Dienstag, 29. November 2022

Kommentar zu Kunstattacken
Kulturloser Aktivismus ist antidemokratisch

Wer rücksichtslos Kulturgut attackiert, verübt ästhetische Lynchjustiz, kommentiert Michael Köhler. Zerstörung oder langfristige Schäden werden in Kauf genommen. Die Klimaaktivisten erweisen ihrem - im Grunde sinnvollen Anliegen - einen Bärendienst.

Ein Kommentar von Michael Köhler | 30.10.2022

Klimaaktivistinnen knien vor den Sonnenblumen-Gemälde von van Gogh, dass von Tomatensuppe übergossen ist.
Wer den begrenzenden Rahmen der Rechts- und Sittenordnung verletzt, nimmt in Kauf, dass eine Gesellschaft zunehmend die Fassung verliert, kommentiert Michael Köhler. (IMAGO / ZUMA Wire / Just Stop Oil)
„Es ist doch nichts passiert, war doch alles hinter Glas!“ Das sagen die Befürworter der fragwürdigen Aktionen in verschiedenen Museen. In Dresden klebten sich Aktivisten an den Rahmen von Raffaels Sixtinischer Madonna, in London bekamen Vincent van Goghs „Sonnenblumen“ Tomatensuppe ab und zuletzt knieten zwei Aktivisten in Warnwesten vor dem Schmuckstück der Sammlung im Potsdamer Museum Barberini, einem über 100 Millionen Euro teurem Gemälde Claude Monets. Das Bild eines Heuschobers war mit Kartoffelbrei beworfen worden.

Schaden im fünfstelligen Euro Bereich

Wer immer noch sagt, es ist doch nichts passiert, irrt. Es ist viel passiert. Wäre zwischen Glas und Gemälde nicht eine dicke Filznaht, - wie Restauratorin Felicitas Klein erklärt - wäre der Brei aufs Gemälde gelaufen. Die Leinwand hätte die Feuchtigkeit aufgenommen, sich geweitet und die Ölfarbe wäre abgeplatzt, wenigstens gerissen. So entstand nur Schaden am historischen Rahmen. Die Reparatur des beschädigten Rahmens zuzüglich der Einnahmeausfälle durch Schließung des Museums machen einen fünfstelligen Euro Betrag aus. Hinzu kommen die Beeinträchtigungen des Museumsbesuchs durch künftig zu erwartende Sicherheitsmaßnahmen.
Die selbsternannten Klimaretter der „Letzten Generation“ benahmen sich wie ultimative Widerstandskämpfer, um möglichst medienwirksam auf den Klimanotstand hinzuweisen. Wenige Minuten nach der Attacke wusste dank Twitter die Welt davon. Auch ihre (auf Twitter nachzulesende) Frage, was ist wichtiger: „Kunst oder Leben“ zeugt von einem kurzschlüssigen Rigorismus der Tat, einer falschen Freund-Feind-Auffassung, die Kunst missachtet und kulturlos ist. Den Aktivisten ging es ohnehin nicht um Kunst. Sie sind keine Bilderstürmer. Sie hassen - günstigstenfalls - das Museum als Repräsentant ausbeuterischer Verhältnisse, nutzen es aber zugleich als wirkungsvolle Bühne.

Das Museum ist eine Zeitmaschine, die für die Zukunft sichert

Denn das Museum ist nicht, wie manche heute gern behaupten, eine Korn- und Schatzkammer des kolonialistischen Kapitalismus, in der geraubte Schätze aufbewahrt werden. Das Museum ist ein Ort, in dem Kulturgüter geschützt, bewahrt, erforscht, konserviert, restauriert und ausgestellt werden. Im besten Fall für alle. Es ist eine bürgerliche, antifeudale Einrichtung der Kunst- und Bildungserfahrung. Mehr noch. Es ist sogar ein Ort der Befreiung von den Fesseln der Fremdbestimmung, keine verstaubte Bilderbude von Königen und Klerikern, sondern Ort der Überlieferung und Selbstverständigung. Das Museum ist deshalb nicht von gestern, im Gegenteil, es ist eine Zeitmaschine, die für die Zukunft sichert.
Zwei Klimaaktivisten geklebt an den Rahmen der Sixtinischen Madonna
Zwei Klimaaktivisten geklebt an den Rahmen der Sixtinischen Madonna (picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Letzte Generation)
Wer indes herrisch und rücksichtslos überliefertes Kulturgut attackiert, ist selbstgerecht im Michael-Kohlhaas-Sinne und verübt ästhetische Lynchjustiz. Zerstörung oder langfristige Schäden werden in Kauf genommen. Die Klimaaktivisten erweisen ihrem - im Grunde sinnvollen Anliegen - einen Bärendienst. Ihre Verunreinigungsaktionen erinnern an historische Säuberungen. Das kann nicht in Ihrem Sinne sein, oder?
Das Museum hat naturgemäß langen Atem, die Klimaaktivisten nicht. Sie sind Temposünder des Unbedingten. Sie wollen alles. Sofort. Ihr Aktivismus, der rasend schnelle Überfall, ist ein Kind der totalitären Bewegungen vom Anfang des letzten Jahrhunderts. Bolschewisten und Nationalsozialisten schätzten und nutzten das. Der Aktivismus als temporeiche Überrumpelung ist zutiefst undemokratisch. Er lässt keinen Widerspruch zu, achtet den Anderen nicht. Demokratie ist aber leider nun mal kleinteilig und langsam. Aktionismus hingegen ist größenwahnsinnig und ungeduldig.
Kurz: Der Bilderrahmen wurde beschädigt, die Fassung verletzt. Auch im übertragenen Sinne. Wer den begrenzenden Rahmen der Rechts- und Sittenordnung verletzt, nimmt in Kauf, dass eine Gesellschaft zunehmend die Fassung verliert.