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StartseiteKultur heuteLiebe unterm Spiegeldach13.03.2006

Liebe unterm Spiegeldach

Puccinis "Madame Butterfly" in Stuttgart

So, wie in Stuttgart die Staatskapelle unter Anleitung von Nicola Luisotti zupackt, versteht man auch nach hundert Jahren noch, dass diese Oper die Zuschauer im wahrsten Sinne des Wortes "aufwühlte". Trotz der von Puccini selbst vorgenommenen Abschwächungen gegenüber dem so skandalträchtigen "Original", trotz der etwas freundlicheren Gestaltung des US-Leutnant Pinkerton und seiner amerikanischen Gattin und der gemilderten Sozialkritik hat sich das Werk eine Menge Kritik an imperialistischem und chauvinistischem Gebaren bewahrt.

Von Frieder Reininghaus

Der italienische Komponist Giacomo Puccini 1922 in Oberammergau (AP)
Der italienische Komponist Giacomo Puccini 1922 in Oberammergau (AP)
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Es gibt Opern, die erweisen sich gegenüber den gängigen Methoden des Zugriffs von Regietheater als recht resistent. Zu ihnen gehört Giacomo Puccinis "Butterfly". Diesem Stück ein Einheitsbühnenbild überzustülpen (und damit den Kontrast zwischen Innen- und Außenansichten abzuschaffen) bedeutet keine kritische Brechung der Aufführungskonvention. Denn bereits die Schöpfer des Werks sahen dieselbe Installation von beweglicher Leichtbau-Architektur in einem Garten für alle zwei bzw. drei Akte vor. Auch die Charakterisierung der Protagonisten als heutige oder gestrige Kleinbürger, die bevorzugt angewendet wird, um Könige und Religionsgründer zeitgemäß zu demontieren oder Helden und Hetären auf offener Bühne zu diminuieren, diese probate Technik der Verkleinbürgerlichen greift bei "Butterfly" kaum. Denn das singende Personal gehört ohnedies bereits den (noch) wenig verfeinerten bürgerlichen Kreisen an oder einer in Armut abgesunkenen höheren Gesellschaftsschicht. (Die sichtlich "Bessergestellten" wie z.B. der amerikanische Konsul oder der japanische Bonze fügen sich da, soziologisch gesehen, weit unterhalb der Königsebene ein).

Häufig bediente sich der Regie-Zugriff in den letzten drei Jahrzehnten der Übertragung der Handlung in eine andere historische oder geographische Sphäre. Dieses inzwischen probate Mittel wäre bei dieser Oper von 1904, deren Stoff der unmittelbaren Gegenwart entnommen schien, höchst problematisch: Nähme eine heutige Inszenierung, um den gegenwärtigen Sex-Tourismus vorzuführen, statt Nagasaki z.B. Bangkok, so würde dies unüberhörbar mit den Japanismen der Musik kollidieren. So bleibt alle "Übersetzung" dieses Stücks problematisch.

Vom dramaturgieführenden Intendanten Klaus Zehelein bestens beraten, verzichtete die niederländische Regisseurin Monique Wagemakers auf spektakuläre Aktualisierung. Karl Kneidls fast leere Bühne wird von matten Spiegeln überwölbt, in denen sich das Herannahen und die Auftritte aus der Tiefe des Raums beobachten lässt –Protagonisten und Hochzeitsgesellschaft erscheinen weichgezeichnet, bevor sie vorn an der Rampe und auf der Anhöhe eines zeitlosen Präsens erscheinen, Geschäfte machen, feiern, verfluchen, lieben und vor allem warten. Wagemakers erzählt die Geschichte der Halbwaise aus Nagasaki unspektakulär genau: die Handschläge, auch die zurückgewiesenen, sind so genau bemessen wie der aufs Vielzweck-Tischchen gesetzte gutpolierte Schuh des vergnügungswilligen Leutnants Pinkerton. Vom großen schlanken Tenor Brandon Jovanovich, der mit seiner Stimme zu imponieren und zu prahlen versteht, ohne zu forcieren, wird der klägliche Charakter des Marinemanns vorzüglich dargestellt – und Karine Babajanian , nur leicht durch den Maskenbildner japanisiert, rührte die Hörerinnen hörbar und riß die Zuschauer sichtlich zu Begeisterungsstürmen hin.

Von der so lange auf die Wiederkehr ihres Mannes wartenden Cio-Cio San, die ihre alte japanische Welt und die Religion ihrer Väter hinter sich ließ um der Liebe willen, wird die bis dahin farblose Bühne mit einem bunten Blumenmeer bedeckt. Der Glaube mag zwar Berge versetzen und die Hoffnung Träume wahr machen – aber selbst die bedingungslose Liebe rührt einen wahren Yankee nicht. Indem das kleinbürgerliche Trauerspiel auf seinen Kulminationspunkt zutreibt, hat sich der Höhenunterschied der Bühnenebenen nivelliert: Butterfly ist gleichsam unten angekommen. Und Pinkertons amerikanischer Gattin, der das Kind der Liebe ausgeliefert wird, filmt am Ende die Übergabe und den Selbstmord, so wie im ersten Akt eine der befreundeten Geishas die Hochzeitszeremonie aufgenommen hatte. Mehr als dies zeigt die Verschiebung von 1904 nach 2006 nicht an – und das ist gut so.

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