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StartseiteWissenschaft im BrennpunktLiebe nach Maß01.05.2009

Liebe nach Maß

Die Wissenschaft vom passgenauen Partner

"Den Partner finden, der wirklich passt." So lautet der Werbeslogan der größten deutschsprachigen Partnerbörse im Internet. Bei der Auswahl von Mr. oder Mrs. Right aus Tausenden möglichen Partnern arbeiten heute zahlreiche Partnerschaftsvermittlungen mit "wissenschaftlich fundierten Persönlichkeitsprofilen". Diese so genannten "Matchingsysteme" versuchen, eine Vorhersage darüber zu treffen, ob sich zwei Partner in bestimmten Eigenschaften ergänzen und ob sie Bedürfnisse und Wertvorstellungen teilen.

Von Michael Gessat

Was weiß die moderne Psychologie überhaupt darüber, wann zwei Menschen harmonieren. (AP)
Was weiß die moderne Psychologie überhaupt darüber, wann zwei Menschen harmonieren. (AP)
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"Ein Mädchen oder Weibchen wünscht Papageno sich! O so ein sanftes Täubchen wär‘ Seligkeit für mich…."

"Liebe ist kein Zufall! Partnersuche mit Erfolg! Finden Sie mit Elitepartner.de gezielt Singles! Wissenschaftliches Matching! Wissenschaftliche Glücksformel!"

"…ach, kann ich denn keiner von allen den reizenden Mädchen gefallen? Helf‘ eine mir nur aus der Not, sonst gräm‘ ich mich wahrlich zu Tod…"

"Den Partner finden, der wirklich passt! Das wissenschaftliche Parship-Prinzip schlägt Ihnen die Partner vor, mit denen Sie sich optimal ergänzen. Partnersuche leicht gemacht!"

Im Internet kann man alles mögliche suchen. Produkte. Preise. Oder Partner. 5 bis 6 Millionen Singles, die Zahlen schwanken je nach Quelle etwas, sind allein in Deutschland auf einer der Online-Kontaktbörsen aktiv. Mit durchaus unterschiedlichen Absichten allerdings. Die einen suchen schlicht ein schnelles sexuelles Abenteuer, die anderen eine mehr oder minder ernsthafte Beziehung. Oder aber - den Partner fürs Leben. Dementsprechend gibt es bei Internet-Singlebörsen auch recht unterschiedliche Konzepte, Adam und Eva, Adam und Adam oder Eva und Eva zusammenzubringen. Da sind zum einen die offenen Systeme, in denen sich der gesamte Mitgliederbestand durchstöbern lässt. Kraut und Rüben in einem Topf, jeder kann jeden kontaktieren. Ein zentrales Auswahlkriterium ist dabei in den meisten Fällen: Das Foto. Matching-Agenturen richten sich dagegen von vornherein nur an Singles, die eine langfristige Beziehung suchen. Und für diese Zielgruppe versprechen sie, eine Vorauswahl zu treffen, Struktur in das unübersehbare Angebot zu bringen. Sie empfehlen ihren Kunden nur solche potenzielle Partner, die nach ihrem Dafürhalten zu ihnen passen. Qualität statt Quantität, so heißt die Devise. Sandra Spreemann ist promovierte Psychologin und beim Marktführer für das Matchingsystem zuständig:

"Die Zielsetzung von Parship ist, wenn man es mal ganz umgangssprachlich formulieren möchte, tatsächlich für jeden Topf einen Deckel zu finden, und das ganze Modell geht natürlich auch davon aus, dass das möglich ist. Etwas anders ausgedrückt würde man sagen, wir versuchen Menschen anhand ihrer Merkmale, die sie mitbringen, nach wissenschaftlichen Kriterien so miteinander zusammenbringen, dass sie eine bestmögliche Grundlage mitbringen, um den Alltag zu bewältigen als Paar, um tatsächlich eine harmonische und langfristige Beziehung zustande zu bekommen."

Pamina: "Armer Mann! Du hast also noch kein Weib?"

Papageno: "Nicht einmal ein Mädchen, viel weniger ein Weib!"

Pamina: "Geduld Freund! Der Himmel wird auch für dich sorgen; er wird dir eine Freundin schicken, ehe du dir's vermutest."

Papageno: "Wenn er's nur bald schickte."

Der erste Schritt zum passenden Partner dauert eine halbe Stunde. Wer zum Grübeln neigt, braucht länger. Damit ein Matching-System sortieren kann, was zusammengehört, müssen Töpfchen und Deckelchen zuerst einmal so einiges über sich erzählen. Sprich, einen recht umfangreichen Online-Persönlichkeitstest ausfüllen, überwiegend per Mausklick. Ungefähr 80 Mal ist eine Antwort gefragt, eine möglichst ehrliche Antwort: Parship setzt dabei auf das Multiple-Choice-Verfahren. Sandra Spreemann:

"Historisch hat es sich tatsächlich so entwickelt, dass Professor Dr. Schmale, unser wissenschaftlicher Berater und tatsächlich auch der Test- und Systementwickler, den so genannten Berufseignungstest entwickelt hat und im Rahmen dessen auch wiederum Merkmale, die eine Person mitbringt, mit den Anforderungen eines Berufs gematcht hat. Und dann aus der Forschung heraus und über einen innovativen Gedanken das Thema übertragen hat auf Partnersuche, unter dem Motto, Moment, das müsste sich doch eigentlich auch für die Partnerwahl erstellen lassen, ein solches System."

Ist der Test-Parcours erfolgreich durchlaufen – bis hierhin ist übrigens alles noch völlig gratis und anonym - dann gibt es in Sekundenschnelle zwei Dinge: Erstens eine Diagnose der eigenen Persönlichkeit, eine Einordnung der Eigenschaften, die die Betreiber als für das Thema "Partnerschaft" wichtig erachten. Und zweitens: Eine sortierte Liste mit Partnervorschlägen. Wie gut ein anderes Mitglied nach Meinung des Systems zu einem passt, wird nämlich mit einer Punkt- oder Prozentzahl bewertet. Und ganz oben auf der Vorschlags-Liste kann dann zum Beispiel "KK7WPR3L, 34 Jahre, Kauffrau" stehen:

Ihr Matching-Ergebnis mit KK7WPR3L ist so herausragend und vielversprechend, dass Sie unbedingt Kontakt aufnehmen sollten. Bei Ihnen beiden passen sowohl die Grundstruktur Ihrer Persönlichkeiten als auch Vorlieben und Gewohnheiten fabelhaft zueinander. Sie werden sich bestimmt miteinander wohlfühlen.

Aber wie funktioniert das Ganze? Wie hat der Computer das herausbekommen; das mit dem "fabelhaft zusammen passen"? Hinter dem Test und dem Matchingalgorithmus steckt ein aus verschiedenen Bausteinen zusammengesetztes psychologisches Modell, wie Partnerschaft funktionieren soll. Spreemann:

"Wenn es um die theoretische Basis geht, unseres Modells, sag ich immer, dass wir ein eklektisches Modell haben, das heißt, es gibt nicht die große Partner-Theorie, die dahinter steht, sondern es gibt sehr viele verschiedene Einzelmodelle, Einzeltheorien und auch empirische Arbeiten, die da einfließen. Grob gesagt, haben wir verhaltenstheoretisch orientierte Ansätze mit drin, wir haben gestalttheoretisch orientierte Ansätze drin, und aber auch psychoanalytisch orientierte Ansätze verschiedener Couleur; und haben daraus Skalen entwickelt, und das ist ganz wichtig, die wirklich explizit für das Thema Partnersuche und Partnerschaft relevant sind. Das heißt, es sind nicht mal irgendwelche Persönlichkeitsmerkmale, sondern diese Skalen sind so konstruiert und entwickelt, dass sie sich speziell auf den Rahmen der Singles und die Situation der Singles beziehen."

Dieser Bezug erschließt sich nicht unbedingt bei jeder Einzeletappe, bei jedem der sogenannten "Items" des Parship-Tests: Da gilt es zum Beispiel in der Sektion "Bilderpaare" zu entscheiden, ob einem horizontale oder vertikale Schlangenlinien besser gefallen, ob man einen geschwungenen Pfeil lieber nach links unten oder nach recht oben nachfühlen möchte. Auch die Wahl eines Titels für vier als Traumszenen bezeichnete Bilder gehört zu altbekannten psychologischen Konzepten, die Parship bei der Erläuterung der ermittelten Persönlichkeitsmerkmale denn auch explizit benennt: Pate stehen hier Siegmund Freud und Carl Gustav Jung, mit Gegensatzpaaren wie "Libido und Überich" oder "Anima und Animus". Die "Nummer Zwei" am Markt der Matching-Agenturen, ElitePartner, wurde von einem ehemaligen Parship-Mitarbeiter gegründet. Das Prinzip und das Versprechen an die Kunden sind denn auch recht ähnlich. Der Persönlichkeitstest, der dem Matching zugrunde liegt, umfasst ebenfalls rund 80 "Items". Aber formal und inhaltlich setzt er deutlich andere Akzente. Anna Kalisch, Pressesprecherin bei Elitepartner:

"Entwickelt wurde der Test für uns von einem Psychologen, der Volker Drewes, der sitzt in Berlin. Ganz wichtig eben in der Unterscheidung zu anderen Persönlichkeitstests in diesem Bereich ist, dass unser Test davon ausgeht, dass man nicht eine starre Persönlichkeit hat, die sich nicht mehr verändert ab einem gewissen Alter, sondern dass ich mich eben weiterentwickle, dass ich eine dynamische Persönlichkeit hab und dass ich mich auch mit meinem Partner zusammen weiterentwickeln kann."

Der ElitePartner-Test arbeitet überwiegend mit Aussagen zur Persönlichkeit oder zu Situationen, die man auf einer sechsstufigen Skala von "Trifft vollkommen zu" bis "trifft überhaupt nicht zu" bewerten muss. Multiple-Choice-Fragen sind in der Minderzahl, intuitive Bilddeutungen gibt es überhaupt nicht. Auch bei ElitePartner sind Fragebogen und Matchingsystem aus verschiedenen psychologischen Konzepten und Studien zusammengesetzt. Das sind allerdings durchweg Konzepte neueren Datums. Die einzelnen Studienautoren und ihre Arbeiten werden auf der Webseite aufgezählt; im Persönlichkeitsgutachten sogar mit ausführlichen Literaturhinweisen.

Zweiter Priester: "Wenn nun aber Sarastro dir ein Mädchen aufbewahrt hätte, das an Farbe und Kleidung dir ganz gleich wäre?"

Papageno: "Mir gleich! Ist sie jung?"

Zweiter Priester: "Jung und schön!"

Papageno: "Und heißt?"

Zweiter Priester: "Papagena!"

Bei allen Unterschieden, eine gewisse Grundtendenz haben die beiden Matchingkonzepte doch: Bei den meisten Merkmalen gilt eher der Grundsatz "Gleich und gleich gesellt sich gern." Und bei deutlich weniger Merkmalen scheint eine unterschiedliche Prägung, oder wenigstens ein "gesunder Abstand", wie es bei ElitePartner heißt, günstig zu sein: Zum Beispiel bei der Ausprägung von "Unterordnung" kontra "Dominanz". Das genaue Kochrezept, wie die einzelnen Merkmale gewertet und untereinander verknüpft werden, das verraten die Betreiber natürlich nicht. Sandra Spreemann:

"Wir haben insgesamt glaube ich 136 Matchingalgorithmen, und jeder Algorithmus kann für sich mehr oder weniger komplex sein. Ich versuche mal, eine Regel in eigenen Worten auszudrücken: Sie haben Merkmal A und Sie haben Merkmal B. Die Regel besagt: Wenn Person X auf Merkmal A so ausgeprägt ist, und Person Y auf Merkmal B eine andere Ausprägung hat, dann vergebe eine Summe Z Matchingpunkte. Und das ist jetzt nur dann relevant, wenn Merkmal F bei beiden folgendermaßen ausgeprägt ist…"

Julia Peirano ist Psychologin in Hamburg. Ihr Diplom hat sie beim Parship-Erfinder Hugo Schmale gemacht, damals beschäftigte sie sich allerdings noch nicht mit dem Thema "Partnerschaft". Ihre Doktorarbeit dazu schrieb Julia Peirano einige Jahre später bei Professor Burghard Andresen, Leiter der Arbeitsgruppe Klinische Neuropsychologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Andresen hat das Konzept der so genannten "Beziehungspersönlichkeit" entwickelt. Ausgangspunkt war die Erkenntnis: Die klassischen Persönlichkeitsmodelle der psychologischen Forschung stoßen an gewissen Grenzen, wenn es um Liebesdinge geht. Peirano:

"Da gibt es zum Beispiel das Fünf-Faktoren-Modell, das wurde für diese Studien oft benutzt, man nennt es auch Big Five, da geht es dann um die Dimensionen Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Offenheit für Erfahrungen, und Neurotizismus. Man kann Menschen ganz gut beschreiben mit diesen Modellen, nur, es gibt erhebliche Nachteile bei diesen Modellen, und zwar, dass die klassische Persönlichkeitstheorie überhaupt nichts darüber aussagt, wie ich mich in Liebesbeziehungen verhalte."

Das erste Manko: Die klassischen Persönlichkeitstests sind sozusagen "jugendfrei", das Thema "Liebe" mit seinen Aspekten Sexualität, Eifersucht, Treue und Konfliktverhalten in der Partnerschaft bleibt komplett ausgeklammert. Das zweite Problem: Menschen können im normalen Alltag ganz anders auftreten als in der Intimität ihrer Beziehung. Peirano:

"Da haben Studien gezeigt, dass es deutliche Abweichungen gibt zwischen der Basispersönlichkeit und der Beziehungspersönlichkeit. Da kann einer zum Beispiel im Beruf sehr durchsetzungsfähig sein, aber zu Hause ist er der Pantoffelheld."

Oder er ist bei Freunden und Bekannten ein geduldiger und beherrschter Diskussionspartner. Aber bei einem Konflikt in der Partnerschaft rastet er aus und wird handgreiflich. Die Schlussfolgerung: Wenn ein Test herausbekommen will, wie die "Beziehungspersönlichkeit" eines Menschen aussieht, nicht die Normal- oder Basispersönlichkeit, dann müssen alle Testitems explizit auf das Thema "Partnerschaft" hin formuliert sein. Und genau das ist der Fall in Burghard Andresens "Beziehungspersönlichkeits-Inventar"; diesen bislang nur teilweise veröffentlichten Test setzte Julia Peirano auch in ihrer Doktorarbeit ein. Geklärt werden sollte dort die Frage, wie stark einzelne Merkmale der "Beziehungspersönlichkeit" zur Zufriedenheit und zum Klima in einer bestehenden Partnerschaft beitragen. 293 Paare, die sich auf einen Aufruf in der Zeitschrift "Brigitte" hin gemeldet hatten, nahmen im Jahr 2006 an Peiranos Studie teil. Alle Probanden füllten zum einen den von Andresen entworfenen Test aus, zum anderen einen Fragebogen zur "partnerschaftliche Zufriedenheit" in ihrer konkreten Beziehung. Das Ergebnis: Bereits drei Faktoren aus dem Modell der "Beziehungspersönlichkeit" sind offenbar signifikant verantwortlich für immerhin schon 40 Prozent des empfundenen partnerschaftlichen Glücks. Das ansonsten ja auch noch von externen Faktoren wie Arbeitslosigkeit, Krankheit, drei Kleinkindern im Haus oder der Schwiegermutter erheblich beeinflusst werden kann. Peirano:

"Drei Merkmale konnte man eben herausgreifen, die das Gerüst für partnerschaftliche Zufriedenheit sind, also, auf die ich auch bei der Partnersuche wirklich achten würde: Das eine ist das wichtigste; die Fähigkeit, sich anzuvertrauen, sich zu öffnen, intime Dinge von sich preiszugeben. Das zweitwichtigste ist ein Konfliktstil, der geprägt ist von einer gewissen Diplomatie, dass man sich auch entschuldigen kann und eben auch auf aggressives und ungerechtes Verhalten verzichtet, den Partner nicht beleidigt und heftig kritisiert. Und das dritte ist, dass man Robustheit hat. Also wer sehr empfindlich ist, wer schon bei der leisesten Kritik empfindlich reagiert, gleich sich aus dem Gleichgewicht bringen lässt, der hat auch nicht so gute Chancen in einer Partnerschaft."

Ob und wie das Konzept der "Beziehungspersönlichkeit" auch dabei hilft, den "passenden Partner" zu finden, soll noch erforscht und getestet werden. Ein Matching rein nach "Beziehungspersönlichkeit" wäre aber wahrscheinlich nur auf einer einsamen Insel sinnvoll. Denn manche Aspekte der "öffentlichen" Persönlichkeit wirken sich auf Umwegen doch wieder auf die Beziehung aus, gibt Sandra Spreemann von Parship zu bedenken:

"Beispiel Pragmatismus: Wenn beide sehr, sehr niedrig ausgeprägt sind in diesem Bereich, dann können die sich so gut verstehen wie sie wollen, der Kühlschrank bleibt immer leer. Und auch das birgt dann wieder Konfliktpotenzial, weil knurrende Mägen haben sie beide."

Dass die Konzepte und psychologischen Modelle der Matching-Partnerbörsen unterschiedlich sind und bestimmte Aspekte verschieden gewichten, muss erst einmal gar nicht viel bedeuten. Wie ja auch ganz verschiedene Kochrezepte zu einem leckeren Essen führen können. Aber in welcher Geschmacksrichtung auch immer, es bleiben zwei grundsätzliche methodische Probleme: Anerkannte diagnostische Test in der psychologischen oder psychiatrischen Praxis finden unter genau definierten und kontrollierten Bedingungen statt. Das Fragebogen-Ausfüllen unter Aufsicht zum Beispiel garantiert zwar nicht per se wahrheitsgetreue Antworten, aber immerhin: Der Zeitverbrauch und die Spontaneität lassen sich überwachen, eventuelle Reaktionen beobachten und gegebenenfalls interpretieren. Und die Tests werden eingesammelt, bevor der Proband das Ergebnis kennt. Die Singlebörsen-Kandidaten basteln ihr Persönlichkeitsprofil daheim am Computer zusammen. Unbeobachtet. Ganz ehrlich. Oder auch nicht. Jens Asendorpf, Professor für Persönlichkeitspsychologie an der Berliner Humboldt-Universität:

"Man muss sich dabei immer klarmachen, das sind alles nur Selbstbeschreibungen, und es gibt selbstkritische und weniger selbstkritische Leute, und manche Merkmale sind einfach sehr stark positiv und negativ generell gewertet. Und die kritischeren, die schreiben sich schon mal eher so was zu, und die unkritischeren, die neigen dazu, das überhaupt nicht bei sich zu sehen, obwohl sie vielleicht doch so sind. Solche Mechanismen tragen natürlich dazu bei, dass diese Objektivität der Beschreibung, nach der da gematcht wird, ja gar nicht gegeben ist. Man matcht ja Leute mit möglicherweise ganz unterschiedlichen Tendenzen, zu schönen."

Gegen das Problem der subjektiven Antwort oder gar den bewussten Versuch, das Ergebnis in eine bestimmte Richtung zu manipulieren, fühlt man sich bei Parship gefeit. Sandra Spreemann:

"Das Thema Selbsteinschätzung ist eines der Merkmale, die wir versuchen auszublenden, grundsätzlich ist der Fragebogen so konzipiert, dass wir ja eigentlich an die Essenz der Person herankommen und nicht ein überblendetes Selbstbild. Deswegen gibt es überhaupt diese Methode von objektiven Tests, die beinhaltet immer, dass man versucht, letzten Endes die Augenscheinvalidität von den Fragen möglichst gering zu halten."

Das mag beim ersten Durchlauf durch den Fragebogen funktionieren; nur: Wenn einem die ermittelte "Essenz der Person", das "erzielte" Profil überhaupt nicht gefällt, dann kann man natürlich einen neuen Anlauf nehmen. Mit einem neuen Account, bevor man sich dann mit den "gewünschten" Charaktereigenschaften endgültig anmeldet. Das zweite methodische Problem: Messen die Fragebögen überhaupt das, was sie messen möchten? Und das zuverlässig und reproduzierbar? Bei zugelassenen psychodiagnostischen Tests wird von den Entwicklern mit statistischen Kennzahlen belegt, in welchem Maß das jeweilige Verfahren diese beiden Gütekriterien, die "Validität" und die "Reliabilität", erfüllt. Mit solchen exakten Angaben können die Matchingbörsen nicht dienen. Aber die Anforderungen der wissenschaftlichen Testtheorie würden bei der Konzeption des Persönlichkeitstests berücksichtigt, versichert Sandra Spreemann:

"Ja, das macht man bei der Skalenkonstruktion, dass man Merkmale erfasst; versucht, eine andere Methode, eine andere Operationalisierung zu finden, die was ähnliches oder dasselbe erfasst, dann eben Menschen beide Methoden durchlaufen lässt, beide Fragebögen, wenn es denn auch ein Fragebogen ist, und dann die Ergebnisse miteinander vergleicht, das sind sogenannte Paralleltests, die auch tatsächlich bei uns in der Skalenkonstruktion durchgeführt wurden."

Auch Volker Drewes, der Entwickler bei ElitePartner, hat seine Testskalen validiert, nach wissenschaftlichen Maßstäben überprüft. Zumindest in Bezug auf einzelne Persönlichkeitsmerkmale sind sich also beide Anbieter ziemlich sicher: Der Test misst das, was er soll. Aber lässt sich das auch für die Kombination der Persönlichkeitsmerkmale zweier Personen, für das Matching also, für die versprochene "Partner-Passung" statistisch signifikant nachweisen? Momentan sei dies noch nicht möglich, räumen Spreemann und Drewes ein. Die Sache sei extrem schwierig: Was wäre das relevante und zudem überprüfbare Außenkriterium? Die Dauer einer Beziehung oder das empfundene partnerschaftliche Glück? Wie bekäme man eine repräsentative Selektion für eine Langzeitstudie, da ja eine Versuchsteilnahme nur freiwillig sein könnte? Bleibt also vorerst ein gehöriger Rest an Spekulation, ob das Matching wirklich funktioniert. Auch Jens Asendorpf fehlen die Nachweise, dass bestimmte Charaktereigenschaften für erfolgreiche Langzeitbeziehungen relevant sind:

"In sehr vielen Persönlichkeitsmerkmalen, da gibt es überhaupt keinen statistischen Zusammenhang, und es liegt nahe, da jetzt auch irgendetwas zu konstruieren. Und das ist die Gefahr."

Mit einer Ausnahme allerdings, da sei sich die Wissenschaft seit langem einmal völlig einig. Asendorpf:

"Man weiß, es gibt einen Hauptrisikofaktor bei Männern und Frauen in gleicher Weise, das ist Neurotizismus, also die Tendenz, in allem ein Problem zu sehen, sich selbst und andere heftig zu kritisieren, das ist abträglich. Neurotizismus sagt über lange Zeiträume, das ist ja schon seit 40 Jahren untersucht, die Trennungswahrscheinlichkeit vorher, und zwar von Männern und von Frauen in gleicher Weise. Also das ist ein Risikofaktor, den kennen wir, der ist sehr stark, der kommt in allen Untersuchungen raus. Es gibt natürlich hochattraktive Neurotiker, die so viele andere interessante Merkmale haben, dass sie vielleicht doch… Wer kann denn mit denen am besten? Das sind witzigerweise die Neurotiker. Das heißt, wenn überhaupt, dann zwei Neurotiker, besser als einer und ein Nichtneurotiker. Man denkt ja, der Nichtneurotiker könnte den anderen so ein bisschen stabilisieren und mitziehen, das ist aber nicht der Fall."

Das wäre nun ein Merkmal, das recht zuverlässig abzufragen ist und dessen Relevanz für eine Paarbeziehung feststeht. Aber, so Asendorpf:

"Wenn man das als Agentur wollte, dann müsste man dieses Ergebnis auch so einbauen, wenn jemand neurotisch ist, der ist dann schwer zu vermitteln, man müsste dann eine Warnglocke bei den anderen einbauen, die dann aufleuchtet: Vorsicht, es sei denn, du bist selber so einer, dann könnte es gehen. Das kann man machen, aber ich bin ziemlich sicher, dass das keiner tut. Das schreckt ja auch Kunden ab, da sind ja auch welche dabei, die problematisch sind, das will man ja gar nicht signalisieren, das Ganze ist doch ein Geschäft."

Weib: "Papageno, ich rate dir, zaudre nicht. Deine Hand, oder du bist auf immer hier eingekerkert."

Papageno: "Eingekerkert? Nein, da will ich doch lieber eine Alte nehmen, als gar keine. Nun, da hast du meine Hand, mit der Versicherung, dass ich dir immer getreu bleibe."
Für sich: "So lang' ich keine schönere sehe."

Bei aller Kritik an der Wissenschaftlichkeit der Matchingsysteme meint der Persönlichkeitspsychologe Asendorpf: Wer einen Partner sucht, ist bei den Online-Börsen gut aufgehoben:

"Wenn sie seriös sind und wirklich ein großes Angebot für die eigene Altersgruppe da ist, macht es sozusagen die Masse von potenziellen Partnern, und da sind die Online-Börsen, wenn sie gut sind, viel frequentiert sind, wenn da viele teilnehmen auch etwa aus der gleichen Bildungsschicht, was natürlich sehr wichtig ist als Vorauswahlkriterium, dann sind sie eigentlich unschlagbar auf diesem Gebiet."

Mit dem Faktor "Bildung" als Vorauswahlkriterium hat sich Jan Skopek von der Universität Bamberg intensiv beschäftigt. Der Soziologe gehört zum Team des von der DFG geförderten Forschungsprojektes "Prozesse der Partnerwahl bei Online-Kontaktbörsen". Die Bamberger Forscher analysieren anonymisierte Interaktionsdaten von verschiedenen Singlebörsen, und zwar auch und vor allem aus Systemen ohne Matching-Verfahren. Im Grunde geht es um eine recht einfache Frage: Wer nimmt mit wem Kontakt auf? Skopek:

"Wenn Sie jetzt jemanden fragen, was ist Ihnen wichtig an einem Partner, wird er ihnen wohl kaum sagen, in allererster Linie zumindest, die Bildung ist mir wahnsinnig wichtig. Viele werden wahrscheinlich sagen, es ist mir wichtig, dass er treu ist, dass er humorvoll ist, dass er lustig ist, dass man mit ihm Pferde stehlen kann, solche Kriterien werden dann kommen. Das weiß man auch aus anderen Befragungen. Aber interessant für uns als Soziologen sind ja die strukturierenden Aspekte der Partnerwahl, dass eben in der Regel nicht der Tankwart mit der Anwältin zusammenkommt, sondern dass sich das in gewisser Weise ausschließt in der Regelmäßigkeit."

Das könnte, so eine Standarderklärung der Soziologie, daran liegen, dass eine Studentin nun einmal viel an der Universität unterwegs ist und ein Fließbandarbeiter von Ford eher nicht: An restriktiven und selektiven Strukturen bei den Orten des Kennenlernens und des Alltagslebens also, wie es so schön heißt. Aber auch in der theoretisch egalitären Umgebung der Singlebörsen, wo prinzipiell jeder jeden kennenlernen könnte, sieht das Bild nicht plötzlich anders aus, so erste Ergebnisse der Studie: Insbesondere die Frauen, die laut Profil eine hohe Bildung aufweisen, kontaktieren zu über 60 Prozent, also deutlich über der statistischen Erwartung, Singles in ihrer Bildungsgruppe. Auch Männer kontaktieren am liebsten auf dem gleichen Niveau, aber wenn sie davon abweichen, dann eher nach unten als nach oben. Bei den Frauen ist es dagegen genau umgekehrt, auch wenn das ihre Chancen auf eine erfolgreiche Suche ja eindeutig verschlechtert. Skopek:

"Wenn wir noch mal das wundervoll abgenutzte plakative Beispiel von dem Tankwart und der Anwältin nehmen, dann würden die vielleicht von der Persönlichkeit wunderbar zusammenpassen, sie ist humorvoll, er ist humorvoll, sie ist dominanter, er ist etwas devoter: Passt von der Persönlichkeit super zusammen, aber es passt halt von den äußeren Rahmenbedingungen nicht so richtig zusammen, und das würde verhindern, dass sie ihre Psychologie gegenseitig überhaupt erst richtig kennenlernen. Die sozialen Mechanismen, die im Vorfeld wirken, die selektieren erst mal alles, und innerhalb der selektiven Umgebungen spielen psychologische Faktoren sicherlich eine große Rolle."

Auch soziologisch gilt also überwiegend: "Gleich und gleich gesellt sich gern". Das mag man bedauern, oder aber einfach für einen sinnvollen Filtermechanismus bei der Auswahl aus dem sonst unüberschaubaren Angebot halten. Bei Parship und ElitePartner sorgen schon die Preisgestaltung, die Aufmachung und die Art der Selbstdarstellung und Werbung für eine gewisse sozioökonomische Vorselektion. Ein Argument also für die Matchingbörsen, das selbst für jene Singles gilt, die die Empfehlungen des Computers nicht allzu streng befolgen wollen: Denn es gibt ja durchaus Raum für eine "persönliche Theorie" jedes einzelnen Nutzers, wie Volker Drewes es ausdrückt. Die könnte zum Beispiel darin bestehen, die Selbstbeschreibung der anderen Mitglieder, das sogenannte "Ich über mich", für viel relevanter zu halten als den gemeinsamen Matching-Wert.

Ab dem Zeitpunkt der Kontaktaufnahme beginnt dann Schritt für Schritt das ganz normale Leben mit seinen unwissenschaftlichen Unwägbarkeiten: Bekommt man eine Antwort? Was steht darin? Kommt die Kommunikation in Gang? Wann gibt man dem Gegenüber das Foto frei? Denn danach kann dann plötzlich Funkstille herrschen; genau wie auch für einen selbst ein bis dahin äußerst netter Kontakt optisch einfach nicht kompatibel scheinen mag. Sandra Spreemann plädiert dafür, dann trotzdem nicht sofort den "Verabschieden"-Knopf zu drücken:

"Und zwar schon allein aus dem Grund, als wir alle bei der Partnerwahl nach gewissen Schemata vorgehen. Diese Schemata sind uns ganz häufig überhaupt nicht bewusst, die können sich sowohl an inneren Werten orientieren, aber ganz häufig auch an äußeren Werten: Das ist tatsächlich so, aber das muss nicht dem entsprechen, was tatsächlich passt. Und unser System, die Vorauswahl, bietet natürlich die Chance, von diesen Schemata einfach mal wegzugehen und sich selbst einfach mal zu öffnen für bestimmte Dinge, die man vielleicht noch nicht so kennt, die einfach einmal kennenzulernen und dann auch festzustellen, dass für sich bestimmte Merkmale oder Eigenschaften eigentlich wichtiger sind, als man ursprünglich vielleicht dachte."

In einem Ratschlag sind sich alle Betreiber und Psychologen einig: Das Kennenlernen im richtigen Leben sollte nicht zu lange herausgezögert werden, schließlich geht es ja nicht um eine Brieffreundschaft. Dass man sich verliebt, das ist übrigens auch immer noch nicht garantiert bei der ganzen Sache. Anna Kalisch:

"Der Test und das anschließende Matching liefern sicher eine gute Basis, oder zeigen einfach die Basis auf, die ich mit einer Person haben könnte, aber ob der Funken überspringt oder die Chemie stimmt, also das kann natürlich auch kein Computer voraussagen oder letztlich ersetzen. Alles, was vorher stattfindet in der virtuellen Welt, der Profilabgleich oder auch der Kontakt per Email, das ist ja letztendlich der erste Schritt, aber nicht der entscheidende."

Jens Asendorpf:

"Es bleibt ein großer Erklärungsrest für die Wissenschaftler, aber auch für die Beteiligten, wo man sagt, das ist ein Wunder, dass wir uns getroffen haben, das ist so zufällig, wie kann das sein; oder alles stimmte, und trotzdem hat es nicht geklappt, das kennen wir ja alle. Also man darf hier schon gar nicht als Wissenschaftler sich zu weit aus dem Fenster lehnen, wir kratzen immer nur so ein bisschen an der Oberfläche hier."

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