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StartseiteSprechstunde"Schmerzmittel sind besonders betroffen"12.11.2019

Lieferengpässe bei Arzneimitteln"Schmerzmittel sind besonders betroffen"

Mehrere Landesärztekammern weisen auf immer größere Lieferengpässe bei der bundesweiten Versorgung mit Arzneimitteln hin. "Das ist ein Problem, das ständig wächst und das schon spürbar ist", sagte Mathias Arnold von der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände im Dlf.

Mathias Arnold im Gespräch mit Carsten Schroeder

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Zahlreiche Medikamente liegen in den Regalen eines Kommissionierautomaten der Firma Rowa in einer Apotheke in Hamburg (dpa / Daniel Reinhardt)
Zehn Prozent der Arzneimittel sind von den Lieferengpässen in Deutschland betroffen, sagt Mathias Arnold (dpa / Daniel Reinhardt)
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Carsten Schroeder: Offenbar kommt es bei der bundesweiten Versorgung mit Arzneimitteln zu immer größeren Lieferengpässen. Schon Ende September warnte die Bundesärztekammer vor Lieferschwierigkeiten. Anfang Oktober mahnte die Ärztekammer Schleswig-Holstein dringenden Handlungsbedarf an. Ende Oktober wiesen die rheinland-pfälzischen Landesärzte- und Landesapothekerkammern gemeinsam auf die Lieferengpässe hin. Dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte liegen aktuell etwa 250 Meldungen über derartige Lieferengpässe vor. Ist die Versorgung mit Arzneimitteln in Gefahr? Bislang wird über das Problem hauptsächlich in Fachmedien und Fachkreisen diskutiert. Am Telefon ist jetzt Mathias Arnold, Vizepräsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Guten Tag, Herr Arnold! Wie groß ist Ihrer Ansicht nach das tatsächliche Ausmaß der Arzneimittelknappheit in Deutschland?

Mathias Arnold: Das ist ein Problem, das ständig wächst und das also schon spürbar ist. Wir haben also ungefähr, was ich weiß, zehn Prozent der Arzneimittel, die vielleicht betroffen sind.

Ibuprofen und Blutdrucksenker besonders zu nennen

Schroeder: Welche Arzneimittelgruppen sind denn vor allem betroffen?

Arnold: Vor allem betroffen sind Schmerzmittel, der Wirkstoff Ibuprofen ist hier ganz besonders zu nennen, aber auch Blutdrucksenker, vielleicht der Name Valsartan ist ja immer noch in Erinnerung, Medikamente, die die Magensäure blockieren, aber auch Antidepressiva und Schilddrüsenmedikamente teilweise.

Krankenhausapotheke (picture alliance / dpa / Daniel Karmann dpa) (picture alliance / dpa / Daniel Karmann dpa)Notstand im Apotheker-Regal
Wichtige Medikamente müssen kontinuierlich verfügbar sein – so wollen es Ärzte und Patienten, so will es das Arzneimittelgesetz. Doch immer häufiger klappt das nicht.  Auch bei Notfallmedikamenten gibt es immer wieder Lieferengpässe. 

Schroeder: Inwieweit wird denn dadurch schon die Behandlung von Patienten bedroht?

Arnold: Die Behandlung wird in dem Sinne bedroht, dass der Patient nicht mehr sein gewohntes Arzneimittel bekommt beziehungsweise bei Medikamenten, wo ein Austausch nicht möglich ist, auf Alternativarzneimittel zurückgegriffen werden muss, was eventuell eine schlechtere Therapie zur Folge hat.

Alternative ebenfalls schnell vom Markt

Schroeder: Sind denn die anderen, die alternativen Arzneimittel eventuell auch schon bedroht?

Arnold: Das ist meistens die Folge. Wenn ein wirklicher Versorgungsengpass auftritt, dann sind natürlich auch die Alternativen schnell vom Markt, weil die Hersteller mit einer zusätzlichen Nachfrage ja nicht rechnen konnten.

Schroeder: Wie gehen denn die Apotheker mit dem Problem bislang um?

Arnold: Bislang versuchen wir mit aller Kraft, dass wir aus einem Lieferengpass keinen Versorgungsengpass machen, das heißt, wenn ein Arzneimittel, ein bestimmtes Arzneimittel, nicht lieferbar ist, versuchen wir Alternativen zu finden. Das kann zum Beispiel ein anderer Hersteller sein, das kann aber auch ein ähnlicher Wirkstoff sein beziehungsweise, dann über Arztrücksprachen alternative Therapiemöglichkeiten auszuloten.

Schroeder: Sind Ihnen denn schon Fälle bekannt, wonach Patienten zu Schaden gekommen sind?

Arnold: Ernstlich zu Schaden gekommen sind nach meinem Kenntnisstand bis jetzt keine Patienten, aber das ist auch schwer zu sagen. Gerade im ambulanten Bereich ist das nicht so schnell, und die Daten sind da nicht so schnell verfügbar. Im Krankenhausbereich ist es wohl so, dass wirklich schon Operationen beziehungsweise Therapien verschoben werden mussten. Das ist bei schweren Erkrankungen, ich sage mal Tumorerkrankungen, natürlich fatal.

"Komplexes Problem wird nicht mit einer einzigen Maßnahme zu lösen sein"

Schroeder: Welches sind denn Ihrer Meinung nach die Ursachen für diese Engpässe?

Arnold: Die Ursachen sind ausgesprochen vielfältig. Es liegt sicherlich zum einen an dem erheblichen Kostendruck, der dazu geführt hat, dass viele Arzneimittelgrundstoffe im Ausland hergestellt werden und das vor allen Dingen in Fernost, also in China und Indien. Wenn es in diesen zentralisierten Herstellungsbetrieben dann plötzlich zu Produktionsstörungen kommt beziehungsweise Verunreinigungen auftauchen, dann kommt es ganz schnell zu Lieferengpässen. Ein weiteres Problem ist sicherlich auch die Exportgeschäfte, das heißt, dass Arzneimittel aus dem deutschen Markt abfließen in Länder, wo diese zu besseren Preisen verkauft werden können.

Schroeder: Was sollte Ihrer Meinung nach getan werden, um das Problem zu lösen?

Arnold: Ein solches komplexes Problem wird nicht mit einer einzigen Maßnahme zu lösen sein. Eine wesentliche Verbesserung brächte es zumindest erst mal, wenn die Rabattverträge, die die Krankenkassen abschließen mit Herstellern, wenn es da nicht nur einen Gewinner gäbe, sondern zum Beispiel drei Gewinner. Dann hätten die Apotheker mehr Auswahlmöglichkeiten, und es würde sich im Fall eines Lieferengpasses dann auch leichter eine Alternative finden lassen. Exporte könnten beschränkt werden bei Medikamenten, die eine Versorgungsrelevanz haben und die dann so knapp sind, dass ein Lieferengpass droht. Auch das wäre grundsätzlich möglich.

Arzneimittelreserve keine Lösung

Schroeder: Was halten Sie von einer Arzneimittelreserve, wie die Bundesärztekammer sie vorschlägt?

Arnold: Ich glaube, das ist kein groß zielführender Weg, weil man kann sowas machen, aber auch eine Reserve ist immer dann schnell aufgebraucht, und das führt dann auch nur zu Hortungsmaßnahmen, was ja auch den Markt nicht rettet, sondern wenn, muss das Übel an der Wurzel angepackt werden. Reserven machen Sinn bei ganz kritischen Medikamenten, in Krankenhäusern ist das eventuell vorstellbar, nur denke ich, dass das langfristig keine Lösung des Problems darstellen wird.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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