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StartseiteInterview"Wir können das Risiko langfristig nicht eingehen"21.11.2019

Lieferengpässe bei Medikamenten"Wir können das Risiko langfristig nicht eingehen"

SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach hat eine Verlagerung der Produktion von Wirkstoffen besonders wichtiger Medikamente nach Europa gefordert. Das sei zwar teurer, aber sicherer, sagte er im Dlf. Er schlug zudem Vertragsstrafen für Hersteller bei Nicht-Einhaltung von Lieferverträgen vor.

Karl Lauterbach im Gespräch mit Philipp May

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Karl Lauterbach (Ralf Hirschberger)
SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach (Ralf Hirschberger)
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Philipp May: Wichtige Blutdrucksenker, gängige Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Antidepressiva - alles zurzeit in Deutschland nicht oder nur sehr schwer lieferbar. Immer mehr Apotheker und Ärzte schlagen Alarm und sagen, so kann es nicht weitergehen.

Am Telefon ist jetzt Karl Lauterbach, Gesundheitspolitiker der SPD-Bundestagsfraktion. Schönen guten Morgen, Herr Lauterbach.

Karl Lauterbach: Guten Morgen, Herr May.

May: Schütteln Sie auch mit dem Kopf?

Lauterbach: Die Probleme sind richtig beschrieben und nehmen zu. Das beklage ich ja auch schon seit Jahren. Das Problem geht im Wesentlichen darauf zurück, dass international die Wirkstoffe für die Arzneimittel immer stärker sich verlagern auf die Billigproduktionsländer China und Indien, dass es dort oft zu Produktionsausfällen kommt, und dann können sehr viele Firmen gleichzeitig nicht liefern, weil die alle den Wirkstoff von dort bezogen haben.

Die Verlagerung der Wirkstoffproduktion in diese Länder ist das Problem. Die können wir auch nicht richtig oder nicht gut kontrollieren. Gleichzeitig ist es dann so, dass vieles nicht bevorratet ist, dass es dann zu den Engpässen kommt, die absehbar waren. Das war vorher nicht bekannt oder gemeldet.

Und die Firmen gehen ja auch kein Risiko ein, und zwar deshalb: Wenn ich jetzt als eine Firma nicht liefern kann, kann die andere Firma auch nicht meine Präparate übernehmen, weil denen fehlt dann ja auch der Wirkstoff. Somit kann die Arzneimittelbranche warten, bis wieder Wirkstoff lieferbar ist, weil sie sitzen alle im gleichen Boot. Der Verlierer sind die Patienten und die Ärzte.

May: Wer ist denn schuld an dieser Entwicklung?

Lauterbach: Das ist ein internationaler Markt. Der geht auch nicht auf die deutschen Preise zurück, sondern tatsächlich alle Länder, alle Industrieländer lassen mittlerweile die Wirkstoffe in den billigsten Ländern produzieren. Wenn man das ändern will, müsste man die Wirkstoffproduktion für die lebensnotwendigen und die unersetzlichen Medikamente nach Deutschland oder zumindest nach Europa zurückverlagern.

Ich halte das mittlerweile für bestimmte Medikamente für unbedingt notwendig, für sinnvoll, insbesondere für Antibiotika, aber auch für Krebsmedikamente, für Kinder insbesondere, weil diese Kinder dann keinen Ersatz oft haben können. Solche Medikamente, die nicht ersetzt werden können, und solche Medikamente, die wir dringend benötigen, wenn es mal eine große Krise gibt, zum Beispiel eine Masseninfektion, die sollten aus meiner Sicht wieder in Europa oder in Deutschland, was den Wirkstoff angeht, produziert werden, weil dann ist etwas teurer, aber sicherer. Und wir können das Risiko langfristig nicht eingehen, weil wir sind auf Produktionsstätten sonst angewiesen, die wir nicht wirklich kontrollieren können.

"Wenn nicht geliefert werden kann, muss es Strafen geben"

May: Warum ist das denn noch nicht längst passiert? Sie haben gesagt, Sie weisen seit Jahren auf dieses Problem hin. Die SPD ist jetzt mittlerweile auch schon seit 2013 in der Regierung. Hat man das verschlafen?

Lauterbach: Verschlafen hat man es nicht, aber Sie kennen ja den Grundsatzstreit dort. Da war die Union immer bereit, nur kleine Schritte mit uns zu gehen, zum Beispiel Selbstverpflichtungen der Industrie eines sogenannten Jour fixes. Das ist ein regelmäßiges Treffen zwischen Industrie, Apothekern und Politik, wo man über das Thema spricht. Da verspricht dann jeder, dass es demnächst wirklich viel besser wird; es passiert aber dann doch nichts.

Ich plädiere daher schon seit langem dafür, dass hier tatsächlich mehr Sanktion sein muss. Das heißt: Ein Unternehmen, welches den Lieferauftrag bekommen hat, meinetwegen den Rabattvertrag oder allgemeinen Liefervertrag, muss die Sicherheit haben, dass es alleine dann auch liefern darf, aber auch liefern muss. Und wenn nicht geliefert werden kann, dann muss es Strafen geben.

Das muss in die Verträge hinein und wie gesagt, bei den unbedingt notwendigen Medikamenten, insbesondere bei bestimmten Antibiotika, würde ich so weit gehen zu sagen, das scheiden wir aus für die Produktion in Deutschland. Dann sind die Lieferausfälle sehr viel unwahrscheinlicher. Es ist übrigens ganz interessant, dass teure Medikamente, die viel Gewinn abwerfen, dass die fast nie ausfallen, sondern es sind fast immer nur die älteren preiswerten Medikamente.

Tabletten in einer Plastikbox mit vier Fächern (imago images / Rene Traut) (imago images / Rene Traut)Mathias Arnold - "Schmerzmittel sind besonders betroffen"
Mehrere Landesärztekammern weisen auf immer größere Lieferengpässe bei der bundesweiten Versorgung mit Arzneimitteln hin. "Das ist ein Problem, das schon spürbar ist", sagte Mathias Arnold von der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände im Dlf.

May: Die Pharmafirmen sagen, das liegt an den Krankenkassen, weil die für die preiswerten Medikamente mit den Generika-Unternehmen die Rabattverträge aushandeln, und die drücken da die Preise so sehr, dass die deutschen Firmen überhaupt gar nicht zum Zuge kommen können, weil sie teilweise unter Marktpreisen produzieren müssen, unterm Selbstkostenpreis. Am Ende kommen dann die Asiaten zum Zuge, die dann Lieferengpässe haben.

Lauterbach: Das Argument ist Unsinn. Wenn Sie darüber nachdenken: Deutschland hat einen Marktanteil von nur wenigen Prozent. Und wenn wir jetzt sehr teuer bezahlen würden, dass sich die Preise in Deutschland verfünffachen oder was auch immer, würde es trotzdem in China und Indien produziert, weil es natürlich für den Weltmarkt sich dann immer noch lohnt, dort zu produzieren, wo es am billigsten ist.

Wir haben ja mit unserer kleinen Bevölkerungsdichte keinen Einfluss auf den Preis auf dem Weltmarkt und daher würden dann die Pharmafirmen diese Gewinne gerne mitnehmen. Sie würden aber nichts ändern und es würde sich überhaupt nichts tun. Das Argument ist vorgeschoben, um die Rabattverträge zu beschädigen.

In Wirklichkeit ist es aber so: Die Rabattverträge wären sogar eine gute Möglichkeit, weil in den Rabattverträgen könnte ich das tun, was wir derzeit nicht machen. Im Rabattvertrag kann ich eine Strafe vereinbaren, die zu zahlen ist vom Unternehmen selbst, wenn nicht geliefert werden kann.

"Die Kinder müssten dann sterben, wenn das nicht geliefert werden kann"

May: Oder man könnte im Rabattvertrag ja auch nicht nur vereinbaren, dass das billigste Unternehmen zum Zug kommt, sondern das Unternehmen, das möglicherweise in Deutschland produziert oder in Europa. Aber das wird ja nicht getan.

Lauterbach: Genau! Das wäre der Vorschlag, den ich ja gemacht habe. Ich könnte die Rabattverträge so ordnen, dass bei den Medikamenten, wo ich ganz sicher sein will. Es gibt ein Medikament für Krebs, eine Leukämie bei Kindern, das ist manchmal nicht lieferbar. Die Kinder müssten dann sterben, wenn das nicht geliefert werden kann. Solche Produkte würde ich tatsächlich für den deutschen Markt ausschreiben.

Dann bekommt derjenige, der von mir aus auch zum Rabattvertrag oder Liefervertrag in Deutschland bereit ist, das zu produzieren, nach einer Übergangsphase den Zuschlag. Das gilt nicht für jedes Medikament, weil die meisten Medikamente, die jetzt ausfallen, kann ich als Arzt umstellen. Das ist unbequem, aber es geht - trotzdem kein kleines Problem.

Die Kamera ist auf die Medikamente im Regal im Vordergrund eingestellt. Die Frau und der Rest des Regales sind unscharf.   (dpa-Zentralbild) (dpa-Zentralbild)Lieferengpässe bei Medikamenten - Notstand im Apotheker-Regal
Wichtige Medikamente müssen kontinuierlich verfügbar sein - so wollen es Ärzte und Patienten, so will es das Arzneimittelgesetz. Doch immer häufiger klappt das nicht. 

May: Darf ich Ihnen da ganz kurz ein Beispiel schildern, das mir eine Ärztin mittlerweile als Alltag von ihr – Stichwort Umstellung – geschildert hat? Sie verschreibt ein gängiges Medikament, der Patient kommt zurück und sagt, das gibt es nicht. Dann verschreibt sie ein anderes, das gibt es dann auch nicht mehr.

Dann verschreibt sie am Ende nicht das Generikum, sondern das teure Originalmedikament. Das zahlt dann aber die Krankenkasse nicht und am Ende bleibt der Patient auf Kosten sitzen von bis zu 100 Euro. Das ist mittlerweile ein häufig praktizierter Fall in Deutschland. Das macht aber nicht jeder und am Ende kann sich das auch nicht jeder leisten.

Lauterbach: Dass tatsächlich von einem Wirkstoff alle Generika nicht erhältlich sind, das kommt vor, ist aber selten. Aber dieses Problem könnte man ja durch die Rabattverträge leicht lösen. Man könnte hingehen und sagen, wenn tatsächlich die im  Rabattvertrag verordneten Medikamente oder festgelegten Medikamente nicht lieferbar sind, dann muss für diesen belegten Fall automatisch das Original in Frage kommen. Das ist dann immer noch so, dass dann tatsächlich umgestellt werden muss.

Oft ist es so, dass die Arzneimittelfirmen, aber auch die Ärzte sagen, eine Umstellung von einem Generikum zum anderen Generikum, das ist eine Riesenarbeit und gefährlich, aber die Umstellung auf ein teures Originalpräparat ist dagegen unbedenklich. Das ist aber nicht wahr. Ich habe jedes Mal das gleiche Problem.

Man könnte diese Ersatzmöglichkeit schaffen. Da wäre ich sogar dafür, wenn es lieferbar ist. Das müsste dann die Pharmafirma, die den Vertrag hat, bezahlen. Das darf nicht von den Kassen bezahlt werden, sondern ich könnte in den Lieferverträgen ausmachen, wenn mein Generikum nicht erhältlich ist, dann muss ich die Differenz, die dann fällig wird, auf das Original als Pharmafirma, wo ich den Rabattvertrag habe, selbst bezahlen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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