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StartseiteKultur heuteDer besorgte Blick in die Ukraine12.10.2014

LettlandDer besorgte Blick in die Ukraine

Bei der Parlamentswahl in Lettland am vergangenen Wochenende gewann nicht, wie von einigen befürchtet, die pro-russische Partei "Harmonie", sondern das konservative Regierungsbündnis. Die Sorge war im Vorfeld groß. Denn viele Letten sehen die Politik Russlands und allen voran den Ukraine-Konflikt mit gemischten Gefühlen.

Von Friederike Seeger

Rigas Bürgermeister und Kandidat für das Ministerpräsidentenamt, Nils Uschakow (Harmonie-Partei) bei der Stimmabgabe (dpa/picture alliance/Valda Kalnina)
Rigas Bürgermeister und Kandidat für das Ministerpräsidentenamt, Nils Uschakow (Harmonie-Partei) bei der Stimmabgabe (dpa/picture alliance/Valda Kalnina)
Weiterführende Information

Lettland nach der Wahl - Minderheitenpolitik ist Sicherheitspolitik
(Deutschlandfunk, Kommentar, 05.10.2014)

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Lettland - Wahlen im Schatten der Ukraine-Krise
(Deutschlandfunk, Europa heute, 02.10.2014)

Auf den ersten Blick deutet in Riga nichts darauf hin, dass die Menschen besorgt nach Russland und in die Ukraine schauen. Doch die Kämpfe dort sind schon lange in der Stadt und in den Köpfen der Bewohner angekommen. Auch die Schriftstellerin Ieva Melgalve verfolgt ganz genau die Meldungen aus der Ost-Ukraine.

"Ich bin nicht beunruhigt, ich habe Angst. Ich denke, dass der Angriff der Russen auf die Ukraine nicht nur ein Problem der Ukraine ist, sondern ein Problem der gesamten EU und vermutlich der ganzen Welt."

Mit dieser Meinung steht Ieva Melgalve nicht alleine da. Zwar ist Lettland seit zehn Jahren Mitglied der EU und gehört der NATO an, doch viele Letten können sich noch gut an die Sowjetbesatzung erinnern. Auch die Jungen haben den mühsamen Weg zur Unabhängigkeit nicht vergessen. Zu ihnen zählt auch der Theaterregisseur Valters Silis. In Deutschland ist er durch Theaterstücke zur Geschichte seines Landes bekannt geworden, inzwischen arbeitet er am Lettischen Nationaltheater. Auch er schaut besorgt auf den Ukraine-Konflikt. Erst im Frühjahr war er noch in Russland, um einige seiner Projekte zu besprechen.

"Ich kann mich noch an die Zeit erinnern als die Krim okkupiert wurde, da war ich in Russland und sprach mit einigen Leuten. Einige von ihnen haben gesagt 'Ach, das ist doch fast schon Russland, und es gibt da so viele Russen, die jetzt glücklich sind'."

Sätze, die zusammenzucken lassen

Genau diese Sätze lassen ihn und viele andere Letten zusammenzucken, erklärt Valters Silis. Denn in keinem anderen baltischen Staat leben so viele russischstämmige Menschen wie in Lettland. Die Gefahr, dass Russland plötzlich Ansprüche stellt und eine Abspaltung forciert, für Ieva Melgalve und Valters Silis ist das nicht unvorstellbar.

"Habe ich jeden Tag Angst deswegen? Nein, natürlich nicht. Die Gedanken ploppen eher auf einmal auf. Es gibt auch Leute, die lieben Putin. Es gibt ziemlich viele, die diese Art des Regierens toll finden und der Ansicht sind, so sollten Staaten regiert werden. Das sind Menschen, die Gegner des Regimes sind, aber gerne den gleichen Politikstil hätten."

Auch Ieva Melgalve hört solche Sätze in ihrer mehrheitlich russischen Nachbarschaft. Spannungen zwischen den einzelnen Gruppen könne sie jedoch nicht beobachten. Russlands Aggression gegen die Ukraine habe eine Situation geschaffen, in der es keinem lettischen Bürger mehr möglich sei, neutral zu bleiben. Mit diesen Worten positionierte sich der Intendant des Neuen Theaters Riga, Alvis Hermanis, kurz nachdem sich die Krim abgespaltet hatte. Er ist einer der führenden lettischen Theaterregisseure, seine Kritik hat Gewicht in Lettland. Mehrere Auftritte in Sankt Petersburg, sowie eine Produktion am Bolschoi Theater in Moskau, sagte er im Frühjahr ab. Ieva Melgalve hingegen hält sich politisch zurück. Auch deswegen, weil sie nicht glaubt, dass offene Briefe oder Stellungnahmen einzelner Künstler etwas an der Situation verändern würden. Ob der Konflikt ihre Arbeit als Schriftstellerin beeinflusst? Ieva Melgalve zögert bei diesem Gedanken.

"Ich denke, dass es wahrscheinlich eine Auswirkung auf meine Arbeit als Schriftstellerin hat, und gleichzeitig bin ich auch jemand, der die Literatur als Mittel zum Flüchten nutzt. Ich denke nicht, dass ich auf einmal anfangen werde über den Krieg zu schreiben."

Das Anliegen: Wahrgenommen zu werden

Ganz anders sieht das Valters Silis. Momentan arbeitet er mit anderen Regisseuren an einem gemeinsamen Projekt. Im Mittelpunkt steht die Tragödie "Die letzten Tage der Menschheit" von Karl Kraus. Darin geht es um die Unmenschlichkeit und die Absurdität des Krieges. Das Theater als Ort der Auseinandersetzung mit aktuellen Konflikten, für Valters Silis ist das möglich. Wichtig sind ihm dabei aber bestimmte Fragen.

"Ist es gut Angst zu schüren? Vermutlich nicht. Wie kann man sich einer Sache bewusst sein? Vielleicht ist das das Wichtigste: sich darüber bewusst zu sein."

Wahrgenommen zu werden, nicht nur die eigenen Ängste, sondern auch die politische Situation – für den kleinen Staat Lettland ist das ein großes Anliegen. Auch deshalb, weil Künstler wie Ieva Melgalve und Valters Silis um ihre Meinungsfreiheit fürchten. Ganz so, wie sie und ihre Eltern es während der sowjetischen Besatzungszeit erfahren haben.

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