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StartseitePISAplusLernen auf der Walz21.07.2007

Lernen auf der Walz

Junge Handwerker auf dem Weg durch Europa und die Welt

Es ist ihr letztes gemeinsames Wochenende in Hermanstadt. Nach drei Wochen intensiver Zusammenarbeit brechen 70 Handwerksgesellen aus der Schweiz, aus Frankreich und aus Deutschland ihre Zelte in Zentralrumänien wieder ab und ziehen weiter in alle Himmelsrichtungen. Seit Monatsanfang hatten sie gehobelt, geschliffen, geschmiedet, gehämmert und ihr Handwerk gezeigt in der sogenannten Schauwerkstatt.

Eine Sendung von Thomas Wagner

Werkzeug (Stock.XCHNG / Saulius Vaivada)
Werkzeug (Stock.XCHNG / Saulius Vaivada)
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Im Innenhof des Brukenthalmuseums, in der Nähe der Stadtmitte, war diese im Rahmen der diesjährigen Kulturhauptstadt eigens eigengerichtet worden. Hier sollten junge Handwerkerinnen und Handwerker, die auf Wanderschaft sind, ihre Fertigkeiten zeigen und sich austauschen können.

Für PISAplus hat Thomas Wagner die Schauwerkstatt besucht und mit den jungen Leuten über ihre Erfahrungen, ihre Ziele gesprochen und auch darüber, was sie auf der Walz lernen.


Die Schauwerkstatt in Hermannstadt



Hermannstadt in Zentralrumänien: Straßenmusik und viele Tausend Touristen jeden Tag. Sie schlendern mal an barocken, mal an klassizistischen Häuserfassaden vorbei. Alles ist generalüberholt. Hermannstadt oder, wie die Rumänen sagen 'Sibiu', ist in diesem Jahr Europäische Kulturhauptstadt.


Einige der Besucher kommen in den Innenhof des Brukenthalmuseums, ganz in der Nähe der Stadtmitte. Und sie sehen sich um Jahrhunderte zurück versetzt: Junge Frauen und Männer arbeiten hier im Hof in traditioneller Handwerkskluft mit Hammer, Schleifmaschine und Bohrer in einer Schauwerkstatt. Sie sind seit Jahren auf Wanderschaft, reisen von Betrieb zu Betrieb - eine ganz besondere Form des Lernens. Evi aus dem schweizerischen Winterthur stehen Schweißperlen auf der Stirn. Mit einer Zange hält sie einen metallischen Gegenstand in die Flamme vor ihr. Doch die Hitze macht ihr nichts aus. Denn Evi ist gelernte Schmiedin.

"Also ich habe einem Meisel, den Kopf hinten, abgeschliffen. Zuerst habe ich ihn abgeschlagen. Dann habe ich ihn abgeschliffen. Und jetzt habe ich hier einen Meisel, der relativ stumpf und schmal ist. Und den will ich jetzt auf den Amboss warm auf richtige Form schmieden."

Mit einem wuchtigen Hammer schlägt Evi immer wieder auf den immer noch glühenden Meisel. Sie nennt nur ihren Vornamen, wie alle Wandergesellen in der Werkstatt. So wollen es die überlieferten Handwerksregeln. Mit einem Lächeln blickt die Schmiedin aus der Schweiz auf ihr Werkstück. Gelungen! Und das trifft auch auf ihren Aufenthalt in Rumänien zu.

"Ich bin mit den Erwartungen hierher gekommen, die sich jetzt eigentlich auch erfüllt haben. Es ging um den Austausch zwischen den verschiedenen Gesellen, zwischen den verschiedenen Berufen und den verschiedenen Gesellenvereinigungen, den so genannten Schächten und den französischen Wandergesellen auch, den französischen Compagnions, um den Ausbau unserer Gesellenherberge. Die Leute sind enorm zufrieden. Meine Erwartungen sind sehr erfüllt."

Gleich nebenan heult eine Schleifmaschine auf: Stefanie, eine junge Schreinerin aus Forchheim in der Oberpfalz, schwitzt ebenfalls mächtig in ihrer schwarzen Weste und in ihrem weißen Hemd, der traditionellen Handwerkskluft.

"Also wir machen hier eine Treppe. Und das ist ziemlich kompliziert, weil das eine außergewöhnliche Treppe ist und wir sehr wenig Platz haben, wir haben sehr wenig Meter überwinden müssen, vier Meter in der Höhe. Ja, und das ist eine Herausforderung. Und wir machen jetzt diese Treppe eben."

Stefanie, die Schreinerin und Evi, die Schmiedin, haben eines gemeinsam: Sie sind bereits seit drei Wochen in Hermannstadt, hobeln, schleifen und schmieden in der Schauwerkstatt. 70 Wandergesellen aus der Schweiz, aus Deutschland und aus Frankreich haben sich dort zusammengefunden. Allen ist eines gemeinsam: Nach der Lehre haben sie sie ihr Zuhause verlassen und sich für lange Zeit verabschiedet. Wie einst ihre Vorfahren im Mittelalter, sind sie ausgezogen, um ihr Handwerk in fernen Städten, fernen Ländern, ja zum Teil auf anderen Kontinenten zu verbessern - Lernen über Jahre hinweg, und das weltweit.

"Also gearbeitet habe ich schon in Dänemark, in Kroatien, auf den kanarischen Inseln, in Mauretanien, ja jetzt hier in Rumänien. Und gereist bin ich schon durch etliche Länder. Das kann man eigentlich gar nicht aufzählen so auf die Schnelle. Und in Deutschland habe ich ziemlich viel kennen gelernt. Ich habe mein Land vorher noch nicht so gekannt wie ich es jetzt kenne."

Ein paar Meter weiter, hinter dem kleinen Innenhof, wird ebenfalls konzentriert gearbeitet. Stefan aus Kamen ist Klavierbauer. Konzentriert blickt er auf das vor ihm stehende Skelett eines alten Konzerflügels. Die Klaviatur fehlt komplett, ebenso die Saiten.

"Das ist ein Wiener Flügel von 1888, wo ich gerade dabei bin, ihn komplett zu reparieren. Im Moment sieht er noch so aus, dass der halt noch sehr nackt ist. Das heißt: Ich habe gerade den Resonanzboden überarbeitet, die Gussplatte lackiert. Die wird jetzt wieder eingepasst. Dann kann ich die Saiten aufziehen und mich um die Mechanik und die Klaviatur kümmern, die dann auch wieder eingesetzt wird, bis das dann ein spielbares Instrument ist."

Auch Stefan trägt die schwarz-weiße Handwerkskluft. An seinem Ohr trägt er als äußeres Zeichen seine Berufszugehörigkeit einen silbernen Notenschlüssel. Seit zwei Jahren ist Stefan auf der Wanderschaft. Seine Stationen:

"Deutschland, Österreich, Schweiz, Tschechien, Ungarn, Rumänien, grob gesagt. Ansonsten war ich viel in Deutschland unterwegs in den verschiedensten Regionen. Jedes Klaviergeschäft hat eigentlich eine Werkstatt hinten dran, wo man klingeln kann."

Nur rund 700 Gesellen aus Deutschland sind derzeit auf Wanderschaft unterwegs. Früher war das anders. Jeder, der ein Handwerk erlernte, ging nach dem Gesellenabschluss in die Fremde, wie das damals hieß, um Neues zu lernen.

"Also die Tradition ist seit dem Mittelalter bekannt. Also 14., 15. Jahrhundert auf alle Fälle. Also früher war es Pflicht, auf Wanderschaft zu gehen. Jeder Geselle musste auf Wanderschaft gehen. Und die Meister, die haben festgelegt, wie lange die Gesellen fortbleiben mussten. Und das waren einmal eigene Interessen, die junge Konkurrenz erst einmal fort zu schicken, um keinen Überschuss vor Ort zu haben. Und es war im Interesse der jungen Menschen, damit die einmal etwas anderes sehen. Damals war es erheblich schwieriger als heute, herauszukommen. Und dann war es so, dass viele blieben in der Fremde. Sie haben dort geheiratet und kamen nicht mehr zurück. Und dadurch hat sich der Überschuss dann selber geregelt. Wer dann zurück kam und dann Meister wurde oder geheiratet hat, war ein gemachter Mann. Oftmals durfte man erst heiraten, wenn man auf Wanderschaft gewesen war. Und früher ging die Wanderschaft bis zu elf Jahren."

Juli Siegel aus Oberndorf im Schwarzwald übt den seltenen Beruf der Vergolderin und Fassmalerin aus. Sie hat sich als eine der Organisatorinnen des Treffens junger Wandergesellinnen und -gesellen im rumänischen Hermannstadt intensiv mit der Tradition der Wanderschaft beschäftigt. Daher weiß sie auch, wann die Pflicht zur Wanderschaft ein Ende hatte.

"Ungefähr mit dem Beginn der Industrialisierung, so um die 1880, 1860, also mit dem Niedergang der Zünfte. Dann war erst die Pflicht nicht mehr da. Und dann haben sich die Gesellenvereinigungen gebildet, die dann gesagt haben: Wir wollen das aber trotzdem machen. Und sie haben das dann weiter getragen. Natürlich, die Kriege waren ein großes Hindernis. Im zweiten Weltkrieg war es schlicht und einfach verboten, nachdem die Gesellen sich nicht gleichschalten lassen wollten. Und dann ging es erst wieder in den 60er, 70er Jahren an, als es richtig losging."

Zurück ins Heute, nach Hermannstadt: Die evangelische Kirche in Hermannstadt steht nur einen Steinwurf von der Schauwerkstatt im Brukenthalmuseum entfernt. Vor dem mächtigen Eingangstor bearbeiten junge Steinmetze große Quader. Kilian Dörr, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde in Hermannstadt, erinnert sich noch gut daran, wie damals 2001, die ersten Wandergesellen aus Deutschland plötzlich vor der Tür seines Pfarrhauses stehen.

" Und zwar sind die ersten drei - ein Mechaniker, ein Zimmerer und ein Maurer mit dem Schiff die Donau herunter gefahren. Sie haben sich verdingt auf einem Schlepper und sind dann von der Donau hoch getrampt nach Siebenbürgen. Und eines Abends klopften sie an die Türe und sagten: Ja, sie seien ehrbare Gesellen und suchten eine Arbeit. Und den wohlehrwürdigen Stadtpfarrer bitten sie um Quartier. Und da habe ich gestaunt. Ich habe noch nie die Kluft gesehen mit dem Hut. Aber sie versicherten: Nein, sie seien wirklich Handwerker und sie könnten das. Sie haben dann einen Auftrag wunderbar ausgeführt. Also die haben eine vermoderte Gartentreppe sehr schön wieder hergerichtet. Mit Liebe zum Detail, mit Respekt vor den alten Materialien, mit gekonnten technischen Lösungen, so dass ich gesagt habe: Sieh an, so viel gutes Handwerk - das ist hier zu Lande sehr selten, wo in der kommunistischen Zeit der Handwerker immer so der letzte Ausführende in der Reihe war von x-Funktionären. Und irgendwer hat dann die Arbeit gemacht, wurde dann schlecht bezahlt und ging dann zur nächsten Arbeit über. Und wir haben dann eine Wohnung zur Verfügung gestellt im Sargturm, eine sehr schöne Wohnung mit dem schönsten Ausblick über Hermannstadt, und da sind sie nun."

Das war der Grundstein für die Wandergesellen-Herberge in Hermannstadt, die die evangelische Kirche eingerichtet hat. Mal kamen mehr, mal kamen weniger Gesellen in den vergangenen Jahren. Doch als klar war, dass Hermannstadt europäische Kulturhauptstadt wird, stand für den evangelischen Stadtpfarrer fest: Da sollten sich auch die Wandergesellen und die Herberge einbringen, um auf diese besondere Form des beruflichen Lernens aufmerksam zu machen, inmitten der renovierten Baudenkmäler. Die Idee zum Wandergesellen-Treffen war geboren.

"Und dann haben wir uns ausgedacht, nochmals einen Auftakt zu machen - im Rahmen der Kulturhauptstadt ein Projekt, wo wir die Reichtümer des historischen Museums, die ethnografischen Sammlungen auch mit ausstellen in Bezug auf das Gesellenwesen und zugleich zeigen: Das ist nicht nur Geschichte - das ist jetzt Realität. Das lebt auch jetzt weiter, und haben gesagt: Wir machen da jetzt Schauwerkstätten an der Kirche und im historischen Museum. Und diese Schauwerkstatt hat sich erstaunlicherweise einer großen Beliebtheit erfreut. Auch weil die Deutsche Gesellschaft uns mit viel Begeisterung unterstützt hat. Wir hatten ursprünglich mit acht Gesellen gerechnet. Gekommen waren mit Beginn des Projektes 40. Jetzt sind es nochmals viel mehr. Wir sind ganz erstaunt und haben nicht mit einem solchen Zulauf gerechnet."

Der große Zulauf hat sein Gutes: Nicht nur, dass damit eine alte, traditionelle Form des Lernens auf der Wanderschaft wieder neuen Auftrieb erhält - auch die Gesellenherberge der evangelischen Kirche in Hermannstadt soll zukünftig fester Anlaufpunkt für junge Menschen auf der Walz sein. Und deshalb arbeiten die Gesellen auch nicht nur in der Schauwerkstatt und an der Kirche, sondern auch an ihrer eigenen Herberge selbst. Im Gegenzug haben sie dafür von der evangelischen Kirche das Nutzungsrecht über fünf Jahre bekommen, erzählt Mitorganisatorin Julia Siegel:

"In dem Zuge haben wir jetzt gesagt: Gut, nachdem wir für fünf Jahre die Räume sicher haben wird jetzt im Rahmen de Aktion endlich ein Klo und eine Dusche eingebaut, was wir vorher nicht hatten. Wir haben endlich Abwasser. Eine Küche ist geplant, es ist alles provisorisch. Das Dach wird so gedeckt, dass wir auch im Winter das nutzen können. Ein Ofen wird gebaut. Strominstallationen, Kabel werden neu verlegt. Es wird neu verputzt. Treppen werden repariert. Einganstüren werden renoviert und verstärkt, weil hier schon drei Mal eingebrochen worden ist in die Gesellenherberge. Also das sind so die vielen Arbeiten, die an der Herberge entstehen. Und wir haben schon viel Inventar getöpfert, vom Brottopf über die Suppenschüsseln. Dann haben wir Baukeramiker hier, der macht die Arbeitsplatte hier aus eigens gefertigten Fließen. Das ist schon etwas Besonderes, dass so viele Gewerke zusammen arbeiten und eigentlich jedes Gewerk etwas dazu beitragen kann."



Wer ein Meister werden will, muss in die Ferne
Lernen auf der Walz fürs spätere Berufsleben



Immer wieder Hämmern auf dem Amboss, wenn es sein muss mehr als acht Stunden am Tag: 60 junge Handwerksgesellen aus Deutschland, der Schweiz und Frankreich sind im rumänischen Hermannstadt zusammengekommen, um den Besuchern einen Einblick in die verschiedensten Handwerksberufe zu vermitteln - und um sich auszutauschen. Denn alle jungen Frauen und Männer sind auf Wanderschaft. Das heißt: Seit über drei Jahren ziehen sie von einer Stadt zur anderen, von einem Land zum nächsten und klopfen an den Türen der ortsansässigen Betriebe an, um für ein paar Wochen um Arbeit und Wohnung nachzufragen. Auf der Walz lernen die Handwerker Dinge in ihrem Beruf, die die herkömmliche Ausbildung nicht vermitteln kann. "Rehlein" lautet der Spitzname eines jungen Zimmerers aus Bad Wörishofen im Unterallgäu. Seine Wanderschaft führte ihn unter anderem in den Libanon, aber auch mehrfach nach Rumänien. Dort arbeitete er an der Sanierung alter, mittelalterlicher Kirchenburgen mit - und sammelte dabei wertvolle Erfahrungen:

"Man steht hier vor ganz anderen Problemen. Teilweise fängt das schon mit dem Werkzeug an, dass man mit ganz, ganz wenig Werkzeugen auskommen muss. Und dann auch das Material: Wir haben mit sehr altem Material gearbeitet, aus alten Kirchenburgen heraus, wo die Stämme teilweise schon über 200 Jahre alt waren. Das wirft dann immer neue Probleme auf."

Wie arbeiten ohne modernes Werkzeug? Wie mit Materialien umgehen, mit denen man in deutschen Schreinerbetrieben normalerweise nichts zu tun hat? Während seiner Arbeit an den rumänischen Kirchenburgen hat Rehlein einiges dazu gelernt. Dabei kommt noch eine weitere Erfahrung hinzu: Ein Zimmerer muss in solchen Situationen auch in anderen Handwerksberufen Bescheid wissen.

"Hauptsächlich habe ich jetzt hier viel Mauerwerksbau, Natursteinmaurer gelernt, was jetzt nichts direkt mit meinem Beruf zu tun hat."

was aber im späteren Berufsleben durchaus hilfreich sein kann. Dabei müssen es nicht unbedingt fremde Länder sein, um neue Handwerkstechniken zu erlernen. Stefan ist Schmied. Er kommt aus Neukirch im Bodenseekreis und ist seit drei Jahren auf Wanderschaft, vor allem in Deutschland. Auf die dabei gewonnen Erfahrungen möchte er um nichts auf der Welt verzichten.

"Zum Beispiel war ich in Bamberg und habe da Messer gemacht, eine ganz besondere Art von Messer, was eine komplizierte, interessante Technik ist. Die haben mir sehr viel Wissen über Messermachen gegeben. Das ist natürlich auch ein Vorteil auf dieser Wanderschaft: Man kann gezielt in diese Betriebe gehen, die genau das machen, was man machen möchte. Wenn ich jetzt sage: Ich habe noch nie Treppen gemacht, ich möchte Treppen machen, dann gehe ich in einen Treppenbaubetrieb. Das ist eben der Vorteil."

"Das ist ja ein großer Grund, warum man auf Wanderschaft geht. Wenn Du in einem Betrieb bist, dann lernst Du eben nur diese eine Arbeitsweise. Und wenn Du in verschiedenen Betrieben bist, kannst Du überall was mitnehmen. Und eben gerade hier jetzt, im Austausch mit den Compagnions, ist das ganz, ganz wichtig, weil die sich sehr intensiv damit beschäftigen", "

erzählt Stefanie, die junge Schreinerin aus Forchheim in der Oberpfalz. Auf der Walz sein heißt somit: Dazulernen in den unterschiedlichsten Betrieben, aber auch von anderen Gesellen aus anderen Ländern, die ebenfalls auf Wanderschaft unterwegs sind. In diesem Fall sind es die französischen Compagnons, von denen Schreinerin Stefanie in der Hermannstädter Lehrwerkstatt einiges mitbekommen hat. Doch auch die Erfahrungen in den verschiedenen Betrieben sind für sie von unschätzbarem Wert:

" "Jetzt bei mir als Schreiner, wenn du in einem Betrieb bist, der spezialisiert sich vielleicht auf Fenster oder Einbaumöbel oder so. Ich habe jetzt zum Beispiel schon beim Restaurator gearbeitet oder bei einem anderen Betrieb ein bisschen mit Zimmerer-Anlehnung da gearbeitet, oder sei es der Innenausbau oder Holzspielzeug. Man kann da unheimlich viel machen. Und man hätte sonst nicht die Möglichkeit dazu, mal überall reinzuschnuppern und auch für sich rauszufinden, was einem am besten gefällt, welcher Stil einem liegt oder wo man sich spezialisieren will."

Damit heißt Wanderschaft immer auch: Lernen, welche Fähigkeiten in einem selber stecken - und wie man sich später weiter entwickeln möchte. Nirgendwo sonst als auf der Wanderschaft haben die Gesellen die Möglichkeit, unterschiedliche Arbeitsstile auszutesten. Und das ist umso wichtiger, je seltener ein Handwerksberuf geworden ist, sagt Stefan, der Klavierbauer:

"Na ja, ich denke mal in so Berufen wie Klavierbau, Geigenbau, Vergolderei und so weiter, wo es halt nicht mehr so viele Betriebe gibt in Deutschland, ist es dann nochmals ein größerer Unterschied, den man kennen lernt. Das heißt: Da schöpft sich der Sinn der Wanderschaft völlig aus, weil einfach die Betriebe so weit voneinander entfernt sind, dass die alleine durch die örtliche Entfernung schon verschiedenst arbeiten."

Wien war eine seiner letzten Stationen. Stefan kam dort, in einer alten Klavierwerkstatt, unter.

"Dort habe ich zwei Klaviere komplett repariert. Da machte ich dann auch viele Sachen, die ich schon kannte. Dann aber ging es um Feinheiten. Beim Regulieren zum Beispiel oder beim Stimmstock erneuern, wo ich andere Methoden kennen gelernt habe."

Auf ihrer Wanderschaft lernen die Gesellen auch, organisatorische Probleme lösen. Dabei testen sie unterschiedliche Arbeitsmethoden aus. Wie umgehen mit einer Behörde in einem fremden Land? Evi, die junge Schmiedin aus dem Schweizerischen Winterthur, hat in Hermannstadt nicht nur am Amboss zu tun. Sie gestaltet zusammen mit ihren Kollegen einen großen Schriftzug für die Gesellenherberge. Und dazu müssen auch in Rumänien Genehmigungen eingeholt werden.

"Das Projekt, was wir hier schmieden, habe ich jetzt zum ersten Mal in meinem Leben selber gezeichnet. Ich bin damit auch zur Denkmalschutzbehörde gegangen und musste das bewilligt bekommen. Es war also eigentlich schon, wie wenn man selber ein Geschäft hätte und sich selber organisieren muss und die ganzen bürokratischen Abläufe eben auch regeln muss."

Alle Gesellen sind sich einig: Die Zeit auf der Walz ist die beste Vorbereitung auf eine spätere Existenzgründung. Stefan, der Schmied aus Neukirch im Bodenseekreis, hat fest vor, nach seiner Wanderzeit einen eigenen Betrieb zu gründen.

"Für mich war das sehr wichtig, einmal natürlich auch vom fachlichen Wissen, bei der Vorbereitung von Treffen und von Projekten wie hier. Jeder macht das mal. Ich habe das auch schon mal gemacht in der Schweiz unten. Und ich denke mir mal, man kriegt ein Gefühl dafür, was man alles regeln muss, was man im Kopf haben muss, wenn man eine Werkstatt leiten will oder Projekte machen will. Und das war für mich auch eine sehr wichtige Erfahrung, einfach auch solche Projekte zu organisieren."

Julia Siegel aus Oberndorf im Schwarzwald hat nach dreieinhalb Jahren ihre Wanderschaft abgeschlossen. Sie ist gerade dabei, sich selbständig zu machen. Die Vergolderin und Fassmalerin ist, wie die Gesellen sagen, "einheimisch" geworden. Das Treffen im rumänischen Hermannstadt hat sie aus ihrer Verbundenheit zu den Wandergesellen heraus mit organisiert. Dazu schlüpfte sie erneut in ihre Gesellenkluft. Ein Aspekt der Wanderschaft ist für sie ganz besonders wichtig: Die Ausprägung eines großen Selbstbewusstseins. Auch dies ist ein Lernaspekt, der für die spätere Selbständigkeit sehr wichtig ist.

"Also ich glaube, man geht auf jeden Fall mit einem größeren Vertrauen in die Menschheit an sich und an sich selber an zukünftige Sachen heran. Also ich habe auf Wanderschaft gemerkt: Die Menschen sind zu 90 Prozent gut, sind einem gut gesonnen. Also ich habe ein gutes Menschenbild jetzt, seitdem ich von der Wanderschaft zurück bin, ich habe ein richtig positives Menschenbild und eine gewisse Ruhe und Vertrauen, dass schon alles irgendwie seinen Weg findet. Also wenn man einmal drei Jahre nicht gewusst hat. wo man abends schläft, irgendwann kriegt man die Ruhe, weil man das jeden Abend gefunden hat. Ich musste nie hungern in diesen drei Jahren, selbst wenn man manchmal klitschnass war. Irgendwann gab's halt doch wieder den Punkt, wo man irgendwo warmes saß und die Klamotten getrocknet waren und es dann wieder weiter ging. Das hat eine gewisse Gelassenheit. Im Idealfall stärkt einen das schon selber, die Persönlichkeit auf alle Fälle und auch die Zuversicht.")


Von fremden Kulturen lernen
Wie Wandergesellen auf der Walz ihren Horizont erweitern




"Libanon, ja Libanon - das war heiß: Da gibt es eine Waisenschule, die von einer süddeutschen/Schweizer Stiftung ausgeht, die Hermann-Schneller-Schule. Und in der Stiftung ist eben einer drin, dessen Sohnemann wie wir auf Wanderschaft war. Die haben dann Zimmerleute gesucht und Dachdecker, die zwei Dächer neu bauen. Dann haben wir dann gesagt: Ja, machen wir. Die haben Flugkosten und Logis angeboten. Da sind wir dann mal für sechs, sieben Wochen runter und haben dort gearbeitet."

"Rehlein" ist der Spitzname des jungen Wandergesellen aus dem Unterallgäu, unter dem ihn alle kennen. Er ist einer jener 70 jungen Handwerker, die sich noch bis morgen im rumänischen Hermannstadt treffen. Dem stämmigen, jungen Mann scheint das Zimmererhandwerk auf den Leib geschrieben. Dass er während der Zeit der Wanderschaft zahlreiche wertvolle fachlichen Erfahrungen sammeln kann, ist das eine. Hinzu kommt der Kontakt mit fremden Ländern, fremden Kulturen. 2004 arbeite Rehlein für sechs Wochen im Libanon. Den Aufenthalt dort wird er nie mehr vergessen. Die Spuren des Bürgerkrieges waren allgegenwärtig.

"Ich war 2004 unten. Man hat schon noch sehr viel gesehen. Teilweise riesige Hochhäuser, Wohnblocks. Das war teilweise schlimmer wie ein ganz großer Nudelsieb, so hat das ausgesehen. Sehr viele Ecken wurden zum Teil restauriert. Aber man hat schon mitbekommen, dass da noch Spannungen da sind in der Bevölkerung, die ja damals noch durch den Krieg, durch den Bürgerkrieg herrührten Ich find's nur sehr schade halt."

In diesem Teil seiner Wanderschaft hat der junge Zimmerer eines gelernt: Nämlich die stabile wirtschaftliche und politische Situation in seiner Heimat mit anderen Augen zu sehen.

"Da bin ich eigentlich sehr, sehr froh, wenn ich jetzt hier sehe, wie das bei uns in Deutschland alles funktioniert. Da haben wir es im Vergleich nämlich sehr gut, muss man sagen. Es gibt natürlich da unten auch viele, denen geht es richtig gut. Aber auch die Armut ist da auch noch wesentlich schlimmer als bei uns, und auch wesentlich mehr davon ist da vorhanden. Wir haben auch sehr viele Syrer kennen gelernt, mit denen zusammen gearbeitet. Die leben das ganze Jahr in einem zusammen geflickten Zelt aus Getreidesäcken, und das auch mal bei einem Meter Schnee in den Bergen. Und wenn man einmal sieht, wie krank die alle sind, wenn man Kinder mit Hungerbäuchen schon einmal gesehen hat, da freut man sich darüber, dass man es in Deutschland so gut hat."

Julia Siegel, die Vergolderin und Fassmalerin aus Oberndorf im Schwarzwald, arbeitete während ihrer Wanderschaft drei Monate im Rahmen eines Tsunami-Hilfsprojektes mit einer Gruppe weiterer Handwerksgesellen auf Sri Lanka - und machte dabei eine Erfahrung, mit der sie so nicht gerechnet hätte: Die Möglichkeit, fachlich etwas hinzu zu lernen, hängt in solchen Ländern auch entscheidend davon ab, ob die jeweilige Kultur des Landes solche Lernprozesse überhaupt zulässt:

"Fachlich war das für mich eher ein bisschen schwierig, weil gerade als Vergolder auf Sri Lanka ganz wenig zu lernen war, weil das dort einfach die Mönche machen und man als Frau kaum rankommt."

Julia Siegel dennoch während ihrer Zeit auf Sri Lanka viel für sich mitnehmen können: Nämlich wie man sich in einer äußerlich sehr schwierigen Situation verhält und wie man in einer solchen Kompetenz soziale Spannungen abbauen kann.

"Menschlich lernt man sehr, sehr viel, gerade was so Gruppendynamik-Experimente angeht, was menschliche Reaktionen in schwierigen Situationen angeht und Stresssituationen organisationsmäßig. Auf Sri Lanka waren wir 22 Leute, die da für drei Monate hin gefahren sind und nicht genau wussten, was sie da erwartet. Und wir haben im Endeffekt im Dschungel gewohnt, in Holzhütten, unter hygienisch sehr interessanten Bedingungen. Und da hat uns vieles überrascht: Wie wichtig Desinfektionsmittel sein können, wie wichtig sauberes Trinkwasser sein kann, wie toll es ist, eine öffentliche Toilette mit Klopapier zu benutzen. Das sind einfach Sachen, die nimmt man am Anfang als selbstverständlich hin. Und nach drei Monaten Sri Lanka kommt man dort auf dem Flughafen an und wundert sich, warum alles so sauber ist: Das kann ja eigentlich fast gar nicht sein!"

Dass die auf diese Weise erlernte Sozialkompetenz im späteren Berufsleben von unschätzbarem Wert sind, liegt auf der Hand:

"Also die Anliegen, die mit der Wanderschaft im Ausland verbindet, sind heute aktueller denn je. Gerade in einer Zeit, wo viele Jugendliche arbeitslos sind und nicht wissen, wie es weiter geht, Erfahrungen im Ausland zu sammeln, ist ein absolut aktuelles Anliegen."

Manchmal werden aus den lernenden Handwerksgesellen auf der Walz gleichzeitig Lehrer ihres Faches. Diese Erfahrungen machen vor allem diejenigen, die in osteuropäischen Ländern auf Wanderschaft gegangen sind. Dabei lernen sie, wie politische Systeme auch die Form des handwerklichen Lernens mitbestimmen. Stefan, der Klavierbauer aus dem westfälischen Karmen, hat diese Erfahrung in Rumänien gemacht:

"Wie jetzt hier in Rumänien halt, wo das Handwerk eben durch den Sozialismus wirklich zurück gegangen ist und wo wir halt nicht davon ausgehen können, dass wir in unserem Handwerk mehr dazu lernen, sondern im Gegenzug halt, dass wir theoretisch eben, wenn wir hier im Betrieb arbeiten, eher dazu da sind, denen etwas beizubringen, weil es eben einfach die geschichtliche Entwicklung dieses Landes ist. Selbst da macht man eben andere weitläufige Erfahrungen im menschlichen Bereich, in Dingen der Organisation oder sonst irgend etwas. Man lernt auf jeden Fall überall etwas, wenn man sich auf Wanderschaft befindet. Es muss nicht immer nur das Berufliche sein. Sondern es kann sich auf alle Bereiche des Lebens auswirken."

Ein Lebensbereich ist etwas, mit dem jeder Handwerker, der sich selbständig macht, nahezu täglich konfrontiert wird: Nämlich der Umgang mit Ämtern und Behörden. Stefan, der Klavierbauer, hat in Rumänien gelernt, dass die Bürokratie eines Landes ganz eng an die örtlichen Traditionen und Kulturen gekoppelt ist - eine Erkenntnis, der später einmal im Berufsleben für etwas mehr Gelassenheit sorgen wird.

"Ich denke, wir haben hier auf jeden Fall gelernt, dass man nicht auf die deutsche Bürokratie schimpfen kann. Klar, kann man das. Aber die rumänische Bürokratie ist noch viel schlimmer. Wenn man irgendetwas durchsetzen will, braucht man gleich 20 Anträge, nicht nur 15, so ungefähr."

Das Beispiel zeigt: Wer sich als Geselle auf die Wanderschaft ins Ausland begibt, lernt zu improvisieren und Probleme mit einer größeren Gelassenheit anzugehen. Und: Das Verständnis für bislang fremde Kulturen wächst in dem Maße, in dem der Aufenthalt dort andauert, meint Stefanie, die Schreinerin aus Forchheim:

"Also ich denke einmal, das fördert einfach die Toleranz anderen und Fremden gegenüber. Man erweitert seinen Horizont unheimlich, weil man erfährt: Es gibt so viel mehr noch, worüber man sich zuvor nie Gedanken gemacht hätte, was einem nie in den Sinn gekommen wäre. Dass anderswo ganz andere Leute mit ganz anderen Problemen zu kämpfen haben, wie gut es einem eigentlich selber geht, sieht man dabei auch ganz schnell. Und man wird ein bisschen gelassener. Es wiegt nicht mehr so schwer, wenn man jetzt ein Problem hat oder so was, dann lässt man sich davon nicht aus der Bahn werfen. Man gefestigter, gelassener. Man findet so ein bisschen seinen inneren Frieden, weil man auch sieht, wie viele verschiedene Lebenswege es gibt. Und man kann auch seinen Weg ganz gut rausfinden dadurch. Also das ist eigentlich das Spannendste, was selber passiert im Kopf so bei einem."

Das funktioniert allerdings nur durch die Kombination der beiden wesentlichen Elemente der Wanderschaft: Reisen und Arbeiten. Kilian Dörr, evangelischer Pfarrer im rumänischen Hermannstadt, ist Mitorganisator des Wandergesellentreffens.

"Mich fasziniert also diese Ganzheitlichkeit. Also ein Land so zu erfahren, zu erwandern, nicht nur als Tourist, Sehenswürdigkeiten ab zu klappern, sondern sich einzubringen, mitzuarbeiten, sich an die fremde Arbeitsweise anzupassen oder auch nicht, zu sehen, was bringe ich selber ein, was kann ich von den hiesigen Handwerkern lernen oder wie kann das im Austausch geschehen. Natürlich, dies ist eine große Komponente. Auch Freiheit ....Sie nennen sich auch die Freiheitsbrüder, die Freiheit suchen, bevor sie sich an einen Ort, an eine Familie binden."

Das bedeutet: Derjenige, der nach der Wanderschaft in seine Heimatgemeinde zurückgekehrt, ist ein anderer als derjenige, der dort Jahre zuvor zur Wanderschaft auszog: Das trifft auf die fachlichen Kenntnisse im Handwerk ebenso zu wie auf die Art und Weise, wie die jungen Gesellen zukünftig dem Rest der Welt begegnen. Dessen ist sich Stefan, der Schmied aus Neukirch im Bodenseekreis, ganz sicher:

"Jeder verändert sich sehr stark. Es formt einen, den Charakter eines Menschen. Man bekommt durch die Wanderschaft Kontakt zu so vielen Menschen. Wenn ich einen Tag lang unterwegs bin, lerne ich 20 neue Menschen kennen, rede mich so vielen neuen Menschen, ich bekomme so viele Einblicke auch, ich arbeite in Familien, in anderen Kulturen, anderen Lebensweisen. Und ich denke, jeder behält das im Kopf. Und es verändert einen wahnsinnig schnell, wenn man unterwegs ist."




Wer auf die Walz geht, muss sich an die Regeln halten
Keine Nachnamen, kein Handy - dafür allzeit in der Handwerkskluft



Drei Jahre und ein Tag: so lange dauert sie mindestens - die Wanderschaft der bundesweit etwa 700 Gesellen, quer durch Deutschland und Europa unterwegs sind, ja manchmal sogar quer durch die ganze Welt. Manche sind aber auch vier oder fünf Jahre auf der Walz - hier setzen die alten, ungeschriebenen Regeln, die für die Wanderschaft gelten, keine Grenze nach oben. Die 70 Wandergesellen, die sich derzeit im rumänischen Hermannstadt zusammen gefunden haben, sind sich vor allem in einem Punkt einig: Dass sie sich an diese überlieferten Regeln halten. Eine solche Regel erfährt jeder, der einen Wandergesellen nach seinem Namen fragt. Der junge Zimmerer aus dem Raum Bad Wörishofen im Unterallgäu, der in Hermannstadt an der Renovierung der Gesellenherberge arbeitet, nennt sich....

"Rehlein. Die meisten haben irgendwann einmal einen Spitznamen bei uns bekommen. Und man ist dann meist auch nur noch unter diesem Namen bekannt. Die meisten wissen gar nicht, wie ich richtig heiße. Aber Rehlein - das passt schon."

Die Nachnamen der Gesellen sind während der Wanderschaft tabu. Eva aus der Schweiz nennt sich "die fremde Schmiedin", und Stefanie aus dem oberfränkischen Forchheim:

"Fremde Schreinerin im FDS. Das ist mein Nachname sozusagen. Mein Nachname ist das Gewerk. Das ist halt einfach deshalb, weil es sich beschränkt auf die Person. Man hat einen Vornamen, mit dem redet man sich an. Und es nicht so offiziell, dass man den Nachnamen braucht. Eher wichtig ist es, dass man das Gewerk vom anderen kennt."

Einzig Julia Siegel aus Oberndorf im Schwarzwald nennt ihren Nachnamen. Sie ist seit einigen Wochen wieder heimisch geworden. Während ihrer dreieinhalb jährigen Wanderschaft war sie als "Julia Vergolderin" bekannt. Für sie ist es wichtig:

"Dass wir auf Wanderschaft alle gleich sind. Und dass nur der Vorname eine Rolle spielt - und der Beruf."

Wer auf Wanderschaft geht, bringt sich als Mensch, als Handwerker ein. Da darf die Herkunft, vor allem die familiäre, keine Rolle mehr spielen. Daneben gibt es für einige noch ein weiteres Argument, weswegen sie auf der Walz ihren Nachnamen ablegen: Das hat mit ihrem Freiheitsdrang zu tun, den sie auf ihrem Weg von Stadt zu Stadt, von Land zu Land ausleben. Stefan der Schmied aus dem Bodenseekreis:

"Ich bin jetzt seit drei Jahren auf Wanderschaft, dreieinhalb ganz genau. Die Sache, Nachnamen anzugeben - na ja, eigentlich soll ja keiner wissen, wo wir sind und wann wir wo sind."

Eine weitere wichtige Regel: Wer auf Wanderschaft geht, darf nur so viel mitnehmen, wie er auf dem Rücken tragen kann. Das sind ein paar persönliche Habseligkeiten, mehr nicht. Vor allem eines gehört, so Mitorganisatorin Juli Siegel, nicht ins Gepäck eines Wandergesellen:

"Ein Handy ist für Wandergesellen absolut tabu. Das geht gar nicht."

Denn nur ohne Handy kann sich ein Geselle erfolgreich von zuhause abnabeln - so bestimmen es die Regeln. Die besagen auch, dass sich ein Geselle auf Wanderschaft seinem Heimatort niemals mehr als 50 Kilometer nähern darf. Und, ganz wichtig: Ob auf der Straße oder bei der Arbeit - das Tragen der traditionellen Handwerkskluft - in der Regel weißes Hemd, schwarze Weste und ein großer Hut - ist obligatorisch. Ed, ein junger Zimmerer, ist seit dreieinhalb Jahren auf Wanderschaft. Selbst in Neuseeland und auf den kanarischen Inseln hat er immer seine Kluft getragen, obwohl das manchmal ganz schön heiß war.

"Ja sicher ist das manchmal lästig. Aber das weiß man eben auch vorher. Das ist in erster Linie so...man ist ja stolz auf sein Handwerk. Man möchte das repräsentieren, in der jeweiligen Kluft, in der jeweiligen Farbe. Und die andere Sache ist natürlich, dass die Leute einen als Wandergesellen dadurch erst erkennen, dadurch dass man in der Kluft unterwegs ist. Wenn man mit kurzer Hose und T-Shirt unterwegs wäre, würde man nicht gleich als Handwerksgeselle eingestuft werden."

Die Kluft wirkt Identität stiftend - und erleichtert die Kontakte mit den Menschen in einer fremden Stadt.

"Die meisten freuen sich. Viele denken halt, das reisende Handwerk sei komplett ausgestorben. Und sie sagen: Ah ja, vor 20 Jahren habe ich den letzten gesehen und reden von vergangenen Zeiten. Für uns aber ist es wichtig: Wir sind jetzt gerade auf der Wanderschaft. Und wir wissen selber: Es ist eben nie wirklich ausgestorben."

Festgelegt ist auch die Art und Weise der Arbeitssuche: In der Regel erkundigt sich ein Wandergeselle, der in eine Stadt kommt, wo sich ein Betrieb seines Werkes befindet - und geht direkt dorthin. Stefan, der Schmied aus dem Bodenseekreis, hat damit schon viele Male Erfolg gehabt:

"Das ist eigentlich wahnsinnig einfach, Arbeit zu finden. Wir rufen nicht vorher an. Wir gehen dort einfach hin, direkt zum Betrieb. Wir sagen das Los. Da gibt es ja diesen traditionellen Spruch, dazu den Beruf. Und wir fragen in diesem Spruch nach Arbeit....öffentlich gibt es den nicht. Der wird nur überliefert in dieser Tradition. Dort wird er unter Wandergesellen weitergegeben. Und der wird eigentlich nur gesagt, wenn etwas benötigt wird. Wenn man etwas braucht."
Dass ein Wandergeselle abgewiesen wird, geschieht selten. Das hängt nicht nur mit der Tradition zusammen. Gesellen auf der Walz sind in den Betrieben sehr gefragt - weil sie zum einen bereit sind, dazu zu lernen - und weil die Mitarbeiter der Betriebe auch von ihnen, die schon einiges an Erfahrung gesammelt haben, etwas dazulernen können:

"Ich denke, wir sind weitgehend sehr gute Handwerker. Wir können auch alles Wissen bringen, weil wir sehr viel gesehen haben. Und die meisten sind froh. Denn keiner hat eine Verpflichtung. Wenn es nach zwei Wochen keine Arbeit mehr gibt, kann man sagen: Gut, Du kannst weitergehen...so hat keiner eine Verpflichtung. Und eine Arbeit zu finden, ist eigentlich sehr einfach."

Viele der jungen Handwerker sind Gesellenvereinigungen zusammengeschlossen, den so genannten "Schächten." Manche davon beschränken sich auf eine Gewerkegruppe, andere sind gewerkübergreifend. Mal sind sie in der Gruppe unterwegs, mal einzeln - je nachdem, wie sich die Situation ergibt. Und: Arbeiten sie bei Betrieben, bekommen sie den regulären Gesellenlohn ausgezahlt. Anders sieht es bei Arbeiten in gemeinnützigen Einrichtungen aus. Dann gelten andere Abmachungen - wie auch im rumänischen Hermannstadt, wo die jungen Frauen und Männer auf der Walz in einer Gesellenherberge der evangelischen Kirche wohnen - gleich gegenüber der Schauwerkstatt, in der sie noch bis Ende dieses Wochenendes in ihren an gestammten Berufen arbeiten. Und, ein wenig überraschend: Niemand redet über Heimweh - und das, obwohl manche durchaus bis zu vier oder fünf Jahren unterwegs sind.



Karrierekriterium Wanderschaft?
Wie sich die Walz auf die späteren Berufsaussichten auswirkt



"Diese 15 Zentimeter - das war jetzt auch unser Maß. Das kann man so machen." - "Also es wäre besser, fünf Zentimeter hoch zu kommen als 25. - Und die Leitungen, wenn sie jetzt so über die Oberkante, über die Deckenbalken hinweg gucken? - Ne, gucken sie nicht, die sind tiefer"

Zwei junge Handwerksgesellen sitzen auf der Steintreppe der Gesellenherberge mitten im rumänischen Hermannstadt. Sie unterhalten sich darüber, wie das alte Gebäude gleich gegenüber der mächtigen evangelischen Kirche am besten saniert werden kann. Andere tragen Holzplatten und Balken hinein. Dieses Wochenende noch - und dann soll die Renovierung abgeschlossen sein. Alle, die hier arbeiten, sind auf Wanderschaft: Manche der jungen Handwerker reisen seit zwei, andere gar schon drei oder vier Jahre von Stadt zu Stadt, von Land zu Land. Dieser Tage erhielten die Handwerksgesellen in Hermannstadt Besuch: Henning Nitze, Zimmereimeister aus Mainz, schaut sich das an, was die jungen Kollegen in Hermannstadt zu Stande gebracht haben. Er ist gleichzeitig Beauftragter der Handwerkskammer Mainz, die das Projekt finanziell unterstützt. Denn wer nachweisen kann, dass er auf Wanderschaft war, hat später einmal gute Berufsaussichten. Henning Nitze:

"Grundsätzlich lernen sie immer etwas dazu, wenn sie zu fremden Menschen gehen, die mit anderen Methoden andere Werke erstellen. Und dadurch dass die reisenden Handwerksgesellen drei Jahre lang sich intensiv mit dieser Sache beschäftigen, ist das praktisch wie eine zusätzliche Ausbildung, die zu ihrer Ausbildung zum Gesellen dazu kommt."

Vor allem von einem ist Hermann Nitze überzeugt: Junge Leute, die auf Wanderschaft gehen, üben ihren Beruf nicht eben nur als 'Job' aus. Die meisten bringen auch nach der Wanderschaft ein hohes Maß an Leidenschaft in ihre Arbeit ein.

" Wie ich die jungen Leute hier erlebt habe, sind das alles Handwerker, die sich nicht nur mit ihrem Beruf zum Geldverdienen beschäftigen, sondern sie sind ausgesprochen an traditionellen Techniken, interessanten Zweigen des eigenen Handwerkes und der Fortbildung interessiert."

Und noch ein weiterer Aspekt spricht nach Ansicht von Henning Nitze für die Wanderschaft nach der Gesellenausbildung: Im Zuge der Europäischen Integration sind zunehmend auch Handwerksbetriebe aus den neuen osteuropäischen Beitrittsländen auf dem deutschen Markt präsent. Sie machen den einheimischen Betrieben Konkurrenz - häufig durch günstigere Preise, die aus einfacheren, rationellen Arbeitsmethoden herrühren. Da schade es im Gegenzug nichts, wenn deutsche Jung-Handwerker im Zuge ihrer Ausbildung auch schon mal in polnische oder tschechische Betriebe hinein geschnuppert haben.

"Durchaus, wenn so ein Handwerker, der Erfahrungen im Ausland gemacht hat, diese Erfahrungen weitergeben kann, in denen er später arbeitet, dann kann das ja durchaus positiv für den Betrieb sein."
Beim Zentralverband des Deutschen Handwerkes in Berlin sehen die Experten dagegen die Wanderschaft als Auslaufmodell, als Fossil gar einer vergangenen Epoche an. Dass die jungen Gesellen Erfahrungen im Ausland sammeln, sei zu begrüßen, heißt es da. Doch als Modell für eine breite Anzahl an Jung-Handwerkern eigne sich die Wanderschaft nicht. Alexander von Legowski, Sprecher des Zentralverbandes des Deutschern Handwerks:

"Wanderjahre für Wandergesellen - da muss man ja auch ein sehr spezieller Typ dafür sein. Und das ist ja auch nur eine ganz kleine Schar, die das in Kauf nimmt."

Alexander von Legowski verweist auf zahlreiche Programme für Jung-Handwerker, die im Ausland Erfahrungen sammeln wollen, die teilweise aus EU-Mitteln finanziert werden. Dadurch ließen sich weitaus mehr Gesellen ansprechen als durch das alte Modell der Wanderschaft.

"Wir haben sehr viele junge Fliesenleger und Mosaikleger, die nach Italien gehen für ein Praktikum. Und die lernen dort unter anderem Methoden, die teilweise aus der Antike stammen und fortgepflegt worden sind in Italien, zum Beispiel das Mosaik-Legen. Sie lernen auch andere Materialien kennen. Und davon können sie später sehr profitieren. Denn zur Zeit sind gerade Bilder, Mosaiken in privaten Bädern in großer Mode. Und auch das mediterrane Ambiente mit entsprechenden, interessanten, aber auch teuren Materialien, für die man dann Fachkräfte braucht. Viele deutsche Betriebe sind auch zunehmend im Ausland tätig. Und dadurch steigt auch das Interesse der Meister, dass ihre Lehrlinge einige Monate im Ausland verbringen im Rahmen dieser Austauschprogramme."

Die Handwerksgesellen auf Wanderschaften sind aber statt einiger Monate mindestens drei Jahre unterwegs. Und mit einem simplen Praktikum wollen sie diese Zeit nicht verglichen sehen. Die meisten, die einmal auf der Walz waren, haben danach bei ihren Vorstellungsgesprächen die Erfahrung machen können: Die Wanderjahre haben sich gelohnt. Ed, der Zimmerer, steht nach dreieinhalb Jahren kurz vor dem Ende seiner Wanderschaft:

"Ich habe schon von vielen Leuten, also einheimische Leute, die früher mal auf Wanderschaft gegangen sind und jetzt einheimisch geworden sind, gehört, dass dadurch, dass sie sehr viel von ihrer Wanderschaft mitnehmen konnten, dann doch bei Vorstellungsgesprächen ein offeneres Ohr bei Geschäftsinhabern oder Meistern gehabt haben. Doch, ein gewisser Vorteil ist es schon."

Das ist die Regel. Vereinzelt gab es aber auch Fälle, wo die Meister eines Handwerksbetriebes kaum Verständnis für den Wunsch nach Wanderschaft aufgebracht haben. Ed erzählt die Geschichte:

"Dass ein ehemaliger Geselle, der auf Wanderschaft gehen wollte, von seinem Lehrmeister den Spruch mit auf den Weg bekommen hat, er sollte vielleicht doch lieber einen PC-Kurs belegen, damit er eine Abbund-Straße bedienen kann. Also sprich: Zahlen, Maße eingeben, um dann ein Stück Holz in die Abbund-Straße zu geben, um am Ende das fertige Produkt zu bekommen, was genau der absolute Gegensatz ist zum traditionellen Handwerk."







Tipps für die, die es wagen wollen
Was müssen Gesellen beachten, wenn sie auf die Wanderschaft gehen wollen?



Unermüdlich schmieden die jungen Handwerksgesellen metallische Buchstaben und Werkzeuge - und das schon seit nahezu vier Wochen. Gleich nebenan machen sich junge Zimmerer, Tischler, Steinmetze ans Werk, von morgens früh bis manchmal abends spät - dies mitten im rumänischen Hermannstadt. Morgen endet die Arbeit der Wandergesellen in der Schauwerkstatt und in der Gesellenherberge. Vereinzelt werden die jungen Frauen und Männer in ihrer traditionellen Handwerkskleidung auch dazu befragt, welche Voraussetzungen sie mitbringen mussten, um auf Wanderschaft zu gehen. Ed, der Zimmerer, rät dazu:

"Sich einen ordentlichen Ausbildungsbetrieb zu suchen, sich vielleicht auch mehrere Ausbildungsbetriebe anzuschauen, was heutzutage auch immer schwerer wird, leider, weil immer weniger qualifizierte Fachbetriebe ausbilden. Und wenn man dann eine gute Ausbildung genossen hat, ist es immer noch vom Vorteil, sich weiter zu bilden. Und das ist auf der Wanderschaft natürlich eine sehr gute Möglichkeit."

Allerdings: Die abgeschlossene Ausbildung in einem anerkannten Handwerksbetrieb ist unabdingbare Voraussetzung dafür, um die Wanderschaft anzutreten.

"Das heißt: Ein Gesellenbrief in einem Handwerksberuf. Dann sollte man unter 30 sein, unverheiratet, ohne Kinder, ohne Schulden", "

erklärt Julia Siegel, Vergolderin und Fass-Malerin aus Oberndorf im Schwarzwald .Sie weiß aus ihrer Erfahrung auch: Wer auf die Walz geht, sollte vorher seine eigene Persönlichkeit abchecken.

" "Man sollte offen sein, Neugierde haben und auf Leute zugehen können oder zumindest willens sein, dass zu lernen in diesen drei Jahren und Spaß daran haben, zu reisen. Es sollte einem auch möglich sein, sich auf weniges zu beschränken. Alles, was man mitnimmt, muss man schließlich selber tragen. Und ich glaube, das wichtigste ist wirklich, dass man offen ist für Neues. Und dass man im Kopf beweglich ist und nicht eingefahren."

Erst wenn diese Fragen geklärt sind, sollte ein Geselle, der sich für die Wanderschaft entschieden hat, den nächsten Schritt unternehmen: Die Kontaktaufnahme mit Gesellen, die bereits unterwegs sind.

"Am einfachsten ist es, wenn man Wandergesellen sieht, die an zu sprechen, einfach auf der Straße. Das ist der direkteste Kontakt. Und da wird man wahrscheinlich eine Einladung bekommen zum Gesellentreffen. Man schaut da einfach vorbei und nimmt einfach Kontakt zu denen auf. Man kann dann alle Fragen stellen, Löcher in den Bauch fragen, und dann entwickelt sich dann alles Weitere. Wenn man Glück hat, findet man noch jemanden, der einen los bringt sozusagen, der einen zu Hause abholt, einem alles weitere erklärt und sich darum kümmert."

Doch bevor es auf Wanderschaft geht, müssen einige formale Dinge erledigt werden.

"Das ist eigentlich relativ unkompliziert. Man ist fremd geschrieben. Das steht im Wanderbuch. Ansonsten hat man aber seinen Personalausweis dabei, normalerweise mit der Wohnadresse der Eltern. Man kann sich natürlich 'ohne festen Wohnsitz' in den Personalausweis drucken lassen. Aber es ist sehr aufwändig. Teilweise, wenn man über die Grenze will oder mit der Krankenversicherung Fragen zu klären hat, ist das sehr umständlich."
Und Stichwort Krankenversicherung: Den Abschluss einer solchen Versicherung dürfen Gesellen, die auf Wanderschaft gehen, auf gar keinen Fall vergessen:

"Es gibt für Wandergesellen einen speziellen Tarif wie für Studenten auch. Da weiß aber eigentlich jede Krankenkasse Bescheid. Und man ist dann sozusagen freiwillig pflichtversichert."
Wer das alles erledigt hat, ist gut vorbereitet für das möglicherweise größte Abenteuer seines Lebens - ein Abenteuer, von dem keiner im voraus weiß, wie lange es dauert - ein Abenteuer auch, das mit einer Form des Lernens verbunden ist, die sich im späteren Berufsleben niemals mehr eröffnet. Im rumänischen Hermannstadt packt die Wandergesellen nach diesem Wochenende wieder die Aufbruchstimmung. Sie, die in den vergangenen Wochen zu einer engen Gemeinschaft zusammen gewachsen sind, ziehen weiter - in die unterschiedlichsten Richtungen. Manche von ihnen werden sich irgendwann wieder sehen, andere vielleicht nie mehr. Wo es nach Hermannstadt hingeht, halten sich viele bis zum letzten Moment offen - wie Stefan, der Klavierbauer aus Kamen:

"Das weiß ich noch nicht. Schauen wir mal, wo der Wind mich hintreibt."


Weitere Informationen:
Gesellenherberge Hermannstadt

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