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StartseiteBüchermarktLewis' Reise03.08.2003

Lewis' Reise

Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt

Amerikas Präsident Bush ist Fundamentalist, ein christlicher Fundamentalist. Er glaubt, dass die Welt in Gut und Böse geteilt ist, dass zwischen beiden Lagern ein Kampf um das Heil tobt und er selbst das Lager der Guten anführt. Diese Heilsgewissheit und das damit verbundene Sendungsbewusstsein leitet Bush von einem besonderen Erlebnis her, bei dem er zum Glauben regelrecht erweckt und vom lauen zum fanatischen Christen wurde. Solche Erweckungserlebnisse sind charakteristisch für viele christliche Kirchen und Sekten Amerikas - die Grenze zwischen beiden ist nicht immer leicht zu ziehen. Eine in den USA besonders starke, vitale und schnell wachsende Kirche - oder Sekte - ist die Pfingstbewegung. Sie entstand Anfang des vergangenen Jahrhunderts in einer kleinen Stadt in Kansas und dann in Los Angeles und verbreitete sich bald über die ganze Welt. Ihre Anhänger leben ihren Glauben emphatisch und enthusiastisch, sie lehnen die Hierarchie der etablierten Kirchen ab und berufen sich auf eine persönliche Beziehung zu Gott, die sich manifestiert im zentralen Erweckungserlebnis. Manche dieser erweckten Christen reden dann "in Zungen" - ganz wie Jesu Jünger es in der Pfingsterzählung der Apostelgeschichte getan haben sollen.

Martin Ebel

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Die Pfingstler sind mittlerweile nach den Katholiken zur zweitgrößten christlichen Gemeinschaft geworden und umfassen weltweit 280 Millionen Menschen; zählt man freie pfingstliche Gruppen dazu, sind es gar 500 Millionen. Die meisten von ihnen leben in Nord- und Südamerika. Einer der europäischen Pioniere dieser Bewegung war Lewi Pethrus, ein Schwede, der von 1884 bis 1974 lebte. Ihm und seinem großen Rivalen und Partner Sven Lidman hat Per Olov Enquist seinen neuen Roman Lewis Reise gewidmet. Er umfasst fast 600 Seiten, auf denen die Erfolge und Misserfolge der schwedischen Pfingstler nachgezeichnet werden, auf denen verkündet und gestritten, intrigiert und versöhnt und auch in Zungen geredet wird. Von diesem Zungenreden gibt ein zeitgenössischer Zeitungsbericht, den Enquist zitiert, einen Eindruck :

Nachdem mehrere Personen Zeugnis abgelegt hatten, stieg der junge Mann namens Jansson, der in Amerika gewesen war, hinauf und begann, ruhig und still Zeugnis abzulegen, doch nach und nach geriet er in Ekstase. Mit gefalteten Händen gestikulierte er wild, und seine Stimme nahm eine unnatürliche Lautstärke an, während er Gott und Jesus anrief. Er verdrehte die Augen, und sein Mund war weit aufgerissen. Im späteren Verlauf des Abends kam Jansson noch einmal zurück und begann in Zungen zu reden. Es war vokalreich und weich, und der Berichterstatter ist der Meinung, dass es sich um eine wirkliche Sprache handelte und nicht um zufällig gebildete Lautfolgen. Zuweilen mischte er die schwedische Sprache in die Rede, und man bekam den Eindruck, es handele sich dabei um eine Übersetzung der Sprache, die er redete. Während dieses späteren Vortrags geriet er in noch größere Ekstase als beim vorigen Mal. Er rief, dass einem die Ohren schmerzten, und gestikulierte gewaltsam unter grässlichen Gesichtsverzerrungen. Aus dem Saal rundum wurden Rufe laut: Danke, danke, lieber Gott! Oh Jesus, komm zu uns! Rette mich aus der Gewalt Satans.

600 Seiten über eine sonderbare christliche Bewegung, über dogmatische Details, mit denen sie sich von der Konkurrenz abgrenzt, über Korruption und Verderbtheit, die der Erfolg mit sich bringt, über Rivalitäten religiöser Führer, - muss man das lesen in unseren weltlichen, materialistischen, individualistischen und hedonistischen Zeiten? Nun, lesen MUSS man nur wenige Bücher, und auch dieses nicht zwingend. Wer es aber zur Hand nimmt - vielleicht des Autors wegen, der zu den bedeutendsten unserer Jahre gehört und seit langem auch zu den Nobelpreiskandidaten - wer Lewis Reise also zur Hand nimmt, dem steht eine überaus seltsame Erfahrung bevor, eine Reise in eine befremdlich, oft auch abschreckende Welt. Reizlos ist sie nicht, denn Enquist beschreibt den Aufstieg der schwedischen Pfingstler stellvertretend für die modernen Volksbewegungen: der enthusiastische Beginn, um den sich sofort allerlei Legenden ranken; das scheinbar unaufhaltsame Anschwellen der Anhängerschaft, die zunehmende Verkrustung und Verhärtung der Lehre; Machtkämpfe der Protagonisten und Fraktionen; nicht zuletzt der unerbittliche Umgang mit denen, die als "Feinde" markiert und ausgestoßen werden.

Ephraim, einer der für Enquist so typischen erzählerischen "Filter", ein langjähriges Pfingstgemeindemitglied, auf dessen authentische Autobiographie sich Enquist stützt, Ephraim überblickt die Entwicklung der Bewegung in ihrer Gänze und fasst sie in ein starkes Bild:

Grosse erfolgreiche Volksbewegungen lassen viele Zermalmte hinter sich zurück. Es sollten mehr werden, auch in der Pfingstbewegung. Besonders da. Und manchmal dachte Ephraim, der von diesen Zermalmten schrieb und der sich sehr stark für sie interessierte, dass er die Bewegung zuweilen als einen großen Zug von singenden, glücklichen, erlösten und ekstatischen Menschen sah, die an einem Meeresstrand entlang einem fernen Licht entgegenzogen, geführt von ihren Führern, den erfolgreichen und starken und charismatischen, denen, die sich nicht zermalmen ließen. Aber dass er hoffte, die Menschen in diesem Zug würden dann und wann das schwache, fast unmerkliche Geräusch zertretener Schneckenhäuser unter ihren Füssen hören wollen, ein fast unhörbares Geräusch von denen, die zermalmt worden waren.

In diesem Bild steckt alles drin: Die idealistischen Bedürfnisse der Menschen und ihr Missbrauch durch machtbewusste Glaubensobere sowie der unmenschliche Umgang mit sogenannten Ketzern. Ephraim selbst wird ein solcher Zermalmter werden, und sein Begräbnis wird für Enquist zum Anstoß, diesen Roman zu schreiben. Parallelen zum sowjetischen Kommunismus zieht der Autor übrigens nicht, obwohl sie auf der Hand liegen, aber als Subtext läuft die Geschichte dieser wohl fürchterlichsten Deformation einer humanen Idee immer mit, bis zum Vokabular, wenn von "Säuberungen", vom "Zermalmen" und "Vernichten" der "Abweichler". Auch die Rivalität der beiden Führer, dieser "Zwillinge Gottes", könnte als schwedisch-religiöse Variante des berühmten Machtkampfs zwischen Trotzki und Stalin gelesen werden: Hier der Volkstribun, dort der Apparatschik. Und in beiden Fällen ist es der Apparatschik, der siegt. Aber treiben wir die Parallele nicht zu weit; Lewi Pethrus hat keinen Gulag errichtet und seinem Widersacher auch keinen Eispickel in den Schädel rammen lassen. Enquist wählt für das Verhältnis der beiden Antagonisten eine grandiose Metapher, ein Bild aus der Astrophysik: Wie zwei Planeten haben sich Lewi und Lidman umkreist.

Er stellte sich vor, dass sie sich in einer gigantischen Kreisbewegung einander näherten. Voneinander angezogen wurden. Ineinandergesogen und am Ende in einer gewaltigen und wollüstigen planetarischen Umarmung vereinigt würden, in dem galaktischen Beischlaf der keuschen und dennoch erotisch pochenden Pfingstbewegung.

Es ist wieder Ephraims Sprache, der Enquist hier folgt, referierend, zitierend, sie sich anverwandelnd und wieder auf Distanz haltend, eine Wunschphantasie, die viele geteilt haben und die in einem Showdown vor der Stockholmer Philadephiagemeinde am 2. Februar 1948 ihr ernüchterndes Ende findet. Sexualität, wie in diesem Zitat deutlich, ist ein zweiter Subtext dieser "grossen Erzählung" der Pfingstbewegung. Geführt wird sie ausschließlich von Männern, aber vier Fünftel der Gemeindemitglieder sind Frauen, ein "Meer von Frauen", wie es heißt, aus den unteren Schichten der Bevölkerung, sehr viele von ihnen alleinerziehende Mütter, enttäuscht und sitzen gelassen von trunksüchtigen Männern. Sexualität kennen sie nur als "schmutzigen, schnellen, brutalen Beischlaf". Die Pfingstgemeinde bietet ihnen eine Alternative:

Hier, in der Gemeinde, konnte Lewi mit eigenen Augen die seltsamsten Ausprägungen beobachten. Das Rufen dieser jungen Frauen, ihre Zuckungen, ihre übersinnliche Freude angesichts der geöffneten Arme des Bräutigams, ihr Glück, sich mit Jesus vereinigen zu dürfen.

Enquist reduziert die Attraktivität der Pfingstbewegung aber nicht auf diesen Aspekt der sexuellen Erlösung durch Sublimation - was ja auch bedeutet, einem sehr traditionellen, negativen Frauenbild folgend, dass die Frau als Versucherin und Sünderin überwunden werden muss. Er zeigt mit der Geschichte dieser mächtig anschwellenden Sekte, welche psychischen Belastungen die rasante Modernisierung der Gesellschaft für den Einzelnen bedeutet. Er zeigt es am anschaulichsten in der Gestalt Sven Lidmans, Lewis Freund, Rivalen und schliesslich Opfer. Lidmann ist ein dekadenter Dichter, der in den besten Häusern Stockholms ein und aus geht, ein kompliziertes Liebesleben pflegt und innerlich dabei immer mehr verkommt. Als der prominente Intellektuelle zu den Pfingstlern geht, ist das eine Mediensensation, auch wenn man das damals noch nicht so nennt. Svens Bekehrung findet in dem Moment statt, in dem er persönlich und künstlerisch am Boden liegt. In der religiösen Gemeinschaft findet er eine neue Aufgabe - seine Predigten sind Erzählungen im neuen Gewande -, vor allem aber befreit ihn die Pfingstkirche von der anstrengenden Aufgabe, ein selbständiges, selbstdenkendes Individuum zu sein. Schwärmerisch erklärt er Ephraim seine neue Befindlichkeit:

Ich fließe, umschlossen von den Glaubensbrüdern, wie in einem Fluss. Ich bin solidarisch. Ich habe in gewissem Masse aufgehört, als Einzelner zu existieren, deshalb bin ich zum ersten Mal Mensch. Es war, wie aus einer großen Einsamkeit nach drinnen zu kommen.

Die Überwindung der Vereinzelung, das beglückende Erlebnis, in einer Gemeinschaft aufzugehen: Das findet sich in vielen Berichten frisch bekehrter Christen aus intellektuellen Kreisen - aber auch, mit zum Teil identischer Wortwahl, in den Berichten von konvertierten Kommunisten und Faschisten. Der Modernisierungsschub, dem die Menschen im 19. und 20. Jahrhundert ausgesetzt waren, überforderte auch etliche ihrer avanciertesten Vertreter, eben auch viele Intellektuelle. Und wie sollte er dann nicht die großen Massen überfordern, die desorientierten, entsetzlich armen und geistige obdachlosen Schweden, die die Sehnsucht nach Zusammenhang in die Kirchen trieb, die verzweifelte Hoffnung, das ganze Elend habe einen Sinn? Enquist erinnert daran, dass Schweden, das spätere Wohlstandsparadies, in jenen Zeiten das Armenhaus Europas war.

Stockholm war ein Abfallhaufen, der roch und fror und hungerte, die Kindersterblichkeit war hoch und die Enge der Wohnverhältnisse entsetzlich: die in den letzten Jahrzehnten herangewachsene Arbeiterklasse drängte sich in unbeschreiblichen Löchern zusammen, außer im Sommer, wenn man in den Felsenklüften auf Södermalm kleine Holzhütten bauten konnte, und die Promiskuität war weit verbreitet. Die große Debatte Ende des 19. Jahrhunderts über die Sexualmoral, die Reinheit des Mannes vor der Ehe und die Freiheit der Frau war in einer sehr dünnen Luftschicht in großer Höhe von den Intellektuellen in ganz Skandinavien geführt worden, aber selten war dies in die Tiefe vorgedrungen, zur Wirklichkeit der Arbeiterklasse, die in kleinen, eiskalten Räumen zusammengepfercht war, die hungerte und hemmungslos und ohne Hoffnung kopulierte. Natürlich gab es Familien. Doch ein Drittel aller Familien in Stockholm bestand im Jahre 1910 aus alleinstehenden Frauen mit Kindern. Und ging man noch tiefer in der Sozialschicht, bestand fast die Hälfte der Familien dieser neuen Arbeiterklasse aus ebendiesen einsamen Frauen, Witwen oder Alleingelassenen, oder nur bei zufälligem Kopulieren Befruchteten. Man brauchte nicht einmal von Vergewaltigung zu sprechen. Das Elend an sich war die Vergewaltigung, die diese wehrlosen Kinder erzeugte, die im übrigen durch die höchste Kindersterblichkeit in Europa wie die Fliegen starben.

Der Alkohol bietet da einen trügerischen Trost. Wer sich schon einmal über den prohibitiven Umgang des heutigen Schweden mit Alkoholika gewundert hat, begreift, warum das so ist, wenn er Zeugnisse über die furchtbaren Verheerungen liest, die der Alkohol einst unter den Armen des Landes angerichtet hat, Zeugnisse wie das des Predigers George Scott, den Lewi häufig zitiert, und den auch Enquist zitiert:

In keinem Land der Welt wird im Verhältnis zur Bevölkerungszahl so viel Alkohol konsumiert; in keinem ist die Trunksucht mit ihren unzähligen Folgen von Verbrechen und Elend so allgemein und so verderblich. Schweden ist der Hauptort der Herstellung und des Verzehrs geistiger Getränke, ja der Hauptort der Trunksucht.

Diesem materiellen und moralischen Elend trat die Pfingstbewegung tatkräftig entgegen; mit Obdachlosenheimen, Kinderkrippen und Suppenküchen. Natürlich aber auch mit Nahrung für die Seelen - wie die anderen Volksbewegungen des jüngeren Schweden auch. Hier, wo er über das Partikulare der Pfingstler hinausgeht und exemplarisch von der Moderne und ihrem Preis redet, ist Enquists Roman erhellend und anregend. Nicht immer gelingt es ihm allerdings, das Beispiel transparent zu machen auf das Ganze des 20. Jahrhunderts hin; allzu oft bleibt er in der geistigen und sprachlichen Enge schwedischer Kirchengeschichte befangen.

Keinen Hehl macht der Autor von Anfang an daraus, dass es auch seine eigene Geschichte ist, die er hier zugleich erforscht und erzählt. Seine Mutter, der er den Roman gewidmet hat, ist keine Pfingstlerin gewesen, aber gleichfalls "erweckt", nur von einer anderen Sekte; bei der Beschäftigung mit der Pfingstbewegung begegnet Enquist die eigene Kindheit wieder; und der rigide religiöse Fundamentalismus, dem er ausgesetzt war, und der alles verbot, was als "sündig" galt: Theater und Tanz, Kino und Kartenspiel und Alkohol ohnehin, Die Lektüre einer Predigtsammlung von Lewi wirkt auf Enquist wie ein Schock:

Wirklich alles war da zu finden: Anweisungen für den vollendeten fundamentalistischen Menschen aus einem Guss. Es war erschreckend. Aber das Entsetzlichste war, dass es auf keine Weise von den Werten abwich, die, zum Beispiel, in dem Dorf im nördlichen Västerbotten galten, in dem ich selbst aufgewachsen bin. Ich erkannte alles wieder. Genau so war ich erzogen worden. Das war ich. Ich hatte es nur vergessen. Es war, als habe die Zeit eine Eishaut über mein Leben gelegt und sie dann plötzlich weggehaucht, und ein Gesicht war hervorgetreten, das mein eigenes war, obwohl ich es vergessen hatte. Dies war ich. Das Entsetzliche war damals nicht entsetzlich gewesen, sondern natürlich. So war es gewesen. Mit diesen Wertvorstellungen war ich aufgewachsen. So war ich selbst Mensch geworden...

... schreibt Enquist, und der Leser ergänzt im Stillen: und ich habe es überlebt. Die Deformation ist aber auch in diesem Versuch noch spürbar, sich durch literarische Verarbeitung davon zu lösen; mit anderen Worten: ganz ist Enquist diese Ablösung nicht gelungen. Der "Sündenkatalog", die überall lauernden "Versuchungen" beherrschen auch Lewis Weltbild zusehends und drängen den ursprünglich bestimmenden sozialen, karitativen Zug in den Hintergrund. Aggressives Sendungsbewusstsein und schwere Ängste - Minderwertigkeitsgefühle, Zweifel an der eigenen Auserwähltheit, Neid auf das Künstlertum des Rivalen - gehen eine unangenehme, bisweilen abstoßende Mischung ein. Sven Lidman, der seine Geliebte zwingt, das gemeinsame Kind abzutreiben, und in derselben Nacht zu einer Hure geht, ist wahrhaftig kein edler Charakter. Aber wie menschlich wirkt er gegen Lewi, der immer mehr zu einem Monster an Selbstgerechtigkeit wird. Die widerlichste Szene des Romans spielt sich in jener Nacht ab, in der Lewis Frau fast stirbt, weil sie ein totes Kind im Leib trägt, und er sich weigert, den Arzt zu holen. Glaubt er, dass nur Gott sie retten kann? Das wäre, bei aller religiösen Verstiegenheit, noch nachvollziehbar und verzeihlich. Aber es ist schlimmer: Lewi identifiziert sich mit Abraham, der seinen Sohn Isaak opfern soll, und will Gott mit dieser Opferbereitschaft zwingen, sich ihm zu offenbaren.

Er hatte sich entschieden. Gott würde sie retten. Es war beschlossen. Und es würde ein Zeichen werden.

Tatsächlich bekommt er das gewünschte Zeichen (oder deutet es jedenfalls so): Seine Frau überlebt, entgegen aller medizinischen Wahrscheinlichkeit, aber Lewi ist für den Leser von diesem Moment an gestorben. Eine abstoßende Wendung nimmt die Pfingstkirche auch, als sie immer reicher wird. Je mehr Geld sie hat, desto mehr braucht sie - für neue Kirchen, für die Mission, für eine neue Zeitung, den "Dagen". Woher nehmen, wenn nicht von den eigenen Mitgliedern, die meist gerade genug zum Leben haben und von diesem wenigen schon so viel spenden? Wie diese überzeugen, noch mehr zu geben? Da kommen die führende Pfingstler auf eine perfide Idee.

Die Agenten hatten zunächst mächtig über die Sünde und die Qualen und den Felsen im Meer und die Ewigkeit gesprochen. Aber dann hatte man die Bedürftigen und Verzweifelten in den Betraum gebracht und sie erlöst und dann ein Papier hervorgezogen, auf dem der arme Sünder unterschreiben und sich verpflichten sollte, dem Dagen zweihundert Kronen zu spenden. Es war sozusagen ein System geworden. Und manchmal ging man Todesannonce nach, und dann konnte die Witwe vielleicht so verzweifelt sein, dass sie eine zusätzliche Versicherung abschließen wollte, durch eine Spende. Dass der Tote gleichsam spenden wollte, um nicht im kochenden Öl Gehennas bleiben zu müssen. ...Es hieß, dass diejenigen, die einsammelten, Provision bekämen.

Die Gläubigen mit der Aussicht auf furchtbare Höllenstrafen in Panik versetzen und dann kassieren: Das war das Prinzip der Ablasszettel, mit denen im 16. Jahrhundert der Bau des Petersdoms finanziert wurde und die einer der Auslöser für Luthers Reformation waren. So weit hat es die Bewegung der Pfingstler gebracht. Und sie muss nicht einmal einen Reformator fürchten, sondern nur einige kritische Querköpfe wie Ephraim, mit denen man leicht fertig wird.

Abstoßung und Anziehung wechseln sich bei der Lektüre dieses Romans ab. Auch den Autor bringt dieser Stoff gehörig ins Schlingern. Er setzt sich dem Einfluss der historischen Quellen, die er ausführlich zitiert, und der von rituellen Formeln und naiven Wiederholungen durchsetzten Sprache der Pfingstler in strapaziöser Weise aus. Signale der Ironie und der Distanz, die es gelegentlich durchaus gibt, kommen daher kaum zur Geltung. Dass die Arbeit an diesem Roman eine aufwühlende Erfahrung war, ist nicht zu übersehen. Sie teilt sich bei der Lektüre mit. So ist "Lewis Reise" ein Buch, mit dem man seine liebe Not hat.

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