Kommentare und Themen der Woche 10.10.2019

Literatur-NobelpreiseBedenkenswerte, aber auch bedenkliche EntscheidungVon Hubert Winkels

Beitrag hören Montage: Porträts von Olga Tokarczuk und Peter Handk (picture alliance / Barbara Gindl / APA / picturedesk / NurPhoto / Deutschlandradio)Die frischgebackene Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk auf dem Weg zu einer Lesung in Bielefeld (picture alliance / Barbara Gindl / APA / picturedesk / NurPhoto / Deutschlandradio)

Nach dem Jury-Skandal 2018 ging es bei der Doppelverleihung des diesjährigen Literaturnobelpreises auch um Versagen oder Rettung einer orientierenden Institution, kommentiert Dlf-Literaturredakteur Hubert Winkels. Die Kür von Peter Handke und Olga Tokarczuk nennt er "alles in allem in Ordnung".

Es war ein lange und mit Spannung erwarteter Moment. Die Verkündigung gleich zweier Nobelpreisträger für Literatur nach einem selbstverschuldeten Desaster der preisverleihenden Schwedischen Akademie, die zu ihrer weitgehenden Neuorganisation geführt hat.

Der Ruf einer der wenigen kanonbildenden Kulturmaschinen des Planeten war schwer angeschlagen, und deshalb hatte die enorme Aufmerksamkeit auf den Nobelpreis in diesem Jahr auch etwas mit moralischem Versagen und Rehabilitation, mit der möglichen Auflösung oder Errettung einer großrepräsentativen, global orientierenden Institution zu tun.

Nun, wie ist es gekommen, mit der Polin Olga Tokarczuk für das Nobeljahr 2018 und dem in Frankreich lebenden Österreicher Peter Handke für 2019?

Zeitlos Schönes und Schreckliches 

Unter dem genannten Gesichtspunkt hätte man kaum besser wählen können. Beide Autoren pflegen einen Begriff und eine Praxis von Literatur, die sie mit dem zeitlos Schönen und Schrecklichen und dem wahlweise Weltenthobenen oder auch dem Weltengrund Nachspürenden verbindet. Sie arbeiten gewissermaßen beide mit einem metaphysischen Odem.

Wenn die Schwedische Akademie also ihre eigene erhabene Nahezu-Überzeitlichkeit hätte spiegeln wollen in den Preisträgern, dann ist ihr das gelungen. In diesem Sinne hat sie eine bedenkenswerte, aber auch bedenkliche Entscheidung getroffen.

Zudem ist es ihr gelungen, zwei Nationen ins gute kulturelle Benehmen zu setzten, die es nicht leicht miteinander haben – und nie hatten. Sie ist mit ihrer Entscheidung im alten Europa geblieben, hat sich geschlechts- und generationenpolitisch korrekt verhalten und was der Beiläufigkeiten mehr sind.

"Es gibt so viele Handkes"

Entscheidend, möchte man meinen, bleibt allerdings die literarische Qualität. Sie ist bei Olga Tokarczuk kontinuierlich erkennbar.

Bei Handke liegt die Sache komplizierter. Es gibt so viele Handkes: den Sprachkritiker und Systemsprenger der 60er-Jahre, den Anti-68er und stolzen 'Bewohner des Elfenbeinturms' in den 70er-Jahren, den langsamen Heimkehrer, der über die Dörfer und in den Pilzen die Weltseele sucht, den zornigen Serbenverteidiger, der Kriegsverbrechen schönredet – im Wortsinne mit seiner Handke-typischen Poesie übertüncht, und schließlich den spätgeborenen Epiker, der in abgelegenen Weltgegenden große postmoderne Märchen aus den Resten von Mythen und Legenden entwickelt. Und dann ist da der Theaterschreiber und -macher, der Übersetzer und Literaturermöglicher Handke und und und…

Betrachtet man alles nur in allem, dann geht das schon gut in Ordnung mit dem Nobelpreis – und die Länder deutscher Sprache dürfen sich, nach Grass, Jelinek und Herta Müller, zum vierten Mal in 20 Jahren über die wacklig gewordene, und dennoch Weltklasseauszeichnung freuen.

Mehr zum Thema

Empfehlungen