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StartseiteDie neue PlatteStaatsraison und Liebesleid 07.10.2018

"Les Horaces" von Antonio Salieri Staatsraison und Liebesleid

Zu Lebzeiten war Antonio Salieri ein hoch angesehener Komponist, heute sind die meisten seiner Werke in Vergessenheit geraten. Das will der französische Dirigent Christophe Rousset ändern: Er hat Salieris Oper "Les Horaces" als Weltersteinspielung aufgenommen – eine lohnende Wiederentdeckung.

Am Mikrofon: Helga Heyder-Späth

Der Cembalist und Dirigent Christophe Rousset auf einem roten Designer-Stuhl (Ignacio Barrios)
Der Cembalist und Dirigent Christophe Rousset (Ignacio Barrios)
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1786 hat der Italiener Antonio Salieri in Paris "Les Horaces" auf die Bühne gebracht. Christophe Rousset hat diese lange vergessene Oper im Stil einer französischen "tragédie lyrique" jetzt mit seinem Ensemble "Les Talens Lyriques" und mit "Les Chantres du Centre de musique baroque de Versailles" eingespielt. Erschienen ist die CD gerade bei dem französischen Label Aparté.           

Musik: Antonio Salieri, aus: Les Horaces. Ouvertüre (Ausschnitt)

Eine Oper für Paris

Spätestens seit den 1980er Jahren ist Antonio Salieri vielen Musikliebhabern ein Begriff. Damals stellte der Regisseur Miloš Forman ihn in seinem Amadeus-Film als grantigen alten Mann dar und unterstellte ihm, Wolfgang Amadeus Mozart vergiftet zu haben. Das entspricht sicher nicht den historischen Faken. Aber es mag ein Grund dafür sein, dass Salieris Werke im heutigen Musikleben eher ein Schattendasein fristen. Zu Lebzeiten war der 1750 nahe Verona geborene Komponist sehr erfolgreich, unter anderem als Hofkapellmeister am Wiener Kaiserhof. Seine rund 40 überwiegend italienischen Opern schrieb er dann auch vor allem für Wien, gelegentlich aber auch für Venedig, Rom und Mailand. Mitte der 1780er Jahre brachte er in Paris drei Opern auf die Bühne. Eine davon, "Les Horaces", hat der französische Cembalist und Dirigent Christophe Rousset jetzt eingespielt.

Antiker Familienzwist samt Liebesgeschichte

Die Handlung führt ins antike Italien und schildert den Konflikt zwischen der Familie der Horatier in Rom und den Curatiern im benachbarten Alba longa. Natürlich gibt es auch eine Liebesgeschichte: Camille, die Tochter des römischen Ritters Horace liebt Ritter Curiace aus Alba. Zunächst scheint es so, als ließen sich die politischen Konflikte der beiden Familien aus dem Weg räumen. Am Ende des ersten Aktes gibt Camilles Vater, Horace der Ältere, sogar seinen Segen zur Verbindung der beiden Liebenden.

Musik: Antonio Salieri, aus: Les Horaces. 1.Akt: Ô du sort heureux retour

Das waren Judith van Wanroij in der Rolle der Camille, Cyrille Dubois als Curiace, Jean-Sébastien Bou als Horace der Ältere und Julien Dran in der Rolle seines Sohnes, Horace des Jüngeren. Solche Ensembleszenen sind die große Stärke der Oper "Les Horaces". Antonio Salieri orientiert sich darin an den innovativen Werken, mit denen Christoph Willibald Gluck in den 1760er Jahren die Opernbühne vom barocken Ballast befreite.

Schnelle Szenewechsel statt ausgedehnter Arien

Wie Gluck verzichtet er auf die ausgedehnten Dacapo-Arien der Barockoper. "Les Horaces" lebt von knappen, oft rezitativisch gehaltenen Vokalpartien und schnellen Szenenwechseln. In den 1780er Jahren war das in Paris en vogue. Trotzdem bekamen sowohl die Versailler Uraufführung am 2. Dezember 1786 als auch die folgenden Aufführungen in der "Académie Royale de Musique" in Paris schlechte Kritiken. Die richteten sich allerdings vor allem gegen das Libretto, obwohl das ganz nach dem Geschmack des Pariser Publikums auf ein Drama von Pierre Corneille zurückgeht. Der französische Librettist Nicolas-François Guillard brachte Corneilles "Horace" von 1640 in ein mehr oder weniger operntaugliches Format und legte den Fokus dabei auf den Konflikt zwischen persönlichen Gefühlen und Staatsraison. Die handelnden Personen wirken dadurch recht eindimensional. Aber Salieri gestaltet das etwas spröde Libretto erstaunlich farbig. Das mit Bläsern reich ausgestattete Orchester ist bestechend, und die nuancenreich gestalteten Gesangspartien schärfen das Ohr fürs Detail. Arien sind rar und vergleichsweise kurz, aber durchaus reizvoll. In einer beleuchtet Salieri eindrucksvoll den tiefen Gewissenskonflikt, in den Curiace im zweiten Akt gerät. Auf Wunsch der Götter soll der Kampf zwischen den Horatiern und den Curatiern von drei Vertretern jeder Partei ausgetragen werden. Zusammen mit zwei Gefährten muss Curiace gegen die drei Brüder seiner geliebten Camille kämpfen. Für das Paar kann es da keinen Gewinner geben.

Musik: Antonio Salieri, aus: Les Horaces. 2.Akt: Victime de l’amour, victime del‘honneur

Diese Arie des Curiace ist einer der wenigen Momente des Innehaltens in Salieris "tragédie lyrique". Der Tenor Cyrille Dubois gestaltet sie mit einer gelungenen Mischung aus Innigkeit und Pathos. Die Instrumentalisten von "Les Talens Lyriques" unterstreichen dieses Wechselbad der Gefühle mit einiger Lebendigkeit. Bisweilen hätte man sich aber etwas mehr Präzision und Mut zum Detail gewünscht. Christophe Rousset hat ein harmonisch miteinander agierendes Solistenensemble zusammengestellt, das überwiegend mit einer angenehm leichten Stimmgebung überzeugt. Leider stehen die Sänger aufnahmetechnisch oft ein bisschen im Schatten des Orchesters. Das ist sehr schade, aber vermutlich unter anderem der Tatsache geschuldet, dass es sich um einen bearbeiteten Konzertmitschnitt handelt.

Konzertmitschnitt am Originalschauplatz

Er entstand im Oktober 2016 sozusagen am Originalschauplatz: in der "Opéra Royal du Château de Versailles", und wurde gefördert vom "Centre de musique baroque de Versailles". Dessen renommierter Chor unter der Leitung von Olivier Schneebeli ist maßgeblich am Gelingen der Produktion beteiligt.

Schon öfter hat Rousset eine Opernrarität des 17. oder 18. Jahrhunderts als Live-Mitschnitt auf CD zugänglich gemacht. Das verdient größte Hochachtung. In einer kostspieligeren Studioproduktion wäre manches davon vermutlich nie erschienen. Auch Salieris Oper "Les Horaces", die jetzt in Weltersteinspielung vorliegt, ist eine gelungene Repertoire-Erweiterung – die Salieri wieder ein bisschen ins rechte Licht rückt. 

Rousset interpretiert die Oper zupackend und präsentiert Salieri als durchaus innovativen und abwechslungsreichen Komponisten, auch wenn "Les Horaces" etwa Mozarts im gleichen Jahr entstandener Oper "Le nozze di Figaro" nicht das Wasser reichen kann.

Aber Salieris orchestrale Klangfarben changieren doch sehr reizvoll zwischen Spätbarock und Romantik. In den erfreulich vielen Chorpartien glänzen "Les Chantres du Centre de musique baroque de Versailles" mit kraftvollem Esprit. Besonders beeindruckend wirkt ihr Auftritt in der einschlägigen Kampfszene:

Musik: Antonio Salieri, aus: Les Horaces. Second intermède (Ausschnitt)

Im dritten und letzten Akt rückt erst einmal Horace der Ältere in den Fokus. Er beklagt den Tod von zwei Söhnen, verflucht den überlebenden Horace den Jüngeren zunächst als Feigling, feiert ihn, als er von dessen Heldentaten hört, dann aber als Retter Roms. Der Bass Jean-Sébastian Bou gestaltet diese Rolle mit der angemessenen staatsmännischen Würde.

Staatsmännische Würde und eindringliche Rhetorik

Die größte Verliererin der Geschichte ist Camille. Sie muss erfahren, dass ihr eigener Bruder ihren Verlobten getötet hat und zieht in ihrer Verzweiflung auch noch den Zorn des Vaters auf sich. In Corneilles Vorlage wird Camille von ihrem Bruder getötet. Die Opernfassung lässt ihr Schicksal offen, was symptomatisch für das wenig spannungsvolle Libretto ist. Salieri ermöglicht Camille im dritten Akt dennoch einige emotionale Ausbrüche, etwa in der Konfrontation mit ihrem Bruder. Hier kann vor allem Judith van Wanroij als Camille noch einmal mit eindringlicher Rhetorik glänzen, aber auch Julien Dran als Horace der Jüngere. Dazu kommt Philippe-Nicolas Martin in der Rolle des römischen Ritters Valère, der letztlich schlichtend in den Geschwisterkonflikt eingreift.

Musik: Antonio Salieri, aus: Les Horaces. 3.Akt: Oú sui-je (Ausschnitt), Rome est libre

Antonio Salieri (1750-1825)
"Les Horaces". Tragédie lyrique in drei Akten
Judith van Wanroij, Eugéne Lefebvre, Cyrille Dubois, Julien Dran, Philippe-Nicolas Martin, Jean-Sébastien Bou, Andrew Forster-Wiliams, Les Talens Lyriques, Les Chantres du Centre de musique baroque de Versailles, Leitung: Christophe Rousset
Label: Aparté/helikon harmonia mundi, DDD 2016

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