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StartseiteEuropa heuteSolide Schuhe aus Suhareka13.02.2018

Lichtblicke im KosovoSolide Schuhe aus Suhareka

Das Kosovo kämpft immer noch mit Problemen: Kaum Arbeit, eine Jugend, die auswandert, Konflikte zwischen Kosovo-Albanern und der serbischen Minderheit. Trotzdem konnte sich Familie Kugi ein Unternehmen im Land aufbauen, produziert erfolgreich Schuhe für den europäischen Markt.

Von Christoph Kersting

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Gresa Kuqi, Juniorchefin von "Solid Shoes", steht in ihrem Schuhgeschäft in Suhareka. Ihre Familie führt die erste private Schuhfabrik im Kosovo. (Christoph Kersting / Deutschlandradio)
Gresa Kuqi, Juniorchefin von "Solid Shoes", steht in ihrem Schuhgeschäft in Suhareka. Ihre Familie führt die erste private Schuhfabrik im Kosovo. (Christoph Kersting / Deutschlandradio)
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"1992 hat meine Familie angefangen Schuhe zu verkaufen, ab 1996 dann haben wir selbst produziert, als erste private Schuhfabrik überhaupt im Kosovo. Anfänglich in einer Art Gartenhütte mit zehn Arbeitern, bevor 1999 im Kosovo-Krieg alles zerstört wurde. Wir haben dann sehr schnell begonnen, alles wieder aufzubauen mit einer großen Produktionshalle in Suhareka. Heute arbeiten hier 300 Leute."

Gresa Kuqi ist erst 24, aber schon Juniorchefin im Familienunternehmen "Solid Shoes".  An diesem Morgen läuft sie durch die große Produktionshalle, vorbei an Nähmaschinen und computergesteuerten Lederschneidern. Immer mal wieder schaut eine der Näherinnen auf, grüßt oder lächelt kurz freundlich herüber.

Volle Auftragsbücher, aber keine Fachkräfte

Die Angestellten, 80 Prozent Frauen, kommen fast alle aus der Stadt oder den umliegenden Dörfern, erzählt Gresa. "Solid Shoes" achte auch darauf, dass es den Leuten hier gut gehe: Mit etwa 300 Euro monatlich liegt ihr Gehalt über dem  kosovarischen Durchschnittslohn, es gibt eine Kantine, und für viele der Arbeiter organisiert das Werk sogar den Transport nach Suhareka, weil es keinen öffentlichen Nahverkehr gibt.

Die Auftragsbücher seien voll, berichtet Gresa: "Solid Shoes" produziert 2000 Schuhe pro Tag. Das Leder dafür kommt aus Italien, Hauptabnehmer sind Serbien, die Schweiz und vor allem EU-Länder wie Frankreich und Italien. 2015 haben Brüssel und Priština das sogenannte Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen unterzeichnet. Seitdem herrscht quasi freier Warenverkehr. Bei der Produktion sei jedenfalls noch viel Luft nach oben, aber die Fabrik finde einfach keine geeigneten Fachkräfte - das sei nicht nur in Suhareka, sondern überall im Land ein Problem:

"Das ganze Bildungssystem im Kosovo ist nicht so, wie es sein müsste. Jeder hier will studieren, will Banker werden, Buchhalter oder Jurist. Aber wo sollen all diese Leute arbeiten? Jedes Jahr haben wir im Kosovo Hunderte Wirtschaftsabsolventen. Die wenigen Banken aber, wo sie arbeiten könnten, entlassen Angestellte, weil sie Computer einsetzen. Was wir aber vor allem brauchen im Kosovo, sind Mechaniker: Leute, die in der Produktion arbeiten. Darum müssen wir selbst ausbilden, fangen da bei den jungen Leuten, wenn sie zu uns kommen, quasi bei Null an."

Viele junge Kosovaren unterstützen ihre Familien aus dem Ausland

"Solid Shoes" sucht Fachkräfte, doch das ist eher ein Luxusproblem. Denn umgekehrt gibt es für viele Menschen im Land einfach keine Jobs, die Arbeitslosenquote liegt bei 30 Prozent. Viele, vor allem junge Kosovaren verlassen deshalb ihre Heimat und unterstützen ihre Familien vom Ausland aus. Auf rund 700.000 wird die Zahl dieser Diaspora-Kosovaren geschätzt - eine ganze Menge für ein Land mit 1,8 Millionen Einwohnern.

Jetmire Krasniqi ist Produktionsleiterin in der Schuhfabrik und so etwas wie die rechte Hand von Juniorchefin Gresa Kuqi. Seit 18 Jahren arbeitet die 37-Jährige schon bei "Solid Shoes" - und ist damit in ihrer Familie fast die Ausnahme.

"Mein Bruder und meine Schwester arbeiten auch in der Fabrik. Aber von 60 Mitgliedern meiner Familie leben 40 im Ausland. In Deutschland, Italien, der Schweiz. Wir sind jetzt ein freies Land, es herrscht Frieden, aber wirtschaftlich geht es uns schlechter als in den 80er und 90er Jahren. Früher, vor dem Krieg, hatten wir zum Beispiel alle eine staatliche Krankenversicherung." 

Jetmires Chefin Gresa Kuqi wünscht sich vor allem Reisefreiheit: Kosovaren sind die einzigen Bürger auf dem Westbalkan, die nach wie vor für Reisen ins EU-Ausland ein Visum benötigen. Und irgendwann müsse den vielen Versprechungen aus Brüssel endlich eine realistische Perspektive folgen, der EU beizutreten, findet Gresa. Das bleibt allerdings illusorisch, solange noch nicht einmal alle EU-Staaten den Kosovo als souveränen Staat anerkennen, darunter Spanien, die Slowakei und Griechenland.

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