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StartseiteTag für TagLeitmotiv Toleranz30.09.2013

Leitmotiv Toleranz

Großmufti Kamil Samigullin und der tatarische Islam

In der autonomen russischen Teilrepublik Tatarstan bemühen sich Regierung und Religionsvertreter, den Islam von radikalen Einflüssen frei zu halten: Es existieren keine offiziell registrierten islamischen Gemeinden außerhalb der geistlichen Verwaltung mit dem Mufti an der Spitze.

Von Henning von Löwis

Kamil Samigullin, Großmufti von Tatarstan (Henning von Löwis)
Kamil Samigullin, Großmufti von Tatarstan (Henning von Löwis)
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Sie wirkt wie ein Märchen aus "1001 Nacht" – die in magisches Abendlicht getauchte Kul-Scharif-Moschee mit ihren vier in den Himmel ragenden weißen Minaretten mit türkisfarbenen Türmen, verziert mit goldenen Halbmonden ausgerichtet auf Mekka. Ein Stück Orient im Herzen Russlands.

Die Kul-Scharif-Moschee, eingeweiht anlässlich des tausendjährigen Stadtjubiläums von Kasan im Sommer 2005, ist längst zu einem Wahrzeichen von Russlands "dritter Hauptstadt" geworden. Das jedenfalls möchte die dynamische Millionenstadt an der Wolga gerne sein. Da sind sich der Präsident der Republik und der Großmufti von Tatarstan einig, da ziehen sie an einem Strang.

"Wie Sie vielleicht gesehen haben, ist Kasan eine sehr schöne Stadt und ein gutes Beispiel für Toleranz."

Wenn Großmufti Kamil Samigullin Gäste begrüßt in seiner Residenz – einer fürstlichen alten Villa im Herzen Kasans, dann kommt er schnell auf das Klima zu sprechen – das geistige Klima. Stichwort Toleranz. Und gleich im nächsten Atemzug auf den bemerkenswerten Aufschwung des Islams in Tatarstan.

"Vor fünf Jahren habe es in Kasan 50 Moscheen und 50 Kirchen gegeben. Heute zähle man 70 Moscheen und 50 Kirchen."

Noch eindrucksvoller die Entwicklung im ganzen Lande:

"Vor zwei Jahrzehnten habe die Republik Tatarstan über 14 Moscheen verfügt. Heute über 1500."

Verkündet der Großmufti ganz nüchtern – und lässt sich kaum anmerken, wie stolz er auf das Aufblühen des Islams in Tatarstan ist.

Kamil Samigullin ist nicht der Typ, der vor Begeisterung sprüht, wenn er Erfolgsmeldungen verbreitet. Er ist ein bescheidener Würdenträger. Die Würde kommt in seiner Kleidung zum Ausdruck. Der Großmufti trägt ein offenes weißes Gewand, golden bestickt mit islamischen Ornamenten, ein Unterkleid in dezentem Grau und auf dem Kopf einen hellen tatarischen Turban.

Hinter dem großen Schreibtisch, an dem er Platz genommen hat, eine grüne Tafel mit goldenen Lettern: The Centralized Religious Organization – Muslim Religious Board of the Republic of Tatarstan. Standortbestimmung in vier Sprachen: Englisch, Russisch, Tatarisch und Arabisch. Hier unter diesem Dach in der Lobachevsky Straße Nr. 6 residiert sozusagen das Zentralkomitee der Muslime der Republik Tatarstan. Und würde es sich um eine politische Organisation handeln, dann wäre Kamil Samigullin der Erste Sekretär des ZK.

Ohne Zweifel ist der junge Mann – Jahrgang 1985, der sich da gerade anschickt die tatarische Variante des Islams zu erläutern, der mächtigste Muslim im Lande. Ganz wichtig erscheint ihm:

"Der Islam in Tatarstan wurde nicht erst kürzlich angenommen. Wir stützen uns auf sehr alte Traditionen, die 1000 Jahre zurückreichen. Und wir sind Anhänger einer besonders toleranten Schule des Islam – der Hannafi-Schule."

Der Großmufti verweist darauf, dass es vier Schulen im Islam gäbe. Die vier Schulen seien traditionelle Schulen. Eröffne man anderen Schulen Handlungsspielraum, so könne das zu Chaos führen.

Kamil Samigullin weiß, wovon er spricht, war sein Amtsvorgänger Ildus Faizov doch bei einem Bombenanschlag im Sommer 2012 verletzt worden. Ein Mitarbeiter des Muftis war am gleichen Tag von Terroristen erschossen worden. Sind also die ersten radikalen Islamisten im sonst so friedlichen Kasan angekommen? Der Großmufti schüttelt den Kopf.

"Was da vor einiger Zeit passiert sei, das sei eine Ausnahme, die die Regel bestätige."

Und die Regel laute, dass man sehr tolerant sei und hoffe, dass das auch so bleibe. Konflikte innerhalb des Islams sind für Kamil Samigullin kein Thema.

"Früher gab es solche Konflikte. Aber wir hoffen, dass in Zukunft alles anders wird, weil wir an unsere alten Traditionen anknüpfen. Und außerdem gibt es jetzt keine radikalen Imame mehr. Alle Imame, die in den Moscheen beschäftigt werden, sind keine Extremisten."

Behauptet der Großmufti – und betont einmal mehr, dass für nur eine Schule des Islams Platz sei in Tatarstan, die Hannafi-Schule. Offiziell gäbe es keine anderen Schulen. Inoffiziell aber offensichtlich doch. Denn:

"Um die anderen Schulen besser bekämpfen zu können, wird jetzt eine Zeitschrift herausgegeben. Diese Zeitschrift erscheint in tatarischer Sprache und wird unter den Imamen verteilt. Und darin wird der offizielle Standpunkt unserer Organisation vertreten."

Doch damit lässt es die islamische Zentralorganisation nicht bewenden. Die Zeitschrift liefert fertige Freitagspredigten gleich mit, die der Imam dann nur noch vorzulesen braucht. Auf diese Weise stelle man sicher, dass in allen Moscheen Tatarstans freitags nur die eine Predigt gehalten werde – und kein Imam etwa auf die Idee kommt, radikale Thesen zu verbreiten, wäre hinzuzufügen.

Kamil Samigullin weiß nur zu gut, dass es innerhalb Russlands, in den zentralasiatischen Republiken und in der arabischen Welt islamische Kräfte gibt, die das Wort TOLERANZ nicht so groß schreiben, wie das in Tatarstan geschieht.

Nach dem Besuch der Koranschule in Kasan hielt sich Kamil Samigullin zur Ausbildung in Mittelasien auf, anschließend absolvierte er die Islamische Universität in Dagestan, und ging dann nach Istanbul, um dort den Koran auswendig zu lernen. Nach der Rückkehr aus Istanbul habe er weiter studiert an der Russischen Islamischen Universität in Kasan.

Im Rahmen seiner langen und gründlichen Ausbildung habe er mehrere Sprachen gelernt und viele alte Bücher gelesen. Sein besonderes Interesse gilt den Büchern aus Tatarstan. In der Sowjetzeit hätte man diese religiösen Schriften teilweise zu Hause versteckt oder in staatlichen Bibliotheken deponiert.

"Jetzt spüren wir diese alten Bücher auf, die von tatarischen Gelehrten verfasst wurden.Wir übersetzen sie in die moderne Sprache, ins Russische und ins Tatarische."

Der Großmufti rückt seine Brille mit Goldrand zurecht und deutet mit dem Zeigefinger auf einen Stapel von Büchern auf dem Schreibtisch vor ihm. Der Koran, die Kasaner Ausgabe des Korans.

"Das Buch ist so berühmt, weil es der erste in der Welt gedruckte Koran ist. Er wurde vor 226 Jahren gedruckt. Und das geschah dank Katharina II., die ja eine Deutsche war."

Kamil Samigullin strahlt – macht kein Hehl daraus, wie stolz er auf diese Pionierleistung der tatarischen Muslime ist.

"Geschrieben wurde der Koran in Istanbul. Und gedruckt in Kasan."

Bis zum heutigen Tage ist Istanbul ein wichtiger Bezugspunkt für die Muslime Tatarstans. Manche absolvieren ihre Ausbildung auch in Saudi Arabien. Der Mufti ist sich im Klaren darüber, dass jene, die im Ausland studieren, von dort nicht unbedingt nur friedliches Gedankengut mitbringen nach Russland.

"Unser Land ist ein großes Land. Da gibt es viele unterschiedliche Personenkreise. Ich kann nicht die Verantwortung für alle übernehmen. Was aber Tatarstan betrifft, so tun wir alles, um extremistischen islamischen Organisationen Paroli zu bieten und Widerstand gegen solche Kräfte zu leisten."

Im Kampf gegen radikale Kräfte arbeitet die vom Großmufti geleitete islamische Zentralorganisation Hand in Hand mit dem Staat – der Regierung der Republik Tatarstan. Und auch zu Metropolit Anastasij von der russisch-orthodoxen Kirche unterhält Kamil Samigullin gute Kontakte – schließlich sind Muslime und Christen Nachbarn im Kreml von Kasan.

Zwischen der Kul-Scharif-Moschee und der Mariä-Verkündigungskathedrale liegt nur der Palast des Präsidenten der Republik.

Eigentlich, so der Großmufti, eigentlich sei der Islam eine Religion der Liebe. Vor einem Islam, wie er in Tatarstan gelebt werde, müsse sich niemand in der Welt fürchten. Also: Von Tatarstan lernen heißt Islam lernen? Oder?

Kamil Samigullin, der mit seinem dunklen Vollbart auch ein Schriftgelehrter sein könnte – was er ja auch ist, überlegt einen Moment, bevor er lächelnd seinen Gesprächspartnern aus Deutschland antwortet:

"Wenn Ihnen unser Modell gut gefällt, dann können Sie den Muslimen in Ihrem Land ja anbieten, zu uns zu kommen und sich hier in Tatarstan ausbilden zu lassen."

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