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StartseiteKultur heuteWo die Natur Geschichten schreibt05.08.2019

Literaturfestival WortgartenWo die Natur Geschichten schreibt

Fernab der quirligen Hauptstadt führt das Wortgarten Festival Autorinnen, Musiker, zugereiste Leser und Alteingesessene im uckermärkischen Fürstenwerder zusammen. Die dünn besiedelte Region im Nordosten Deutschlands beflügelte die Schaffensprozesse städtischer Literaten.

Von Cornelius Wüllenkemper

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Ein einzelner Baum auf einem Hügel vor dem bewölkten Nachmittagshimmel unweit des Dorfes Groß Sperrenwalde in der Uckermark / Brandenburg (picture alliance / ZB)
"Öde nicht ganz ohne Zauber" – auf den Spuren Fontanes inspiriert die uckermärkische Landschaft städtische Autoren. (picture alliance / ZB)
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Literaturfestival Wortgarten in der Uckermark Vom Umland schreiben

Zum Auftakt tauchte das Live-Hörspiel "Sommersumme" atmosphärisch in den Festival-Ort ein. Hörspielmacher F.S. Blumm und die uckermärkische Lyrikerin Ines Baumgartl präsentierten ihre Collage aus Geräuschen, Geschichten und Gesprächsfetzen aus Fürstenwerder. Im Dorf lebten zu Zeiten des Mauerfalls 1200 Einwohner, heute sind es gerade einmal 600. Dennoch gibt es noch immer den Bäcker, die Landfleischerei, das Heimatmuseum und sogar einen florierenden Buchladen. 150 Wochenendgrundstücke zeugen davon, dass, wie Fontane einst über den Landstrich sagte, die "Öde nicht ganz ohne Zauber ist."

Verlockendes Brandenburg

"Es war einfach verlockend, öfter nach Brandenburg zu fahren, und während dieser Ausflüge habe ich gemerkt, dass das doch viel Potential und Material für ein eigenes Buch geben könnte. Und es hat mich schlichtweg auch gereizt, weil es eben das Gegenteil von Berlin ist. Es ist Provinz, es ist Land, Landschaft, Natur. Also das komplette Gegenteil von dem, was ich kenne und in dem ich aufgewachsen bin."

So der Autor und Lyrik-Herausgeber Björn Kuhligk. Während der Wandellesungen - an der Badestelle, im Sportstadium oder an der Straßenecke -trug er aus seinen "Neuen Wanderungen durch die Mark-Brandenburg" vor. Gemeinsam mit dem Co-Autor Tom Schulz berichtet Kuhligk darin über die Erlebnisse zweier Berliner auf den Spuren Theodor Fontanes. Aus der Landkneipe unweit der Kulturstiftung Schloss Wiepersdorf:

"Fünf Tische, über zwei hängen Blumentöpfe von der Decke, aus denen Efeu rankt. Als das Bier kommt, kommt auch Martina, eine der schreibenden Stipendiatinnen des Schlosses, die gerade an ihrem neuen Roman arbeitet. Mit fünfzehn Seiten sei sie angereist, nun sein es schon sechzig. Und heute? Ein Satz! "Besser als nichts", sagt sie lächelnd, "es geht voran".

Nur ein paar Schritte weiter vorbei an der gut sortierten Buchhandlung liest in einem Garten die Regisseurin und Autorin Lola Randl aus ihrem aktuellen Roman "Der große Garten". Die gebürtige Münchnerin arbeitete in Berlin, bevor sie vor zehn Jahren im uckermärkischen Gerswalde einen alten Hof kaufte. In Randls Roman erfährt man über die neuen smarten Kreativmenschen, die scharenweise das Dorf bevölkern. Wird hier das Traumbild der Naturidylle nicht längst ad absurdum geführt?

Städtischer Traum von der Naturidylle

"Es ist auch absurd, wie groß es geworden ist und welche Aufmerksamkeit es bekommen hat, weil man auch gar nicht genau weiß, warum eigentlich? Momentan denke ich mir aber wieder, wie interessant und was für eine Chance und was auch für ein großes Interesse von vielen Menschen an diesen ganzen neuen Lebens- und Arbeitsformen da ist und dass man eigentlich damit noch etwas anstellen muss. Und tatsächlich ist es ja hochinteressant, ob wir jetzt in den nächsten 20, 30, 40 Jahren wieder mehr auf dem Land wohnen und dass unsere Arbeit sich komplett verändern wird. Also dass wir vielleicht nur noch vier Stunden arbeiten und dann in den Garten gehen."

Die Autorin Kena Hüsers lebte 15 Jahre lang in Berlin-Neukölln und organisiert heute die "Woche der Sprache und des Lesens" im uckermärkischen Angermünde. Beim Wortgartenfestival trug sie aus ihrem Brandenburg-Krimi vor. In dessen Mittelpunkt steht eine ehemalige Marketing-Managerin, die nun als ökologische Haushaltshilfe arbeitet. Was hat es auf sich mit dem Traum des Städters von der Naturidylle? Und wie reagieren die Alteingesessenen?

"Man braucht erstmal eine Gemeinschaft. Mit den Nachbarn mal ein Grillfest machen, in einen Verein eintreten und zuhören, was die Leute dort erzählen. Man geht mit ganz hohen Erwartungen rein in die Sache und ist nachher bei 50 Prozent. Und wenn man da ist, dann ist man echt gut."

Das Wortgarten Festival führte Stimmen und Stimmungen zusammen und vereinte fernab der quirligen Hauptstadt Autorinnen, Musiker, zugereiste Leser und  alteingesessenen Besucher. Während auf Gut Bülowsiege Clemens Meyer, Marcel Beyer oder Monika Rinck aus ihren Texten lasen, lief nebenan ein Konzertprogramm zwischen japanischer Kammermusik und Deutschpop. Die Geschichten, die die Autorinnen und Autoren mit Blick auf unberührte Naturräume vortrugen, führte vor allem die kontemplative Stärke literarischer Weltbetrachtung vor Augen.

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