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StartseiteKalenderblatt Lichtbildfieber21.03.2010

Lichtbildfieber

Vor 100 Jahren starb der Pariser Fotograf Nadar

1854 eröffnete Gaspard-Félix Tournachon unter dem Künstlernamen "Nadar" in Paris ein Fotoatelier. Mit seinen schnörkellosen Porträts prominenter Künstler, Schriftsteller und Schauspieler schuf er keine Massenware, sondern bleibende Bilder.

Von Jochen Stöckmann

Als Nadar am 21. März 1910 starb, trauerte Paris um den Fotografen, der das Lichtbild in den Rang einer Kunst erhoben hatte. (AP)
Als Nadar am 21. März 1910 starb, trauerte Paris um den Fotografen, der das Lichtbild in den Rang einer Kunst erhoben hatte. (AP)

Als Pressezeichner und Karikaturist, Theaterkritiker oder Zeitungsgründer versuchte Félix Tournachon in Paris sein Glück zu machen. 1820 als Sohn eines Druckers und Verlegers geboren, wurde der Bohemien bald unter seinem Künstlernamen "Nadar" bekannt. Zu einer Zeit, als in Paris die Fotografie, das Lichtbildfieber grassierte. Der Physikprofessor Francois Arago berichtete:

"Die Läden der Optiker wurden belagert. Da gab es nicht genug Linsen, um den Eifer so vieler fleißiger Amateure zu befriedigen."

1854 lässt Nadar seinen Bruder Adrien, einen erfolglosen Maler, eine Lehre als Fotograf absolvieren, richtet ihm ein Atelier ein. Und erkennt:

"Die Fotografie ist die außergewöhnlichste aller Erfindungen: Die Materialisierung des körperlosen Phantoms, das, kaum erblickt, wieder verschwindet, ohne auch nur einen Hauch auf dem Kristall des Spiegels zu hinterlassen."

Als begeisterter Anhänger der Malerei hatte Nadar die "Photomanie" verspottet, jetzt aber greift er selbst zur Kamera. Porträtiert Freunde und Bekannte:

Das ganze Pantheon der Künstlernamen zählte der Sprecher auf, als die französische Wochenschau an den 50. Todestag erinnerte: Nadar war am 21. März 1910 in Paris gestorben. Eine Berühmtheit, nicht zuletzt wegen seiner ungewöhnlichen Porträts. Weder Balustraden noch künstliche Palmen verstellen den Blick auf den Komponisten Berlioz oder die junge Schauspielerin Sarah Bernhardt. Nadar konzentrierte sich aufs Wesentliche, auf Gesichtsausdruck und Haltung. Aber nicht immer konnte der Fotograf sein Gegenüber so entspannt in Szene setzen. Der Romancier Honoré de Balzac etwa fühlte sich durch den Fotoapparat regelrecht bedroht. Amüsiert berichtet Nadar in seinen Memoiren:

"Nach Balzac besteht jeder Körper aus 'Spektren', die in winzig kleinen Schuppen übereinanderliegen. Jede Fotografie löst nun eine Schicht ab und bannt sie auf die Platte. Aber die Rundungen seines Bauches hätten Balzac durchaus gestattet, sich einiger Spektralschichten zu entledigen."

Nadar begeistert sich für wissenschaftliche Entdeckungen und technische Neuerungen. Um sein groß aufgemachtes Atelier zu finanzieren, gründet er eine Aktiengesellschaft, wird Foto-Unternehmer.

"Die die Reinheit der Erfindung bewahrten und umsetzten, waren Fotografen ohne künstlerische Ambitionen: ein Nadar, ein Atget, Amateure, Reporter, Wissenschaftsfotografen. Nichts ist schöner noch tiefer als die Wirklichkeit."

So 1960 Brassai, der sich als Pariser Bildreporter und Künstlerfotograf in den Fußstapfen Nadars sah. Aus einer kommerziellen Spekulation heraus hatte Nadar die ersten Bild-Reportagen fotografiert, etwa von den Pariser Katakomben. Die haute volée hatte die unterirdischen Gänge zum Treffpunkt erkoren. Und Nadar ist der erste, dem es dank einer von ihm entwickelten elektrischen Leuchte gelingt, die pittoreske Promenade auf die Platte zu bannen. Noch ein Coup bleibt unvergessen: 1874 stellt der Fotograf einigen von der Jury des alljährlichen Kunstsalons abgewiesenen Malern sein Atelier für eine Ausstellung zur Verfügung - das ist die Geburtsstunde des Impressionismus. Monet, Degas und Cézanne sind Freunde Nadars - dessen Lichtbilder ihren Ölgemälden in der Gunst des Publikums den Rang ablaufen. Bald schon wird sich der Spott des Karikaturisten Honoré Daumier als Prophezeiung erweisen:

"Nadar hebt die Photographie auf die Höhe der Kunst."

Das hatte Daumier 1858 unter einer Zeichnung vermerkt, die Nadar anlässlich seiner Erfindung der "aerostatischen Fotografie", also der Luftaufnahme, in einem Ballon zeigt: Mit der Stativkamera saust der Rastlose über Paris hinweg, im fernen Häusermeer sind überdeutlich die Reklametafeln zahlreicher kommerzieller Fotoateliers zu erkennen. Deren Massenproduktion, stark verkleinerte "carte de visite"-Fotografie, füllte die Familienalben. Die Porträts von Nadar kamen ins Musée d'Orsay und die Bibliothèque Nationale.

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