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StartseiteKalenderblattLeo Trotzki wird geboren07.11.2004

Leo Trotzki wird geboren

Ein gewiefter Stratege und gegenspieler Stalins

<em> Ein Aufstand der Massen wird nicht gemacht, meine Herren Richter, sondern er vollzieht sich von selbst. Er ist das Produkt der sozialen Beziehungen und Bedingungen und nicht eines papierenen Planes. Ein Volksaufstand kann nicht geschaffen, sondern nur vorausgesehen werden. Aus Gründen, die von uns ebenso wenig abhängen wie vom Zarismus, war ein offener Konflikt unvermeidlich geworden… </em>

Von Ruth Jung

Leo Trotzki in Moskau, 1921 (AP Archiv)
Leo Trotzki in Moskau, 1921 (AP Archiv)

… erklärte Leo Trotzki 1906 vor Gericht. Angeklagt wegen revolutionärer Umtriebe, wusste sich der Vorsitzende des ersten Arbeiterrates von Sankt Petersburg klug zu verteidigen. Trotzkis Verteidigung nach Niederwerfung der ersten russischen Revolution im Januar 1905 zählt zu den großen Reden der Weltgeschichte.

Eine Zukunft als Redner von Weltrang war dem am 7. November 1879 - nach dem alten russischen Kalender am 26. Oktober - als Leo Dawidowitsch Bronstein geborenen jüdischen Bauernsohn nicht in die Wiege gelegt. Als fünftes von acht Kindern kam Leo Bronstein im ukrainischen Dorf Janowka zur Welt. Zwei Monate vor Josef Stalin und genau achtunddreißig Jahre vor der Oktoberrevolution. Mit sechs Jahren lernt der aufgeweckte Junge von der Schwester Lesen und Schreiben; für den Vater, Analphabet wie die meisten russischen Bauern, schreibt er die Rechnungen. Dank eines Onkels kann Leo Dawidowitsch die deutsch-lutherische Realschule in Odessa besuchen, wo er später das Abitur mit "ausgezeichnet" besteht. In seiner Autobiographie schreibt er :

Die erwachende Sehnsucht, zu sehen, zu wissen, zu bewältigen, suchte einen Ausweg in dem unermüdlichen Verschlingen gedruckter Zeilen (...). Alles, was im ferneren Leben an Interessantem, Hinreißendem, Freudigem oder Traurigem geschah, war schon in den Erlebnissen der Lektüre als Schatten, als Versprechen, als leichte Bleistiftskizze oder Aquarell enthalten gewesen.

Das mit Trotzki verbundene Weltgeschehen füllt Bibliotheken. Er selbst war Journalist und Schriftsteller; über seine erste große literarische Arbeit 1929 urteilt der amerikanische Verleger:

Seine Autobiographie (...) ist zweifellos eine der wichtigsten Quellen unserer Zeit. (...) Er betrachtete es durchaus nicht als Memoirenwerk, das man am Ende einer Laufbahn verfasst. Im Gegenteil, er sah in ihm einen integralen Bestandteil seines aktiven Lebens, ein Mittel, das ihn selbst in den Stand setzte, auf all die Ereignisse zurückzublicken, bei denen er eine Rolle gespielt hatte, sie im Lichte seiner eigenen Erfahrung und Philosophie zu bewerten (...).

Der gewiefte Stratege Trotzki war der eigentliche Organisator der Oktoberrevolution, während Lenin, der große Stücke auf ihn hielt, noch im finnischen Versteck war. Um seine Person machte Trotzki kein Aufhebens. Es ging um die Sache: den Sturz des Zarenregimes und den Aufbau des Sozialismus. Russland gab das Beispiel.

Die Tatsache, dass das Proletariat in einem der rückständigsten Länder Europas zuerst zu Macht gekommen ist, scheint auf den ersten Blick rätselhaft, ist aber nichts desto trotz weniger gesetzmäßig.

1918 führte Leo Trotzki als Volkskommissar für Äußeres die Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk; wenig angetan zeigte sich die kaiserlich-deutsche Delegation von dem fließend deutsch sprechenden russischen Verhandlungsführer, vertrat er doch offen seine aufrührerischen Ansichten.

Mit diesem Kreis Menschen kam ich hier zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht zusammen. Es ist unnötig zu sagen, dass ich mir auch früher keine Illusionen in Bezug auf sie gemacht hatte. Ich vermutete längst, dass es nicht Götter sind, die die Töpfe brennen. Aber ich gebe zu, ich hatte mir das Niveau höher vorgestellt. Den Eindruck der ersten Begegnung könnte ich mit den Worten formulieren: Diese Menschen schätzen die anderen sehr billig ein, aber auch sich selbst nicht sehr teuer...

… erinnert sich Trotzki. Ausgeprägte Menschenkenntnis ließ ihn früh die Absichten Stalins erkennen. In dessen tödlichem Machtwillen witterte er den Verrat; eine diktatorische Parteibürokratie würde den Sozialismus auf lange Zeit diskreditieren. Der 1924, nach dem Tod Lenins einsetzende Prozess stand in krassem Widerspruch zur 1906 entwickelten Trotzkistischen Theorie Von der permanenten Weltrevolution.

In Artikeln für internationale Zeitungen analysierte Trotzki den Verfall, den russischen Antisemitismus und den Nationalsozialismus: Die Moskauer-Schauprozesse sah er Anfang der 1930er Jahre ebenso voraus wie den Hitler-Feldzug. Seit 1928 war er mit seiner Frau Natalia Sedowa auf der Flucht; die Odyssee führte das Paar 1937 nach Mexiko. Tausende Anhänger Trotzkis, die gesamte Familie, Töchter und Söhne, hatte Stalin ermorden lassen. Nur der Begründer der Dissidentenbewegung entkam ihm zehn Jahre lang immer wieder. In Mexiko schließlich wurde der 60-Jährige am 20. August 1940 in seinem Arbeitszimmer von einem gedungenen Mörder erschlagen. Das Kommende vorausahnend hatte Trotzki im Februar 1940 ein Testament verfasst:

Dreiundvierzig Jahre meines bewussten Lebens bin ich Revolutionär gewesen; zweiundvierzig Jahre habe ich unter dem Banner des Marxismus gekämpft. Wenn ich von vorne beginnen könnte, würde ich natürlich versuchen, den einen oder anderen Fehler zu vermeiden, aber die große Linie niemals ändern. Ich werde als proletarischer Revolutionär, als Marxist, als dialektischer Materialist und folglich als unversöhnlicher Atheist sterben. (...) Das Leben ist schön. Die kommende Generation möge es reinigen von allem Bösen, von Unterdrückung und Gewalt und es voll genießen.

Literaturauswahl:
Leo Trotzki, Mein Leben; Berlin 1930
ders., Schriften über Deutschland; hrsg. von Helmut Dahmer, Ffm. 1971
ders.,Geschichte der Russischen Revolution (2 Bde.); Berlin 1931-1933
ders., Die permanente Revolution; Berlin 1930
Harry Wilde, Trotzki; rororobildmongraphien Reinbek bei Hamburg 1969 (13. Auflage
Dez. 2000)
Isaac Deutscher, Trotzki (Biographie 3 Bde.); Stuttgart 1962-1963

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