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StartseiteKalenderblattPopmusik als Ware16.12.2020

Letzte Folge der ZDF-Hitparade vor 20 JahrenPopmusik als Ware

Über 30 Jahre präsentierte die ZDF-Hitparade monatlich deutsche Schlager und Popmusik. Dass es sich dabei um eine Ware handelt, verhehlten die Sendung und ihr langjähriger Moderator Dieter Thomas Heck keineswegs. Mit der letzten Folge am 16. Dezember 2000 endete ein Kapitel deutscher Kulturgeschichte.

Von Georg Seeßlen

Moderator Dieter Thomas Heck steht auf einer Leiter vor dem Chart der Hitparade im Jahr 1974 (dpa / United Archives)
Wer ein Mal einen vorderen Platz in der Hitparade erreichte, wurde mit steigenden Verkaufszahlen belohnt (dpa / United Archives)
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Wenn im ZDF die Hitparade lief, dann waren wir immer woanders. Angeblich. Schließlich war es die große Zeit der Beatles, der Rolling Stones oder der Kinks. Und wer wollte sich schon mit deutschen Schlagern erwischen lassen? Aber wenn uns die gar nicht mal so angenehme Marktschreier-Stimme von Dieter Thomas Heck aus dem Fernseher anbrüllte, dann ließ man sich doch immer mal wieder einfangen. Es war ja erst zehn vor sieben, diese fatale Zeit zwischen Familientag und Saturday Night Fever. Und außerdem: irgendwie schön schrill war das ja schon auch. 

Das Erfolgsrezept einer Sendung

Bei uns ging es um Satisfaction, Revolution und Experience, bei denen immer noch um goldene Ringe, weiße Hochzeiten und rote Rosen. Und wie die schon aussahen! Naja, ein bisschen wie wir selber, bloß viel braver und frischer gewaschen. Sie rochen förmlich aus dem Apparat heraus nach Feinwaschmittel, Tanzstunde und Softeis. Sie sangen ihren jeweils neuen Schlager, und dann konnten die Zuschauer per Postkarte ihren Liebling wählen. Die Gewinner durften beim nächsten Mal wieder auftreten. Wer dreimal dabei war, wurde verabschiedet. Aber die Hartnäckigen kamen gleich darauf mit der nächsten Platte schon wieder. So entstand diese Gleichzeitigkeit von immer-was-neues und immer-das-selbe. 

Der Präsentator der "Hitparade", Dieter Thomas Heck, im Jahr 1971 (imago/United Archives)Der Präsentator der "Hitparade", Dieter Thomas Heck, 1971 (imago/United Archives)
Obwohl sie alle nur deutsche Schlager sangen, hatten sie irgendwie international klingende Namen wie Chris Roberts, Roy Black, Wencke Myrrhe, Rex Gildo, Edina Pop oder Cindy und Bert. Die wenigsten hießen wirklich so, wie sie sich als Schlagerstars nannten. Vielleicht war das schon ein Teil des Erfolgsrezepts. In der ZDF-Hitparade wurde nicht im Geringsten verborgen, dass es sich bei Popmusik um eine Ware handelt. Im Gegenteil, der Warencharakter wurde nicht allein durch den Verkäuferton von Dieter Thomas Heck und die Kostüme der Interpreten betont, die immer aussahen, als wäre noch das Preisschildchen dran.

Die ZDF-Hitparade präsentierte Schlager wie Produkte in einem Supermarkt. Und so wie es Verkaufsschlager gab, gab es eben auch Wegwerfware. In der ZDF-Hitparade verwandelte sich die Verlogenheit eines absolut gestrigen Musikgenres in eine pop-artig aktuelle Wahrheit über Konsumkapitalismus und Kulturindustrie. So nannten das die, die sich bei der ZDF-Hitparade nicht erwischen lassen wollten. Aber Andy Warhol, wetten?, hätte seine große Freude gehabt. Und im Übrigen verkaufte hierzulande jeder und jede, die einmal einen vorderen Platz in der ZDF-Hitparade erobert hatte, in einem Jahr mehr Platten als Velvet Underground in der Zeit ihres Bestehens.

Sternstunden des Bildschirmsadismus

Die ZDF-Hitparade spiegelte nicht nur die Werbeästhetik, sondern auch die gnadenlose Konkurrenz. Und da das Ganze in Halb-Playback, mit den wirklichen Stimmen der Sängerinnen und Sänger zum Konserven-Begleitorchester daherkam, war die Wahrscheinlichkeit durchaus gegeben, dass mal jemand danebensang oder den Text vergessen hatte. Sternstunden des Bildschirmsadismus. Natürlich wurde später auf Voll-Playback umgestellt. 

Ein Farbbild zeigt den  Schlagersänger Roy Black in  weißgrauem Anzug und 70er-Jahre-Frisur bei einem Auftritt in der ZDF-Hitparade ( picture- alliance / dpa / Walter Becher )Roy Black in der ZDF Hitparade ( picture- alliance / dpa / Walter Becher )

Ein paar Jahre später war es nur noch Gewohnheit oder Zufall, was uns zum Einschalten verleitete. Nach der Internationalen Funkausstellung 1973 und der neuen Programmstruktur des ZDF war die Hitparade auf den Sendeplatz um 19.30 Uhr, nach den Nachrichten, gewandert. Ab 1978 begann montags der "Tag der Musik" im ZDF mit der Hitparade.

Dieter Thomas Heck (dpa / picture alliance / Horst Ossinger)Dieter Thomas Heck (dpa / picture alliance / Horst Ossinger)Zum Tod von Dieter Thomas Heck - Showmaster und Schnellsprecher
Die "ZDF-Hitparade", "Melodien für Millionen" und "Musik liegt in der Luft" – Dieter Thomas Heck hat die große und kleine Showbühne im Fernsehen bedient. Mit Hecks Tod ging eine Ära zu Ende. 

Sechs Jahre später war sie wieder auf ihrem alten Platz. Und dann … ach dann verliert sich die Spur, immer wieder neue Sendeplätze, neue Moderatoren, die Abkehr vom Prinzip, nur deutsche Texte zuzulassen.

Moderator Uwe Hübner (M) steht am 16.12.2000 in Berlin zwischen den Künstlern, die zu seiner letzten"ZDF-Hitparade" gekommen waren, in der Hand hält er den Preis für den "Hit des Jahrs 2000". Nach 367 Folgen und 31 Jahren verabschiedet sich die Schlagersendung von ihren Zuschauern. Sinkende Quoten brachten das Aus für die Kultsendung  ( picture alliance / Zentralbild)16. Dezember 2000: Uwe Hübner (M.) moderiert die letzte "ZDF-Hitparade" ( picture alliance / Zentralbild)

Mit dem trostreichen Titel "Ich hab’ dich noch lieb", der sich übrigens gegen die Konkurrenz von "Und lieb hab’ ich dich auch" und "Ich bin viel schöner" durchsetzte, verabschiedete sich das Format am 16. Dezember 2000. Es hat vielleicht mehr über uns und unsere Zeit erzählt, als uns bewusst war. Und hallt nach wie einer dieser Schlager, die man eigentlich gar nicht hören wollte und dann doch nicht mehr aus dem Kopf bekam. Wie die allererste Nummer eins der Hitparade.

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