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StartseiteKultur heuteLiebesklassiker als One-Night-Stand im Girlie-Zimmer18.04.2013

Liebesklassiker als One-Night-Stand im Girlie-Zimmer

Lars Eidingers Shakespeare-Inszenierung "Romeo und Julia" an der Berliner Schaubühne

Lars Eidinger inszeniert "Romeo und Julia" nicht als Liebestragödie. Seiner Interpretation folgend, wollten die beiden bloß Sex haben. Wo Romeo Julia von seiner Liebe überzeugen musste, kommen Fragmente vorgefertigter Gefühle der Popmusik.

Von Eberhard Spreng

Iris Becher und Moritz Gottwald in der "Romeo und Julia"-Inszenierung nach Lars Eidinger (Pressefoto Schauspiel Berlin/Arno Declair)
Iris Becher und Moritz Gottwald in der "Romeo und Julia"-Inszenierung nach Lars Eidinger (Pressefoto Schauspiel Berlin/Arno Declair)

Ein Horde Youngster pöbelt zwischen lauter Pappkartons, auf die Fenster gemalt sind. Wenn das Verona sein soll, dann lässt sich die ehrwürdige Stadt mit ein paar Fußtritten beseitigen und genau das tun Mercutio, Benvolio, Tybald und Romeo auf der Guckkastenbühne, die in der Mitte des breiten Spielraums in der Schaubühne von einem Portal aus rohem Holz abgegrenzt wird. Rechts sind die Schminktische dem freien Blick zugänglich, links steht eine kleine Glitzerbühne mit der zweiköpfigen New-Wave-Rockband "The Echo Vamper" aus Dänemark.

Die öffentliche Ordnung, die von der Vendetta des Capulets und Montagues bedroht wird, ist also aus Pappe und der Prinz, der nach der Rüpelszene zur Mäßigung aufruft, wird von der 12-jährigen Maria Matschke gespielt, von einem Kind also, das den Jungenbanden schwerlich Einhalt gebieten kann. Die stecken in Wollstrumpfhosen, Pullis und Halskrausen und kloppen Sprüche aus der findungsreichen Übersetzung durch Thomas Brasch.

- "Du mein Freund, bist ein ganz enormer Fall da möchte man sein Knie schnell strapazieren, ein sogenannter Kniefall. Nein, nein, ein Knicksfall das ist besser."
- "Nein, ein Wichsfall."
- "Es reicht!"
- "Sie, Romeo, er bleicht, er weicht zurück, er will, dass man ihn streicht gegen den Strich."
- "Nein, der Witz ist unterm Strich."
- "Falsch, falsch er ist auf dem Strich, da wo er hingehört."

Auch die Väter- und Müttergeneration ist hier im Sinne einer lustigen Kostümorgie veralbert: Als Vagina tritt Julias Mutter bei dem Maskenball auf, bei dem Romeo und Julia sich erstmalig kennenlernen. Romeo Vater ist in der Verkörperung durch Kai Bartholomäus Schulze ein Junkie, der nicht erst genommen werden muss. Albereien und Kalauer diffamieren in dieser Inszenierung alles, was das Shakespeare-Stück als Liebeslyrik aufbietet und immer, wenn Romeo eine solche ohnehin kurze Passage über die Lippen gehen soll, stülpt er sich schnell wie zum Schutz vor der Poesie eine Clownsmaske über. Was bei Shakespeare noch Sonette waren, ist heute Popmusik und genau die bemüht dieser Romeo in seiner Minne vor dem Fenster der Angebeteten.

It's the power of love. Love hurts. Can you feel the love tonight. There's a limit to your love. Your love is my love and my love is your love. Hold the line, love isn't always on time.

Wo Romeo Julia mit eigenen Worten von seiner Liebe überzeugen müsste, kommen nur noch Fragmente aus vorgefertigten Gefühlen aus dem Fundus der Popgeschichte. Das ist zum einen sehr lustig und unterhaltend, zum anderen aber eine Theaterfeststellung von ungeheurer Traurigkeit, die jetzt eigentlich für einen etwas tiefsinnigeren zweiten Teil der Inszenierung die Tür öffnen müsste.

Aber die Regie begnügt sich mit der Zielvorgabe, die beiden Liebenden wollten eigentlich nur ein klein bisschen Sex. Die berühmte Balkonszene spielt an einem Aufbau aus ebensolchen rohen Holzplatten, aus denen auch das Portal gebaut ist. Die Rückseite zeigt ein Girlie-Zimmerchen mit diversen Postern neben dem Etagenbett. Ihm entsteigt der Romeo des Moritz Gottwald nach der ersten Nacht etwas verlegen, wie nach einem One-Night-Stand, der es irgendwie nicht gebracht hat. Überhaupt tapert dieser Romeo durchs Geschehen, als wäre er unentwegt im falschen Film, während die Julia der Iris Becher mit unbeirrbarer Hingabe auch weiterhin gegen die Pläne ihrer äußerst schrillen und durchgeknallten Mutter an ihrem Lover festhalten will. Regine Zimmermann spielt die Lady Capulet wie permanent am Rande des Nervenzusammenbruchs.

Nachdem Lars Eidinger an seinem aufgekratzten Kindergeburtstag, bei dem fast jeder Maulheld mal seinen Pimmel vorzeigen musste und mancher auch seinen Hintern, die Frage nach dem gesellschaftlichen Kontext der Geschichte gleich zu Anfang als irrelevant abgetan hatte und nun auch die Liebe in der Tiefebene von Pop und Klischee beerdigt hat, bleibt ihm noch den Tod zu bebildern.

Sehr liebevoll lässt er unter Schwarzlicht in Zeitlupe den Mündungsrauch einer großen Papppistole von einer Nebelmaschine simulieren und ein übergroßes Geschoss quälend langsam auf Tybald zufliegen. Ein Kahn mit Sensenmann schippert über die Bühne. Julia wird, nachdem andere von Theaterblutflaschen zuvor schon regen Gebrauch gemacht hatten, für ihren Selbstmord regelrecht an einen Schlauch angeschlossen, damit der rote Lebenssaft dann im entscheidenden Moment große Teile ihre weißen Hochzeitskleides einfärben kann.

Gestorben wird bei Eidinger also sehr stilvoll, aber wofür denn eigentlich, diese Frage bleibt ohne Antwort.

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