Freitag, 16.11.2018
 
Seit 01:30 Uhr Tag für Tag
StartseiteDie neue PlatteLiebeserklärung an die französische Sprache31.10.2010

Liebeserklärung an die französische Sprache

Holger Falk singt Lieder von Francis Poulenc

Das Französische rein technisch einigermaßen sauber zu sprechen, fällt vielen Deutschen nicht so ganz leicht. Es zu verstehen, noch dazu, wenn es sich um solch hoch komplizierte Lyrik, wie die des Guillaume Apollinaire handelt, ist noch anspruchsvoller.

Von Elgin Heuerding

Der Bariton Holger Falk bewegt sich in  der fransösischen Sprache wie ein Fisch im Wasser. (Stock.XCHNG / valentino sirbinas)
Der Bariton Holger Falk bewegt sich in der fransösischen Sprache wie ein Fisch im Wasser. (Stock.XCHNG / valentino sirbinas)

Doch die Musik, ihre Reflexion des Textes, kann uns helfen. Sänger und Pianisten dementsprechend auch. Gedichte von Apollinaire, vertont von Francis Poulenc bekommen Sie nun zu hören.

F. Poulenc: Dans le jardin d'Anna Take 1 3'12
Interpreten: Holger Falk, Bariton; Alessandro Zuppardo, Klavier


Der Bariton Holger Falk und sein Klavierbegleiter Alessandro Zuppardo mit "In Annas Garten". Ein Gedicht, das komplett im Konjunktiv stattfindet, und eine fiktive Begegnung imaginiert im Jahr 1760. Ein Lied, das eine Liebeserklärung an Anna ist und zudem eine Liebeserklärung an die französische Sprache.

Die Begegnung zwischen Dichter und Komponist - Guillaume Apollinaire und Francis Poulenc - hat stattgefunden, blieb aber einseitig: Poulenc ist gerade 18 Jahre alt und Apollinaire, ein bekannter Dichter, verletzt aus dem Ersten Weltkrieg heimgekehrt. Jetzt gibt Apollinaire hin und wieder Lesungen in einer Pariser Buchhandlung - die ist Treffpunkt der Avantgardisten. Dorthin pilgert also auch der junge Bewunderer. Bereits ein Jahr später stirbt der Dichter mit gerade mal 38 Jahren. Francis Poulenc hatte bis dahin keine Gelegenheit einer persönlichen Begegnung. Dennoch wird Apollinaire ihn prägen und zeitlebens begleiten. Rund 150 Lieder hat Poulenc verfasst, 40 nach Texten von Apollinaire.

Seine frühesten Lieder sind "Le Bestiaire ou Cortège d'Orphée". Das ist eine Sammlung von Tierporträts. Und natürlich bieten die dargestellten Tiere sich geradezu an, bestimmte Charaktere oder Verhaltensweisen zu vertreten. Außerdem gibt es auffällige Ähnlichkeiten mit menschlichem Verhalten. Ein gutes Experimentierfeld für einen jungen Komponisten, das in musikalischen Eigenheiten auszukleiden, die der Text ohnehin zuhauf bietet.

Auf den wild schwankenden Rhythmus der Dromedare folgt ein kurzes Lied über bewundernswerte Haare. Der Grashüpfer, Der Delphin, Die Languste und zuletzt der Karpfen sind im Gesangs-Bestiarium versammelt. Holger Falk bringt uns hinein.

F. Poulenc: Le Bestiaire 1- 6 Take 22 - 27 4'46
Interpreten: Holger Falk, Bariton; Alessandro Zuppardo, Klavier


Sechs Lieder aus Le Bestiaire ou Cortège d'Orphee von Francis Poulenc.

Der Komponist hat selber recht genau beschrieben, was ihn an Apollinaire so fasziniert hat. "Ich habe immer noch den speziellen Klang seiner Stimme im Ohr, halb ironisch, halb melancholisch." Es ist also des Dichters Stimme, eine Mischung, die Poulenc in seinen Liedvertonungen wachrufen will.

Ein Sänger muss sich daran messen lassen, wie sehr er diesen sehr französischen Tonfall treffen kann. Der Bariton Holger Falk bewegt sich in diesem Idiom wie ein Fisch im Wasser, auch wenn er die Sprache nicht übermäßig deutlich singt. Doch die Zartheit seiner Stimme lässt ihn sehr beweglich sein an dieser Grenze zwischen Ironie und Melancholie. Die Umschwünge geschehen schnell, fast unmerklich. Keine klare, eindeutige Festlegung geschieht hier, sondern ein Bedeutungsschimmern, vielfarbig schillernd. Zwischen Sehnsucht und ironischer Brechung. Dazu kommt eine Eleganz und Leichtigkeit in Holger Falks Stimme, auch noch in der Höhe. Sodass er eine große Ruhe ausstrahlt. Auch diese Ruhe macht es möglich, dass sich Bedeutungen so fein verwandeln.

Falk, der bei den Regensburger Domspatzen gelernt hat und neben seinen klassischen Opernengagements viel neue Musik macht, hat sich mit seinem Klavierbegleiter Alessandro Zuppardo entschieden, an diesen Liedern grundsätzlich das Fließende hervorzuheben. Das geht manchmal auf Kosten des dramatisierten Ausdrucks, auch das Avantgardistische mancher Lieder, die sich teilweise nah am Sprechgesang bewegen, wird zurückgedrängt.

Das fällt besonders auf im Vergleich mit Apollinaire-Liedern, wie sie Francis Poulenc selbst mit dem Bariton Pierre Bernac aufgenommen hat. Dafür aber ist die Neueinspielung schmeichelnder, sanfter, höchst atmosphärisch - und deshalb wirkungsvoll.

Ein Manko ist aber anzumerken. Und das betrifft das CD-Begleitheft. Die französischen Gedichte sind nur ins Englische übersetzt. Damit macht es das deutsche Label MDG den hiesigen Hörern extrem schwer, Zugang zu den abstrakten Gedichten zu finden.

Schon Poulenc brauchte allein vier Jahre, bis er das knapp dreiminütige Lied "Montparnasse" fertig hatte.

F. Poulenc: Deux Poemes de Apollinaire Take 9 + 10 3'39
Interpreten: Holger Falk, Bariton; Alessandro Zuppardo, Klavier


Montparnasse und Hyde Park - hier zu hören mit dem Bariton Holger Falk und Alessandro Zuppardo. Das waren zwei Gedichte von Apollinaire, die Francis Poulenc 1945 vertont hat. Drei Jahre später geht er den Zyklus Calligrammes an und kommt zu dem Schluss: "Je mehr Seiten ich in Apollinaires Büchern blättere, desto mehr fühle ich, dass es keine Nahrung mehr für mich gibt. Nicht dass ich Apollinaires Poesie weniger lieben würde (noch nie habe ich sie mehr geliebt), aber ich habe den Eindruck, dass ich alle Möglichkeiten ausgeschöpft habe."

Ist das ein Eingeständnis begrenzter Kompositionskraft? Ein wenig danach hört es sich an. Doch ist nicht zu vergessen, dass Apollinaires Lyrik Poulenc Jahrzehnte lang begleitet hat. Sie hat seine Musiksprache mit geformt - doch inzwischen ist die gefunden. So ist der Zyklus Calligrammes der Höhepunkt dieser künstlerischen Beziehung. Noch einmal testet Poulenc Möglichkeiten, weitet die Harmonie, spannt die Flügel zu neuen Höhenflügen. Und schickt uns mit dem letzten Lied "Voyage" auf eine Reise ohne Wiedersehen. Man kann aber ja diese Lieder und diese CD von Holger Falk und Alessandro Zuppardo noch einmal hören. Meint Elgin Heuerding, die sich damit verabschiedet!

F. Poulenc: Calligrammes Take 38 2'53
Interpreten: Holger Falk, Bariton; Alessandro Zuppardo, Klavier


Vorgestellte CD: "Francis Poulenc: Mélodies sur des Poèmes de Guillaume Apollinaire"
Interpreten: Holger Falk, Bariton; Alessandro Zuppardo, Klavier
Label: MDG; Bestell-Nummer: 603 1658 -2 / LC 06768

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk