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StartseiteBüchermarktLiebesgeschichten sind Lügengeschichten20.04.2007

Liebesgeschichten sind Lügengeschichten

Zum 150. Geburtstag des dänischen Schriftstellers Herman Bang

Das Leiden der Seele ist das zentrale Thema aller Romane Hermann Bangs, die "in raffinierter Diskretion des Impressionismus", wie Klaus Mann feststellt, ihre eigentlichen Dramen eher andeuten als aussprechen. Doch die Genauigkeit der Bilder, die weich gezeichneten Szenen, das milde Licht evozieren das Unausgesprochene umso stärker.

Von Detlef Grumbach

Der Wille und die Kraft, etwas zu ändern, sind Bangs Protagonisten abhanden gekommen.  (Stock.XCHNG / Cathy Kaplan)
Der Wille und die Kraft, etwas zu ändern, sind Bangs Protagonisten abhanden gekommen. (Stock.XCHNG / Cathy Kaplan)

"Es war einmal ein weißes Haus, und drinnen im Haus waren die Tapeten hell."

Wie ein Märchen fangen diese Erinnerungen an eine glückliche Kindheit an. An eine glückliche Kindheit? Ein Jahr im Leben der Familie erzählt der dänische Autor Herman Bang in seinem Roman "Das weiße Haus". Die Jahreszeiten und ihre Feste bestimmen den Ablauf, ansonsten herrscht eine extreme Mittellage zwischen Beklemmung, Lethargie und gedämpftem Frohsinn. Der Vater, Pastor, beherrscht den Alltag, obwohl er kaum präsent ist. Die Tür zu seinem Zimmer ist verschlossen, was er tut, weiß niemand, Frau und Kinder hören nur seine Schritte auf und ab. Stella, die Mutter, kümmert sich liebevoll um Kinder und Haushalt, führt das Personal. Sie leidet unter der Lieblosigkeit und Unaufmerksamkeit des Vaters. Was lebt, ist die Natur, sie bricht aus, es ist Frühling. Die Kinder müssen im Haus bleiben, befiehlt der Vater: das Haus, die Familie, ein starres Korsett. Und dann doch das spontane, kurze Glück, wenn die Mutter mit den Kindern zusammen die Pferde herauslässt.

" Die Pferde stoben davon, und die Mägde tanzten.
- Seht euch vor, seht euch vor, rief die Mutter.
Es war ein einziges Lärmen.
- Stella, Stella, klang es plötzlich vom Fenster her.
- O Gott, Fritz, sagte die Mutter; sie blieb ganz steif stehen. Die Mägde verschwanden im Nu, als hätte der Boden sie verschluckt.
- Ja, sagte die Mutter und stotterte: Fritz, ich weiß nicht, wie das alles gekommen ist. "

Fritz hatte gar nichts gesagt, nicht sagen müssen. Stella weiß, dass ihr Verhalten nicht statthaft war. Sie fügt sich in ihr Schicksal.

"Warum ist der Rahmen des Lebens so schön", "

sagt sie einmal, ohne dass der Satz sein erschütterndes Potenzial in ihr entfaltet. Oder sie stellt fest:

" "Ich glaube, dass die Schönheit der Welt nur das Leiden der Seele erhöht."

Das Leiden der Seele ist das zentrale Thema aller Romane Hermann Bangs, die "in raffinierter Diskretion des Impressionismus", wie Klaus Mann feststellt, ihre eigentlichen Dramen eher andeuten als aussprechen. Doch die Genauigkeit der Bilder, die weich gezeichneten Szenen, das milde Licht evozieren das Unausgesprochene umso stärker. Liebesgeschichten sind Lügengeschichten, so Stella in "Das weiße Haus" - sie rauben den Lesern den Mut, der Wahrheit wie der ihren ins Auge zu sehen. Stella:

" - Ich kenne sie, aber sie, - die Dichter - (und sie sprach das Wort mit stolzem Hohn aus) sollten den Mut haben, sie zu sagen ... "

Hermann Bang hat seinen Weg gefunden, die Wahrheit zu sagen und rührt die Leser damit auch heute noch an. 1857 wurde er als Sohn eines Pfarrers auf der dänischen Halbinsel Alsen geboren. In seiner Kindheit erlebte er den Deutsch-Dänischen Krieg: Dänemark wurde geschlagen, hatte einen großen Teil seines Territoriums eingebüßt, das Proletariat verarmte, den Bürgern ging es nicht gut. 1880, mit dreiundzwanzig Jahren, veröffentlicht Bang seinen ersten Roman: "Hoffnungslose Geschlechter", wegen einer damals pornographisch empfundenen Stellen wird sofort verboten. "Das Weiße Haus" erscheint 1898. Zum 150sten Geburtstag des Autors wurde es jetzt als Taschenbuch zusammen mit "Das graue Haus" wieder aufgelegt. Umspannt "Das weiße Haus" ein ganzes Jahr, erzählt "Das graue Haus" einen einzigen Tag im Leben des ebenso garstigen wie auch resignierten Alten. Tags über werden verschiedene Verhältnisse geklärt, abends gibt er ein Essen für die ganze Familie. Der Roman erschien 1901 - im selben Jahr wie die "Buddenbrooks", zeigt ebenfalls einen Niedergang. Ein wenig erinnert er auch an Thomas Vinterbergs Film "Das Fest": Verlogenheit und Ranküne bestimmen die Familie. Kraft, Gesundheit, Reichtum und Macht werden nur noch trotzig behauptet, sind aber längst auf allzu durchschaubare Weise verloren. "Du hast doch uns", tröstet der Enkel den Alten.

"Hast - hast? sagte er: die Menschen, Fritz, haben einander nicht. Sie brauchen einander und sind allein. (...) wenn ein einziger Mensch einem anderen Menschen tief in die Seele sehen könnte, dann würde er sterben. Und wenn man denken könnte - aber das kann man nicht, denn sich selbst belügt man zu heftig - dass man sich selbst tief in die Seele sähe, dann würde man es als eine geringe und notwendige Strafe betrachten, mein Guter, von sich aus und ohne Mucks sein Haupt auf den Block zu legen -"

Melancholie, Kummer, Untergang, aber das Leben ist eben so, wie es ist. Die Bangschen Figuren sind ihren Verhältnissen verhaftet, irgendwie sind sie auch einverstanden. "Hier war ihr Leben dahingegangen", resümiert in der Erzählung "Ein schöner Tag" die Frau eines Kleinstadtlehrers, dessen Jugendtraum von einer Karriere als Tenor noch einmal kurz aufflackert, der dabei sehenden Auges auf eine tragisch-komische Selbsterniedrigung zusteuert: "Aber sie liebten sich doch." Gedankenstrich. "Ach - ja, war es so?" Der Wille und die Kraft, etwas zu ändern, sind ihnen abhanden gekommen. Und Irene Holm beispielsweise, die Heldin der gleichnamigen Erzählung, eine abgetakelte Tänzerin, die vom Ballett träumte, zieht über Land, gibt Tanzkurse für Bauernkinder, um sich über Wasser zu halten. Sie setzt einfach das fort, so wörtlich, "was man Leben nennt".
"Die Isoliertheit der Kreatur, die Vergeblichkeit des Gefühls", so noch einmal Klaus Mann: "Bang hat kein anderes Thema." Sein Vater Thomas schreibt, er fühle sich Herman Bang "tief verwandt", erklärt später, er habe "alles gelesen und viel gelernt". Die Bewunderung Klaus Manns, die Nähe des Vaters zu Herman Bang, haben eine tiefe, biographische Ursache: ihre Homosexualität. Bang hat seine Homosexualität nie kaschiert, wird auch mit Oscar Wilde in einem Atemzug genannt, machte Skandal. Dafür musste er zahlen. Er wurde als "Fräulein Hermine Bang" verspottet, in einer Weise öffentlich angeprangert, dass er sogar das Land verlassen musste. In seinen Büchern taucht Homosexualität indessen nur in zartesten Andeutungen auf - in der Art, wie in "Das graue Haus" ein junger Mann mit seinem "armenischen Diener" umgeht, wie in der Erzählung "Sommerfreuden" ein Herr Verner mit seinem Begleiter, der stets der "Gebräunte" genannt wird. Oder wie der Gutsverwalter Huus, ein ganz und gar "unmännlicher" Mann in dem Roman "Am Weg" vor der Innigkeit flieht, die sich im Verhältnis zu Katinka Bai einstellt - als ob er sagen wollte: Diese Liebe ist mir nicht möglich. Was heute "Geschlechterqueering", also die Auflösung klarer Rollen zugunsten einer ungeahnten Vielfalt genannt wird, betreibt Bang, wenn er beispielsweise von der "Kerlsmarie" erzählt, von Niels mit dem weiblichen Mund, von der Jungfer Stine mit "Männerbrauen über einem Paar Mädchenaugen".
Thomas Mann und Herman Bang ähneln einander in der Art und Weise, wie sie sich dem Zwang zur literarischen Verhüllung gebeugt haben, wie sie sich aber auch nach und nach - zaghaft - von diesem Zwang zu befreien versuchten. Diese These stellt der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering auf. Über den homosexuellen Künstler schreibt Bang in seiner ausdrücklich für die postum zur Veröffentlichung vorgesehen Schrift "Gedanken zum Sexualitätsproblem":

"Wenn ich mich so ausdrücken darf, hat er von Natur aus einen Januskopf und kann nach zwei Seiten das Seelenleben erforschen. Er bleibt Mann und fühlt doch mit der Seele einer Frau."

Vor diesem Hintergrund lassen sich viele seiner Frauenfiguren als camouflierte Homosexuelle lesen. Beiden ist gemein, dass Verhältnissen, die Bang schildert, ihnen kein Anspruch auf ein eigenes Glück zugestehen. Geschrieben hat Bang seinen Essay 1909, allerdings nur zur posthumen Veröffentlichung. Interessant ist, dass er über die Zeit der Verfolgung und Unterdrückung und damit der Camouflage hinaus denkt und - so wörtlich, "die vollkommene Stärke seines Talents" in der frei entfalteten janusköpfigen Existenz des schwulen Autors sieht:

" Um eine ewige Maskerade zu vermeiden, wendet er sich von sich selbst und seinen eigenen Gefühlen ab und wird als Künstler vor allen Dingen ein Beobachter seiner Mitmenschen, und zwar in den meisten Fällen ein großer Schilderer, weil er sozusagen mit vier Augen sieht. "

Für Bang blieb das Utopie. Er war zeitlebens ein Getriebener, lebte in Kopenhagen, war in Berlin, Prag, Wien oder Paris. 1912 befand er sich auf einer Vortragsreise in den USA, wo er in Utah völlig erschöpft und ausgebrannt, mit nur 54 Jahren, starb. Zu seinem 150sten Geburtstag erschienen auch der Erzählband "Sommerfreuden" sowie eine Sammlung von Erzählungen und Reportagen unter dem Titel "Exzentrische Existenzen". Wie ein "Ermittlungsbeamter" tritt Bang in den Reportagen der Armut und dem Elend in Kopenhagen gegenüber, berichtet aber auch auf atemberaubende Weise vom Brand des königlichen Schlosses 1884. Unabhängig von der Kraft, mit der er Wort für Wort die Seele seiner Leser anrührt, zeigen gerade die Reportagen etwas davon, was Bang mit dem "großen Schilderer, der mit vier Augen sieht", gemeint hat. Noch immer führt der großartige Autor jedoch ein Schattendasein. Nach wie vor ist ein Werk erst wieder zu entdecken.

- Das Weiße Haus / Das graue Haus. Zwei Romane.
Aus dem Dänischen und mit Nachwort von Walter Boehlich,
Insel Taschenbuch, 305 Seiten
- Exzentrische Existenzen. Erzählungen und Reportagen. Hg, übersetzt und mit Nachwort von Ulrich Sonnenberg, Insel, 369 Seiten
- Sommerfreuden. Erzählungen. Aus dem Dänischen von Ingeborg und Aldo Keel, Nachwort von Aldo Keel, Manesse Bibliothek der Weltliteratur, 349 Seiten

Außerdem lieferbar bei Manesse die Romane "Stuck" und "Am Weg"

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