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StartseiteTag für Tag200 Jahre Reform06.02.2017

Liberales Judentum200 Jahre Reform

Liberale Juden feiern in diesem Jahr ein Jubiläum. 1817, also vor 200 Jahren, wurde in Hamburg der weltweit erste liberale jüdische Tempelverein gegründet. Schon vorher gab es liberale jüdische Schulen und Synagogen in Deutschland. Den Anfang machte die Kleinstadt Seesen. Heute gibt es dort keine jüdische Gemeinde mehr, doch die Erinnerung an sie wird gepflegt.

Von Christian Röther

Kunsthistoriker Joachim Frassl an einem Modell der Seesener Synagoge im Städtischen Museum. (Deutschlandradio / Christian Röther)
Kunsthistoriker Joachim Frassl an einem Modell der Seesener Synagoge im Städtischen Museum. (Deutschlandradio / Christian Röther)
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Seesen, eine Kleinstadt in Niedersachsen mit viel Fachwerk. Ein paar Geschäfte stehen leer, doch der donnerstägliche Markt ist gut besucht. Immer wieder fällt ein Name auf: Jacobson. An die Jacobsonstraße grenzt der Jacobsonplatz mit ein paar kleinen Läden. Hier stand bis 1938 der Jacobstempel – vor über 200 Jahren gebaut, als erste reformierte jüdische Synagoge weltweit. Vier unscheinbare Gedenksteine im Straßenpflaster deuten die Umrisse der einstigen Synagoge an.

"Der Grundriss hatte die Ausmaße von 18 Metern in der Länge und zwölf Metern in der Breite. Wenn wir das heute rekonstruieren wollten, müssten wir den Eingang in den Holland-Blumenladen setzen", erklärt Joachim Frassl. Er ist Kunsthistoriker und befasst sich seit 15 Jahren mit Israel Jacobson, einem der Vordenker des liberalen, reformierten und progressiven Judentums.

Eine Schule für arme Juden vom Land

Jacobson wird 1768 in Halberstadt geboren. Er ist Kaufmann, Bankier, Rabbiner und Reformpädagoge. 1801 gründet er in Seesen die Jacobsonschule, um arme jüdische Jungen vom Land zu unterrichten. In Hochdeutsch, Handel und Handwerk. Zunächst gibt es Proteste gegen die jüdische Schule aus der Bevölkerung und vom Stadtrat. Doch Jacobson hat mächtige Unterstützer, erklärt Joachim Frassl:

"Der Herzog in Braunschweig hat sofort reagiert und hat die Schule nicht der örtlichen Schulaufsicht unterstellt, sondern direkt sich selbst in Braunschweig. Das heißt, die Schule war nur dem aufgeklärten Herzog Karl Wilhelm Ferdinand in Braunschweig verantwortlich."

Im Jacobson-Gymnasium Seesen steht ein Modell der einstigen jüdischen Schule und der Synagoge. (Deutschlandradio / Christian Röther)Im Jacobson-Gymnasium Seesen steht ein Modell der einstigen jüdischen Schule und der Synagoge. (Deutschlandradio / Christian Röther)

Schon im zweiten Jahr besuchen auch christliche Schüler die jüdische Privatschule. Und Israel Jacobson lässt eine Schul-Synagoge bauen. 1810 wird sie eingeweiht. Jacobson betont die Gemeinsamkeiten von Juden und Christen. Über den Eingängen der Synagoge steht geschrieben:

"Haben wir nicht alle einen Vater? Hat uns nicht ein Vater geschaffen?" Und über einer anderen Tür: "Dies Haus soll ein Bethaus sein für alle Völker."

Ein jüdischer Tempel am Harzrand

Das Städtische Museum von Seesen. An einem Holzmodel der Synagoge erklärt Joachim Frassl die architektonischen Besonderheiten, das radikal Neue. Die Synagoge ist von außen klar als solche erkennbar, steht selbstbewusst in der christlichen Stadt. Sie erinnert baulich an den Jerusalemer Tempel, den die Römer 70 nach Christus zerstört hatten. Israel Jacobson nennt seine Synagoge Jacobstempel, benannt nach seinem Vater. Laut Joachim Frassl wollte er damit zum Ausdruck bringen:

"Wir haben eine Heimat gefunden. Und unsere Heimat ist dort, wo wir uns ansiedeln, wo man uns leben lässt, wo wir die gleichen Rechte haben. Und von daher war es für ihn die Vision, die Juden können auch in Deutschland leben, mindestens unter den Bedingungen des Königreichs Westphalen."

Aufklärung und Emanzipation

Seesen gehört ab 1807 zum Königreich Westphalen. Ein französischer Satellitenstaat, der nach dem Feldzug Napoleons gegen Preußen für ein paar Jahre besteht. In der Verfassung des Königreichs Westphalen sind Juden staatsbürgerlich gleichgestellt. Sie dürfen studieren und ihre Berufe frei wählen. Die Emanzipation der Juden geht auf die Ideen der Aufklärung zurück. Zunächst eine ungewohnte Situation, sagt Ingrid Wettberg. Sie ist Vorsitzende der Liberalen Jüdischen Gemeinde im nahegelegenen Hannover:

"Auf einmal waren sie frei und wussten mit dem freien Leben gar nicht so recht doch schon was anzufangen, aber haben festgestellt, auch innerhalb unserer Religionsgemeinschaft muss sich etwas ändern. Also, dass zum Beispiel die Predigt auch in der Landessprache gesprochen wird und nicht nur in Hebräisch, das ist eine Änderung des liberalen Judentums."

Vorbild Protestantismus

Israel Jacobson verkürzt auch den Gottesdienst, um den Schülern entgegenzukommen. Männer und Frauen sind heute im liberalen Judentum gleichberechtigt. Das nimmt bei Jacobson seinen Anfang. Die Neuerungen kommen auch bei erwachsenen Juden gut an – in Seesen und anderen Städten. Jacobsons Vorbild ist der Protestantismus. So lässt sich der liberale Rabbiner in einem Portrait genauso zeichnen wie damals evangelische Pfarrer. Im Gottesdienst führt er Chor- und Orgelmusik ein, erklärt Kunsthistoriker Joachim Frassl:

"Die Orgel ist ein fantastisches Instrument, um den Gottesdienst zu führen. Es wurde auch abgeschafft dieses sehr individuelle Beten der Juden. Von den Reformern wurde ja auch gesagt, es wurde die Kakophonie abgeschafft, weil jeder Betende in seiner eigenen Geschwindigkeit, seiner eigenen Lautstärke gebetet hat. Sondern es wurde nicht nur paralleler Gesang, sondern auch paralleles Gebet eingeführt."

Widerstand von Orthodoxen

Die liberalen Ideen sind jedoch nicht bei allen Juden willkommen. In Seesen hat Jacobson keinen Widerstand von Orthodoxen zu fürchten, denn es gibt dort keine Gemeinde. Doch in anderen Städten kritisieren orthodoxe Juden ihn und seine Neuerungen. Etwa in Berlin, wo Jacobson später lebt, erklärt Friedrich Orend, der in Seesen das Städtische Museum leitet:

"Als Israel Jacobson sein Gotteshaus hierher gesetzt hat und das erste Mal weltweit eine Orgel da hineingebaut hat, ist es über den darauf anschließenden Orgelstreit zum Schisma im Judentum gekommen, also der Spaltung zwischen reformierten und orthodoxen Juden. Und die reformierte jüdische Welt bezieht sich hier auf diesen Tempel und Israel Jacobson als ihre Wiege."

Weltweite Verbreitung

Liberale jüdische Gemeinden gibt es heute in den USA, in Israel, aber auch in Deutschland und fast 50 weiteren Ländern. Knapp zwei Millionen Juden bekennen sich laut der Weltunion für Progressives Judentum dazu.

In Seesen allerdings gibt es heute keine liberale jüdische Gemeinde mehr. Über 100 Jahre floriert die jüdische Privatschule, zieht sogar Schüler aus Venezuela oder Südafrika an. Dann gibt es Geldprobleme und die Schule wird verstaatlicht. Es folgt der Nationalsozialismus. 1938, die Pogromnacht. Auch in Seesen brennt die Synagoge. Der Synagogenvorsteher wird erschossen. Die Nationalsozialisten ermorden insgesamt 260 ehemalige Schüler der Jacobsonschule, sagt Joachim Frassl:

"Das heißt: Die alten Greise trafen sich, nachdem sie sich jahrelang aus der Schulzeit nicht mehr gesehen haben, plötzlich alle – makaber – in Theresienstadt wieder."

Im Stadtkern von Seesen deuten vier Gedenksteine an, wo bis 1938 die Synagoge stand. (Deutschlandradio / Christian Röther)Im Stadtkern von Seesen deuten vier Gedenksteine an, wo bis 1938 die Synagoge stand. (Deutschlandradio / Christian Röther)

"Vergleichbar mit der Bedeutung des Thesenanschlags"

Nach dem Zweiten Weltkrieg gerät das Jüdische in Seesen zunächst in Vergessenheit. Doch seit den 70ern heißt dort eine Schule Jacobson-Gymnasium. Ein Teil der alten Jacobson-Schule steht noch, soll bald ein Kulturzentrum werden, mit dem Namen Jacobson-Haus. Nicht zuletzt ist die Kleinstadt Seesen dank Israel Jacobson bei liberalen Juden auf der ganzen Welt bekannt, sagt Museumsleiter Friedrich Orend:

"Es heißt also, wenn im australischen Outback ein reformierter Jude den Namen Seesen hört, bekommt er feuchte Augen, weil die Bedeutung für den reformierten Juden von Seesen ist nur vergleichbar mit der Bedeutung des Thesenanschlags von Martin Luther in Wittenberg. Also ganz hoch anzusiedeln."

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