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StartseiteKultur heuteLetzte Chance auf herbe Kost23.06.2012

Letzte Chance auf herbe Kost

Kölner Museum Ludwig zeigt vielleicht zum letzten Mal das Frühwerk von Claes Oldenburg

Bereits kurz nach den ersten Straßenauftritten von Claes Oldenburg kaufte Peter Ludwig Werke des Pop-Artist. Seine frühen Arbeiten sind nun in einer Ausstellung im Kölner Museum Ludwig zu sehen. Aufgrund von Alter und Empfindlichkeit der Materialien ist es wahrscheinlich die letzte Möglichkeit, Oldenburgs herbes Frühwerk zu sehen.

Christiane Vielhaber im Gespräch mit Katja Lückert

Weiche Lichtschalter von Claes Oldenburg (AP)
Weiche Lichtschalter von Claes Oldenburg (AP)
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Katja Lückert: Riesige Pommes und Burger-Berge, ein Tortenstück in Sofagröße, ein in sich zusammengesacktes Klo: Das Kölner Museum Ludwig stellt das Frühwerk des Pop-Art-Veteranen und Weltvergrößerers Claes Oldenburg aus. Dabei gehören viele der Werke zum eigenen Bestand des Museums, denn dort hatte man früh angefangen, die Arbeiten der Pop-Art-Protagonisten Warhol, Lichtenstein und eben Oldenburg zu sammeln.

Zur Eröffnung kam Claes Oldenburg eigens nach Köln, angeblich war er selbst überrascht, wie "frisch" seine nun fast 50 Jahre alten Arbeiten in der Ausstellung wirken - waren sie doch einst Teil eines künstlerischen Protests gegen den abstrakten Expressionismus und das Bedeutsamkeits-Getue des Kunstbetriebs. - Was zeigt diese Ausstellung nun wirklich, Christiane Vielhaber, das Frühwerk von Claes Oldenburg oder eine Art Feier der 60er-Jahre?

Christiane Vielhaber: Sowohl als auch. Es ist sein Frühwerk, es dokumentiert aber auch eine Phase der amerikanischen Kunst, die uns so nicht geläufig ist. Wir reden zwar von Pop-Art, haben dann immer Leute wie Andy Warhol im Hintergrund, und bei Claes Oldenburg denkt man eigentlich eher an die Spitzhacke, die irgendein Gott damals zur documenta in die Karlsaue geworfen hat, oder das Eishörnchen, was in Köln auf dem Neumarkt auf einer Hochhausecke oben klebt - das wäre Pop-Art.

Aber wie Claes Oldenburg angefangen hat, das ist herbe Kost, das ist rüde, das ist Performance und davon sind zum Beispiel jetzt Relikte in Köln zu sehen, die ganz früh und sehr mutig Peter Ludwig gekauft hat. 1959 sind die ersten Auftritte von ihm gewesen, in New York auf der Straße, und kurz danach hat Peter Ludwig schon zugegriffen, und so ist Köln im Besitz von ganz frühen Arbeiten, die man sonst nicht sieht.

Lückert: Geben Sie doch vielleicht mal ein paar Beispiele. Eine Kritikerin, so las ich, schrieb, es ist eine vollgestopfte Ausstellung. Stimmt das, ist es voll?

Vielhaber: Nein, überhaupt nicht, sondern nehmen wir mal die Installation "The Street", die er in der Lower East Side in New York gemacht hat, zusammen auch mit seiner Frau, dafür hat seine Frau Puppen genäht und irgendwelche Jutesäcke, das ist wirklich rüde, das sieht aus wie Art Brut. Es gibt Filme zu sehen, es werden Filme gezeigt, wo man dann sieht, wie er in Mullbinden gehüllt auftritt, ein bisschen Guru, ein bisschen hat mich das an Beuys erinnert, ein bisschen an die Wiener Aktionisten. Die Sachen hängen da einfach, es ist Pappmaschee, die an den Rändern auch schwarz bemalt sind, als wirkte das so wie angekokelt – also das ist wirklich rüde.

Dann gibt es die andere Installation, die schon bunter ist, "The Store". Da hat er in New York einen Laden sozusagen gemietet und hat in diesen Laden Sachen reingetan, die jetzt auch da herumstehen und –hängen. Zum Beispiel hat er Kleider aus Pappmaschee auch ganz grob gemacht, oder hat irgendwelche Strümpfe, hat ein kleines Regal mit Damenunterwäsche, die aber auch aus Pappmaschee und dann richtig angeschmiert, bunt angeschmiert sind, und dann dazwischen Lebensmittel, was es so in diesen kleinen Billigläden in dieser Ecke gab.

Da ist zum Beispiel ein Ofen, der die Klappe auf hat, und auf der offenen Klappe ist dann ein großer Teller, da ist so was Grünes - mich hat das an Wirsing erinnert, vielleicht ist es auch Spinat -, und dann liegen da so blutrote Würstchen drauf. Man sieht zwar, es ist Gips, aber irgendwo ist schon die Vorstellung, es ist eben nicht die ganz tolle Konsumwelt, die ein Warhol sich zum Beispiel genommen hat, sondern es ist wirklich so, wie das Leben da war.

Lückert: Die Sachen sind ja teilweise schon über 50 Jahre alt, Claes Oldenburg ist selber 83. Wie steht es da so um die Empfindlichkeit dieser Materialien, wenn Sie sagen Lebensmittel, Jute und so weiter? Ist das immer wieder ausstellbar?

Vielhaber: Ich denke, das ist das allerletzte Mal, dass so was geht. Ich habe mich auch gefragt, wie das überhaupt logistisch geht – zum Beispiel diese Badewannen, die aus weichem Stoff genäht sind, die in sich zusammenfallen, oder ein Oldtimer-Motor, den man erst mal so gar nicht erkennt, der hat auch was Morphes irgendwie. Also ich bin ganz sicher, das ist die letzte Chance, diese Kunst von Oldenburg zu sehen.

Lückert: Wenn Sie sagen "Frühwerk", wie ist die Entwicklung von dort aus bis heute dann verlaufen?

Vielhaber: Er ist dann immer eleganter geworden. Er hat ja dann auch immer mehr verdient, also gab es auch Auflagenobjekte.

Lückert: Er lebt in New York?

Vielhaber: Er lebt in New York, er ist der Sohn eines Diplomaten aus Schweden, und seine Mutter war Opernsängerin und so ist er nach Amerika gekommen, hat dann da auch studiert. Er ist dann eigentlich immer mehr dazu übergegangen, harte Kunst zu liefern. In dieser Ausstellung sieht man, wie er das nebeneinander hat: Erst mal diese weichen, aus Stoff genähten, und dann war das die Zeit, wo Vinyl auf den Markt kam, also Kunststoff, und dann finden Sie zum Beispiel einen Ventilator aus wirklich schwarzem Vinyl. Das hat er später nicht mehr in diesem Nebeneinander gemacht, und dann ist er wirklich eleganter geworden und salonfähiger.

Lückert: Sagt Ihnen das persönlich was, Christiane Vielhaber? Geht das zu Herzen auf eine bestimmte Weise?

Vielhaber: Ja es hat mich berührt, denn ich habe die Sachen, was ich gesagt habe, die Spitzhacke erlebt, oder in Krefeld vor dem Museum Haus Esters, wo er eine große Zahnbürste hat, und dann passt das auch nach Köln, wo Kasper König Kurator seines Mouse-Museums war (das war 1972 auf der documenta). Und dann passt es eigentlich auch irgendwie dazu, dass Kasper König, der ja immer einen Hang auch zu rüden Sachen hat und zu frechen Sachen hat, dass er da als Kurator fungiert hat, und dieses Mouse-Museum kann man jetzt hier auch sehen.

Lückert: Claes Oldenburg im Museum Ludwig in Köln - Christiane Vielhaber war das.

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