee, die eigens einen Botaniker angestellt hat, um ihren Einheiten korrekte Codenamen aus dem Bereich der Forstwissenschaft geben zu können (Hallo, Weißbuche … Weißbuche, bist du da? – Ich höre dich, Purpurrote Taubnessel) verbrüdert sich mit den Demonstranten gegen die Securitate. Zu den Demonstranten gehört auch Mircea. Das Mädchen, das ihn vor Freude über die wiedergewonnene Freiheit küsst, wird aus nächster Nähe von hinten erschossen. Im Café Capşa nicht weit vom Zentralkomitee drehen die Kellner Däumchen, und das unsterblichste aller planwirtschaftlichen Tiere, die Warteschlange, verschwindet nicht deshalb, weil Revolution ist. Im allgemeinen Chaos steigen die Bukarester Statuen von ihren Sockeln. Angeführt vom bronzenen Lenin suchen sie Ionel, der einst ihre Scheitel vom Taubendreck befreite und ihnen nun den Weg in die Zukunft weisen soll. Der aber, inzwischen Oberst, steht mit enzianblauer Perücke, als Mütterchen verkleidet, vor Kälte bibbernd auf der Straße, um all die Aufrührer und von ausländischen Geheimdiensten gekauften Vaterlandsverräter zu fotografieren.

"Dank an die Jury des Leipziger Buchpreises, für Urteil und Mut"

Blatt auf Blatt häuft der Erzähler, offiziell ein asoziales Element, wofür die Eltern Strafgebühr bezahlen müssen, auf sein Manuskript, das neben den Büchern von Joyce, Kafka, Borges, García Márquez seinen Platz einnimmt und dessen visionäre Suggestivität mit der Dantes verglichen werden darf. Denn Historie und ihre Fakten, die auch knechten, sind nur ein Ring des Buchs, seiner bezwingenden und durchaus auch heimsuchenden Macht. Abseits der Historie sind Liebe und Tod, wenn auch natürlich von ihr gekleidet. Ins Grundsätzliche weisen die Fragen nach Freiheit, dem Platz und den Möglichkeiten des Einzelnen in einer totalitären Welt, nach Gnade und Zeit, die das Buch aufwirft. Schmetterling und Spinne, seine Hauptmotive, umkreisen einander; der Schrei ihrer Vereinigung ist Todes- und Liebesschrei zugleich. Ruft er nach Erlösung? Was aber wäre sie, die Erlösung? Herman, der Bucklige aus dem achten Stock, der dem kleinen Mircea einst das Leben rettete, würde vielleicht sagen: Wenn ein Gott dich aus dem Käfig hebt. Wie immer beide heißen oder welche Form sie haben mögen.

Mulţumesc, felicitari, Mircea. 15 Minuten für ein Universum – ich konnte es nur streifen. Dank auch an Ioana Nicolaie, die zauberhafte Gedichte schreibt und Mircea Cărtărescus Frau ist. Sie hat ihm tragen geholfen. Dank an die beiden Übersetzer, die eine Herkulesaufgabe vor sich hatten, ohne deren Bewältigung wir von diesem Buch vermutlich nichts wüssten: Gerhardt Csejka und Ferdinand Leopold. Sie haben, soweit ich das einschätzen kann, brillant gearbeitet. Dank an die Jury des Leipziger Buchpreises, für Urteil und Mut.

 

 

Dankesrede von Mircea Cărtărescu - gekürzte Fassung

 

Liebe Freunde,

heute wird mir die besondere Ehre zuteil, einen großen und bedeutenden Preis in Leipzig entgegennehmen zu dürfen, in einer Stadt, die ich ganz besonders mag, ist sie doch Gastgeberin einer der lebendigsten und attraktivsten Buchmessen und auch jenseits dessen von außergewöhnlicher literarischer Strahlkraft. Ich will diese glücklichen Umstände zu einigen Dankesworten an die Jury und die Bürgerschaft nutzen.

Es fällt mir nicht leicht, in wenigen Zeilen beinahe 40 Jahre Leben in der Literatur zusammenzufassen. Was ich sagen kann ist, dass ich mich nicht erinnern kann, jemals etwas anderes getan zu haben. Auch kann ich mich nicht daran erinnern, mir solches je gewünscht zu haben. Für mich war meine Literatur stets das, was sie auch bleiben wird: ein langes inneres Tagebuch, ein ununterbrochener Dialog mit mir selbst. Ich habe immerzu Literatur geschrieben, und zwar nicht, um Bücher zu veröffentlichen, die Bücher sind lediglich das Endprodukt eines Prozesses der Selbst- und Welterkenntnis, sie sind die leeren, von dem weichen Tier, das sie mal bewohnt hat, verlassenen Schalen. Ich habe Literatur geschrieben, um in ihr zu leben, und zwar dadurch, dass ich mich der Erforschung des einzigen Exemplars der Gattung Mensch gewidmet habe, das ich mir von innen anschauen kann: meiner selbst.

Schließlich bin ich ein Cărtăresculoge geworden, der einzige, den es gibt. Mein ganzes Leben lang habe ich die Anatomie, Physiologie, Psychologie, die Verhaltensweisen, die Ethik, Ästhetik und Metaphysik eines einzigen menschlichen Wesens studiert. Diese innere Welt, über die ich seit beinahe 40 Jahren schreibe, ist der Treuhänder unseres Gedächtnisses und der Motor all dessen, was sich in Gesellschaft und Geschichte abspielt. In der heutigen Welt scheint ja ausgerechnet das innere Leben und Erleben seinen Ort nicht mehr zu finden. Es fehlt die Zeit für Nachdenklichkeit, für die stete und aufmerksame Selbsterkundung, für Träume, Tagträume, psychische Prozesse, mithin für alles Menschliche am und im Menschen.

Das geeinte Europa feiern

Die Schriftsteller, die die Grubenblüten des inneren Lebens ans Tageslicht befördern, die im Geist des menschlich Wahren schreiben, die den Verlockungen der Buchindustrie widerstehen, riskieren im Zwielicht und randständig zu bleiben. Insoweit mich solches betrifft, nehme ich dieses Risiko gerne auf mich. Ich bin glücklich, dass eine meiner Schriften, die Romantrilogie "Orbitor" heute mit einem der angesehensten europäischen Literaturpreise geehrt wird, mit dem "Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung". Der Wert eines Preises bemisst sich an seiner Tradition und an der Qualität der Autoren, die im Laufe der Jahre dieses Preises für würdig befunden wurden. Wie sollte man denn nicht überrascht und glücklich sein, wenn der eigene Name auf eine Liste gerät, auf der Schriftsteller wie Imre Kertész, Claudio Magris, Péter Nádas, Slavenka Drakulic, Swetlana Alexijewitsch, Hugo Claus und Ryszard Kapuściński stehen sowie einige weitere Autoren gleichen Ranges? Deshalb danke ich der Jury, die mir die Ehre erwiesen hat, mich unter diese großen europäischen Schriftsteller einzureihen.

Zur Tatsache, dass es sich um einen Literaturpreis handelt, tritt eine weitere außergewöhnliche Prämisse dieses hier in Leipzig verliehenen Preises, nämlich jene, das geeinte Europa zu feiern, seine Künstler und Intellektuellen. Wir sollten niemals vergessen, dass die Europäische Union, eines der weitsichtigsten und komplexesten Projekte der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, mit seinen politisch-wirtschaftlichen, den sozialen, finanzwirtschaftlichen und strategischen Komponenten grundlegend auf Kultur aufbaut. Wenn wir eine europäische Identität benennen können, dann leitet diese sich vom besonderen Glanz ihrer Denker und Künstler her und zwar von der griechisch-jüdischen Antike bis in unsere Tage.

"Mein Traum gilt einem vielgestaltigen, aber nicht schizophrenen Europa"

Ich bin kein Autor aus Osteuropa. Ich erkenne jenes Drei-Zonen-Europa, bestehend aus einem zivilisierten Westeuropa, einem neurotischen Mittel- und einem chaotischen Osteuropa nicht an, weder geopolitisch noch kulturell, religiös oder sonst irgendwie. Mein Traum gilt einem vielgestaltigen, aber nicht schizophrenen Europa. Ich las Musil nicht, weil ich in ihm einen Wiederkäuer aus Kakanien vermutet hätte, sondern weil ich einen erzählenden Analytiker des europäischen Geistes in ihm sah. Es ist mir egal, in welchem Land André Bréton gelebt und geschrieben hat. Die Bücher, die ich schreibe, sind nicht von irgendwelchen Lämmchen der rumänischen Folklore oder von orthodoxen Rosenkränzen durchsetzt, sondern vielmehr geprägt von Dantes Sternen, John Donnes Kompass, der Lanze des Cervantes, von Kafkas Käfer, Prousts Madeleine, dem Butt des Günter Grass. Ich sehe mich nicht allein mit den rumänischen Autoren oder mit den Bulgaren, Russen, Serben, Tschechen oder Polen aus meiner Weltgegend im Wettstreit, sondern mit allen Schriftstellern, die ich bewundere und liebe.

"Ich betrachte mich selbst vor allem anderen als europäischen Schriftsteller"

Meine Themen können nur die großen Themen der europäischen Tradition sein, die für Euripides die gleichen waren wie für Joyce. Jene unter den rumänischen Autoren, denen es gelang, die Mentalitätsgrenzen zwischen Ost und West zu überwinden (und dadurch gewissermaßen auch wieder zu bestätigen), haben sich am europäischen Kulturhimmel als Sterne erster Größe erwiesen: Tristan Tzara, Eugen Ionescu, Emil Cioran. Ich habe außer mir selbst, außer dem Vaterland meiner Texte nichts zu vertreten. Ich könnte Portugiese, Este oder Schweizer sein. Ich könnte Frau sein, Hellene oder Barbar: Die Textur meiner Texte wäre natürlich jedes Mal eine andere, ihr Geist aber wäre unwandelbar der gleiche. Denn Valèry lag nicht ganz falsch mit der Behauptung, dass man alle Gedichte, die je geschrieben wurden, einem einzigen, zeitlosen Dichter zusprechen könnte, dem schöpferischen Geist eben. So betrachtet, ist Márquez ein Europäer, Pynchon ein Europäer und Kawabata nicht minder. Vielleicht nicht in der Einstellung und der Ideologie, aber sicher im großen kollektiven Unterbewusstsein des Kunstwerks, in der "Philosophie" dieses von den alten Griechen begründeten Erkenntnisbereichs. In den Grundannahmen, in dem, was unausgesprochen bleibt, für einen literarischen Text aber bestimmend ist.

Ich betrachte mich selbst vor allem anderen als europäischen Schriftsteller. Immer schon habe ich die nationalen Identitäten auf dem Kontinent für lokale Varianten eines grundlegenden Europäertums gehalten. Man kann nicht Deutscher sein, Rumäne, Italiener, Litauer, Schwede oder Portugiese, ohne zu begreifen, dass die Sprache der eigenen Kultur ein Dialekt der großen Kultursprache Europas ist, jener, in der Sokrates gesprochen hat, Homer, Dante Alighieri, Leonardo Da Vinci, Bach, Shakespeare, Balzac, Rilke, Picasso, Joyce. Dies ist der Grund, weshalb ich hoffe, durch mein Schreiben, zur intellektuellen Stabilität und Kohärenz des geeinten Europa beizutragen. In der gegenwärtigen geopolitischen Situation ist Europa mehr denn je auf alle seine Kräfte angewiesen, inklusive der künstlerischen und literarischen.

Den Kräften des Chaos und der Zerstörung widerstehen

Als Autor aus dem Osten des Kontinents spüre ich in diesen Tagen die ganze Spannung dieses Konflikts, der unsere Welt gefährdet. Ich spüre es schmerzhaft, als wären mir die verschobenen Grenzen unmittelbar in die Haut tätowiert. Aus Leibeskräften beklage ich in einer Welt, den neuerlichen Ausbruch des Irrationalen und der Paranoia. Mit meiner schwachen, aber durch das heutige Ereignis verstärkten Stimme appelliere ich an die Einigkeit Europas, an die Achtung der europäischen Werte, daran, den Kräften des Chaos und der Zerstörung zu widerstehen. Wir haben kostbare Dinge zu verteidigen: Demokratie, Toleranz, den skeptischen Geist, künstlerisches Genie - alles, was dazu beiträgt, dass Europa ein Kontinent der Zivilisation und der Kultur ist und bleibt.

Noch einmal, ich bin zutiefst dankbar, diesen namhaften Preis verliehen bekommen zu haben. Danke an Leipzig, danke der Jury, danke Ihnen allen!

Mircea Cărtărescu

(Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner)

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