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StartseiteKultur heuteLenin, Lennon und das Auto08.01.2009

Lenin, Lennon und das Auto

Uraufführungsreigen am HAU in Berlin

Mit drei Recherche-Theaterprojekten startet das Berliner Hebbel am Ufer (HAU) ins neue Jahr: "Mausoleum Buffo" - eine ästhetische und philosophische Kollage zu Wladimir Lenin und John Lennon. "Ruanda Revisited" von Hans-Werner Kroesinger thematisiert den Völkermord in Ruanda. Und: "Auto" - Gedankensplitter und Anekdoten über die Bedeutung des PKWs.

Von Hartmut Krug

Dreifache Premiere am HAU in Berlin... (Stock.XCHNG)
Dreifache Premiere am HAU in Berlin... (Stock.XCHNG)

Mit drei sogenannten "Recherche"-Theaterprojekten startet das Berliner HAU auf seinen drei Bühnen in das neue Jahr. "Mausoleum Buffo" nennt die "Andcompany & Co" ihre Theaterperformance, für deren Vorbereitung sie sogar nach Leningrad gereist ist. Nach einem Zitat von Heiner Müller, dessen "Hamletmaschine" die Gruppe in ihrem vorherigen Projekt "Showtime: Trial & Error" mit dem Zeitgeist der Fernsehshows konfrontierte, wollen sie in "Mausoleum Buffo" den "Clinch von Revolution und Konterrevolution" als geistige Umarmung der Superhelden Lenin und Lennon zeigen.

Verkleidet als Eierköpfe, treten die meist englisch sprechenden Performer zwischen Kulissen auf, die an konstruktivistische Architektur und Kunst erinnern. Lenin liegt im Hintergrund wie Schneewittchen in seinem Sarg, während sich die fünf Performer als trompetende und trommelnde Kapelle und als Zitat-Remixer durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts spielen.

Die Inszenierung, die unter anderem Texte von Brecht und den Beatles, von Marx und Müller, Majakowski und Elvis durcheinander wirbelt, zeigt eine Geschichte des Verrats. Das Mausoleum spuckt unentwegt Figuren der sozialistischen Bewegung und der modernen Popkultur aus. Die Performer halten sich Masken der Figuren vor oder setzen sich Mickey-Mouse-Ohren auf, und einer verkleiden sich für den Beatles-Song "I am the walruss" mit einem Walross-Eierkopf.

Die Textmontage ist hochkompliziert, und auch die Identifizierung der zahlreichen Figuren, deren Pappgesichter oder Zitate aufscheinen, ist nicht einfach. Doch der Abend besticht durch seinen szenischen Einfallsreichtum, er besitzt einen ungeheuren Charme, der sich sowohl aus einem intellektuellen Basteltrieb wie aus einer kindergeburtstagsartigen Lustigkeit speist. Das Publikum war jedenfalls sowohl zufrieden als auch total erschöpft.

Das wird erwartungsgemäß nicht anders sein nach der heutigen Uraufführung. Denn die Abende des Dokumentar-Theater-Machers Hans-Werner Kroesinger sind stets ernsthafte, nüchterne, szenisch kaum bewegte Auseinandersetzungen mit politischen und historischen Ereignissen. Nach Stücken über den deutschen Kolonialkrieg in Namibia und über den Völkermord an den Armeniern sowie einem "Beirut Report", beschäftigt Kroesinger sich in "Ruanda Revisited" mit dem Völkermord an 800.000 Menschen, der 1994 unter den Augen der UN-Blauhelme in Ruanda stattfand.

Einfach nur "Auto" heißt das dritte Recherche-Projekt, das gestern Uraufführung hatte. Dabei soll das Theater nicht ein Theater, sondern eines dieser Verkaufs- und Produktionshäuser sein, in dem die Autoindustrie sich und ihre Produkte präsentiert. Also bekommt der Besucher einen Plan in die Hand gedrückt, auf dem der Eingangsbereich als Welcomedesk, eine Seite der Garderobe als Merchandise-Bereich und die Bühne als Showroom ausgewiesen sind, während die Hinterbühne für die Fertigung und Präsentation vorgesehen ist.

Wie wichtig das Auto für die Volkswirtschaft ist, zeigt die aktuelle Börsenkrise. Die Dramatikerin Gesine Danckwart hat errechnet, dass jeder siebte Arbeitsplatz in Deutschland vom Auto abhängig ist. Doch auch wenn von der Krise der Autoindustrie in den Ankündigungen ihres neuen Stückes mit dem einfachen Titel "Auto" viel die Rede ist, spielt sie in der Aufführung kaum eine Rolle.

Die drei Schauspieler, die auf die Bühne, also in den Showroom kommen, lesen von Zeitungsseiten nur ein paar Schlagzeilen ab, deren Folgerungen Stille und Stillstand sind. Ein Film hatte zuvor die Vorstellungen von unbegrenzter Mobilität versinnlicht, den die Menschen mit dem Auto verbinden. Eine immer schneller werdende Kamerafahrt zeigte eine Computerwelt, und der Weg führte aus dem Wasser über Feldwege und große Straßen bis in den Himmel, - natürlich stand am Ende dieser Schöpfungsgeschichte der Absturz. Und damit hatte man auch gleich die schmale Aussage dieses Abends erfahren: Das Auto als Fetisch und Symbol für unbegrenzte Beweglichkeit ist vom Absturz bedroht. Deshalb setzt sich am Schluss, nachdem drei Autos in Originalgröße aus Pappe zusammengeschraubt worden sind, eines von ihnen nur in Bewegung, um in einem Crash auseinander zu fallen.

Zuvor aber haben uns drei Schauspieler viele Gedankensplitter und Anekdoten hingeschüttet, die vom Auto als mobiles, emotionales, wirtschaftliches und, das nur am Rande, als ökologisch problematisches Objekt erzählen. Dabei fühlt sich eine der drei bereits, als sei sie selbst ein Auto:

"Ich bin Auto und nicht Bus. Ich bin so selbstflex und mobil, wie nur. Ich bin zusammengesetzt und multinational. An mir hat eine ganze Zulieferindustrie ihr Bestes zusammengesetzt aus Mitteleuropa und deutschem Know-how. Ich bin noch nicht hybrid. Aber ich kann es jeden Augenblick werden. Ja, Elektro, Gas, Mais, Diesel."

Dann wird ein Spielzeugauto vor einem Foto am Bühnenrand bewegt, gefilmt und ganz groß auf der Leinwand gezeigt, und wir hören, was wir ahnten: Der Mensch ist mit dem Auto so sehnsuchtsvoll wie krisenhaft verbunden.

Bei Gesine Danckwart gibt es weder Psychologie noch Geschichten, sondern nur Gedankensplitter und Gerede über Realität. Doch die gewählte große Form der Bespielung des gesamten Hauses, erschlägt die dünnen Texte und die sparsame szenische Aktion. Wenn die drei Präsentatoren auch noch Parallelen zwischen Auto- und Theaterproduktion behaupten und das Theater mit seinen einzelnen Bauteilen zum Autowerk erklären, verharmlost sich der kaum anderthalb Stunden lange Abend zum Schmunzel-Kabarett.

Wirklich toll aber war eine Theaterführung, bei der die Schauspielerin Caroline Peters das Theater als Autowerk vorstellte. Das war witzig, schlagfertig und ungemein sehenswert. Doch insgesamt war der Abend von müder Nettigkeit statt von analytischer Genauigkeit, und nur gelegentlich war er wenigstens amüsant.

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