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StartseiteKultur heuteDie Symbolwerte der Farbe Blau31.01.2016

Literaturfestival in KölnDie Symbolwerte der Farbe Blau

Das Kölner Literaturfestival "Poetica II" widmet sich in diesem Jahr einer besonderen Farbe: dem Blau. Viele Maler und Dichter inspirierte sie - eine Farbe, die Sehnsucht und Unendlichkeit widerspiegelt. Die Autoren des Festivals sind sich einig: die Farbe Blau ist in der Literatur aktuell wie nie.

Von Kersten Knipp

Am Himmel über der Ostsee vor der Insel Rügen bei Sassnitz sind dunkle Wolken zu sehen. (picture alliance / dpa / Stefan Sauer)
Das Blau des Himmels diente vielen Malern und Schriftstellern als Inspiration (picture alliance / dpa / Stefan Sauer)
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Blau: die Farbe der Sehnsucht? Vielleicht, jedenfalls heute. Blau ist der Himmel, blau ist das Meer, blau ist also auch, könnte man meinen, die Unendlichkeit. Wassily Kandinsky, Yves Klein, Franz Marc, René Magritte: Sie alle sahen es so. Also haben auch Farben Bedeutung – wenn auch subjektive. So kann man "Blue Notes", die Auftaktveranstaltung der "Poetica 2" des "Festivals für Weltliteratur", wohl zusammenfassen. Allerdings haben Farben auch ihre Konjunkturen. Die Römer etwa waren blaublind, erklärte der Kölner Germanist Günther Blamberger in seiner kleinen Tour de force durch eine der Lieblingsfarben der Moderne. Heute dagegen feiert man die Farbe.

"Richtig in Mode kam die Farbe Blau eigentlich in der Konjunktur mit dem Weltschmerz, mit der Melancholie. Also zum ersten Mal mit Werthers blauem Frack, der Mode wurde in ganz Europa. Und dann tatsächlich mit der "Blauen Blume" von Novalis als quasi der Signatur der Romantik für Sehnsucht, für Träume, für Hoffnungen jenseits der bestehenden Realität."

Der slowenische Lyriker Aleš Šteger hat diesen Gedanken in ein paar Zeilen gefasst: "Der Mensch ist unter dem blauen Himmel geboren. Und unter dem blauen Himmel vergeht er. Dazwischen hofft er auf ein bisschen Heimatland, das ihm unter den Sohlen wächst." Šteger hatte sie auf die Flüchtlinge gemünzt. Die Macher des Festivals haben sie zu dessen Motto erhoben. Blau: Das ist auch für Šteger eine Farbe, die auf die Unendlichkeit verweist - und neue Chancen, sich in ihr einzurichten.

"Im empfinde Heimat im eigentlichen Sinne wirklich als die Welt, in der wir leben und die eigentlich uns allen auch die Möglichkeit zu überleben geben sollte. Und mit "Welt" meine ich wirklich ein planetarisches Bewusstsein, nicht so sehr ein nationales."

Kulturelle Bedeutung der Farbe Blau

Blau, könnte man sagen, ist auch das Baskenland. Jedenfalls dann, wenn man es mit dem Meer vor seiner Küste, dem Atlantik, verbindet. Das Baskenland hat aber auch eine alte, in der Vergangenheit mit Gewalt durchfochtenen Identitätsobsession. Die ist vorüber, erklärt der baskische Schriftsteller Bernardo Atxaga. Darum sieht er seine Heimat vor allem als Versprechen auf die Zukunft.

"Ich lebe im Baskenland. Dort treffe ich inzwischen auf viele Zugewanderte. Ein gutes Fünftel der baskischen Bevölkerung rekrutiert sich inzwischen aus Zuwanderern. Ich freue mich über diese Vielfalt. Denn das Gegenteil davon wäre das, was Gustave Flaubert als "schwarze Provinz" bezeichnet hat. Und das ist die Alternative, vor der wir stehen: Entweder lebt man in der Welt. Oder in der schwarzen Provinz."

Kultur schlägt Brücken, das war auch während des Kölner Festivals "poetica 2" nicht anders. Probleme bei der Zuwanderung: Ja, die gibt es. Aber als Künstler, und vielleicht gerade als slowenischer Künstler, ist man zum Optimismus verpflichtet, meint Aleš Šteger.

"Als Slowene ist man zur Mehrsprachigkeit eigentlich verdammt. Und diese Verdammnis ist etwas Wunderbares. Dadurch fallen viele Vorurteile hinsichtlich einer fremden Sprache, die oft in größeren Kulturen präsent sind, weg. Und man übt eine Selbstverständlichkeit im Umgang mit dem Anderen. Ich gehe davon aus, das ist auch die einzige Möglichkeit, die uns in einem gemeinsamen Europa bleibt – uns allen."

Während der "Poetica" stieg die Universität, stiegen jedenfalls die Kulturwissenschaften auf die Bühne. Nicht auf die Stille der Bibliothek kam es an, sondern auf das Studium als Performance – vielleicht sogar: als Event? Mag sein. Aber auch der Performance kann man wissenschaftlich etwas abgewinnen, erklärt Günter Blamberger. Ja mehr noch: Sie ist der Stille des Studiums bisweilen überlegen.

Ich glaube ja, dass das Performative – man spricht ja auch oft von Inszenierungskultur, als wenn es etwas Oberflächliches wäre. Aber es ist einfach eine andere Aufführungsform von Wissen, die ja auch manchmal Aspekte des Wissens präsent macht, die man zum Beispiel in dem stillen Lesen niemals hätte.

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