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StartseiteBüchermarktWeltschau einer fluchenden Lady24.08.2018

Lisa McInerney: "Glorreiche Ketzereien" Weltschau einer fluchenden Lady

Lisa McInerney rechnet in ihrem Erstlingsroman "Glorreiche Ketzereien" mit der katholischen Kirche Irlands ab. Zugleich zelebriert die Autorin einen bitterbösen und zugleich humorvollen Abgesang auf ihre Heimat, in der soziale Verwahrlosung und Perspektivlosigkeit herrschen.

Von Cornelius Wüllenkemper

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Cover von "Glorreiche Ketzereien" von Lisa McInerney, im Hintergrund hält eine Frau schützend ihre Hand vor ihrem Gesicht. (Liebeskind Verlag / imago / Pixsell)
Cover von "Glorreiche Ketzereien" von Lisa McInerney (Liebeskind Verlag / imago / Pixsell)
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Bevor Lisa McInerney 2015 mit einem Paukenschlag die literarische Öffentlichkeit für sich gewann, machte sie als Bloggerin von sich reden. Unter dem Pseudonym "Fluchende Lady" schrieb sie in ihrem Blog vom "Arsch am Ende Irlands" über allerlei komische und traurige Beobachtungen im irischen Alltag zwischen sozialem Prekariat und schwarzem Humor. Den Hang, mit kruden Worten ungeschminkte Realitäten zu beschreiben, hat die Teilzeit-Rezeptionistin McInerney sich auch in ihrem ersten Roman bewahrt. Zwei begehrte Preise hat "Glorreiche Ketzereien" erhalten, wurde in zahlreiche Sprachen und nun auch ins Deutsche übersetzt. Lisa McInerney blickt tief in die Seele des fünf Millionen Einwohner Landes, das zerrissen scheint zwischen tief verwurzelten katholischen Traditionen und den liberalen Aspirationen der jüngeren Generation, zerrissen zwischen dem Erfolg als Standort global agierender Internet-Unternehmen und einer schreienden sozialen Ungerechtigkeit. Der 15-jährige Ryan etwa, der Protagonist in McInerneys Roman, stammt aus der Schicht der sozialen Verlierer am Rande von Cork, der zweitgrößten Stadt Irlands.

"Seine Mutter war seit vier Jahren tot und sein Vater ein Wrack, das ebenso oft auf dem Sofa endete wie im eigenen Bett. Ryan war das älteste Kind des Wracks. [...] Sein Vater hatte nur heiße, billige Wut in sich und wechselte zwischen Suff und Austrocknungsversuchen in elenden, weit entfernten Entzugskliniken hin und her. Selbst wenn Ryan den Zorn in sich spürte, den der Hohn seiner Lehrer in sich wachrief oder das, was er von den größeren Jungs abkriegte, wusste er doch um die Leere in deren Aufforderung, zu kämpfen. Er suchte nach etwas anderem, das ihn morgens aus dem Bett holte, hätte aber nie gedacht, dass sie das sein könnte."

"Sie", das ist Karine d’Arcy, ein Mädchen aus gutem Hause, das Ryan in der Jugenddisco im Gemeindezentrum kennenlernt. Karine ist der Lichtblick in Ryans Leben, dessen Perspektiven ansonsten finster sind. Sie ermutigt ihn, seine vielversprechenden Anfänge am Klavier weiterzuverfolgen, und für die Schule zu lernen anstatt Drogen zu verkaufen. Als Ryans Vater aber das geliebte Klavier verkauft und Ryan selbst den Schuldirektor mit einem Tütchen Kokain bewirft, scheint der Abstieg unausweichlich.

Die Kirche zerstört Seelen, die Armut zerstört Perspektiven

Lisa McInerney entwirft eine trostlose Szenerie zwischen sozialer Verwahrlosung, harten Drogen und dem unausweichlichen persönlichem Abstieg, wie man es aus Filmen wie Danny Boyles "Trainspotting" oder Larry Clarks "Kids" kennt - krude soziale Realitäten, drastische Beschreibungen von Sex, Rausch und häuslicher Gewalt. Die gute Nachricht ist, dass Lisa McInerney über das sprachliche Instrumentarium und die Qualitäten als Erzählerin verfügt, um daraus eine mitreißende Geschichte zu machen. Cork City im Süden Irlands wird bei ihr zu einem düsteren Pfuhl, in dem die Kirche Seelen und die Armut Perspektiven zerstört und die Menschen am Rande in einen Strudel aus Schuldgefühlen, Wut und Kriminalität gezogen werden. Neben der fragilen jungen Liebe zwischen Ryan und Karine führt ein zweiter Strang von Lisa McInerneys Geschichte in das organisierte Verbrechen.

"Der Mann auf der Straße, der Scheißer hinten in der Ecke des Pubs und das ausgebrannte Mädchen am Kai, sie alle sagten das Gleiche: Es sei besser, bei Jimmy Phelan mitzulaufen, als von ihm überrannt zu werden. In kurzen Hosen war er der König des Viertels gewesen, im Iron-Maiden-T-Shirt der Händler, der alles im Sortiment hatte: Er verkaufte Zigaretten, Gras, Dosenbier und schließlich Heroin, Frauen und Waffen. Polizisten und Kriminelle brachte er auf seine Seite oder schaltete sie aus."

Ein Toter stößt unheilvolle Kettenreaktion an

Dabei ist besagter Jimmy auch nur ein Opfer der Umstände. Er ist das uneheliche Kind seiner psychopatischen Mutter Maureen. Die katholische Kirche hatte ihr einst wie tausenden anderen "unzüchtigen" irischen Frauen ihr Kind abgenommen und sie selbst nach England verbannt. Nach Jahren ist Maureen nun ins irische Cork zurückgekehrt und lebt in einem der ehemaligen Bordelle ihres Sohnes. Als sie nachts in der Küche einen jungen Einbrecher überrascht und ihn erschlägt, stößt sie damit eine unheilvolle Kettenreaktion an. Den Leichnam des Einbrechers lässt ihr Sohn von einem gewissen Tony entsorgen – der ist Ryans Vater. Und so schließt sich der üble Kreis, in dem Lisa McInerney die Rachegelüste gegenüber der katholischen Kirche, die Perspektivlosigkeit des irischen Prekariats, zerstobene Lebensträume, Prostitution und krankhafte Weltflucht durch Drogen und Alkohol zu einem toxischen Cocktail anrührt.

"Cork City nimmt keine Notiz von den ersten mutigen Schritten eines entschlossenen kleinen Mannes. Die Stadt ist mit größeren Zusammenhängen befasst, Verkehrsstaus, Meisterschaftsendspielen, Drogenrazzien und den nächsten Unterhauswahlen. Dem ganzen Scheiß, über den man sich beklagt: die Wirtschaft, das Parlament und was immer von Irlands Eigenheiten sie diese Woche wieder an Europa verhökern."

Auch Ryan entkommt dem irischen Unheil nicht. Der Faden, den Lisa McInerney webt zwischen dem Lebenstraum eines jungen Mannes und dem Zwang einer sozialen Realität ist so scharf gespannt, dass daraus ein packender sozialdramatischer Thriller wird.

Idealbild der Heiligkeit und kriminelle Realität

Die Berichte über Irlands Wiederaufstieg nach dem drohenden Staatsbankrott im Zuge der Weltbankenkrise konterkariert McInerney genüsslich mit einem kruden Blick auf die sich erbarmungslos weitende Armutsschere. Die bigotte Moral der Kirche, das drastische Wechselspiel zwischen Schuld und Strafe, zwischen dem Idealbild der Heiligkeit und krimineller Realität, wird hier geradezu zelebriert. Die Handlung und das Personal ihres Romans entwirft die Autorin wie aus einem Lehrbuch über den Verfall eines ganzen Gesellschaftsgefüges und schreckt dabei auch nicht vor Klischees zurück. Schlüssig, spannend, lehrreich und somit lesenswert sind Lisa McInerneys "Glorreiche Ketzereien" dabei allemal.

Lisa McInerney: Glorreiche Ketzereien.
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence. Liebeskind, 25. Juni 2018, 446 Seiten, 24 Euro.

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