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StartseiteInformationen am MorgenWie die Menschen in Tripolis dem Krieg trotzen28.10.2019

Libyen unter BeschussWie die Menschen in Tripolis dem Krieg trotzen

Seit einem halben Jahr versucht Milizenführer Khalifa Haftar Tripolis einzunehmen – bislang ohne Erfolg. Währenddessen leiden die Einwohner der libyschen Hauptstadt nicht nur unter dem anhaltenden Beschuss, sondern auch unter der Wirtschaftskrise und dem Chaos im Land.

Von Anne Allmeling

Zwei Kinder laufen durch die Trümmer eines Hauses in einem Außenbezirk der libyschen Hauptstadt Tripolis. Das Haus wurde durch einen Luftangriff zerstört. Drei Kinder wurden dabei getötet.   (AFP / Mahmud Turkia)
Dieses Haus in einem Randbezirk der libyschen Hauptstadt Tripolis wurde durch einen Luftangriff zerstört. Drei Kinder sind dabei getötet worden. (AFP / Mahmud Turkia)
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Schwertfische, Goldbrassen, Seeteufel – auf dem Fischmarkt in der libyschen Hauptstadt Tripolis gibt es alles, was das Mittelmeer zu bieten hat. In der gekachelten Halle am Hafen preisen die Händler ihre Ware an, zerlegen die Fische, nehmen sie aus und wiegen sie. Kunden aus der ganzen Stadt ziehen von Stand zu Stand, prüfen die Qualität, vergleichen die Preise – auch Mohammed Al-Biskani und seine Mutter Khadija:

"Freunde aus Tunesien kommen zum Abendessen."

Couscous wollen sie kochen – mit Fisch, weil sie Gäste haben. Den kann sich die Familie nur selten leisten. Denn die Preise für Lebensmittel sind in Libyen stark gestiegen. Khadija:

"Der Krieg ist der Hauptgrund für die hohen Preise und die Wirtschaftskrise. Er beeinflusst unseren Alltag stark. Manchmal müssen wir auf die wichtigsten Dinge verzichten. Der Mangel an Bargeld und die hohen Kosten haben unser Leben sehr erschwert."

Banken haben kaum noch Geld

Vor den Banken in der Altstadt von Tripolis stehen die Menschen Schlange. Stundenlang müssen sie warten, um selbst geringe Summen abzuheben, denn die Banken haben kaum noch Geld. Das Finanzwesen ist aus den Fugen geraten. Acht Jahre nach dem Sturz von Langzeitherrscher Muammar Al-Gaddafi herrscht Chaos in Libyen. Der Staat, sagen hier viele, sei gescheitert. Weil er seinen Bürgern nicht biete, was sie bräuchten: Bargeld, Sicherheit, Rechtsstaatlichkeit, Arbeit, medizinische Versorgung.

Ein großes Pflaster klebt unter dem Kinn des jungen Mannes. In Jogginghose und Poloshirt schlurft er über den Klinikflur, wirkt ein bisschen benommen. Erst am Vortag wurden er und einige seine Kameraden in das Krankenhaus eingeliefert, manche schwer verletzt.

"Ich wurde am Hals verwundet. Ein Splitter hat mich getroffen. Zum Glück war es nicht so schlimm."

Der Patient gehört zu einer bewaffneten Gruppe, von denen es viele gibt in Libyen. Einige Milizen unterstützen die international anerkannte Regierung in Tripolis. Andere kämpfen auf der Seite von Khalifa Haftar. Der wohl mächtigste Milizenführer Libyens will die Regierung in Tripolis stürzen. In den vergangenen Monaten eroberte er weite Teile im Osten und Süden des Landes – und rief im April zu einer Offensive auf die Hauptstadt auf.

"Ihr heldenhaften Soldaten, jetzt hat die Stunde geschlagen und die Zeit der großen Eroberung ist gekommen. Rückt vor, voll Gottvertrauen. Und betretet die Stadt in Frieden – für die, die Frieden wollen."

Raketen als Teil des Alltags

Unzählige Geschosse sind seither in Tripolis eingeschlagen, mehr als hundert Menschen ums Leben gekommen. Am Rande der Stadt sind Rauchsäulen zu erkennen, der Gefechtslärm ist kilometerweit zu hören. Viele Einwohner von Tripolis haben bei Gefechten mindestens einen Verwandten, Freund oder Bekannten verloren.

Ein junger Mann in einem Bistro am Strand erzählt, dass bei Gefechten in der vergangenen Nacht gleich drei Bekannte von ihm getötet wurden. Facebook sei wie ein Friedhof: voller Accounts von Menschen, die nicht mehr leben. Er überlege, das Land zu verlassen. Auch Khawla macht sich Sorgen:

"Angst haben wir nur, wenn wir Raketen in der Nähe hören. Aber die sind schon Teil unseres Alltags geworden. Das Leben muss weitergehen. Wir wissen, dass wir jederzeit sterben können."

Die junge Studentin und ihre Freundin schauen aufs Mittelmeer. Sanfte Wellen schwappen ans Ufer, die Sonne scheint – der Ort ist idyllisch. Doch im Hintergrund lauert der Krieg.

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