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StartseiteEssay und DiskursZwischen Fakt und Fiktion14.04.2019

Literatur im InformationszeitalterZwischen Fakt und Fiktion

In einer medial durchgetakteten Wirklichkeit gerät die Bedeutung von Fiktion in den Hintergrund. Das zeigt sich dann, wenn Literatur praktisch ausschließlich inhaltlich aufgefasst wird. Dabei sind das Imaginäre und die Imagination in die Entwicklung des Wirklichen tief verstrickt.

Von Thomas Palzer

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Bücher in den Themen Manga, Jugend und Hörbücher werden in der East Side Mall an der Warschauer Straße angeboten. (picture alliance / Jens Kalaene)
Oft wird Literatur geradezu abgewertet als nur Erfundenes. Literatur ist also, wenn sie Probleme der Gegenwart brav nacherzählt? (picture alliance / Jens Kalaene)

Die Gegenwart ist eine Zeit imaginativer Not. Angebetet wird das Datum, das Faktum, die Information. Bestätigt wird diese Diagnose von dem Furor, mit dem versucht worden ist, das Pseudonym der Bestsellerautorin Elena Ferrante zu lüften - und vollends in Kraft gesetzt wird sie von dem Triumphgeheul, das neulich in den Medien anhob, als der französische Literaturwissenschaftler Claude Schopp eine Dame namhaft machte, die dem Maler Gustave Courbet für das Bild "Der Ursprung der Welt" Modell gestanden haben soll.

Oft wird Literatur geradezu abgewertet als nur Erfundenes. Literatur ist also, wenn sie Probleme der Gegenwart brav nacherzählt? Welche Stories und Botschaften vermittelt sie - und wie lehrreich sind diese? Das ist die Frage, die heute zählt. Dabei sind das Imaginäre und die Imagination in die Entwicklung des Wirklichen tief verstrickt. Fakt und Fiktion sind dessen zwei Seiten, denn was unter der Vorherrschaft der Naturwissenschaften in Vergessenheit geraten ist: Auch die Wirklichkeit verfügt über eine Innenseite.

Thomas Palzer, geboren 1956, studierte Philosophie und Germanistik in München und Wien. Er ist Autor, Essayist, Journalist, Schriftsteller, Filmemacher und Hörfunksprecher. 2018 erschien der Essay "Vergleichende Anatomie" (Matthes & Seitz) und 2019 der Roman "Die Zeit, die bleibt" (Tropen).


Dokumentarist: Fakten, Fakten, Fakten ...

Autor: ... lautete der Wahlspruch eines zu Anfang der 1990er-Jahre gegründeten Nachrichtenmagazins. In dem Slogan kam eine allgemeine Sehnsucht nach Wirklichkeit und Authentizität zum Ausdruck, die bis zum heutigen Tag ungebrochen anhält.

Dokumentarist: Reality-Shows für die Info-Elite. Andere sprechen von der Info-Kloake, zumindest, wenn es um das Netz geht.

Ontologin: Wir leben in einer medial durchgetakteten Wirklichkeit, die im größten Informationspool aller Zeiten täglich den Faktencheck zelebriert.

Autor: Die Sehnsucht nach Wirklichkeit und Authentizität schlägt sich im literarischen Tagesgeschmack nieder - nämlich in dem Erfolg von Schreibformaten wie dem des "personal essay" und des "memoir", bei denen persönliche Erfahrungen erzählerisch oder essayistisch verarbeitet werden.  Emmanuel Carrère und Karl Ove Knausgård zählen zu ihren erfolgreichsten Vertretern - und Annie Ernaux und Didier Eribon zu ihren aktuellsten.

Ontologin: Mit der Überhöhung des Echten und Erlebten verbunden ist eine Abwertung des Fiktiven und der Fiktion.

Autor: Weshalb die Gegenwart eine Zeit imaginativer Not ist!

Dokumentarist: Denken wir an den Furor, mit dem versucht wurde, das Pseudonym der Bestsellerautorin Elena Ferrante zu lüften - und denken wir an das Triumphgeheul, das im September 2018 in den Medien anhob, als der französische Literaturwissenschaftler Claude Schopp eine Dame namhaft machte, die dem Maler Gustave Courbet für das Bild "Der Ursprung der Welt" Modell gestanden haben soll.

Ontologin: Ist die Fiktion selbst eine Fiktion? Muss sie, um Fiktion sein zu können, von der Realität erst beglaubigt werden?

Dokumentarist: Existiert die Wirklichkeit außerhalb der Fiktion?

Ontologin: Einerseits wird Literatur als bloß Erfundenes abgewertet und praktisch ausschließlich inhaltlich aufgefasst - andererseits glaubt man der Literatur ihre Imaginationen nicht und führt diese notorisch auf die seelische Beschaffenheit des Autors zurück.

Autor: Schon die südafrikanische Schriftstellerin Nadine Gordimer korrigiert in ihrem 1995 publizierten Essay ...

Dokumentarist: "Adams Rippe. Fiktionen und Realitäten "

Autor:... die landläufige Vorstellung, dass das Imaginäre seinen Ursprung notwendig in der Realität haben muss.

Dokumentarist: Was ist denn der Werkstoff, aus dem wir Autoren als Plünderer arbeiten können?

Autor: Jeder Schriftsteller oder Maler und mancher Filmemacher wird in Anbetracht der Figuren, die er oder die sie geschaffen haben, gern eines räuberischen Realismus bezichtigt.

Dokumentarist: Liebte Nabokov alias Humbert Humbert mehr als Schmetterlinge nicht kleine, zwölfjährige Mädchen? Und Hitchcock - war der Regisseur nicht besessen von gutaussehenden kühlen Blonden, Handschellen und Hanfstricken?

Autor: Und ist nicht das, was der Marquis de Sade zu Papier gebracht hat, Ergebnis der traurigen Tatsache, dass er einen Großteil seines Lebens im Gefängnis zubringen musste?

Ontologin: Flaubert gestattete sich die boshafte Bemerkung, dass das Publikum ein Gemälde nur dann mag, wenn es die Figuren darauf als Mitglieder der eigenen Familie identifizieren kann.

Autor: Nadine Gordimer unterscheidet feinsinnig zwischen Halbwahrheit und Halblüge.

Dokumentarist: Ausgedacht: ja. Dem Leben entnommen: ja.

Autor: Gewöhnlich wird die Fiktion auf die Realität ihres Schöpfers beschränkt - es geht aber auch andersherum: Die Realität unzulässigerweise mit der Fiktion zu erweitern.

Ontologin: Anfang Januar 2019 gerät der österreichische Schriftsteller Robert Menasse in die Schlagzeilen. In dem Roman "Die Hauptstadt", für den er 2017 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde, verschiebt der Autor die Grenzen zwischen Fiktion und Faktum.

Dokumentarist: In dem Roman ruft Walter Hallstein 1958 in seiner Antrittsrede als EWG-Präsident die Abschaffung der Nation zur europäischen Vision aus.

Autor: Eine legitime Idee, schließlich handelt es sich bei der "Hauptstadt" ja keineswegs um ein Sachbuch.

Ontologin: Nicht legitim allerdings ist es, die Fiktion in Reden und Essays als historische Tatsache auszugeben. Walter Hallstein hat es wirklich gegeben - aber was er gesagt haben soll, hat er nie gesagt. Menasse hat das aber jenseits seines Romans immer wieder behauptet.

Autor: Dennoch gilt: Fiktion ist nicht einfach eine Lüge - und der Fakt nicht gleichzusetzen mit Wahrheit.

Dokumentarist: 'Postfaktisch' wurde 2016 zum Wort des Jahres gewählt.

Autor: Das Verhältnis zwischen Wirklichkeit und Fantasie, Realität und Fiktion ist viel komplexer, als gemeinhin angenommen wird. Noch einmal Nadine Gordimer:

Dokumentarist: In einem Individuum ist einfach nicht genug da, man kann nicht genug erfassen, um daraus eine fiktionale Gestalt zu machen.

Ontologin: Eine entscheidende Bemerkung, die wir noch verschärfen, wenn wir behaupten: Das Sichtbare ist unvollständig, ist nicht reichhaltig genug, um wirklich zu sein. Um wirklich zu sein, bedarf das Sichtbare der - Fiktion!

Dokumentarist: Faktisch steckt in 'faktisch' das lateinische 'facere': tun, machen handeln. So wie im deutschen in 'tatsächlich' die Tat steckt, das Tun.

Ontologin: In beiden Wörtern liegt eine schöpferische Dimension. Was Fakt ist, ist es nur geworden, weil einiges getan wurde, um den Fakt zu einem solchen zu machen. Was als Fakt gilt, beruht auf einem Konzept. In jeder Schöpfung schießen das Wirkliche und das Erdachte zusammen.

Autor: Neulich kam ich an einer Plakatwand vorbei, auf der ein soziales Medium mit folgendem Satz für sich warb - einem angeblichen Zitat:

Dokumentarist: "Ich bin bei LinkedIn, um anderen dabei zu helfen, authentisch zu sein."

Ontologin: Das ganze Plakat unterstrich die Aussage mit einem visuellen Authentizitätsversprechen: das Foto schwarz-weiß, durch amateurhafte Unschärfen auf Dokumentarcharakter getrimmt.

Autor: 'Authentisch' - was ist heute nicht alles authentisch: die Küche eines isländischen Völkchens; die Übernachtung in einer kongolesischen Lehmhütte; das Fahrerlebnis in einem Sportwagen aus Zuffenhausen. 'Authentisch' - das ist das vermutlich meist missbrauchte Wort der Gegenwart.

Dokumentarist: Aber das ist es ja gerade! Der Begriff 'Authentizität' besitzt einen semantischen Schatten, der den Missbrauch zum Prinzip erhebt. Die Rede ist von den Fake News, den alternativen Fakten.

Ontologin: Einmal wird Glaubwürdigkeit garantiert - Authentizität -, das andere Mal wird diese bloß vorgetäuscht.

Autor: Was unbedacht bleibt, ist die Frage, in welchem Verhältnis Glaubwürdigkeit und Fakt zueinanderstehen - Glaubwürdigkeit und Tatsache.

Dokumentarist: Das Wirklichkeitsproblem ist eines der ältesten Probleme der Philosophie. Für Platon ist die Wirklichkeit nur ein Schatten, der in einer Höhle an die Wand geworfen wird - und gut 2.000 Jahre später fragt sich Descartes, ob es möglich sein kann, dass uns ein böswilliger Gott über die wahre Natur der Wirklichkeit täuscht.

Ontologin: Und heute?

Autor: Heute behauptet man, dass die Molekülstruktur einer Rose oder eines Grashalms Licht auf eine Weise reflektiert, die unser Auge als rot oder grün wahrnimmt. In Wahrheit aber gäbe es kein Rot und keine Farben. Sekundäre Qualitäten hätten mit ihrer materiellen Grundlage angeblich nichts gemeinsam.

Ontologin: Danach ist nicht der Traum wirklich, sondern nur das Gehirn. Der Traum ist eine Halluzination.

Autor: Und mit ihm womöglich die ganze Welt.

Dokumentarist: Es scheint nicht so einfach zu sein, dem, was wir wahrnehmen und was uns gegeben ist, den Status des Wirklichseins zu verleihen - jedenfalls nicht umstandslos.

Ontologin: Was ist überhaupt wirklich? Ist das Wirkliche vielleicht nur ein Traum - folglich unwirklich?

Autor: Der Traum von heute Nacht - den habe ich doch wirklich geträumt! Oder hat sich mein Gehirn den Traum nur eingebildet?

Ontologin: So wie die Farben und überhaupt alles, was uns umgibt.

Autor: Einbildungen, Imaginationen, Träume - in welchem Verhältnis stehen sie zur Wirklichkeit?

Dokumentarist: Auf der einen Seite wird die Wirklichkeit unterschätzt - ihr absolutistischer und überwältigender Charakter undurchschauter und undurchschaubarer Mächte in Anbetracht unseres hilflosen Bewusstseins.

Ontologin: Auf der anderen Seite wird Wirklichkeit überschätzt - jedenfalls, wenn wir unter Wirklichkeit das verstehen, was man heute darunter versteht.

Dokumentarist: Einst träumte Zhuangzi, dass er ein Schmetterling war, dabei wusste er nicht, dass er Zhuangzi war. Als er erwachte, fragte er sich, ob er es war, der von einem Schmetterling geträumt hatte, oder ob es der Schmetterling war, der geträumt hatte, er sei Zhuangzi.

Ontologin: Wirklich ist alles, was logisch und gegenständlich ist - widerspruchsfrei, materiell, messbar, wägbar, überprüfbar.

Autor: Das ist eine Tatsache.

Ontologin: Tatsachen sind allerdings nicht unbedingt deshalb, weil sie Tatsachen sind, auch glaubwürdig.

Autor: Ich erinnere mich, dass ich den Umstand, dass Feuer keinen Schatten erzeugt, anfangs bezweifelt habe. Und bis heute erscheint es mir als absolut unglaubwürdig, wenn behauptet wird, dass ein iPad, auf dem Apps installiert sind, mehr wiegt als eines, auf dem keine installiert sind.

Dokumentarist: Was jedoch den Tatsachen entspricht.

Ontologin: 'Entsprechen' - das bezieht sich auf Thomas von Aquin und seinen berühmten Satz:

Dokumentarist: "Veritas est adaequatio rei et intellectus "- "Wahrheit ist, wenn Sache und Urteil übereinstimmen."

Autor:... wenn sie sich entsprechen.

Ontologin: Und was ist mit der Fiktion? Die gehört doch ganz offensichtlich auch zur Wirklichkeit - zu dem, was es gibt. Fiktionen gibt es!

Autor: Fiktion und Realitätsanspruch zusammenzudenken, das gelingt uns nicht.

Dokumentarist: "Von den Dichtern erwarten wir Wahrheit"

Ontologin:... hat Hannah Arendt den Platonikern entgegengerufen, die bekanntlich Vorbehalte gegen die Dichter hegen.

Dokumentarist: In der "Politeia" schreibt Platon, dass im Idealstaat Dichter nicht zu dulden sind, da die Lektüre ihrer Werke für die Jugend verderblich sei.

Autor: Platon schenkt der Dichtung keinen Glauben.

Ontologin: Wenn wir einen Roman lesen, ein Bild betrachten oder einen Film, dann glauben wir an die imaginäre Realität, die hier jeweils inszeniert wird. Wenn wir ins Theater gehen, glauben wir an das, was wir auf der Bühne sehen - und sagen uns nicht fortwährend: Das ist alles bloß Theater!

Autor: Glaubwürdigkeit ist ein Werturteil - und dem Beweis in der Regel nicht zugänglich.

Ontologin: Beweis und Glaubwürdigkeit liegen auf verschiedenen ontologischen Ebenen.

Dokumentarist: Der Beweis bezieht sich auf eine autonome, selbstgenügsame, abstrakte Wirklichkeit. Der Beweis bezieht sich auf ein Konzept - Glaubwürdigkeit auf die sinnlichen Erscheinungen und deren Wahrheit.

Autor: Der Beweis beruht auf Logik - Glaubwürdigkeit auf dem Ethos einer Person, auf ihrer Integrität.

Ontologin: In dem Aufsatz "Die Funktion der Dichtung" aus dem Jahr 1970 bezieht sich der französische Dichter Yves Bonnefoy auf den Zusammenhang des Wortes mit den Dingen und sagt:

Dokumentarist: "Gewisse Wörter wie etwa Brot und Wein, Haus, oder gar Gewitter, Stein, werden sich von ihrer Rolle als Konzept lösen."

Autor: Das Problem ist, dass heute nur das für glaubwürdig erachtet wird, was einem bestimmten Verständnis von Faktum folgt. Nach diesem Verständnis kann nur das 'factum' sein, was gewusst werden kann.

Ontologin: Was nicht gewusst werden kann, sondern nur geahnt, erspürt, was sich gegen den Begriff wehrt und nur aus Gründen der Plausibilität erschlossen und innerlich angeeignet werden kann - das kann, weil subjektiv, kein Faktum sein.

Autor: Das Faktum hängt also mit einem ganz bestimmten Wissensbegriff zusammen. Dieser Wissensbegriff ist der wissenschaftliche. Was nicht der Form wissenschaftlichen Wissens entspricht, wird vom Wissen exkludiert. Wissenschaft lässt nur die eigene Form des Wissens als Wissen gelten. Wissen ist entweder objektiv und überprüfbar - oder es ist eben kein Wissen.

Ontologin: Mit der Verengung auf das Bewusstsein beerbt Wissenschaft die Scholastik, die die Tradition höher schätzte als die Empirie.

Autor: Denn die Erfahrung sagt uns, dass es mehr Formen des Wissens und Erkennens gibt als das, was in eine gängige Habilitationsschrift passt: etwa literarische, ästhetische und mantische Formen.

Dokumentarist: Der italienische Philosoph Giambattista Vico sagt: "Verum et factum convertuntur."

Autor: Das Wahre und das, was als Fakt gilt, sind austauschbar. Fakten zeigen die Wirklichkeit von außen - zeigen nur ihre sichtbare und anfassbare Seite - das, was messbar ist, wägbar, zählbar, überprüfbar. Aber Angefasstwerden ist nicht dasselbe wie: Berührtwerden.

Ontologin: Der Fake fälscht die Außenseite. Beide Begriffe - Fake und Fakt - stellen jedoch eines nicht in Frage: dass Wirklichkeit auf Tatsachen beruht.

Autor: Zugleich ist unstrittig, dass es neben Faktum und Fake noch etwas Drittes gibt: die Fiktion. Das 'factum' ist das Gemachte, der Fake das Vorgetäuschte, Gefälschte - und die Fiktion? Was ist sie?

Ontologin: Die Fiktion ist das Gestaltete.

Autor: 'Authentizität' ist zunächst einmal selbst eine Fiktion. Authentizität behauptet nämlich, dass nichts sonst im Spiel sei - nichts außer dem Echten, Eigentlichen, Unverfälschten.

Ontologin: Eine astreine, geradezu fremdenfeindliche Angelegenheit!

Dokumentarist: Wäre da nicht die Einschränkung, dass das Echte dialektisch an sein Gegenteil gekoppelt ist - an das Unechte. Das Eine ist ohne das Andere nicht zu haben - das Richtige nicht ohne das Falsche, der Fake nicht ohne das Faktum.

Autor: Bemerkenswert finde ich, dass in all diesem Dualismen die Kategorie der Vermittlung steckt - die Dynamik des Umschlagens und Übersetzens.

Dokumentarist: Der Fakt ist das Medium des Antifaktischen - das Authentische das Medium des Gefälschten.

Autor: Und die Fiktion hat Anteil am Faktischen.

Ontologin: Jeder Fake ist eine Form der Fiktion - aber nicht jede Fiktion ist ein Fake.

Autor: Auf sprachlicher Ebene ist die Form des Wissens nicht zu unterscheiden von der Form der Erfindung.

Ontologin: Es gibt einen Baum auf dieselbe Weise wie es Pegasus gibt, das geflügelte Pferd.

Dokumentarist: Was sich das Marketing zunutze macht. Hier spielt Authentizitätsfiktion eine immense Rolle ...

Autor:... wie auch in der Literatur, wo die legendären "Bekenntnisse" des Jean‑Jacques Rousseau mit den unvergesslichen Zeilen anheben:

Dokumentarist: "Ich plane ein Unternehmen, das kein Vorbild hat und dessen Ausführung auch niemals einen Nachahmer finden wird. Ich will vor meinesgleichen einen Menschen in aller Wahrheit der Natur zeigen, und dieser Mensch werde ich sein."

Ontologin: Ein klarer Fall von Authentizitätsfiktion.

Dokumentarist: Der Genfer Reformator Jean Calvin meinte schon vor einem halben Jahrtausend, dass Menschen, die über sich selbst sprechen und schreiben, die anderen und sich selbst betrügen.

Autor: Damit sind das Subjektive und die Fiktion als Betrug denunziert. Calvin setzt das Objektive - das, was für alle gilt, den Fakt - in größtmöglichen Gegensatz zum subjektiv Gestalteten.

Dokumentarist: Dabei hat schon Mitte des 18. Jahrhunderts der Königsberger Philosoph Johann Georg Hamann - der Magus im Norden, wie er genannt wurde - deutlich gemacht, dass im Allgemeinen gerade das nicht begriffen wird, was das Besondere am Besonderen ist.

Autor: Platon hat das Verhältnis zwischen dem Allgemeinen - der unwandelbaren ideellen Welt - und dem Konkreten ...

Dokumentarist:... das insofern besonders ist, weil alles, was es gibt, nur genau einmal gegeben ist ...

Ontologin:... nämlich auf je eigene, besondere Weise ...

Autor:... Platon hat dieses Verhältnis zwischen dem Allgemeinen und dem Konkreten mit zwei Begriffen charakterisiert: der Teilhabe - 'methexis' - und der Nachahmung - 'mimesis'.

Ontologin: Damit ist die Abhängigkeit gemeint, die das Verhältnis kennzeichnet. Das Konkrete ist immer ein Sonderfall des Allgemeinen. So ist Bestimmtheit abhängig vom Unbestimmten, von dem es umgeben ist wie das Wissen vom Meer des Unwissens.

Autor: Eine Sonderrolle kommt der Fiktion zu. Sie ahmt nicht die Wirklichkeit nach - sie treibt aus der Wirklichkeit eine neue hervor - und diese ist weder ideell, noch sinnlich, sie ist vielmehr ästhetisch.

Dokumentarist: Ästhetisch - das heißt: Sie kann wahrgenommen werden.

Ontologin: Wenn wir etwas wahrnehmen, zum Beispiel einen Stock - nehmen wir dann nur seine Außenseite wahr? Oder auch so etwas wie: seine Gefährlichkeit.

Autor: Gefährlichkeit ist nicht unbedingt sichtbar, in jedem Fall ist sie aber wahrnehmbar. Denken wir an die Gefährlichkeit einer Situation, die wir erspüren, obwohl sie ganz harmlos scheint und aussieht. Gefährlichkeit ist wahrnehmbar, obwohl sie fiktiv ist - nur eine Möglichkeit darstellt, allerdings eine, die sein kann.

Dokumentarist: Insofern fällt die Lehre vom Möglichen womöglich mit der Lehre vom Seienden zusammen.

Autor: Obwohl unsichtbar, lassen sich Modalitäten wahrnehmen: Etwas kann wirklich sein und gefährlich, von blauer Farbe und lieblich.

Dokumentarist: Wirklichkeit und Möglichkeit werden miteinander verknüpft. Und was nun das Fiktive anbelangt, sagt Aristoteles, dass das Unmögliche, das glaubwürdig ist, den Vorzug verdient vor dem Möglichen, das unglaubwürdig ist.

Ontologin: Die Fiktion tut so, als ob sie aus Fakten bestünde. Sie inszeniert Wirklichkeit. Sie täuscht sie vor - aber nicht, um über sie absichtlich zu täuschen. Im Gegenteil. Nehmen wir das Kunstwerk, weil es einen besonderen ontologischen Status besitzt. Ein Kunstwerk ist wirklich und zugleich fiktiv, materiell und zugleich immateriell. Ein Kunstwerk legt offen, dass es auf Fiktion beruht - und verdeutlicht gerade dadurch, dass die Wirklichkeit unseres Bewusstseins, Erlebens und Selbstseins ungegenständlich ist.

Autor: Das Kunstwerk schert sich nicht um die Dinge, um ihre Faktizität - es interessiert sich für die Wirkung der Dinge - dafür, wie die Welt auf mich einwirkt, in welcher Modalität sie das tut.

Ontologin: Das, was auf mich einwirkt, ist nicht gegenständlich, ist aber darum nicht irreal. In der Außenwelt hinterlässt die Wirkung, die etwas auf seine Umgebung ausübt, keine Spuren.

Autor: Was wir beobachten können, ist nur das, was die Materie tut - nicht das, was sie intrinsisch ist.

Ontologin: An der Materie muss jedoch mehr dran sein als das, was die Physik über sie aussagen kann.

Autor: Denn Spuren der Wirkung bleiben auf der Innenseite zurück. Auf der Innenseite der Wirklichkeit.

Ontologin: Obwohl wir immer dasselbe wiegen, fühlen wir uns manchmal schwer - und manchmal leicht.

Autor: Ein Gefühl dafür, was gerecht ist und was nicht, ist ein Gefühl, über das die meisten Menschen verfügen - und es ist zweifelsfrei ungegenständlich. Doch nichtsdestotrotz ist es als Gefühl real.

Ontologin: So verschafft das Kunstwerk dem Ausdruck, was in der Außenwelt keine Spuren hinterlässt - in der Welt der Faktizität. Die Kunst lässt faktisch werden, was in der Welt eigentlich keine Spuren hinterlässt.

Autor: Die Welt ist eindrücklich - und wir verleihen den Eindrücken Ausdruck.

Ontologin: Wir können sagen, dass jedes wirkliche Ereignis einen physischen und einen mentalen Pol besitzt. Der mentale Pol lässt sich freilich nicht beobachten - und taucht darum auf dem Schirm der positiven Wissenschaften erst gar nicht auf.

Dokumentarist: Interessant ist hier der Begriff 'fundamental' - 'fundus', lateinisch der Boden, und 'mens, mensis', lateinisch Geist, Bewusstsein. Der Begriff 'fundamental' sieht in der Bedeutung dasjenige, was für die jeweilige Realität grundlegend ist, was diese fundiert.

Autor: Bedeutend wird etwas durch die Modalität - durch die Art und Weise, wie es mir gegeben ist, wie es auf mich einwirkt.

Ontologin: So müssen die physikalischen Partikel und Felder durch irgendeinen Stoff realisiert und implementiert worden sein.

Autor: Ich behaupte: durch das Imaginäre.

Ontologin: Insoweit können wir jedenfalls sagen, dass die Materie nicht allein aus physikalischer Materie besteht.

Autor: Vielmehr besteht Materie aus Materie und Imagination.

Ontologin: Die Imagination macht aus den unzusammenhängenden, atomisierten Fakten ein Ganzes, eine Welt, ein Weltbild.

Autor: Einbildungskraft ist nicht ein einfaches Seelenvermögen, das ...

Dokumentarist:... wie bei Kant ...

Autor:... zwischen Wahrnehmung und Begriff gezwängt wird - vielmehr ist sie ein Seelenorgan, mithilfe dessen der Mensch eine Verbindung zwischen kognitiver und visionärer Welt zustande bringt, zwischen Fakt und Modalität.

Ontologin: Wie Nadine Gordimer es anfangs gesagt hat: Erinnerung und Einbildungskraft werden miteinander verschmolzen - das, was ich kenne, mit dem, was ich mir einbilde. Bezüge zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem sind so verknüpfbar. Das eine macht das andere sichtbar.

Autor: Einbildungskraft ist mehr als eine Form des Erkennens, zu der sie Fichte und Kant gemacht haben. Sie ist vielmehr eine Form der Wirklichkeit, weil Wirklichkeit selbst, im tiefsten Innern, aus Widersprüchen besteht.

Ontologin: Das zentrale Organ, um Wirklichkeit zu erkennen, ist demnach nicht der Verstand - es ist die Einbildungskraft. Kann der Verstand nur in Oppositionen denken, ist die Einbildungskraft das Vermögen, zwischen Gegensätzen zu vermitteln - sie ist ein Medium.

Autor: Und als Medium ist sie in die Ontogenese des Wirklichen tief verstrickt.

Dokumentarist: Im 19. Jahrhundert tauchte zum ersten Mal der beunruhigende und zutiefst skeptische Gedanke auf, dass dasjenige, was wir für wirklich halten und dem gerade die Wissenschaft sich anschickte, das Prestige des Positiven, Exakten zu verleihen, nur eine Lüge ist, die darüber hinwegtäuschen soll, dass das Gebäude des Fortschritts kein Gebäude, sondern ein riesiger Müllhaufen ist, der uns unsere eigene, kreatürliche, zwischen Traum, Imagination und Materialität angesiedelte Wirklichkeit verdeckt.

Autor: Der deutsche Philosoph Hans Vaihinger hat 1911 ein Grundlagenwerk zu Vorstellungen und Imaginationen mit dem Titel "Die Philosophie des Als Ob" publiziert, in welchem 800-Seiten-Opus er seinen Leitgedanken als Frage formuliert:

Dokumentarist: "Wie kommt es, dass wir mit bewusstfalschen Vorstellungen doch Richtiges erreichen?"

Ontologin: Nach Vaihinger macht das Denken Umwege. Fiktionen sind Kunstgriffe des Denkens, sind nur die Zwischenstationen auf dem Weg zur richtigen Erkenntnis. Mithilfe von Fiktionen denkt das Denken gewissermaßen zur Probe.

Dokumentarist: Vaihinger erweist sich mit diesem Gedanken als Kind seiner Zeit, die die Blütezeit des sogenannten Wiener Positivismus war. Nach ihm ist die Fiktion nur Hilfskonstruktion im Dienst exakter und positiver Wissenschaft - im Dienst des Verstandes.

Ontologin: Stimmte diese Annahme, wäre das Imaginäre in ein kraft- und zahnloses Gespenst ihrer selbst verwandelt - in das, was wir heute unter 'Edutainment' und 'Infotainment' kennen.

Autor: Die bittere Schwundstufe dessen, was Imagination wirklich zu leisten imstande ist. Imagination schafft Wirklichkeit, sie ist an ihrer Entstehung fundamental beteiligt. Imagination macht aus den Quantenfluktuationen und Atomen eine Welt.

Ontologin: Was dagegen die positive Wissenschaft anbetet, sind Datum, Faktum und Information. Die Außenseite der Wirklichkeit.

Autor: Und unfreiwillig ihr Gegenteil, die Fälschung. Die Fälschung wird von der Positivität aus sich hervorgetrieben. Fälschung ist nicht Fiktion - Fälschung ist Negativität.

Ontologin: Ohne Innenseite hat die Wirklichkeit allerdings keinen Bestand, sondern zerfällt in immer noch kleinere Teile.

Autor: Tatsächlich ist die Fiktion ein Phänomen eigenen Rechts. Sie ist nicht das Gegenteil des Realen und Positiven - so wenig, wie die Frau das Gegenteil des Mannes ist. Stattdessen ist die Fiktion Teil der Wirklichkeit, ist in diese eingelassen wie der Traum. Fiktion und Realität stehen in einem Dialog.

Ontologin: Innerhalb der Regeln des Erlaubten erlauben Traum und Fiktion zum Beispiel das Erleben des Unerlaubten.

Dokumentarist: Das Imaginäre ist die unerlässliche Bedingung für Freiheit. Weshalb autoritäre Regime immer die Fiktion und das Imaginäre zu kontrollieren versuchen.

Ontologin: Unter der Vorherrschaft eines bestimmten, an den Naturwissenschaften orientierten Wissenstypus ist in Vergessenheit geraten, dass Wirklichkeit nicht nur über eine Außen-, sondern eben auch über eine Innenseite verfügt.

Dokumentarist: Der Träumende sieht nicht, hört nicht, und ist doch im Inneren der Dinge.

Autor: "Das Innere ist ungegenständlich, ist fiktiv und imaginär." Rudolf Steiner.

Dokumentarist: Und das wird die Ausbildung der Metamorphosenlehre sein, das ist wirklicher Goetheanismus: das Aufsteigen von der bloßen illusorischen Kausalordnung zu der Auffassung der Natur durch Imagination. Indem man dasjenige, was man vor sich hat, als Bild erkennt von einem andern, erhebt man sich über die bloße Illusion.

Autor: Unter dem Einfluss eines verarmten, zunehmend um die Dimension des Imaginären gebrachten Wirklichkeitsverständnisses hat man ...

Ontologin:... wie die Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Lenk in ihrem Buch "Die unbewusste Gesellschaft" ausgeführt hat ...

Autor:... die ästhetische Wahrnehmung gespalten. In Form von Kunst ist sie gesellschaftlich anerkannt - in Form des Irrationalen, Nicht-Identischen und Subjektiven aber ist sie geächtet.

Dokumentarist: Was wir können und möchten, sagt Goethe, stellt sich unserer Einbildungskraft außer uns und in der Zukunft dar; wir fühlen eine Sehnsucht nach dem, was wir schon im Stillen besitzen. So verwandelt ein leidenschaftliches Vorausgreifen das wahrhaft Mögliche in ein erträumtes Wirkliches.

Ontologin: Die Lehre vom Möglichen, vom Fiktiven und Imaginären, die Lehre von   der Modalität - sie ist zentral für die Metaphysik.

Dokumentarist: Und die Metaphysik ist die Lehre von der Innenseite der Wirklichkeit.

Autor: Was aber liegt am weitesten innen? Es ist das Intime. Etwas Intimeres als die Fantasie des Menschen gibt es nicht.

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