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StartseiteKultur heute"Auf den Schultern von Riesen"15.04.2019

Literaturfestival "Eventi Letterari""Auf den Schultern von Riesen"

Das Literaturfestival auf dem Monte Verità widmet sich in diesem Jahr der Tradition: den symbolischen Riesen der Kulturgeschichte, auf deren Schultern jede Autorin und jeder Autor steht. Aktuelle Aspekte kamen trotzdem nicht zu kurz.

Von Katrin Hillgruber

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"Giganti - Riesen" der Kulturgeschichte standen 2019 im Mittelpunkt des Literaturfestivals auf dem Monte Verità (Eventi Letterari Monte Verità)
"Giganti - Riesen" der Kulturgeschichte standen 2019 im Mittelpunkt des Literaturfestivals auf dem Monte Verità (Eventi Letterari Monte Verità)
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"Es gibt keinen Giganten, der ewig hält" - Mit dieser Behauptung macht eine Konditorei in Ascona Appetit auf ihre besonders stattliche "Colomba", das traditionelle italienische Ostergebäck in Taubenform. Ein Foto des Riesenvogels aus Hefeteig findet sich im Programmheft der siebten Ausgabe des mehrsprachigen Literaturfestivals Eventi Letterari Monte Verità. Diesem ging es bis Sonntagabend in Ascona und im Nachbarort Locarno allerdings weniger um den Verzehr von gigantischem Ostergebäck als vielmehr um die Erklimmung von Geistesriesen. Nachdem der bisherige künstlerische Leiter Joachim Sartorius stets die Utopie im Titel führte, setzt der Mailänder Literaturwissenschaftler Paolo Di Stefano als sein Nachfolger nun neue Akzente:  

"Wir haben uns auf unsere Beziehung zu den Klassikern besonnen, zu den großen Meistern der Vergangenheit. Und diese Verbindung ließ sich mit dem mittelalterlichen Theologen und Philosophen Bernard de Chartres herstellen, der sagte: 'Wir sind wie Zwerge auf den Schultern von Riesen, dadurch können wir weiter als diese schauen.' Außerdem ergibt sich eine Verbindung zu einem wunderschönen Essay von Umberto Eco, der sich mit unserer Beziehung zu den Klassikern und mit der zwischen den Generationen beschäftigt."

"Das Leben in all seiner Intensität"

Zur Eröffnung sprach der israelische Schriftsteller David Grossman über seine Vorbilder. Außerdem genoss das Publikum eine Lesung mit Laura Morante, Nichte der großen Schriftstellerin Elsa Morante – und selbst Schauspielerin und literarische Debütantin. Laura Morante las aus der Erzählung "Die Vögel" von Bruno Schulz, dem 1942 ermordeten jüdisch-polnischen Schriftsteller.

So wurde das etwas papieren anmutende Motto des Festivals von den literarischen Gästen überzeugend, ja zuweilen mitreißend mit Leben gefüllt; etwa wenn David Grossman über seinen Fixstern Bruno Schulz sprach, auf den ihn der Anruf eines Lesers gebracht hatte:

"Das Leben in all seiner Intensität zu leben, in all seinen Facetten, in jedem Moment, auch in diesem, in dem es Millionen von Ereignissen und Nuancen gibt, die wir wahrnehmen oder ignorieren können, das ist das, was Bruno mir beigebracht hat. Ich nenne ihn Bruno, denn wir sind ja schon eine Zeit lang befreundet."

Die Wichtigkeit von Perspektivwechseln

Grossman appellierte leidenschaftlich an das Publikum, sich anderen Sichtweisen zu öffnen und als Mann die innere Frau oder als Frau den inneren Mann zu Wort kommen zu lassen - so wie er es in seinem 700-Seiten-Roman "Eine Frau flieht vor einer Nachricht" tat. Der Perspektivwechsel als Elixier:

"Wenn ich politische Essays oder politische Bücher schreibe, vergesse ich nie, dass ich, wenn ich fünfhundert Meter weiter südlich zur Welt gekommen wäre, Palästinenser sein könnte und die Wirklichkeit wohl ganz anders betrachten würde. Das bedeutet nicht, dass ich deshalb die palästinensischen Ansichten und Forderungen übernehme, keineswegs, aber dieser Perspektivwechsel bereichert meinen Kontakt mit der Wirklichkeit."

Der Zürcher Schriftsteller Adolf Muschg ist in diesem Jahr angereist, um unter anderem an den Komödiendichter Aristophanes zu erinnern. Doch der schwungvolle Homme de Lettres des Jahrgangs 1934 wäre nicht er selbst, wenn er nicht auch auf dem traditionell internationalen Monte Verità unverdrossen für Europa plädieren würde:

"Wir müssen die Balance kriegen zwischen einem absolut notwendigen Pragmatismus und einem – eigentlich angesichts der Weltlage unangebrachten – Enthusiasmus. Wie man das machen soll, weiß ich nicht. Ich gehöre einfach zu denen, die es immer noch versuchen."

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