Die Nachrichten

Deutschlandfunk24 Die Nachrichten

Die Nachrichten

Liedermacher Wolf Biermann"Mir tut keine Mark leid, die von West nach Ost geflossen ist"

Liedermacher und Lyriker Wolf Biermann gestikuliert und spricht. (dpa-Bildfunk / Michael Kappeler)
Liedermacher und Lyriker Wolf Biermann im März 2019 (dpa-Bildfunk / Michael Kappeler)

Der Liedermacher Wolf Biermann vermutet hinter der Unzufriedenheit mancher Ostdeutscher das Gefühl, tief in der Schuld des Westens zu stehen.

Biermann formulierte es im Deutschlandfunk so: "Grob gesprochen verdanken die DDR-Leute dem Westen durch die Wiedervereinigung zu viel." Sie hätten keine Chance, sich zu revanchieren - "und dann redet man sich die Hilfe klein oder man redet sie sich schlecht". Das Tragische daran sei, dass es überhaupt keinen Grund gebe, so übertrieben dankbar zu sein, betonte Biermann. Denn die Menschen in Ostdeutschland hätten die Rechnung für den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust bezahlt, obwohl alle gemeinsam Schuld gewesen seien.

"Die Westdeutschen kriegten den Zucker in den Hintern geblasen, in Form des Marshall-Plans, und kriegten die Demokratie aufgedrückt als Geschenk." Deshalb hätten die Menschen im Osten allen Grund, es als selbstverständlich hinzunehmen, dass die Menschen im Westen, die besser aus der Nazi-Zeit davongekommen seien, ihnen nun beistünden. "Mir tut keine Mark leid, die von West nach Ost geflossen ist."

Biermann war 1976 aus der DDR ausgebürgert worden und in den Westen gezogen. Das neue Leben dort nahm er nach eigenen Worten als tiefgreifenden Umbruch war. Ihm hätten nicht nur die engen Freunde gefehlt, sondern auch die treuen Feinde. "Dann ist man plötzlich eine komische Witzfigur in der Weltgeschichte, ein Drachentöter, dem der Drache geklaut wird." Er habe damals Angst gehabt, dass er nichts mehr liefern könne und zu nichts mehr nütze sei. "Ich war nie in meinem Leben in so einer Krise wie in diesen ersten Jahren." Er sei "westdumm" gewesen, sagte der Liedermacher.