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StartseiteLied- und Folkgeschichte(n)Schnörkellos ehrlich05.04.2019

Liedermacher Josef HienSchnörkellos ehrlich

Bei einem Betriebsfest griff Josef Hien zur Gitarre und kritisierte das Management mit einem selbst getexteten Lied - der Job war danach weg. Im Februar 2019 hat der Liedermacher nun sein Debütalbum herausgebracht: "Mit Dir" erinnert stimmlich an Reinhard Mey, bietet jedoch weitere musikalische Farben.

Von Michael Frank

Ein Mann mit Gitarre steht auf einer Bühne (Frank Schroth)
Josef Hien ist ausgebildeter Opernsänger (Frank Schroth)

"Wie die Lieder auf mich zu kommen, folgt keinen Regeln. Sie sind da nicht sehr nett zu mir (lacht) und helfen mir und geben mir immer erst den Text und kommen dann mit der Musik hinterher. Ich könnte es bei jedem Lied anders beschreiben."

Josef Hien hat ein besonderes Verhältnis zu seinen Liedern: es kommt vor, dass sie ihm sogar Befehle erteilen. "Mach jetzt was mit mir", sagen sie, und dann ist er eventuell für seine Umwelt eine Weile schwer erträglich, weil bis zur Fertigstellung nichts wichtiger ist als das Lied.

Musik: "Mein Respekt"

"Es gab auch schon die absurdesten Fälle, in denen ich tatsächlich aufgewacht bin, und hatte im letzten Moment vor dem Aufwachen in einer an sonst absurden Geschichte davon geträumt, wie ich ein Lied vorgetragen habe. Dann sagt immer diese kleine Stimme, ach, das fällt dir später schon noch ein, schlaf noch ein bisschen. Aber gottseidank gibt es eine andere Stimme, die sagt, nein, steh auf und schreib es auf, es wird sonst wieder weg sein, du wirst dich nicht erinnern. Und ich bin aufgestanden, habe es geschrieben. Und innerhalb eines Prozesses von 15 Minuten war ein Lied da, das eigentlich in einem Traum sich eröffnet hatte.

Musik: "Mein Respekt"

"Natürlich ist der Begriff "Liedermacher" etabliert, und trotzdem war für mich das Gefühl "ich mache diese Lieder" nicht wirklich da. Ich hatte eher das Gefühl, diese Lieder zu finden, da, wo sie vielleicht eigentlich schon sind. Darum ist es weniger der Lied-Erfinder als mehr der Lieder-Finder gewesen. Ich fand irgendwann, als ich da länger darüber nachgedacht habe, einen  Satz von Roland Schimmelpfennig sehr gut, der gesagt hat: "ein Künstler ist jemand, der etwas sucht, das es, bevor er es gefunden hat, gar nicht gibt." Das hat es für mich sehr gut getroffen. Diese Lieder sind für mich ein Faszinosum und natürlich ist, wie gesagt der Begriff des Liedermachers der etablierte Begriff aber dieses Machen eines Liedes, dieses Empfinden hatte ich nie."

Vom Opernsänger zum Liederfinder

Josef Hien wurde 1973 in Regensburg geboren. Sein Vater war Musiker, Musiklehrer, Chor- und Orchesterleiter. Zu Hause wurde viel gemeinsam Musik gemacht. Als er im Stimmbruch war und nicht mehr im Chor seines Vaters mitsang, lernte er Bratsche und Pauke spielen. Geige und Klavier spielt er außerdem, aber am wichtigsten blieb für ihn dennoch der Gesang. Aus Vernunftgründen begann er nach der Schulzeit, in Passau Kulturwirtschaft zu studieren. Parallel dazu gönnte er sich ein privates Gesangsstudium. Er gab Liederabende mit klassischer Musik und wurde für kleinere Rollen als Opernsänger engagiert, z.B. am Opernhaus in Passau. Dort sang der Bariton u.a. den Papageno in Mozarts Zauberflöte. Von seiner klassischen Gesangsausbildung profitiert er noch heute, sagt Hien. Er lernte nicht nur, besser zu singen, sondern auch, sich auf einer Bühne zu präsentieren. Nach dem Studium arbeitete er eine Zeit lang bei einem Konzertveranstalter und organisierte die Sommerkonzerte eines großen Automobilkonzerns. Die Anforderungen des Berufs führten aber bald dazu, dass er sich nicht mehr so intensiv auf seine Auftritte als Sänger vorbereiten konnte. Er glaubte, seinen eigenen Ansprüchen nicht mehr zu genügen, und verlor lange Jahre den Drang, selber Musik zu machen. Bis ihm eine Gitarre in die Hände fiel. Wenn er seinen Gesang heute auf der Gitarre begleitet, ist man überrascht: Hien spielt noch gar nicht so lang, beherrscht aber filigranes, klassisches Fingerpicking.

"Erst tatsächlich vor drei, vier Jahren, eigentlich viel zu spät würde man sagen, war die erste Gitarre in meinen Händen. Und ich hielt damals für mich dieses Stück Holz mit Saiten bespannt in den Armen, und ich konnte wirklich keinen Akkord spielen, ich musste mich damit befassen, wie heißen diese Saiten - blickte die Gitarre an und ich schrieb ein Lied. Dieses Lied entstand in meinem Kopf. Ich konnte es nicht spielen, ich konnte keinen Akkord greifen, aber ich wusste, wie es klingen soll. Und habe mich entlang dieser Klangvorstellung auf der Gitarre dahin gebracht, dieses Lied spielen zu können. Währenddessen schrieb ich allerdings schon das zweite Lied, das ich wieder nicht spielen konnte. Das heißt ich habe meinen Liedern auf der Gitarre hinterhergearbeitet und so Gitarre spielen gelernt"

Musik: "Sei bei mir"

Was sich im ersten Moment wie ein intimes Liebeslied anhört, ist tatsächlich als Reaktion auf ein politisches Ereignis in Österreich entstanden. Beim ersten Wahlgang zur Bundespräsidentenwahl am 24. April 2016 qualifizierten sich zwei Kandidaten für die Stichwahl: Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer von der FPÖ.

"Es war klar, es würde in eine Stichwahl gehen. Aber Hofer lag vorne, und es trafen die Glückwünsche der Rechten aus ganz Europa ein, Marine Le Pen hat gratuliert usw. Und ich verbrachte eine sehr schlechte Nacht. Und am nächsten Morgen war das Lied da. Es war im Text und Musik fertig und da. Ich habe später oft gesagt, wer hat dieses Lied geschrieben? (lacht) Weil mir der Prozess gar nicht sehr bewusst war. So entstand "Sei bei mir". Aus einer Sorge. Herr Hofer ist mir vor allem durch seinen Spruch in Erinnerung geblieben "wenn wir einmal dran sind, dann werden sie sich wundern, was alles geht." Und ich habe mich gefragt, ja, wenn das passiert, wo stehst Du dann? Wie mutig wirst Du dann sein ?"

Zusammenarbeit mit dem Produzenten Yoyo Röhm

Nur einen Monat nach dem ersten Wahlgang veröffentlichte der Liedermacher "Sei bei mir" als YouTube-Video. Im Februar 2019 erschien der Song erneut – auf seinem Debutalbum "Mit Dir". Es stellt seine Lieder in verschiedener Gestalt vor. Mal konzentriert sich Hien nur auf seine weiche Stimme und sein Gitarrenspiel, mal sind kammermusikalische Arrangements mit Streich- und Blasinstrumenten zu hören. Die Suche nach einem Arrangeur verlief dabei zunächst frustrierend. Oft fehlte es bei den Profis an der Bereitschaft, sich Zeit zu nehmen und unvoreingenommen auf die Lieder einzulassen. Ein glücklicher Zufall brachte ihn aber mit dem Berliner Multi-Instrumentalisten und Produzenten Yoyo Röhm zusammen. Er hat über die Jahre Kontakte zu vielen exzellenten Studiomusikerinnen und -musikern geknüpft. So war es möglich, dass auch seltener zu hörende Instrumente wie Fagott, Oboe und Bassklarinette Hiens Lieder bereichern. Yoyo Röhm hat diverse Filmmusiken komponiert und u.a. mit Katharina Franck von den Rainbirds, Jasmin Tabatabai und immer wieder mit Ben Becker zusammengearbeitet.

"So wie es anfing, dass er diese Offenheit zum Hören hatte, so ging das dann auch weiter - dass er die Offenheit hatte, im Arrangement jedem Lied wirklich das richtige Gewand zu geben. Unser allererstes Zusammentreffen war wunderbar, denn wir waren uns bei ungefähr einem Drittel der Lieder mit den Ideen, welches Arrangement bräuchte es, einig. Bei etwa einem Drittel grinste Yoyo bei meinem Vorschlag  und verwarf seinen, und beim restlichen Drittel lachte ich bei seinem und war bereit, meinen fahren zu lassen. Eine, finde ich, wunderbare Mischung, aus der dann für mich Arrangements entstanden sind, die ich mit großer Begeisterung höre, und die immer dazu geführt haben, dass für mich das Gefühl war, die Lieder sind dadurch einfach in dem Sinne, in dem ich sie entwickelt habe, noch reicher geworden."

Musik: "Elitepartner"

Josef Hien ist ein wortsensibler Mensch, der beim Interview nach jeder Frage zwei, drei Sekunden lang schweigt und dann fokussiert und druckreif antwortet. Beim Schreiben seiner Lieder gelingen ihm immer wieder Zeilen, die man sich gern als Sinnspruch auf den Schreibtisch stellen, an den Spiegel heften oder an die Bürotür kleben würde – so wie die vom Ende des Liedes über Elitepartner und die alltägliche Unvollkommenheit: "Doch nur aus täglichem Verstehen, wird unsere Unperfektheit schön." Dieses Lied ist auch sonst bemerkenswert: Hien verschleppt das Tempo und zieht es wieder an. So etwas kommt in populärer Musik kaum noch vor.

Flexible Tempi

"Die Studioarbeit litt eigentlich unter, oder, wenn man so will, profitierte von meiner großen Naivität. Es war meine erste Studioproduktion in diesem Genre, und ich dachte, das macht man eben so, man geht dahin und spielt, und man verschleppt auch mal das Tempo  und dann zieht man wieder an. Dann erklärten mir die Studiomusiker, na ja, der Click, der ganz streng das Tempo durchzieht, der wäre ihnen jetzt eigentlich schon lieber und würde das Ganze etwas praktischer machen. Und es zog sich dann durch die ganze Produktion, dass es eine große Herausforderung für alle  Musiker war,  und ich bin ihnen heute noch unglaublich dankbar, dass sie den Weg da mitgegangen sind, und sich reingebissen haben, und versucht haben nachzuvollziehen, was hat sich denn der Herr Hien  dabei gedacht, na ja, dann versuchen wir es eben." 

Weltüberlastungstag

Josef Hiens Geschichte vom undankbaren, habgierigen und grausamen Umgang der Kinder mit der eigenen Mutter verstört: zunächst denkt man an, es handele sich um eine besonders zugespitzte Variation von Berichten über die Vernachlässigung alter Menschen in einer reichen Gesellschaft. Der Titel des Liedes, "Mitten im August" zielt aber auf den sogenannten "Weltüberlastungstag": den Tag im Jahr, an dem die natürlichen Ressourcen des Planeten Erde erschöpft sind. Alles, was danach noch aus der Erde herausgeholt wird, ist Raubbau, der den Planeten zerstört und das Überleben kommender Generationen gefährdet. Zur Zeit der Entstehung dieses Liedes lag der Weltüberlastungstag Mitte August. Wenn der Trend nicht gestoppt wird, wird der Termin bald im Juli sein. Als der Liedermacher das erste Mal von dem Konzept des Weltüberelastungstages hörte, war der Schock so groß, dass ihn dieses Lied, wie er sagt, "überfiel".

"Ich habe danach die Erfahrung gemacht, dass es eines der Lieder ist, die die stärksten Reaktionen im Publikum hervorrufen. Auch dort hingehend, dass  Leute zu mir sagen, das singst Du aber doch bitte in Zukunft nicht mehr. Im Übrigen auch meine eigene Mutter (lacht), die die Einleitung, in der es um eine Mutter geht, gehört hat, konnte den Schwenk, dass man die andere Mutter, nämlich den Planeten Erde zerstört, beim Hören kaum ertragen. Und ich muss sogar selbst zugeben, dass es das Lied ist, das mir auf der Bühne die meiste Kraft raubt, die meiste Energie raubt, ich immer sehr überlegen muss, wo im Programm stelle ich es hin, damit mir nachher nicht die Kraft fehlt, weiterzusingen. Es ist für mich selbst eines der schwierigsten Lieder im Vortrag.

Musik: "Mitten im August"

Der Aphorismus "Kunst kommt von Können" hat interessante Veränderungen erfahren:  Arnold Schönbergs Ausspruch "Kunst kommt von Müssen" benennt z. B. ein dringendes Ausdrucksbedürfnis als Motiv. Die Formulierung "Kunst kommt von Künden" wird mehreren Urhebern zugeschrieben.

"Den Satz "Kunst kommt von künden" kann ich insofern nachvollziehen, als der Weg hin zum Liedermacher auch geprägt war von dem Wunsch, eine Stimme zu haben, sich am Diskurs beteiligen zu können, gerade als politischer Liedermacher, und an der Stelle tatsächlich Konstantin Wecker für mich auch ein Vorbild ist. Der sowohl als Künstler als auch als Person immer erkennbar war für das, was er sagen will, für seine Meinung, und wofür er steht."

In seinem kurzen Text "Bin ich Liedermacher?" nennt der 45-jährige Wahl-Münchner neben Wecker auch Hannes Wader und Reinhard Mey als Musiker, die ihn besonders beeindruckt haben.

Ein Mann sitzt mit Gitarre in einem Park (Kerstin Groh)Josef Hien fühlt sich als Lieder-Finder (Kerstin Groh)

Haltung

"Gerne wurden die, ich sage jetzt mal, älteren Liedermacher ein bisschen dafür kritisiert, dass sie auch mit erhobenem Zeigefinger agieren. Ich habe die Kritik nie ganz nachvollziehen können, denn ich dachte mir immer, was ist ein erhobener Zeigefinger? Es ist im Endeffekt, dass jemand Haltung zeigt, und ich finde, dass wird das gerade in der heutigen Zeit sehr deutlich brauchen -  Haltung, die nicht beleidigend ist, die niemanden allzu sehr kritisiert und ihm unmittelbare Vorwürfe macht, aber Haltung, die durch ihre Erkennbarkeit eine offene Auseinandersetzung ermöglicht. Und das scheint mir sehr wichtig zu sein."

Haltung hat Hien auch gezeigt, bevor er sein Talent als Liedermacher entdeckte. Er hatte schon als  Spielzeugverkäufer, Opernsänger, Konzert- und Eventmanager, Tennistrainer, Marketingleiter und Koordinator für Altenheimumzüge gearbeitet. Im letzten Unternehmen ärgerte er sich über schwerwiegende Missstände. Es brauchte schon einigen Mut, diese nicht nur hinter vorgehaltener Hand, sondern offen anzuprangern. Josef Hien hatte ihn. Bei einem Betriebsfest griff er zur Gitarre und kritisierte das Management mit einem eigens getexteten Lied, seinem ersten selbstgeschriebenen Lied überhaupt. Es heißt "Schwarzes Gefieder" und beruht auf dem Sprichwort: "Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus." Der gut dotierte Job war weg.

"Ich glaube, es ist weiter verbreitet als man denkt, dass natürlich in Unternehmen vieles nicht in Ordnung ist. Es gehört auch meistens gerade zum System, dass Missstände nicht nach draußen dringen, nicht bekannt werden. Und dann ist es die Rolle des, heute nennt man es den Whistleblower, so etwas anzusprechen, und meistens wird es ihm erfahrungsgemäß auch nicht gedankt. Das war eben auch in meiner Situation so. Ich sah Situationen, sah Dinge in dem Unternehmen, in dem ich tätig war, mit denen ich nicht mitgehen konnte und ich dachte, es wäre nötig sie anzusprechen. Und vielleicht in einer gewissen Naivität dachte ich, es würde sicherlich übergeordnete Stellen geben, die am Aufdecken dieser Missstände ja Interesse hätten. Dorthin habe ich mich gewandt und musste feststellen: dort sitzen dieselben Leute, und man kennt sich auf gewissen Ebenen, und man tut sich dort einfach auch nicht weh. Und dann kann der kleine Whistleblower und Nestbeschmutzer kommen, und er kann auch gute Gründe haben, aber man möchte es eigentlich nicht hören."

Musik: "Schwarzes Gefieder"

"Und so habe ich eines Tages angeboten, in meiner Firma, beim firmeneigenen Sommerfest doch eine musikalische Einlage vor der Nachspeise darbringen zu können. Das wurde mir erlaubt, und ich sang genau dieses Lied. Das allein empfand man als solchen Affront, dass tatsächlich Anwälte eingeschaltet wurden und man versucht hat, mit Unterlassungserklärungen und Abmahnungen mir beizukommen. Das Wunderbare ist – man sollte sich nie hinstellen und sprechen, wenn man Missstände anprangern will, man sollte sich immer hinstellen und singen. Denn auf einmal, das werden einem Anwälte bestätigen, trägt einen die Kunstfreiheit unglaublich weit und man hat sich nichts zuschulden kommen lassen. Das war der Grund, warum ich letztendlich das Unternehmen mit einer glücklichen Abfindung verlassen habe. "Glücklich" sage ich deswegen, denn aus dieser Abfindung wurde schlicht und ergreifend das vorliegende Album."

Die Finanzierung seines Debutalbums brauchte die Abfindung auf, regelmäßige Konzerteinnahmen gab es vor der CD-Veröffentlichung nicht, deshalb übernahm Hien Nebenjobs. Im Wesentlichen konnte er sich aber als Hausmann auf das Anschieben seiner Musiker-Karriere konzentrieren. Er hat das Glück, einen Partner zur Seite zu haben, der ihm das ermöglichte. Und ohne seinen Ehemann hätte er auch nicht die Kraft gehabt, diesen Weg zu gehen, sagt Hien. Ihm widmete der Liedermacher sein Debutalbum, es heißt wie das abschließende Lied der Platte "Mit Dir". Veröffentlicht hat sie Konstantin Wecker auf seinem Label "Sturm&Klang" im Februar 2019.

Das Eigenleben der Lieder

Von Konstantin Wecker stammt der Satz: "Meine Lieder sind oft klüger als ich."
"Mir ist auch schon passiert, dass ich Lieder geschrieben habe, und im ersten Moment dachte, was ist das? Ich verstehe eigentlich den Text nicht, und ich habe auch das Gefühl, das hat mit mir nichts zu tun. Gleichzeitig ist einem bewusst, dass das sehr seltsam wäre, wenn es wirklich so wäre. Und trotzdem fragt man sich im ersten Moment, was will dieser Text aussagen? Was habe ich mir dabei gedacht? Manchmal lässt man genau deswegen, weil man keinen Bezug dazu findet, dieses Lied einfach erst einmal liegen. Um dann Wochen, Monate, wie auch immer, später festzustellen, du gute Güte! Das hast Du damals schon geschrieben? Auch wenn Du es jetzt erst verstehst?"

So ein Lied ist "Der Adler, der ein Huhn war". Es geht auf eine Fabel aus Ghana zurück und handelt von erzwungener Anpassung und dem Erkennen der eigenen Fähigkeiten.
"Ich dachte tatsächlich beim "Adler, der ein Huhn war", ein bisschen, dass ich eine schöne Fabel nacherzähle, die natürlich Interpretationsmöglichkeiten bietet, aber das Publikum sehr oft auch einfach durch die Geschichte an sich fasziniert war. Wann fliegt der Adler? Da sind die Leute oft sehr dabei."

Musik: "Der Adler, der ein Huhn war"

"Der "Adler" war das zweite Lied, das ich bei diesem berühmten Sommerfest meiner Firma gesungen habe, wo am Ende meine Kündigung im Raum stand. Ich wusste allerdings bis zuletzt nicht, ob ich es tun soll. Soll ich wirklich auftreten? 'Soll ich singen? Und meine Kollegen kamen zu diesem Sommerfest und stürzten sich auf das Büffet, und ich saß da in Ängsten, ob ich das nun tun soll, ob ich mich von allen andern so wegbewegen soll, indem ich da auftrete und singe. Und auf einmal ging mir durch den Kopf: "der Adler sah die Hühner, wie sie pickten auf dem Hof, er zitterte und fühlte sich allein". Und ich ging den Text meines Liedes durch und stellte fest: er beschreibt diese Situation, in der ich mich jetzt befinde, in die mich am Ende dieses Prozesses gebracht hatte. Und mir wurde klar. Ich habe das alles schon geschrieben."

Musik: "Der Adler, der ein Huhn war"

Josef Hien hat sein Debutalbum 2017 aufgenommen, seither hat er schon wieder so viele neue Lieder geschrieben, dass er genug für seine zweite Platte zusammen hat. Aber zunächst wird er sich auf die bevorstehenden Konzerte konzentrieren. Vieles ist an dem Musiker und Textdichter bemerkenswert – seine unaufgesetzte Bescheidenheit, seine weiche Baritonstimme, die Texte mit ihrer Mischung aus Alltagsbeobachtungen und letzten Fragen, die Klangvielfalt zwischen Klavierballade und Blasmusik. Und nicht zuletzt seine klare Haltung in gesellschaftspolitischen Fragen, und seine Bereitschaft zum Dialog und zum Erkunden der Beweggründe von Menschen, deren politische Einstellung man eventuell nicht teilt. In seinem hellsichtigen Text "Bin ich Liedermacher?" hat der Musiker geschrieben: "Ein gutes Lied grenzt nicht aus. Ein gutes Lied denkt nach und macht das Angebot mitzudenken." Hien hat dieses Credo beim Interview im Januar 2019 noch etwas erläutert.

"Das ist manchmal erstaunlich, was an Interpretationen in diese Lieder hinein empfunden wird. Und das ist auch sehr schön, dass da jeder seinen eigenen Weg dazu finden kann. Und dann zeigt sich, dass man etwas geschaffen hat, das viele Leute miteinander verbinden kann, weil es zu einer Diskussion führen kann. Und wenn das im politischen Sinne auch wäre, dann umso wertvoller, denn dann auf einmal sagt man, ich habe es so verstehen, aber ich sehe es eigentlich anders. Und das führt dazu,  dass man ins Gespräch kommt, im Gespräch bleibt, und sich zu einem Thema anders auseinandersetzt. Ich finde ein Kennzeichen unserer Tage ist gerade, dass viele das Gefühl haben, es gäbe politische Richtungen, die gar nicht mehr zueinander finden können. Und meine Hoffnung ist ein bisschen, dass gerade die Liedermache eigentlich diese Möglichkeit hätten, dass sie etwas singen können, was so universell und so offen in seiner Aussage ist, dass jeder darüber nachdenken kann, und dadurch wieder ein bisschen der Weg zueinander möglich ist."

Musik: "Mit Dir"

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