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StartseiteForschung aktuellAls die Chirurgie noch tödlich war24.10.2018

Lindsey Fitzharris: "Der Horror der frühen Medizin"Als die Chirurgie noch tödlich war

Gestank, Eiter, Schmerzen: Operationen waren im 19. Jahrhundert für Patienten nicht nur eine Qual, sondern auch lebensgefährlich. Etwa die Hälfte von ihnen starb an postoperativen Infektionen. Bis sich der Mediziner Joseph Lister auf die Suche nach einem antiseptischen Verfahren machte.

Von Michael Stang

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Eine Operation in einem Hörsaal mit Zuschauern auf dem Gemälde "“The Gross Clinic" von Thomas Eaktins aus dem 19. Jahrhundert”. (picture alliance / akg-images)
Spektakel des Grauens: Operationen fanden im 19. Jahrhundert öffentlich statt - und nicht unter aseptischen Bedingungen (picture alliance / akg-images)
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"Hunderte von Männern strömten am 21. Dezember 1846 in den Operationssaal des University College Hospital, wo sich der berühmteste Chirurg Londons anschickte, sein Publikum mit einer Oberschenkelamputation zu fesseln. Niemand ahnte, dass sich an diesem Nachmittag einer der bedeutendsten Momente der Medizingeschichte ereignen würde."

Eiter als normale Erscheinung

Nur wenige Zeilen benötigt Lindsey Fitzharris, um ihre Leserschaft zu fesseln. Öffentliche Sektionen im viktorianischen London erinnerten an Theateraufführungen. Der Gestank muss unerträglich gewesen sein, schreibt die promovierte Medizinhistorikerin in ihrem Buch "Der Horror der frühen Medizin."

"Damals galt Eiter unter Chirurgen nicht als unheilvolles Zeichen einer Sepsis, sondern als natürliche Begleiterscheinung des Heilungsprozesses, und die meisten Patienten starben an postoperativen Infektionen."

Die Patienten starben nicht trotz, sondern wegen der chirurgischen Eingriffe, bei denen sie nicht betäubt wurden. Doch dann trat in London Professor Robert Liston auf den Plan und demonstrierte der erstaunten Öffentlichkeit die Wirkung des Narkosemittels Äther.

"Liston brauchte nur achtundzwanzig Sekunden, um Churchills Bein abzunehmen. Der betäubte Patient verhielt sich dabei völlig still und schrie nicht einmal auf. Als der junge Mann wenige Minuten später aus der Narkose erwachte, soll er sich erkundigt haben, wann denn endlich die Operation beginne."

Auf der Suche nach den tödlichen Lebewesen

Das Buch mit dem Untertitel "Joseph Listers Kampf gegen Kurpfuscher, Quacksalber und Knochenklempner" dreht sich nur anfangs um Robert Liston und wendet sich dann seinem eigentlichen Helden zu. Joseph Lister war Zeuge der ersten schmerzfreien Amputation, verfolgte aber eigene Pläne. Er wollte die Ursachen postoperativer Infektionen ergründen und beseitigen. Und so kündigte sich im Schatten eines der letzten großen Schlächter seiner Zunft bereits die nächste chirurgische Revolution an.

Für die englische Originalausgabe "The Butchering Art" wurde ein cineastisch anmutendes Video gedreht. In diesem diskutiert der Student Lister mit seinem Kommilitonen James, warum so viele frisch operierte Männer sterben. Dieser vermutet, dass die Wunden einfach zu groß sind. Lister bezweifelt das.

Es müsse noch etwas anderes sein, sagt Lister, etwas, das man noch nicht verstehe.

Der Kommilitone überlegt, ob es etwas Übernatürliches sein könnte.

Joseph Lister lässt die Idee, dass es "Monster" - im Sinne eigener Lebewesen - sein könnten, nicht mehr los. In elf Kapiteln beschreibt die britische Autorin das Leben jenes Mannes, der sich einen Namen als "Vater der antiseptischen Chirurgie" machen sollte. 1865 führte er die erste Operation mit Phenol-Antisepsis erfolgreich an einem Jungen durch, dessen Bein deshalb nicht amputiert werden musste. Die Sterblichkeitsrate durch Infektionen nach der Operation konnte von 50 auf 15 Prozent gesenkt werden.

Am Ende zum Hofchirurgen ernannt

Endgültig berühmt wurde Lister, nach vielen kräftezehrenden und teils absurden Kämpfen mit der Fachwelt, als er Königin Viktoria das Leben rettete, indem er einen Abszess an ihrem Fuß behandelte, unter anderem durch den Einsatz einer Gummidrainage.

"Nach einer Woche hatte sich Victoria so gut von der Operation erholt, dass Lister Schloss Balmoral beruhigt verlassen konnte. In seiner ersten Vorlesung nach seiner Rückkehr nach Edinburgh scherzte er gegenüber seinen Studenten: 'Meine Herren, ich bin die einzige Person, die je auf die Königin eingestochen hat!'"

Die Königin ernannte Joseph Lister zum Hofchirurgen. Die stäbchenförmigen Bakterien der Gattung Listeria tragen bis heute seinen Namen.

Zielgruppe: Für alle, die gruseliges Infotainment oder informative Gruselgeschichten mögen.

Erkenntnisgewinn: Wer seine Patienten häufiger heilt als seine Kollegen, muss in der medizinischen Fachwelt mit Anfeindungen rechnen.

Spaßfaktor: Großartige, kurzweilige Lektüre, die im englischen Original noch eine Spur leichtfüßiger daherkommt.

Lindsey Fitzharris: "Der Horror der frühen Medizin. Joseph Listers Kampf gegen Kurpfuscher, Quacksalber & Knochenklempner."
Aus dem Englischen von Volker Oldenburg
Suhrkamp Verlag. 276 Seiten, 14,95 Euro

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