Mittwoch, 15.07.2020
 
Seit 06:35 Uhr Morgenandacht
StartseiteTag für TagZwischen Katholizismus und Aufklärung10.12.2019

Leopold MozartZwischen Katholizismus und Aufklärung

Leopold Mozart war Vater zweier Wunderkinder, ein vielbeachteter Musiker und ein fortschrittlicher Mensch. Mit 18 verließ er seine Geburtsstadt Augsburg und ging nach Salzburg, wo er es zum erzbischöflichen Vizekapellmeister brachte. In der streng katholischen Stadt geriet er in Konflikt zwischen seinem Glauben und dem neuen Geist der Aufklärung.

Von Alfried Schmitz

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Die Familie Mozart, Gemälde von Johann Nepomuk della Croce, 1780/81 (Salzburg, ISM, Mozart-Museen & Archiv)
Die Familie Mozart, Gemälde von Johann Nepomuk della Croce, 1780/'81 (Salzburg, ISM, Mozart-Museen & Archiv)
Mehr zum Thema

Zauberflöte und C-Moll-Messe Der Freimaurer und Kirchenmusiker Mozart

Musik und Religion Heiliger Beethoven

Bach und seine Zeit Frommes Melodiengenie

Religion und Klang Im Anfang war der Sound

"Leopold Mozart war unglaublich belesen. Er besaß eine reiche Bibliothek, deren Umfang wir auch einigermaßen kennen, weil es Bücher tatsächlich gibt, die sich erhalten haben, mit seinem Ex-Libris-Eintrag. Bücher über Religion und Geschichte. Also wirklich eine umfassende Bibliothek ganz im Sinne der Aufklärung. Leopold Mozart war durchaus ein aufgeklärter Mensch. Vernunft und Nachdenken waren ihm immer ganz wichtig."

Anja Morgenstern, Wissenschaftliche Abteilung der Internationalen Stiftung Mozarteum in Salzburg. Dort wird nicht nur das musikalische Vermächtnis von Vater Leopold und Sohn Wolfgang Amadeus Mozart verwaltet und analysiert, also ihr historisches Notenwerk. Dort wird auch untersucht, in welchem Kontext die Familie Mozart lebte und arbeitete. Dabei ist den Salzburger Wissenschaftlern auch wichtig zu erforschen, welche Beziehung man im Hause Mozart zur Religion und speziell zum Katholizismus hatte.

"Die Frage lässt sich von der Frage, wie die religiöse Welt im 18. Jahrhundert war, nicht trennen. Es wäre genauso naiv zu denken, man könnte Johann Sebastian Bach verstehen, ohne sich wenigstens wissenschaftlich auf den Protestantismus seinerzeit einzulassen."

Ulrich Leisinger. Er leitet die wissenschaftliche Abteilung der Internationalen Stiftung Mozarteum und erinnert an die Jugendzeit von Leopold Mozart, der 1719 in Augsburg geboren wurde.

Zwischen Jesuiten und Reformationsbewegung

In der Freien Reichsstadt herrscht damals schon ein moderner Geist, der auch großen Einfluss auf sein Elternhaus und seine Erziehung hat.   

"Leopold Mozarts Vater war Buchbinder. Und ich glaube schon, dass man damals Bücher nicht nur gebunden, sondern auch durchgeblättert hat. Und da kam seinerzeit natürlich Vieles auf den Tisch dieser Familie Mozart in Augsburg. Augsburg - ohnehin ein wichtiges Kulturzentrum, weil es eine von den wenigen Städten in Deutschland war, wo Protestantismus und Katholizismus wirklich gleichrangig nebeneinander bestanden."

In der Bischofstadt, seit frühchristlicher Zeit eine Hochburg des katholischen Glaubens, setzt sich mit der Reformationsbewegung protestantisches Gedankengut immer stärker durch. Die Anhängerschaft Luthers ist schließlich so mächtig, dass der Stadtrat 1534 beschließt, die neue Glaubensrichtung offiziell anzuerkennen. Augsburg versteht sich seitdem als tolerante bi-konfessionelle Stadt, in der eine friedliche Koexistenz von Lutheranern und Katholiken möglich sein soll.

Der junge Leopold Mozart wird in einem gegenreformatorischen Milieu katholisch erzogen. Er besucht das Jesuitenkolleg. Und doch ist er stark geprägt von diesem freien Denken seiner Geburtsstadt Augsburg. Als junger Mann interessiert er sich für die gesellschaftlichen und politischen Strömungen seiner Zeit. Dass er sich 1737 für ein Philosophiestudium in Salzburg entschließt, scheint die Konsequenz seiner intellektuellen Aufgeschlossenheit zu sein.

Musikkarriere bei den Fürsterzbischöfen

In Salzburg entwickelt sich Leopolds Leidenschaft für die Musik so stark, dass er sein Philosophiestudium mit dem niedrigsten akademischen Grad, dem Baccalaureus, abschließt. Ein ehemals ins Auge gefasstes zusätzliches Studium der Rechtswissenschaften beginnt er halbherzig, bricht es ab und entschließt sich für die Laufbahn eines Berufsmusikers, wird festes Mitglied in der Kapelle am erzbischöflichen Hof. Wohl auch eine existenzielle Entscheidung, denn 1747 heiratet er im Salzburger Dom Anna Maria Pertl und gründet mit ihr eine Familie.

Historische Altstadt von Salzburg, gesehen von der Festung Hohensalzburg (picture alliance / dpa / Daniel Kalker)Vom liberalen Augsburg verschlug es Leopold Mozart ins streng katholische Salzburg (picture alliance / dpa / Daniel Kalker)

Leopold Mozart macht schnell Karriere. Er wird Vizekapellmeister des Fürsterzbischofs, veröffentlicht ein anerkanntes Lehrbuch für das Violinspiel und komponiert viele Stücke, darunter auch einige herausragende Kirchenwerke.

Die Mozarts nehmen am religiösen Leben des katholischen Salzburg teil, besuchen regelmäßig die Gottesdienste, neigen dabei aber nicht zu übertriebener Frömmelei, sondern unterscheiden sich in einem wichtigen Punkt von ihren mehrheitlich strenggläubigen Salzburger Mitbürgern:

"… dass sie sich sehr stark mit dem aufgeklärten Denken befassten. Das beeinflusst auch die Religiosität. Man fragt nach der Vernunft. Und das ist eine Spannung, die sich da in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auftut, weil dieser vernunftbetonte Gottesglaube immer stärker wird, also das, was man theologisch Deismus nennt."

Christoph Großpietsch, wissenschaftliche Abteilung der Internationalen Stiftung Mozarteum in Salzburg, der Stadt wo Leopold und Wolfgang Amadeus Mozart vor gut 250 Jahren in Diensten der dortigen Fürsterzbischöfe standen.

Ein aufgeklärter Geist im erzkatholischen Salzburg

Das Porträt zeigt den Fürstbischof von Salzburg Hieronymus Graf von Colloredo-Waldsee (1732-1812) (picture alliance)Hieronymus Graf von Colloredo-Waldsee (picture alliance)Einer von ihnen Sigismund Graf von Schrattenbach, ein großzügiger Mentor der Familie Mozart und sittenstrenger Kirchenfürst. Sein Nachfolger Hieronymus von Colloredo jedoch ist Anhänger der katholischen Aufklärung. Mehr noch, er soll ein Mitglied des Illuminatenordens gewesen sein, der mit aufklärerischen Ideen die Welt verbessern will. Der Bund sucht nach neuen Formen des religiösen und sozialen Miteinanders. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – einige katholische Aufklärer vertreten genau jene Werte, die zu Parolen der Französischen Revolution und zum Inhalt der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung werden. Es ist eine Zeit des Umbruchs. Christoph Großpietsch:

"Die Mozarts waren eigentlich mittendrin. Sie sind durch ganz Europa gereist. Man hatte das calvinistische Holland gesehen, man hatte das britische Königreich mit der Church of England gesehen, man hatte das katholische Frankreich gesehen, wo natürlich besonders viel Aufklärung und die ganzen Enzyklopädisten zu Hause waren und Italien - mit der recht gemächlichen, aber auch sehr weltlich eingestellten katholischen Grundausrichtung." 

Kontakt zu Freimaurern

Auf seinen vielen Vorstellungs-Reisen, die der geschäftstüchtige Leopold Mozart mit seinen musikalisch-genialen Kindern "Nannerl" und "Wolferl" unternimmt, kommt er dann wohl auch in Kontakt mit den Freimaurern. Anja Morgenstern:

"In Salzburg war Freimaurerei verboten, durch päpstliche Bulle, also er konnte das in Salzburg nicht praktizieren."

Dass Leopold Mozart enge Kontakte zu einer Freimaurerloge in München aufgebaut haben soll, ist reine Spekulation. Doch im Wiener Staatsarchiv ist die Präsenzliste der Wiener Loge "Zur wahren Eintracht" zu finden. Auf diesem Schriftstück steht nachweislich auch der der Name Leopold Mozart. Anja Morgenstern:

"Ich kann mir gut vorstellen, dass seine Neugierde für so etwas Neues, für die Zeremonien groß war und dass er diese Zeremonie der Aufnahme mitgemacht hat."

Anders als sein Sohn Wolfgang Amadeus, der sich während seiner Wiener Zeit ganz offen zur Mitgliedschaft in einer Loge bekennt, sind die Freimaurer für Leopold, seinen Vater, wohl nur geistige Inspiration, die seine enge Verbindung zum katholischen Glauben und zur Kirche als Institution nicht zum Wanken bringt. Christoph Großpietsch:

"Er hat sich deshalb nicht von der katholischen Kirche verabschiedet, sondern es war etwas, was zusätzlich hinzugekommen ist, das die Suche gestillt hat nach neuen Begegnungen im Sinne des aufgeklärten Gedankentums."  

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk