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StartseiteCorsoDer Klang der Seele 10.11.2018

Leonard Cohen Der Klang der Seele

Wenn Kanadas Seele singen würde, sie klänge vermutlich wie er: Der Dichter, Maler und Musiker Leonard Cohen. Der Melancholiker aus Montreal ist 2016 im Alter von 82 Jahren gestorben. Seine Musik aber lebt weiter. Eine Spurensuche an den Orten seiner Jugend und seines Lebens.

Von Georg Schwarte

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Montreal würdigt Leonard Cohen einem riesigen Konterfei (AFP)
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Es muss dieser Klang gewesen sein. Der eine Ton eingegraben in die Seele. Die Musik seiner Kindheit. Des Juden Leonard Cohen. Dienstagabend. Im Saal der Shaar Hashomayim Synagoge in Montreal. Seiner Synagoge. Hier gehen und gingen fünf Generationen der Familie Cohen ein und aus. Der Chor probt. Und Kantor Gideon Zelermyer sagt, dieses Lied, eines der ältesten Motive, das die jüdische Musik der westlichen Welt kenne. Cohen kannte es auch und so kam es, dass das Lied und der Chor seiner Synagoge am Ende, kurz vor seinem Tod, zusammenfanden. Auf der letzten Platte, die der Montrealer Leonard Cohen herausgab.

Leonard Cohen trägt ein helles Hemd, darüber eine dunkle Weste, außerdem einen Hut und schaut in die Kamera. (picture alliance /dpa /EPA /Yoan Valat)Leonard Cohen bei einem Auftritt in Nimes (Frankreich) im Jahr 2009 (picture alliance /dpa /EPA /Yoan Valat)

Auf der Suche nach dem Klang seiner Jugend

Neun Jahre hatten sich der jüdische Kantor und der jüdische Weltstar Cohen lediglich geschrieben. Eine E-Mail-Freundschaft. Mehr nicht. Dann aber - im Herbst 2015 – meldete sich Cohen, fragte, ob der Chor seiner Synagoge nicht Lust habe, an seiner neuen Platte mitzuwirken. Er, Cohen, sei auf der Suche nach dem Gesang und Klang seiner Jugend. Und Cohen fand ihn, den Klang, hier in seiner Synagoge.

Der Chor, Montrealer. Eine bunte Mischung aus Studenten, Arbeitern. Professoren. An den Wänden des Proberaumes, die Porträts der Präsidenten der Gemeinde. Der Großvater und Urgroßvater Cohens, beide standen der Kongregation einst vor. Leonard Cohen, sagt Kantor Zelermyer, er war ein jüdischer Montrealer per Geburt und ein Jude auch im Tod. Und habe sich – auch wenn er nicht sehr religiös war - nie sehr weit von der jüdischen Kultur entfernt. Bis heute fragt sich Kantor Zelermyer dennoch: "Warum ausgerechnet wir? Amateure? Jeder Backgroundchor der Welt hätte für Cohen singen können und wollen."

Kanada: Skyline von Montreal. | Verwendung weltweit (dpa)Kanada: Skyline von Montreal (dpa)

Stilprägend für einen ganzen Stadtteil

Leonard Cohen und Montreal. Eine Liebegeschichte auch das. Auf eine Art. Die Stadt für ihn Zufluchtsort und Ausgangspunkt für viele Fluchten gleichermaßen. Schon 1961 schrieb er, er müsse immer wieder nach Montreal zurückkehren, auch um seine neurotische Verbundenheit mit dieser Stadt zu pflegen. Im Reichenviertel Westmount ist Cohen geboren worden. Gelebt aber hat er hier, im Le Plateau, einst ein Arbeiterviertel. Kleinleningrad nannten sie es. Dann kamen die Portugiesen.

Der kanadische Countrysänger Li‘l Andy steht vor dem Haus Leonard Cohens am Parc du Portugal. Ein bescheidenes zweistöckiges Steinhaus. Cohen kaufte es in den 70ern. Zog nach Montreal. Seine beiden Kinder – hier geboren. Seine Nachbarschaft. Bis heute. Geprägt auch von ihm, dem Künstler Cohen, sagt Li‘l Andy: "Jeder habe immer gewusst: hier wohnt Cohen. Er prägte den Stil eines ganzen Viertels. Fans kamen. Auch wenn er nicht da war. Er gab allem hier ein Stück Coolness von diesem Epizentrum der Coolness, das er selbst war. Li’l Andy. Der Künstlername. Eigentlich heißt der Mann Andrew McClelland, 36 Jahre. Sänger. Cohen-Fan seit er elf war. Nach Montreal kam der Profimusiker, weil er in der Stadt leben wollte, in der Cohen war. Er wollte Teil dieser romantischen Liebesbeziehung zwischen Cohen und seiner Geburtsstadt werden.Andy sitzt mittlerweile in seinem Studio. Die Gitarre auf dem Schoss. "I am your man." Auch so ein leuchtender Stern am Cohenhimmel. 

Grammy-Preis (imago/UPI Photo)Grammy-Preis (imago/UPI Photo)

Leonard Cohen. Zwei Monate nach seinem Tod erhielt er posthum einen Grammy für die Platte und das Lied, das dem Album seinen Namen gab. "You want it darker". Und nicht nur Cohen erhielt den Preis. Auch der Synagogenchor und Kantor Zelermyer waren über Nacht Grammy-Preisträger für den Sound, der tief im Kopf Cohens einst hier entstanden sein muss und den sie für ihn neu erschufen. Shapiro habe ich begriffen, dass hier ist nicht Karaoke. Wir werden gerade zum Teil seines ewigen Gesamtwerkes: Es sei damals wie eine Offenbarung gewesen sagt Shapiro.

Leonard Cohen. Wer seine Spuren in Montreal sucht, muss nur die Menschen fragen. Jeder hat seine ganz eigene Cohen-Geschichte. Und alle haben im Kern mit großmütiger Bescheidenheit, mit Liebe zu tun.

Simon Rossen steht in seinem Bagelcafe, schräg gegenüber von Cohens Haus am Parc du Portugal. Der Dichter, Stammkunde dort. Fast jeden Morgen kam er, sagt der Besitzer Simon Rossen: von seinem Laden aus konnte er das Fenster im obersten Stock von Cohens Haus sehen. Sobald ich ihn winkte ich. Komm rüber und er kam in. Und er der Weltstar, stellte sich in die Schlange, wartete auf einen Platz. Andere Stammkunden haben ihre Stammplätze. Fragen erst gar nicht. Cohen wartete sagt Simon Rossen: So war er wohl. 

Gentleman in Hausschuhen

Cohen der Menschenfreund. In seiner Nachbarschaft erinnern sich alle. Er gehörte zum Straßenbild. Tauchte ein und unter. Schräg gegenüber seines Hauses Schreter. Eine Art Herrenausstatter. Eher etwas spießig. Seit 1929 gibt es den Laden. Cohen war Stammkunde.

CD-Cover: "Old Ideas" von Leonard Cohen (Columbia / Sony Music)CD-Cover: "Old Ideas" von Leonard Cohen (Columbia / Sony Music)

Er war die Definition von Gentleman, sagt der Verkäufer. Und auch er hat seine Cohen-Geschichte. Denn Leonard Cohen, der Mann der Maßanzüge, er flanierte hier zuhause in der Nachbarschaft über den  Boulevard Saint Laurent stets und immer in Pantoffeln. Schwarzen Velourpantoffeln zum Anzug. Und jedes Jahr kam er. Kaufte ein neues Paar. Und immer wenn der Verkäufer ihn später draußen auf der Strasse in Pantoffeln traf, habe Leonard Cohen ihm zugeraunt: "Du bist der einzige, der das weiß: der einzige!"

Ein Künstler - ein Poet - dessen Werk weltweit Spuren hinterliess

Es waren auch die Brüche in seinem Leben, die am Ende das Licht noch etwas heller scheinen ließen. Drogen. Depression. Beziehungen. Viele Frauen. Überbordende Liebe und jene melancholische Zärtlichkeit in der Sprache, die in den allermeisten irgendeine Saite zum Klingen brachte.

Ein paar Straßen hinter seinem Haus schaut er herab. Eine Wandzeichnung. Neun Stockwerke hoch. Der Kopf Leonard Cohens. Der Hut tief in der Stirn, der Blick eine Mischung aus spöttischen Lächeln und unendlicher Güte. Anne, die Lehrerin aus Calgary steht davor und schaut nach oben: "Er bedeutet für jeden etwas. Unsere Kinder. Unsere Eltern. Er ist jemand für die ganze Welt. Er machte Poesie für alle. Jeder kann etwas in seinen Worten finden. Er wird für immer da sein. Auch wenn er nicht mehr da ist. Seine Sprache, seine Musik wird bleiben."

Als Leonard Cohen starb, schaute die Welt gerade auf die USA, wählte einen Präsidenten namens Trump. Cohen erlebte das nicht mehr. Er wollte beerdigt werden, wo er geboren wurde. In Montreal. Auf dem Friedhof seiner Synagoge. Kantor Zelermyer, sang nicht nur auf der letzten Platte, er sang auch am Grab. Dass Cohen hier beerdigt werden wollte in Montreal, überraschte Zelermyer nicht.

Der Grabstein, er läuft über mit Kieselsteinen. Das Grab, Pilgerstätte. Weinflaschen, Zettel. Zigaretten. Bilder. Briefe. Ergebnis von Spuren die er hinterließ - bei den Lebenden.

   Der kanadische Sänger und Songwriter Leonard Cohen (9.10.2011). (dpa / picture alliance / J.L. Cereijido)Leonard Cohen ist im Alter von 82 Jahren gestorben. (dpa / picture alliance / J.L. Cereijido)

   

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