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StartseiteHintergrundLichtblicke im Elend04.04.2013

Lichtblicke im Elend

Haitis ungewisse Zukunft

Heute, über 200 Jahren nach der Unabhängigkeit, hat in Haiti gut jeder Zweite im Land keinen richtigen Job. Der Alltag ist geprägt von Slums, Hunger und Müll. Vor allem in der übervölkerten Hauptstadt. Der Stolz und die Hoffnung der Haitianer ist aber geblieben.

Von Martin Polansky

Blick auf eine durch das schwere Erdbeben 2010 zerstörte Kathedrale in Port-au-Prince, Haiti. (AP)
Blick auf eine durch das schwere Erdbeben 2010 zerstörte Kathedrale in Port-au-Prince, Haiti. (AP)
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Man kann die Haiti-Reise beginnen wie im Bilderbuch. Musik spielt auf. Das Open-Air-Buffet ist reich gefüllt, der Strand sauber. Und an der Mole liegt ein Luxusliner. Kreuzfahrtriesen, die auf ihrer Karibik-Route regelmäßig Labadie an der Nordküste anlaufen. Mehr als eine halbe Million Touristen kommen so jedes Jahr nach Haiti. Aber die Bilder, die sie erst mal über das Land im Kopf haben, sind ziemlich finster:

" Ich weiß nur, dass sie hier Voodoo praktizieren. Ich hoffe, sie verzaubern nicht mich oder mein Haus in Columbia.

Haiti ist etwas beängstigend zurzeit. Die ganzen Katastrophen hier. Und besonders sicher ist es wohl auch nicht. Ich mag das eigentlich gar nicht.

Mir haben Leute gesagt: Geh in Haiti nicht vom Schiff. Das Land ist sehr gewalttätig."

Doch der Kreuzfahrtanleger Labadie ist fast so sicher wie das Paradies. Eine eigene kleine Welt wohl noch schöner als im Reiseprospekt – aber Labadie ist abgetrennt von Haiti durch Zaun und Pforte. Dort hindurch trauen sich die Kreuzfahrt-Touristen normalerweise nicht. Haiti – zu sehr ist das Land Synonym für Elend und Chaos. Aber wer das wahre Haiti erleben will, muss sich hinter den Zaun wagen. Ab durch die Pforte. Beginn einer Reise durch Haiti von Nord nach Süd – entlang an den Stationen der Geschichte eines einzigartigen Landes. Im Hintergrund an der Mole von Labadie ist der Luxusliner noch zu sehen. Es geht hinein in einen grünen, felsigen Küstenstreifen. Bananenbäume, kleine Strände – die Straße eher eine Piste. Und nach einer halben Stunde holpriger Fahrt der Blick über die Bucht von Cap Haitien.

Cap Francais war das hier ein Mal. Die Hauptstadt der französischen Kolonie Saint-Domingue. Ein natürlicher Hafen an der Nordküste gelegen. Und die Häuser hier wirken immer noch wie von einst. Buntes, leicht verwittertes Holz, große Veranden. Und manche Villen. Saint-Domingue war die reichste Kolonie Frankreichs, sagt Nonce Zephir, Geschäftsmann aus Cap Haitien. Denn hier gab es die großen Zuckerrohr- und Kaffee-Plantagen:

"Cap Haitien war zu dieser Zeit international berühmt. Die Stadt hieß auch das Paris von Saint-Domingue – wegen ihres Reichtums und des Stils der Leute. Aber hier haben auch die letzten Schlachten für die Unabhängigkeit Haitis stattgefunden."

Die Kolonie und ihre Plantagen. Sinnbild für Reichtum aber auch die Sklaverei. Die Sklaven waren hierher verschifft worden aus Westafrika. Denn die Kolonialherren brauchten Arbeitskräfte. Und die Urbevölkerung der Insel Hispaniola, auf der das heutige Haiti liegt, war schon bald nach deren Entdeckung ausgerottet worden. Von den Eroberern und eingeschleppten Krankheiten. Aber die Sklaven probten den Aufstand. Antrieben vom brutalen Elend und auch dem Glauben an die Voodoo-Götter. Nach der Legende sammelten sich die ersten Aufständischen bei einer Voodoo-Zeremonie im Bois Kaiman – einem Waldgebiet nicht weit von Cap Francais, dem heutigen Cap Haitien. Nach mehr als einem Jahrzehnt Kampf, zum Schluss gegen Napoleons Truppen, waren die früheren Sklaven am Ziel. Haiti wurde zur befreiten Republik. Der zweite unabhängige Staat in Amerika nach den USA.

Arnold Antonin ist einer der bekanntesten Filmemacher Haitis. Die Republik der befreiten Sklaven hatte damals große Symbolkraft, sagt er:

"Die Unabhängigkeit Haitis war nicht nur bedeutsam für das Land selbst, sondern für große Teile der Welt. Und die Befreier waren echte Helden, wenn man bedenkt, wie die Situation vor gut 200 Jahren aussah. Eine Welt der Sklaverei, der wahren Barbarei. Und mittendrin haben die Befreier hier gesiegt. Es war eine große Vision, den Leibeigenen alle Rechte zu geben, während drum herum die großen Mächte Sklavenhalter waren – seien es die Franzosen, Spanier, Engländer oder auch die USA."

Fahrt Richtung Süden nach Gonaives. Staubtrocken ist es in der Stadt an der Westküste. Hier wurde am 1. Januar 1804 die Unabhängigkeit von Haiti unterzeichnet. Für den Helden der Befreiung, Jean-Jacques Dessalines, ist mitten in Stadt ein Denkmal errichtet. Ob Student oder Marktfrauen – Dessalines und die Geschichte kennt hier jeder:

"Die Franzosen haben uns nichts als Not gebracht in der Kolonialzeit. Und Dessalines hat die Menschen hier davor gerettet, die Sklaven endgültig befreit. Der 1. Januar ist deshalb jedes Jahr ein besonderer Tag. Dann gibt es auch die traditionelle Suppe der Unabhängigkeit. Auch wer das Jahr über nicht viel zu essen hat - jeder bekommt diese Suppe."

"Die Unabhängigkeit war für Haiti natürlich sehr wichtig. Aber sie hat uns letztlich nicht viel gebracht. Wir sind arm, hier wird kaum was Eigenes hergestellt, wir sind komplett abhängig vom Ausland. Eigentlich werden wir auch heute noch dominiert."

Haiti und die Befreiung. Wohl nichts im Land eint die Menschen mehr als der Stolz auf die Geschichte. Auch rund ums Dessalines Denkmal in Gonaives sind überall kleine Flaggen von Haiti zu sehen. Dessaline soll das Weiße aus der französischen Trikolore gerissen haben. Übrig blieben blau und rot. Und in der Mitte heute das Staatswappen auf Weiß.

Aber der Sieg über die Franzosen war kostspielig. Die Republik der ehemaligen Sklaven blieb nach der Befreiung lange isoliert. Die Kolonialmächte befürchteten einen Präzedenzfall und weigerten sich, Haiti anzuerkennen. Ebenso die USA. Frankreich gewährte schließlich die Anerkennung – allerdings gegen hohe Entschädigungszahlungen, die Haiti über Jahrzehnte belasteten. Weiteres Erbe der Unabhängigkeit: Kaum ein Weißer blieb zurück im Land. Viele Franzosen wurden brutal niedergemetzelt. Wer konnte, flüchtete - oft in den Süden der USA. Denn dort durften die früheren Kolonialherren weiterwirtschaften wie bisher. Mit Sklaven auf großen Plantagen. Fahrt ins Gebirge. Schon von Weitem ist die Zitadelle zu sehen. Mächtige Gemäuer auf einer Bergspitze. Fast wie eine europäische Burg aus dem Mittelalter. Am Fuß des Berges die Fassaden einer riesigen Schlossruine mit Park dahinter. Sanssouci in der Karibik.

Man traut seinen Augen kaum. Beinah grotesk wirken die beiden Bauwerke. Absolutismus zwischen Palmen und Bananenbäumen. Schlossfassaden neben Lehmhütten. Pharon Villeneuve ist hier Touristenführer.

"Christophe ließ die Zitadelle errichten und das Schloss Sanssouci. Dort hat er mit seiner Familie gewohnt. Schon kurz nach der Unabhängigkeit gingen die Bauarbeiten los. Denn mit der Zitadelle wollte er das Land vor einem möglichen Vergeltungs-Angriff der Franzosen schützen."

Henri Christophe. Nach dem Tod des Staatsgründers Dessalines ließ der ehemalige Schiffskoch zum König krönen. Als Henri der Erste wurde er der Herr über den Norden von Haiti. Mit absolutistischer Pracht wollte Henri Christophe beweisen, wie weit es das frühere Sklavenland gebracht hat. Sanssouci in Potsdam diente angeblich als Vorbild für das Schloss unter Palmen. Touristenführer Villeneuve beschwört das Werk des Monarchen – diesmal auf Kreol, der Sprache der meisten Haitianer:

"Christophe war nicht verrückt und auch nicht größenwahnsinnig. Er war einfach ein bedeutender Mann. Und deshalb hat er auch so groß gebaut. Es musste ja so sein. Tausende von Soldaten sollten hier schließlich kämpfen, auch das Schloss entsprach den Anforderungen der Zeit. Es war ein großes Werk."

Allerdings: Der König unter Palmen regierte rücksichtslos und brutal. Allein beim Bau der Zitadelle sollen Tausende Menschen umgekommen sein. Wer nicht schnell genug arbeitete, wurde auf Geheiß von König Henri hingerichtet. Als Offiziere den Aufstand probten, erschoss sich Henri Christophe in seinem Schloss – der Legende nach mit einer silbernen Kugel.

Henri Christoph – eine Art Vorbote für das, was Haiti noch erwarten sollte. Und seine Geschichte beinah durchgängig prägt. Herrscher, die mehr an sich dachten, als an das Land. Kleptokraten, die sich schamlos bedienten. Dazu Wirren und ausländische Invasionen. Diktatur.

Fahrt hinaus aus dem Gebirge – weiter Richtung Süden. An Reisfeldern geht es vorbei, die meisten Berge drum herum sind kahl geholzt. Dann wird es etwas grüner – in einer Ebene viele Bananenbäume. Und plötzlich eine kleine Stadt, die einst ganz groß geplant war. Cabaret – das frühere Duvalierville. Das Zentrum wirkt wie vom Reißbrett. Die Häuser angeordnet und leicht geschwungen im Stil der 50er- oder 60er-Jahre. Auch hier wollte sich jemand ein Denkmal setzen. Der Maurer Alfonse, 67, wohnt in der Stadt, seit er klein ist:

"Am auffälligsten hier in Cabaret ist wohl der große Kinosaal. Davor der Hauptplatz und einige Wohnhäuser. Fast alle großen Gebäude hier stammen noch aus der Zeit von Duvalier."

Francois Duvalier. Der Arzt wurde 1957 zum Präsidenten gewählt. Er galt anfangs als Verlegenheitskandidat. Aber der Mann aus eher einfachen Verhältnissen schaltete schnell alle potenziellen Gegner aus – und legte den Grundstein für eine jahrzehntelange Diktatur. Er sprach davon, das verarmte Land zu modernisieren. Duvalierville sollte dafür ein erkennbares Zeichen sein. Aus Sicht des Filmemachers Arnold Antonin ist klar: Die Ära Francois Duvalier war die dunkelste Phase in der Geschichte des Landes:

"Francois Duvalier war von Anfang an ein Despot. Er verfolgte seine Ziele ohne jede Rücksicht. Und um seine Macht zu sichern, griff er zu immer brutaleren Mitteln. Am schlimmsten waren die Tonton Macoutes, eine Art Privatmiliz von Duvalier. Die Tonton Macoutes haben die Leute ausgeplünderte oder einfach umgebracht. Ich würde sie am ehesten mit der Gestapo in Deutschland vergleichen."

Francois Duvalier errichtete eine Art Erbmonarchie. Der Präsident auf Lebenszeit starb 1971, sein damals nur 19-jähriger Sohn Jean-Claude übernahm die Macht. Papa Doc Francois hatte immer wieder versucht mit Anklängen an den Voodoo seine Machtposition zu betonen – etwa wenn er sich als Voodoo-Gott Baron Samedi ausgab.

Baby Doc Jean Claude konzentrierte sich dagegen ganz auf das Weltliche und dessen Freuden. Der feiste Staatschef liebte schnelle Luxusautos, seine Gattin flog gerne nach Paris, um dort einzukaufen. Aber Haiti selbst blieb arm, auch wenn in der Zeit von Baby Doc Touristen und manch ausländische Investoren ins Land kamen. 1986 dann ein Volksaufstand – nach fast 30 Jahren Duvalier-Herrschaft. Jean-Claude ging mit Gattin ins Exil nach Frankreich. Das Geld nahmen sie mit.

Duvalierville heißt inzwischen Cabaret – als sei die Geschichte nur eine Komödie, wenn auch eine ziemlich tragische. Der Maurer Alfonse findet das alles aber kaum zum Lachen:

"Cabaret – der Name der Stadt steht doch eigentlich für Musik und Tanz. Und die Leute tun auch etwas für ihren Ort. Aber man sieht hier kaum Verbesserungen. Alle, die bei uns im Land regieren, denken nur an sich. Man kann nur auf Gott vertrauen – und muss ruhig und gelassen bleiben."

Musik und Tanz – das bietet der jetzige Präsident Michel Martelly.

Angekommen in Port-au-Prince – in der Hauptstadt. Es ist Samstagnacht. Und in einem der besten Hotels im reichsten Viertel Petion-Ville gibt Michel Martelly eine Gesangseinlage. Bühne und Buffet unter freiem Himmel. Geschlossene Gesellschaft – meist Geschäftsleute. Die Führungsschicht Haitis feiert hier. Michel Martelly hat seine Karriere alias Sweet Micky als Sänger begonnen. Einer der großen Stars des Kompas – der beliebtesten Musik in Haiti.

Martelly wechselte in die Politik, im Wahlkampf vor zwei Jahren versprach er einen Neustart für Haiti. Mit großer Mehrheit wurde Sweet Micky zum Präsidenten gewählt. Populär ist er immer noch. Aber trotz Milliardenhilfen aus dem Ausland nach dem schweren Erdbeben 2010 ist Martellys Neustart bisher nur Stückwerk. Der Erdbeben-Schutt in Port-au-Prince ist zwar weggeräumt. Aber das Land steckt fest im Elend.

Anschuldigungen machen die Runde, dass vor allem Martellys Freunde von Bauaufträgen profitieren. Kanada hat wegen fehlender Transparenz seine Hilfsgelder für Haiti vorübergehend eingefroren. Filmemacher Antonin glaubt, dass sich auch mit dem Kompas-Star Martelly nicht viel geändert hat. Das Land werde wie gehabt schlecht regiert:

"Er hat eine charismatische Persönlichkeit, sehr viel Energie. Anders als viele Staatschefs in unserer Geschichte ist er auch sehr sympathisch. Immer für einen Witz zu haben. Aber die Macht ist eine Droge. Die Realität wird zur Halluzination. Alles ist jetzt Spektakel. Aber das reicht nicht in einem Land, das tief greifende Veränderungen braucht, um voranzukommen."

Haiti mehr als 200 Jahre nach der Unabhängigkeit. Gut jeder Zweite im Land hat keinen richtigen Job, etwa genauso viele können nicht lesen oder schreiben. Ein Alltag geprägt von Slums, Hunger und Müll. Vor allem in der übervölkerten Hauptstadt ist das unübersehbar. Und im Chaos von Port-au-Prince schmerzt viele Haitianer ein Anblick ganz besonders. Die Tausenden von Blauhelmsoldaten aus aller Welt. Sie waren nicht wegen des Erdbebens mit mehr als 200.000 Toten ins Land gekommen. Sondern schon lange vorher, um etwas Sicherheit und Ordnung zu schaffen. Die fremden Uniformierten sind Symbol dafür, dass Haiti unter Kontrolle steht, vielleicht auch Hilfe braucht. Bitter für die einst so verheißungsvolle Republik der befreiten Sklaven – große Geschichte, schwierige Gegenwart.

Ende einer Reise. Der Kreuzfahrthafen Labadie ist Haiti light – wunderschön und angenehm. Aber einmal durch das wahre Haiti – und man ist fasziniert, mal entsetzt, immer gefangen. Von der Musik, der stolzen Kultur aber auch dem Elend. Katastrophe als Dauerzustand, sagen manche. Und man ahnt, dass dieses Land zu viele Egomanen und Despoten gesehen hat. Aber wer sich einmal auf Haiti einlässt, will wiederkommen. Auch wenn die Luxusliner Port-au-Prince und die meisten anderen Gegenden wohl noch lange meiden werden. In Haiti geht es immer weiter. Denn es bleibt der Stolz und die Hoffnung.

"Was mich optimistisch macht, ist die große Energie der Menschen,"

sagt Filmemacher Arnold Antonin.

"Unter schwierigsten Umständen verstehen es die Leute, das Beste daraus zu machen. Und deshalb lebt das Land."

"Wir müssen unsere Mentalität ändern,"

sagt Nonce Zephir, der Geschäftsmann aus Cap Haitien.

"Es reicht nicht, immer nur die große Vergangenheit zu beschwören. Wir müssen sie als Fundament sehen, um die Zukunft aufzubauen. Aber dafür braucht es Verantwortungsgefühl der Mächtigen. Sie müssen sich dem Land verpflichten und nicht der eigenen Brieftasche. Ich glaube, dann können wir eine Zukunft haben. Nicht gleich. Aber doch für die kommenden Generationen."

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