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Startseite@mediasresAufklärung aus dem Exil10.09.2020

Leopold SchwarzschildAufklärung aus dem Exil

Leopold Schwarzschild hatte das "Dritte Reich" früh kommen sehen und warnte in seiner Zeitschrift "Das Tage-Buch" vehement. Nach der Machtergreifung Hitlers arbeitete er aus dem Exil und wurde auch im Ausland geschätzt - unter anderem von Winston Churchill.

Von Brigitte Baetz

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Für einen NS-Film nachgestellte Szene des Fackelzugs der SA durch das Brandenburger Tor, mit dem die Nationalsozialisten am 30.01.1933 die Machtübernahme feierten (Archivbild vom Sommer 1933). (dpa / picture alliance )
Nachgesteller Aufmarsch am 30. Januar 1933 durch das Brandenburger Tor. Leopold Schwarzschild kommentierte die Machtergreifung der Nazis hämisch. (dpa / picture alliance )
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Später wird man von der Weimarer Republik als einer Demokratie ohne Demokraten sprechen. Doch dieses Urteil ist zu pauschal, denn es gibt eine große Zahl von Publizisten, die sich für sie einsetzen: Leopold Schwarzschild beispielsweise mit seiner Zeitschrift "Das Tage-Buch", die 1920 von Stefan Grossmann gegründet worden war.

Ein unbequemer Geist

In Form und Aufmachung ähnelt sie der linken "Weltbühne". Das "Tage-Buch" ist allerdings wesentlich nüchterner als die Zeitschrift Carl von Ossietzkys, auch wenn hier wie dort die großen Autoren ihrer Zeit Beiträge leisten: Brecht, Mehring, Kästner zum Beispiel. Leopold Schwarzschild, der aus einer alten jüdisch-orthodoxen Kaufmanns- und Gelehrtenfamilie aus Frankfurt kommt, versucht, rein aus dem Geiste der Vernunft und nicht der Moral zu argumentieren.

In der Berliner Szene dieser Zeit gilt er als wenig umgänglicher Mann von gleichwohl scharfem Verstand. Er ist Wirtschafts- und Finanzexperte durch und durch, ein Journalist für den, wie der Schriftsteller Hans Sahl in seinen Erinnerungen schrieb, "die Wirtschaft alles war und die Ideologie nichts." Früh erkennt Schwarzschild, dass es nicht die wirtschaftlichen Probleme sind, die die deutsche Demokratie gefährden, sondern die Schwäche der Sozialdemokraten und die Ignoranz der Westmächte, die dem politischen Niedergang Deutschlands tatenlos zusehen.

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Frühe Flucht

Am 30. Januar 1933 ist Hitler am Ziel. Spöttisch kommentiert Leopold Schwarzschild die Propagandainszenierung der neuen Machthaber:

"Am Nachmittag erfuhr das Volk, dass es sich seit dem Vormittag in einer siegreichen Revolution befinde. Für den Abend wurde den braunen und grauen Krypto-Armeen befohlen, der Öffentlichkeit mittels Fackelzügen die von höchsten Stellen anberaumte Revolution festlich zu verdeutlichen. Während Revolutionen sonst anschwellen, explodieren und unter der Gewalt der Explosion zum Regierungswechsel führen, kam hier zuerst der Regierungswechsel, dann wurde, unter der Regie der neuen Befehlshaber, die nie gewesene Revolution sozusagen nachgeliefert."

Der leichte Ton des Artikels täuscht. Aufgrund der polarisierten Stimmung in der Hauptstadt sind Redaktion und Verlag schon im Sommer 1932 von Berlin nach München gezogen. In quasi letzter Minute flieht Schwarzschild, dessen Name bereits auf der ersten Ausbürgerungsliste der Nazis steht, über Wien nach Paris. Dort gründet er bereits im Frühjahr 1933, finanziell unterstützt durch einen Amsterdamer Rechtsanwalt, das "Neue Tage-Buch". Seine Artikel, in denen er unter anderem analysiert, dass die deutsche Wirtschaft längst eine Kriegswirtschaft ist, werden in der französischen und britischen Presse regelmäßig zitiert.

Arbeit aus dem Exil

"Kein anderes publizistisches Organ der deutschen Emigration wurde international so ernst genommen," befindet der Zeitgenosse und Mit-Exilant Klaus Mann in einer Nachbetrachtung, "kein anderes tat so viel, die Welt über die wahre Natur und die schaurigen Potentialitäten des Nationalsozialismus aufzuklären."

Doch hörte die Welt zu? Im Sommer 1933 schreibt Schwarzschild: "Was auch geschehe, eines steht schon heute außer Frage: dass zu den angeborenen und unabänderlichen Wesenszügen der neuen Ära ein unablässiges und materielles Hingleiten zu irgendwelchem kriegerischen Zusammenstoß gehört. Der Komplex Krieg ist das einzige Gebiet, auf dem die nationalsozialistische Theorie vollkommen klar und harmonisch ist."

Der britische Premierminister Winston Churchill 1939 in London. (PA_Wire/PA_Photos)Der britische Premierminister Winston Churchill schätzte Leopold Schwarzschild als Publizisten, „der alle aufklärte, zumindest die, die gerne aufgeklärt werden wollten.“ (PA_Wire/PA_Photos)

Auch im Ausland geschätzt

Das erkennt auch Churchill, von dem man weiß, dass er Schwarzschild liest und schätzt. Und ebenso wie der britische Staatsmann warnt Schwarzschild nicht nur vor dem NS-Staat, sondern ab 1937 auch vor der Sowjetunion – eine Haltung, die ihn in große Schwierigkeiten mit anderen, linksstehenden, Exilanten bringt, die ihn als "Agent von Goebbels" denunzieren.

Als die Deutschen Paris überrennen, kann Schwarzschild mit seiner Frau nach New York flüchten. Auch von dort aus publiziert er weiter, schreibt viel gelesene Bücher und verfasst Gastkommentare, unter anderem in der New York Times. Noch im März 1945, wenige Wochen vor der deutschen Niederlage, wird NS-Propagandaminister Goebbels in seinem Tagebuch wüten:

"Die Juden melden sich wieder. Ihr Wortführer ist der bekannte und berüchtigte Leopold Schwarzschild, der jetzt in der amerikanischen Presse dafür plädiert, dass Deutschland unter keinen Umständen eine mildere Behandlung zuteil werden dürfte.

Der Vernichtungsmaschinerie der Nazis ist Leopold Schwarzschild entkommen. Doch die Tatsache, dass er mit den meisten seiner Vorhersagen Recht behalten hat, macht ihn nicht glücklich. Im September 1950 stirbt er, von Selbstzweifeln und Depressionen geplagt, auf einer Europareise an Herzversagen - noch keine 60 Jahre alt.

Dieser Artikel ist Teil unserer Reihe über "Vergessene Journalistinnen und Journalisten der Weimarer Zeit".

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