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StartseiteTag für TagZwischen allen Stühlen06.10.2017

Liberal-jüdische Gemeinden in IsraelZwischen allen Stühlen

Reformjuden in Israel mussten jüngst mehrere Niederlagen einstecken. Ein ehemaliger Oberrabbiner sagte jüngst, Reformjuden seien schlimmer als Holocaust-Leugner. Immerhin: Liberale Juden rücken ins Bewusstsein der Israelis. Doch wieso tun sie sich ausgerechnet in Israel so schwer?

Von Lissy Kaufmann

Die Rabbinerin Mira Raz beim Gottesdienst zum Schabbat in der Reformgemeinde Beit Daniel, südlich von Tel Aviv. Sie ist seit den 90er Jahren Rabbinerin in Reformgemeinden. (Deutschlandradio / Lissy Kaufmann)
Die Rabbinerin Mira Raz beim Gottesdienst zum Schabbat in der Reformgemeinde Beit Daniel, südlich von Tel Aviv. (Deutschlandradio / Lissy Kaufmann)
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Freitagabend, kurz vor Sonnenuntergang im Süden Tel Avivs. Rund 25 Besucher sind in den Gemeindesaal der Reformgemeinde Beit Daniel gekommen, zum Gottesdienst vor Schabbatbeginn, dem Kaballath Schabbat.

Zwei Jugendliche schauen kurz herein. Sie sind orthodox, tragen schwarze Kippot. Und sie kichern, beim Anblick der Rabbinerin. Die wäre in ihren orthodoxen Synagogen undenkbar, ebenso, dass Männer und Frauen nebeneinandersitzen oder Gitarre gespielt wird am Schabbat. Mira Raz, seit den 90er Jahren Rabbinerin in Reformgemeinden, lässt sich nicht beirren. Erstaunte Blicke seien heute die Ausnahme.

"Wenn ich früher gefragt wurde, was ich mache und ich geantwortet habe, ich bin Rabbinerin, dann kam die Antwort: Was ist das denn? Ich musste es erklären. Ein paar Jahre später aber war die Antwort: Was für eine Rabbinerin? Also: Reform oder konservativ?"

"Abtrünnige Juden?"

Mira Raz trägt ein Kleid und die graublonden Haare offen. Ihre Worte sind direkt, klar und laut. Eine Frau, die es wissen will. Auf die schwierige Rolle der Reformjuden in Israel angesprochen, erzählt sie lieber von den Erfolgen. Heute gäbe es mehr als 40 Gemeinden und sogar die Säkularen, wie jene in Israel genannt werden, die von Religion nichts wissen wollen, zeigten Interesse:

"Klar gibt es Säkulare, die sagen: Wenn ich schon in eine Synagoge gehe, dann doch lieber gleich ins Original. Aber viele lehnen das ab. Sie sagen: Wenn, dann gehe ich in eine Synagoge, in der ich keinen Widerspruch empfinde, vor allem als Frau, zwischen meinem Leben als moderner Mensch und der religiösen Welt der Orthodoxen. Da zählen sie nur Männer zu einem Minjan, also dem Quorum, den wir für bestimmte Riten brauchen. Bei uns bilden zehn Menschen - also egal ob Frau oder Mann - einen Minjan, um beispielsweise die Thora aus dem Schrank zu holen."

Die liberale Rabbinerin Mira Raz an einem Bücherregal. (Deutschlandradio / Lissy Kaufmann)Die liberale Rabbinerin Mira Raz. (Deutschlandradio / Lissy Kaufmann)

Doch während Reformjuden in den USA die größte jüdische Gruppe darstellen, sind sie in Israel noch immer eine Minderheit: Jüngste Umfragen zeigen, dass nur weniger als vier Prozent sich als Reformjuden verstehen, mehr als 25 Prozent hingegen als orthodox.

Und Spitzenpolitiker sagen öffentlich, das orthodoxe Judentum sei das einzig wahre. Etwa der Minister für religiöse Angelegenheiten, David Azoulay, der vor zwei Jahren sagte:

"Einen Reformjuden, der die jüdischen Gesetze nicht mehr einhält, den kann ich nicht mehr Juden nennen. Das sind Juden, die von ihrem Weg abgekommen sind, und wir müssen sicherstellen, dass jeder Jude zum Judentum zurückkehrt."

Soll heißen: Wer die strengen Regeln, die Mitzwot, nicht einhält, und – wie manche Reformjuden – auch mal am Schabbat Auto fährt oder nicht koscher isst, ist kein echter Jude.

Das Orthodoxe Rabbinat dominiert

Zwar tadelte Premier Netanjahu den Minister und erklärte, Israel sei das Zuhause aller Juden. Doch noch immer bestimmt in Israel das rein orthodoxe Rabbinat, was koscheres Essen ist. Es beaufsichtigt die Ritualbäder, und nur orthodox durchgeführten Hochzeiten und Scheidungen werden vom Staat anerkannt. Es gibt in Israel keine Zivilehe. Menachem Fisch, Direktor des Zentrums für Religiöse und Interreligiöse Studien an der Tel Aviv Universität, sagt, damit die Religionsfreiheit eingeschränkt:

"Israel ist das einzige westliche Land, in dem Juden keine hundertprozentige Religionsfreiheit haben. Und das ist paradox: Denn würde sich irgendein anderes westliches Land mit Gesetzen so auf die Seite entweder von konservativen oder von Reform-Rabbinern schlagen, wie es Israel getan hat – unsere Regierung würde das Antisemitismus nennen."

Menachem Fisch ist selbst orthodox. Er erklärt die schwache Stellung der Reformjuden in Israel damit, dass sie an der Staatsgründung schlicht nicht beteiligt waren.

"Tatsache ist, dass die beiden jüdischen Bewegungen, die konservative und die Reformbewegung, nicht an der zionistischen Revolution teilgenommen haben. Und deshalb waren sie schlicht nicht hier, also der Staat Israel vor 70 Jahren seine grundlegenden, religiösen und säkularen Regelungen aufstellte."

Religionsfragen wurden damals in die Hände der Orthodoxen übergeben, die bis heute das Sagen haben.

"Orthodoxe sehen in uns eine Bedrohung"

Für Religionsfreiheit setzt sich das Israel Religious Action Center ein. Die Organisation hat unter anderem erkämpft, dass einige Reformrabbiner staatliche Gehälter bekommen - so wie orthodoxe Rabbiner. Dass Frauen an der Klagemauer aus der Thora lesen und dort mit Männern gemeinsam beten können, das haben sie bisher nicht durchsetzen können. Ein entsprechender Kompromiss wurde im Juni von der Regierung auf Eis gelegt. Der stellvertretende Direktor des Zentrums, Steven Beck, versucht, die ablehnende Haltung der Orthodoxen zu erklären:

"Theologisch sind wir für sie eine Beleidigung, weil wir nicht wortwörtlich an bestimmte biblische Geschichten glauben, etwa dass uns das Judentum sozusagen als ein Paket am Berg Sinai übergeben wurde. Wir glauben, dass die Offenbarung und unsere Gesetze etwas sind, das sich mit der Zeit entwickelt. Und politisch? Da sehen die Orthodoxen in uns eine fundamentale Bedrohung ihres Monopols und ihrer Macht."

Steven Beck, stellvertretender Direktor des Religious Action Center. (Deutschlandradio / Lissy Kaufmann)Steven Beck, stellvertretender Direktor des Religious Action Center. (Deutschlandradio / Lissy Kaufmann)

Das Reformjudentum als eine authentische Form des Judentums ins Bewusstsein der Menschen zu rücken – darum geht es dem Religious Action Center:

"Das Herz und die Seele der Israelis erreichen, ihnen die Augen dafür zu öffnen, dass es andere jüdische Identitäten gibt und alternative Vorstellungen davon, was Jüdisch-Sein im jüdischen Staat bedeutet. Denn es gibt bei Weitem keinen Konsensus darüber, was es heißt, ein jüdischer und demokratischer Staat zu sein."

Ja, noch immer gibt es einige, die sie als religiöse Strömung nicht ernst nehmen. Doch die Erfolge der Reformjuden sind nicht zu übersehen. Zwar sind sie immer noch eine kleine Minderheit, aber doch eine, die sich ihren Platz in der israelischen Gesellschaft erkämpft hat und nicht mehr hergeben wird.

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