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StartseiteKultur heute"Patrick Modiano ist sich und seiner Langsamkeit treu geblieben"09.10.2014

Literaturnobelpreisträger "Patrick Modiano ist sich und seiner Langsamkeit treu geblieben"

Als einen langen Spaziergang durch Paris bezeichnet Michael Krüger, langjähriger Hanser-Verleger und Entdecker Patrick Modianos für Deutschland, das Werk des diesjährigen Literaturnobelpreisträgers. Als Verleger sei er froh, an Modiano festgehalten zu haben. Er sei ein würdiger Nachfolger von Nobelpreisträger Claude Simon.

Michael Krüger im Gespräch mit Karin Fischer

(picture alliance / Markus C. Hurek)
Der Verleger, Dichter, Schriftsteller und Übersetzer Michael Krüger hatte sich beim Carl Hanser Verlag immer für Patrick Modiano eingesetzt: "Wir müssen darauf setzen, dass sich diese literarische Stimme durchsetzt." (picture alliance / Markus C. Hurek)
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Karin Fischer: Der Literaturnobelpreis für den französischen Schriftsteller Patrick Modiano ist gut und schön und wahr, so wird allgemein geurteilt, auch wenn die Buchmacher ihn nicht ganz vorne auf ihrer Liste hatten. Besonders freute man sich in Frankfurt auf der Buchmesse bei Gallimard, dem Verlag Patrick Modianos. Anne-Solange Noble, die Leiterin der Abteilung Auslandsrechte:

"Er war bei den Buchmachern auf fünf gesetzt, so hoch wie nie. Einerseits dachte ich mir, Wow, Nummer fünf. Andererseits habe ich mir gesagt, wenn man an fünf steht, hat man noch vier vor sich. Ich habe damit nicht gerechnet."

Aber natürlich hält sie den Preis für gerechtfertigt:

"Er schreibt kurze Romane mit einer absolut unglaublichen Atmosphäre. Sein Stil ist unverwechselbar und man ist sofort drin in seinen Büchern wegen der Stimmung, wegen der Figuren, von denen man nicht weiß, woher sie kommen, wohin sie gehen und was dazwischen eigentlich passiert ist. Trotzdem ist man komplett drin in der Geschichte."

Archäologe des Erinnerns - Ausgräber des Vergessenen

Anne-Solange Noble von Gallimard. - Der 1945 geborene Modiano wird als ein Archäologe des Erinnerns beschrieben, als Ausgräber des Vergessenen; den "Marcel Proust unserer Zeit" hat die Nobelpreisjury ihn genannt. Er hat nie über etwas anderes geschrieben als die Vergangenheit, den Verlust, die Zeit, oder eben die Erinnerung. Vor drei Tagen hat er in "France Info" auf die Frage, ob er nicht vielleicht immer am selben Buch schreibe, gesagt, es sei so ein bisschen wie mit einem Kinderlied, man benutze schon dieselben Wörter und der Reim bleibt auch gleich, aber in seinem Fall geschehe das natürlich unfreiwillig.

Patrick Modiano im Original, dessen großes Lebensthema die Suche nach Identität war. Denis Scheck, Literaturredakteur beim "Büchermarkt" des Deutschlandfunks, nennt als Beispiel "Place de l'Etoile" von 1968, auf Deutsch erst 2010 erschienen:

"Das beginnt ja schon mit einem ganz makabren Witz. Da geht ein deutscher Offizier auf die Straße und fragt einen Passanten, wo denn der Place de l'Etoile ist, und der sagt, 'hier links auf meiner Brust', weil er ist Jude und trägt natürlich den Judenstern, den er tragen muss. Und im Grunde diese Szene, das ist schon der Grund, der Nucleus von all dem, was in den späteren Büchern von Patrick Modiano, der sehr vielfältig ist, der auch Drehbücher geschrieben hat, der auch Kinderbücher geschrieben hat, enthalten ist: die Suche nach dem Vater, die Suche nach der Herkunft. Er macht es aber nicht als Eins-zu-eins-Umsetzung von Zeitgeschichte."

Modiano: "Leben heißt, beharrlich einer Erinnerung nachzuspüren"

Als Motto für sein Leben und sein literarisches Schaffens hat Modiano ein Zitat von René Char gewählt: "Leben heißt, beharrlich einer Erinnerung nachzuspüren." Und selbst wenn er in 36 Sprachen übersetzt ist: In Deutschland muss man das Werk und seinen Autor erst noch entdecken.

Über den ganz eigenständigen Kosmos von Patrick Modiano habe ich vor der Sendung mit Michael Krüger gesprochen, dem langjährigen Hanser-Verleger und Entdecker Modianos für Deutschland, und ich habe ihn gefragt, was für ihn das Kennzeichnende am Schreiben Modianos sei.

Michael Krüger: Es ist der Versuch, nach den großen Erinnerungskünstlern wie Proust oder Claude Simon noch einmal die Frage nach der Erinnerung und der Zeit zu stellen, und zwar auf eine vollkommen einleuchtende, geradezu liebenswert einfache Weise. Das ganze Werk - und es sind ja alles zusammen sicher mehr als 50 Bücher - sind ja nichts anderes als ein langer, großer Spaziergang durch Paris, an bestimmten Häusern vorbei, in denen sich bestimmte Geschichten abgespielt haben, die im Leben dieses Menschen Modiano, des Erzählers, eine Rolle gespielt haben, das halb Jüdische, der eigentümliche Vater, zunächst ein Tunichtgut, aber mit der Zeit kriegt er ein immer deutlicheres Profil ...

Fischer: Auch der Tod seines Bruders hat ihn schwer belastet und spielt als Motiv eine Rolle.

"Modiano hat die Langsamkeit wiederentdeckt"

Krüger: Es ist ein tastendes Schreiben und nicht eines, das sagt, so, ich werde jetzt mal über die Zeit zwischen 1939 und 1945 schreiben und werde euch mal erzählen, wie es wirklich war. Genau das Gegenteil: Jemand tritt auf die Straße und weiß, über dieses Pflaster sind die und die Leute gegangen, und quasi geht er diesen Schritten hinterher und macht diese vorsichtigen Aufzeichnungen.

Ich glaube, das ist das Eigentümlichste und für mich auch das Faszinierendste an diesem Autor gewesen, dass er nie diesen pathetischen Zungenschlag, den viele Franzosen hatten, bis hin zu Le Becques, dass er nie den Provozierenden wie Beigbeder hatte, sondern er ist sich und seiner Langsamkeit treu geblieben. Wenn jemand die Langsamkeit wiederentdeckt hat, dann ist es Patrick Modiano.

Fischer: Man nennt ihn einen Spurensucher, einen Ausgräber. Sie haben das tastende Schreiben erwähnt. Vielleicht kann man ihn auch tatsächlich als einen Flaneur durch die verborgenen Gegenden unserer Erinnerung bezeichnen. Und Sie haben das ja auch durchaus auf die Sprache übertragen: dieser Stil von ihm, der eher knapp und wie skizziert zu sein scheint, aber eben auch sehr schön und sprachkünstlerisch. Wie würden Sie den beschreiben?

"Sein Stil ist das Ergebnis unendlicher Disziplin"

Krüger: Ja. Wie alles Einfache - das wissen wir auch seit Kafka und Kleist - ist das natürlich das Ergebnis einer unendlichen Disziplin, und er hat ja seinen Stil schon ziemlich früh gefunden und er hat sich auch nicht wesentlich verändert. Es ist dieses andeutende, nie der Sache wirklich auf den Pelz rückende. Mir fällt immer ein das berühmte Wort von Adorno: "Geh nicht zu nah an den Regenbogen, er könnte zerfallen."

Das heißt, Modiano beschreibt immer aus einer bestimmten Distanz das, was sich hinter den Mauern der Häuser, an denen er vorbeigeht, entscheidet, was da geschieht, welche Dramen. Wie im Fall der Dora Bruder sind es ja große Dramen, die sich da abgespielt haben. Alle hängen mit der deutsch-französischen Geschichte zusammen, mit der deutschen Besatzung von Paris.

Fischer: Das ist die Rekonstruktion des Lebens einer 1941 aus Paris verschwundenen Jüdin, die später auch in Auschwitz ermordet wurde.

Krüger: Ja.

Fischer: Dann lassen Sie uns etwas in diese Geschichten noch mal eintauchen. Sie haben Dora Bruder erwähnt. Zehn Jahre nach seinem Debüt, der ein Paukenschlag gewesen sein muss, "La place de l'ètoile", erschien "Die Gasse der dunklen Läden". Andere Titel wären "Hochzeitsreise", alles auf Deutsch natürlich erschienen. Was sind das für Geschichten?

"Modiano ist kein Plotschreiber"

Krüger: Na ja, im Grunde ist es immer dieselbe Geschichte. Es ist die Geschichte eines aus dem Nest gefallenen Vogels, der irgendwie eine vollkommen zerrüttete Familiengeschichte hinter sich hat und versucht, sich in dieser Welt und in dem Fall in dem Paris, in dem er lebt, zurechtzufinden. Die Plots der Geschichte sind nach meinem Dafürhalten meistens vollkommen uninteressant.

Das ist kein Plotschreiber. Die Bewegung, wie er Erinnerung an diese Mutter, an den Vater, an das Weggehen des Vaters, wie er das Schritt für Schritt und Wort für Wort zurückholt in sein Bewusstsein, in seine Gegenwart, das ist das Interessante an diesem Autor.

Fischer: Und wie beurteilen Sie, Michael Krüger, Modianos Stimme im Reigen der französischsprachigen Literatur? Ist er da als Archäologe der Vergangenheit ein Solitär, auch ein Solitär, oder repräsentiert er einen besonderen Blickwinkel?

Modianos Nobelpreis - ein Triumph für den Verleger

Krüger: Ich habe ihn immer verglichen - und da bleibe ich auch dabei -, er ist eigentlich der würdige Nachfolger von Claude Simon, der ja auch mal den Nobelpreis gekriegt hat. Der hat politische Romane geschrieben, die im Grunde nichts anderes waren als minutiöse Vergegenwärtigungen seiner eigenen Vergangenheit, seiner Verstrickung in den Krieg und so weiter und so fort. Das ist wirklich interessant, dass diese Autoren, die so europäisch sind, in Europa eigentlich am wenigsten bekannt sind.

Modiano ist von vielen Verlagen immer wieder abgelehnt worden, weil man kein Geschäft mit ihm machte, und ich habe dann, als ich angefangen habe, gesagt, wir müssen durchhalten, wir müssen darauf setzen, dass sich diese literarische Stimme durchsetzt.

Und dass nun jetzt, ein Jahr nach meinem Ausscheiden aus dem Verlag, ich diesen Triumph erleben darf, dass es richtig war, an dem festzuhalten und nicht zu sagen, soll's doch der vierte oder der fünfte versuchen, das freut mich natürlich wahnsinnig.

Fischer: Michael Krüger war das über den französischen Literaturnobelpreisträger Patrick Modiano. Dessen jüngstes Buch wird bei Hanser schneller als geplant erscheinen; "Gräser der Nacht", fürs kommende Frühjahr geplant, wird hoffentlich schon in den nächsten Tagen ausgeliefert, sagte Jo Lendle auf der Buchmesse.

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